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Gnadenlos grenzwertigAls «Borat» strapaziert der britisch-jüdische Komiker Sacha Baron Cohen Lachmuskeln,Geschmacklosigkeiten und Klischees – auch antisemitische
Er ist Tierquäler, Frauenfeind und Antisemit - als Fernsehjournalist Borat Sagdiyev und «sechstberühmtester Mann Kasachstans» gibt Sacha Baron Cohen, auch bekannt als Möchtegern-Gangsta-Rapper Ali G oder schwuler Modejournalist Bruno, den Zivilisationsschreck - ganz besonders in Amerika. Er stellt sich blöd und dabei saudumm an, eine bewährte Taktik seit dem braven Soldaten Schwejk. Borat jedoch ist das Trauma der Political Correctness. Zu erleben ist dies in Cohens neuestem Film «Borat: Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan». Weder Kasachstan noch Amerika kommen dabei gut weg, wenn sich Fernsehreporter Borat samt verfettetem Manager und Bären in einem ausrangierten Eiswagen auf Reportagereise durch die Staaten begibt. Der postsowjetische Mensch im Westen, ähnlich einem Alien auf der Erde, wurde weniger herb, dafür romantischer und mit Starbesetzung, schon in Filmen wie Steven Spielbergs «Terminal» thematisiert. Der in Cambridge gebildete Cohen allerdings, Sohn eines walisischen Vaters und einer israelischen Mutter mit iranischen Wurzeln, bedient in seiner Mockumentary jedes Klischee einer ehemaligen Sowjetrepublik als unzivilisiertes und heruntergekommenes Land. Echt ist bei seinen Auftritten einzig der Schnurrbart - Identität und Behauptungen sind gänzlich falsch. In seinem angeblichen Heimatdorf sieht man vor Karren gespannte Frauen, Borats Landsleute in Anlehnung an das Bullentreiben von Pamplona beim «Running of the Jew» oder beim Volkstanz «Beat the Gipsy». In Kasachstan so erklärt Borat, müssten Homosexuelle auch keine blauen Hüte mehr tragen, die Prostituierten seien die saubersten Zentralasiens und die Ehemündigkeit sei erst kürzlich auf das Alter von acht Jahren angehoben worden. Man sieht - der feine Humor ist Cohens alias Borats Sache nicht. Ist dieser erst einmal in den «USandA» angekommen, hält er den Aufzug für das Hotelzimmer, kann keine Rolltreppe benutzen und benetzt sich das Gesicht aus der Kloschüssel. Auf Reportagebesuchen bei Kongressmitgliedern und Parteiversammlungen, bei Kirchenmännern und Waffenfanatikern, in Esoterikzirkeln und Heiratsagenturen kennt Borat kein Halten und keine Gnade mehr. Er bewitzelt Farbige als «Chocolate faces» und Frauen als kleinhirnig, macht sich lustig über Behinderte. Unter dem Deckmantel der Reportage provoziert er seine verunsicherten Gegenüber mit weiteren Unkorrektheiten, nicht immer zu Recht, doch stets auf deren Kosten. Das ist zum Totlachen, das Publikum jault, auch weil Cohen vom Slapstick bis zu nackten Tatsachen keine Peinlichkeit scheut und jedes Risiko eingeht. «Kazakhstan is the greatest country in the world» intoniert Borat zur Melodie der amerikanischen Nationalhymne vor einer vollbesetzten Rodeoveranstaltung - der aufgebrachte Mob bricht beinahe von den Rängen.
Kein Mitleid für Dummheit! Während der Film zu einem Roadmovie auf der Suche nach Pamela Andersons Liebe wird, steigert Cohen, selbst Jude und zionistisch engagiert, als Borat jedes mittelalterliche antisemitische Stereotyp ins Extrem. Zur Übernachtung unwissentlich in einen jüdischen Haushalt geraten, sieht man Borat angstverzehrt die Nacht durchwachen und schließlich mit Geldscheinen nach Kakerlaken schmeißen. In die, so glaubt er, hätten sich seine übelwollenden Gastgeber verwandelt. Darf man das? «The Times» hält Borat für eine Geschmacksfrage, die Anti-defamation-League, jüdisch-amerikanische Diskriminations-Watch, hält ihn für «bedenklich». Es sei des Satirikers Job, nachdenklich zu machen, kommentiert dazu ein Blogger auf BBC. Cohen ist beim britischen Sender unter Vertrag. Der Komiker selbst erklärt: «Diese Sequenzen zeigen, wie Rassismus sich aus tumber Konformität genauso wie aus religiöser Borniertheit entwickelt.» Für seinen Kinofilm hat er einige Kurzfilme zusammenmontiert, die als Serie, auch in den USA, bereits 2004 ausgestrahlt und als «furchterregend komisch» applaudiert worden waren. Eine Heiratsvermittlerin, die bei der «Rassenfrage» nicht mit der Wimper zuckt, oder ein republikanischer Kongresskandidat, der «then the Jews will go to hell» konstatiert, oder ein Jagdfanatiker, der die «Endlösung» für sympathisch hält, sind tatsächlich furchterregend. Nicht immer fallen Cohen heikle Äußerungen in den Schoß. Er tut sein Bestes, um seine Gegenüber dazu zu bringen. Der typische «Wessi», so Kritiker auf «answers.com», wisse so gut wie nichts über Kasachstan. Verunsichert und ängstlich möchte er dem «Kasachen» nicht intolerant begegnen und ihn zurechtweisen. Daraus ziehe Borat die Lizenz zum Witzeln unterhalb der Gürtellinie. «Kein Mitleid für Dummheit!» meinen dagegen Kenner des Films. Dass es sich beim polnisch grüßenden und hebräisch sprechenden Borat um eine maßlos übertriebene Witzfigur handele, müsse jedem klar sein.
Kultig kasachisch Bleibt die Frage - warum hat sich Cohen auf Kasachstan eingeschossen? War er jemals dort? Wohl kaum. Wahrscheinlicher ist, dass er nie dorthin kommen wird. Der kasachische Staat ist nicht gut auf ihn zu sprechen. Yerlan Idrissov, kasachischer Botschafter in Großbritannien, machte gute Miene zu Borats naiv-bösem Spiel, in dem Kasachstan als ländlich rückständige Heimat misogyner Rassisten, Antisemiten und zurückgebliebener Vergewaltiger dargestellt wird. Alle wirklich Interessierten könnten das Land für sich selbst entdecken, hielt Idrissov verzagt dagegen. Für den Film zumindest hat Cohen kasachischen Boden nicht betreten. Sein Heimatdorf ist so wenig kasachisch wie seine Begrüßungs- und Abschiedsformel. Gedreht wurde in Rumänien, die eingeblendeten kyrillischen Buchstabenreihen sind purer Nonsens. Auch gezeigt wird Cohens Film in Kasachstan nicht. Ruslan Sultanov, Vertriebsmanager der größten kasachischen Kinokette Otau, hält den Film laut BBC für Lüge und beleidigenden Unsinn. Nachdem Cohen als Borat Ende 2005 die «MTV Awards» in Lissabon moderiert hatte, waren kasachische Offizielle so verärgert, dass sie gerichtliche Schritte gegen den Komiker erwogen. Die Vereinigung kasachischer IT-Unternehmen KazNIC, die Seiten mit kasachischem Länderkürzel verwaltet, schloss seine Website www.borat.kz. Auch die handverlesen -hippe MTV-Haute Volè war laut Herald Tribune eher schockiert als amüsiert. Als Borat ist Cohen jedoch extrem kritikresistent und treibt das Verwirrspiel seiner eigenen mit seinen fiktiven Figuren immer weiter. On Air, im Hintergrund die kasachische Flagge, verkündete er: "Auf die Äußerung Yerzhan Ashikbayevs, Pressesprecher des Auswärtigen Amtes, hin möchte ich feststellen, dass ich in keinerlei Verbindung zu Mr. Cohen stehe. Ich unterstütze daher die Entscheidung meiner Regierung, gegen diesen Juden gerichtlich vorzugehen." Es ist nicht bestätigt, ob der kasachische Präsident Nursultan Nazarbayev sich bei seinem kürzlichen Besuch in den USA tatsächlich bei George Bush über Cohen beschwerte. Freudig ob des Gerüchts verkündete dieser in Borats grauem Anzug vor der kasachischen Botschaft in Washington D.C., der Präsident befinde sich ohnehin auf Promotionstour für seinen neuen Film. Auf www.borat.tv trägt Cohens Charakter in hahnebüchendem Layout und Englisch weiterhin zur Bekanntheit der postsowjetischen Ölnation bei. Vor Borat verhielt sich diese indirekt proportional zu den geographischen Ausmaßen des Landes. Mit der cineastischen Bildungsreise könnte sich das ändern. Borat könnte erreichen, was das kasachische Tourismusministerium nicht vermochte - er macht Kasachstan zum Kult. Das brachte ihm sogar eine mächtige Fürsprecherin. Nach Dariga Nazarbayev, Tochter des amtierenden kasachischen Präsidenten, auch gehandelt als kommende Präsidentschaftsanwärterin, schade die gezeigte Humorlosigkeit ihrem Lande mehr als Cohens Satirefigur. Kürzlich erhielt Borat gar eine Einladung eines Topoffiziellen. Borat solle sich selbst überzeugen, dass dortige Frauen sehr wohl hinterm Autosteuer säßen. Dennoch machte die dortige Regierung 50 Millionen Dollar für eine filmische Gegendarstellung locker. Ein Stammesepos mit dem Titel «Nomade» soll das ramponierte Landes-image zurechtrücken. Inzwischen dürfte der vorgebliche Kasache Borat mit den zotigen Beschimpfungen seiner Nachbarn, der Usbeken, auch diese zu Genüge verärgert haben.
Ironie unzensiert Etwa zehn Beschwerden zu Borat untersuchte die unabhängige Rundfunkaufsicht Ofcom in Großbritannien bisher. Nach Ofcom - Sprecherin Kate Lee ist es jedoch schwierig eine Figur wie Borat zu zensieren, da sie sich lediglich Attitüden zunutze macht, um diese zu demaskieren. Ironie spricht auch die Anti-defamation League Cohen nicht ab. Cohen zeige, wie leicht es sei, Rassismus und Antisemitismus zu befeuern. Die Organisation fürchtet allerdings, dass der Ironieeffekt an vielen Zuschauern vorbeigeht, ähnlich auch die kasachische Regierung. Eigentlich geht es kaum um Kasachstan, sondern darum der angeblichen Zivilisation unter dem Vorwand der Unzivilisiertheit den Spiegel vorzuhalten. Seit etwa zehn Jahren entwickelt Cohen seine Borat-Figur. Zeitweise stammte der unsägliche Reporter aus Moldawien oder Albanien. Er erschien in Cohens «Da Ali' G Show», die der Komiker wiederum selbst als goldbeketteter und schwerberingter Rapper moderiert. Wie auf seinen Webseiten ersichtlich, beherrscht Borat inzwischen viele Sprachen genauso fehlerhaft wie skrupellos. Den Film dazu gibt es ab November auch in deutschen Kinos, zu 50 Prozent in schaurig englischem Kazakh-Slang. Bleibt zu hoffen, dass sein Humor richtig verstanden wird. |