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«Typische Reaktion auf deutschen Geruch»Israel diskutiert den Einstieg der deutschen «DuMont Schauberg»-Gruppe bei «Ha’aretz»
Als der deutsche Verleger DuMont Schauberg bekannt gab, 25 Prozent der israelischen «Ha'aretz»-Gruppe kaufen zu wollen, war das Beben am östlichen Mittelmeer groß. Als der Deal Anfang August realisiert wurde, war das Nachbeben nur klein, und heute, etwa drei Monate später, ist von vermeintlichen Erdrutschschäden nichts mehr zu spüren. Die Erdrutschgefahr löste die vermeintliche Nazi-Vergangenheit eines Mitgliedes der Verlegerfamilie aus. Kurt Neven DuMont, der Vater des heutigen Verlegers Alfred Neven DuMont, war nicht nur Parteimitglied der NSDAP, sondern wurde ob seiner Dienste auch noch von Joseph Goebbels 1944 ausgezeichnet. Es ging mit einem leichten Zittern los, als Gerüchte im israelischen Pressesumpf aufkamen und von einem großen Investor sprachen, der am profitablen Internetportal «Walla» und an der renommierten Wirtschaftsbeilage «The Marker» mitverdienen wolle. Beides, wohlgemerkt, im Teil- oder Vollbesitz der «Ha'aretz»-Gruppe. Die Internetseite «Ice», die über Entwicklungen in der hiesigen Medienlandschaft berichtet, griff das Thema Anfang August auf und berief sich auf Amos Schocken, den Besitzer der «Ha'aretz»-Gruppe. Er kündigte an, es werde derzeit mit einem deutschen Investor verhandelt. Aber genauere Angaben machte er nicht. Rund eine Woche später war der Name des Geldgebers bekannt: Die Unternehmensgruppe M. DuMont-Schauberg aus Köln. Das Erdbeben war in vollem Gange. Obwohl sie den kleinsten Marktanteil hat, ist die «Ha'aretz» das Organ, das die Geschichte des jüdischen Staates wie keine zweite noch existierende Zeitung begleitet hat. Ihre Anfänge sind auf das Jahr 1918 zurückzuführen, als die britische Mandatsmacht ein Wochenblatt in Jerusalem herausgab. 1922 übernahm das Blatt eine Gruppe von russischen Einwanderern - die ersten ausländischen Investoren? - und wurde 1937 von der Familie Schocken aufgekauft, die bis heute im Besitz des Blattes ist. Unter der Ägide dieser Familie avancierte das Blatt zu dem, was es heute ist: modern, parteilos und von hoher publizistischer Qualität. Auch hat sich bis heute die sozial-liberale Redaktionslinie gehalten. Schocken plant nun, mit Hilfe des Investors mehr in die Zeitung Haaretz selbst, aber auch in die zugehörigen Lokalblätter und in die Internetportale zu investieren. Fremdinvestoren sind in Israel nichts Ungewöhnliches, die ausländischen Direktinvestitionen belaufen sich derzeit auf 16 Milliarden Dollar. Und dass nicht-israelische Investoren in hiesige Medien investieren, ist auch nichts Außergewöhnliches. So 1990 geschehen, als Schocken mit dem verstorbenen britischen Zeitungstycoon Robert Maxwell gemeinsame Sache machte, um das aufkommende Monopol der «Yediot Achronot» zu bremsen. Nebenbei sei angemerkt, dass jeder, der sich aufmacht, die Eigentumsverhältnisse der drei großen israelischen Tageszeitung auseinander zu flechten, schnell merkt, dass dies nicht einfach ist. Hinzu kommen finanzielle Ränkespielchen, die bereits zwei Mal die Kartellbehörde auf den Plan gerufen haben. Scheinbar verbergen sich aber hinter der gewollten Gewinnmaximierung Schockens auch noch andere Motive, die ein langjähriges Mitglied der 300 Personen umfassenden Redaktion zu kennen meint: «Mit den 25 bis 30 Millionen Dollar wollten sich unsere neuen Inhaber ein neues, reines Gewissen kaufen. Nach all den Attacken, denen die in Deutschland ausgesetzt waren, war dies ein feiner Schachzug.» Der Journalist meint, dass das Management von DuMont Schauberg am jüdischen Neujahrsfest, das in der letzten Septemberwoche stattfand und in der Redaktion in der Regel mit einem kleinen Umtrunk und Glückwunschkarten seitens der Direktion gefeiert wird, nichts dergleichen tat und sich somit um die inhaltliche Arbeit der «Ha'aretz» nicht schert. «Das deutet auf eine hohe Unsensibilität hin, denen sind wir egal», meint der alt gediente Publizist. In Anbetracht des braunen Drecks am Stecken der Kölner Gruppe war der Aufschrei in den anderen beiden Tageszeitungen nicht gerade gering. Die Chefredakteure von «Ma'ariv» und «Yediot Achronot» schrieben Kolumnen für und gegen den Einzug der Deutschen in die israelische Presse, und bei einigen Lesern stößt das bundesdeutsche Vordringen auf israelisches Terrain ebenfalls auf Ablehnung. Menachem, ein 83-jähriger Pädagoge der alten Schule, liest die «Ha'aretz» nun seit über 50 Jahren regelmäßig: «Wenn meine Freunde mir sagen, sie würden in Deutschland oder in Österreich Urlaub machen, frage ich sie, warum ausgerechnet dort. Und nun kommt ein Deutscher ausgerechnet in mein Land und investiert in meine Zeitung.» Obwohl düpiert, wird er der «Ha'aretz» wohl treu bleiben, wie alle ihre Leser. Keren Tamam, Doktorandin für Publizistik an der Hebräischen Universität in Jerusalem, bringt die neue mediale Entwicklung auf den Punkt: «Es ist eine typisch emotionale Reaktion auf alles, was nach Deutschland riecht. Wäre der Investor kein Deutscher, die Meldung würde auf der letzten Seite der Tagespresse verschwinden. Das Wichtigste jedoch wird verkannt: Man darf nicht vergessen, dass ohne die Investition von DuMont Schauberg «Ha'aretz« ihre hohe Qualität vielleicht nicht hätte halten können.» |