Erasmus, 1996 vom Podest gestürzt  Foto:dpa

Gegen die gesamte «Judenbrut»

Der Humanismus und das Judentum – ein unbeachteter Aspekt der europäischen Geistesgeschichte

 

Dieses Gesindel wird erst Deutschland und dann den übrigen Erdkreis überschwemmen.» Diese und andere bisher unbeachtete und irritierende Zeilen lesen wir am Beginn der frühen Neuzeit in den Briefen keines Geringeren als des großen «Fürsten» der alten europäischen Humanisten, Erasmus von Rotterdam (1469-1536).

Die Zitate müssen allerdings in den Kontext der damaligen Zeit gestellt werden. Dramatische gesellschaftliche und ökonomische Veränderungen kündigten das Ende des Mittelalters an, wobei vor allem die Reformation Europa und Kirche in Aufruhr versetzte. Vor dem Hintergrund dieser Umwälzungen, die mit Sicherheit mit unseren heutigen globalen gesellschaftlichen Herausforderungen vergleichbar sind, suchte eine kleine Elite von ein paar Tausend Männern im intellektuellen Wettstreit mit anderen, noch weitgehend im mittelalterlichen Universitätswesen verankerten, Professoren nach Lösungsversuchen. Denn jahrhundertealte mittelalterliche Verkrustungen mussten gesprengt werden. Der Theologe Erasmus war führender Vertreter der zweiten großen Bewegung dieser Epoche der «katholischen Reformation vor der Reformation», dem Humanismus. Bei der Frage nun nach dessen Verhältnis zum Judentum, stoßen wir neben Erasmus auch auf das Lebenswerk des großen spanischen Humanisten Juan Luis Vives (1492-1540). Vives hat die Pädagogik, Philosophie, Philologie, empirische Psychologie bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und auch die Entwicklung heutiger Sozialarbeitswissenschaft beeinflusst.

Erst im 20. Jahrhundert hat man jedoch die jüdische Herkunft dieses Humanisten zur Kenntnis nehmen wollen. Die spanische Gelehrtenwelt sah sich zunächst mit den furchtbaren Auswirkungen der eigenen dunklen Geschichte auf ihre Juden konfrontiert. Aber viele Historiker reagierten zur Francozeit noch reflexartig mit heftiger antisemitischer Abwehr. Sie waren vom «reinen Katholizismus» des berühmten Landsmannes überzeugt und formulierten 1947: man «bedauere zutiefst, realisieren zu müssen, dass der größte Christ unter allen Humanisten mit solchen unreinen Vorfahren befleckt» sei. Aber man hatte über Inquisitionsprotokolle nachweisen können, dass Juan Luis ein Kind zwangsgetaufter jüdischer Eltern war, bis zum zehnten Lebensjahr eine «geheime» Synagoge besucht - und bis zu seinem 17. Lebensjahr im jüdischen Viertel Valencias gelebt hat. Die Gebeine der Mutter wurden noch 24 Jahre nach ihrem Ableben aus dem christlichen Friedhof wieder ausgegraben und posthum verbrannt. Den Vater zwang man noch zu Lebzeiten auf den Scheiterhaufen. Verwandte der Vives Familie standen wegen «Judaisierens» im Fadenkreuz der Inquisition. Der siebzehnjährige Juan Luis muss diese Gefahr realistisch eingeschätzt haben und emigrierte 1509 nach Brügge. Hier schloss er sich den Humanisten um Erasmus an, die sich häufig in Flandern trafen. Seine spanische Heimat konnte er nie wieder betreten, was ihn zeitlebens zu einem ärmlichen Emigrantendasein verurteilte. Er starb 48-jährig vereinsamt in Brügge. Das Schicksal dieses Voraufklärers, Pazifisten und Europäers ist eines von noch unaufgearbeiteten Beispielen für die Generationen zwangsgetaufter Juden und deren Kinder nach der Vertreibung aus Spanien 1492. Den bedrohlichen Lebensumständen zum Trotz, haben die nach wie vor aktuellen Schriften dieses vergessenen Humanisten einen heute wieder neu zu entdeckenden Beitrag für die Entwicklung der Geistes- und Sozialgeschichte im Schatten einer der furchtbarsten Epochen für die Juden Europas vor dem Nationalsozialismus - nämlich der Inquisition - hinterlassen.

Für den Humanisten Vives trifft das zu, was Amos Oz in seinem Buch «Eine Geschichte von Liebe und Finsternis» am Beispiel seiner vertriebenen Eltern geschildert hat: Die Juden Europas seien die einzigen Europäer in Europa gewesen. Man war entweder russischer, ungarischer oder polnischer Patriot. Aber die Juden Europas waren in Kunst und Kultur schon immer Europäer gewesen, wofür man sie nicht erst im 20. Jahrhundert. verfolgte. Sie sind - wie auch im Falle von Vives - seit der frühen Neuzeit immer wieder aus europäischen Ländern vertrieben worden. Ihren Beitrag und ihre Liebe zur Kultur Europas hat man ihnen nicht vergolten. Kinder europäischer Juden sind - so bilanziert Oz - bereits seit der Vertreibung aus Spanien im Schatten dieser seelischen Verletzungen aufgewachsen und haben sich davon nie erholen können. Und der spanische Historiker Americo Castro hatte z.B. in seinem Standardwerk «Spanien. Vision und Wirklichkeit» in einem Kapitel über «Die Literatur der Verzweiflung» auf die Bitterkeit der Juden aufmerksam gemacht, die zu einer Vielzahl von intellektuellen (Lebens-)Themen mit kompensatorischer gesellschaftlicher Funktion geführt hat. Auch in dieser Einschätzung lässt sich der Inquisitonsflüchtling Vives wiederfinden.

Zurück zu Erasmus von Rotterdam. Dieser schätzte ebenso wie sein großer englischer Kollege, der Humanist Thomas Morus, den jungen Gelehrten Vives zunächst außerordentlich. Wissenschaftliche Meinungsverschiedenheiten und die Auseinandersetzung um die Scheidungsangelegenheiten Heinrich VIII. führten später aber nur vordergründig zum Bruch der beiden. Vives als Spanier und Sohn aus einer Familie jüdischer «Conversos» war dem alternden Erasmus «verdächtig» geworden. Warum? Eine Antwort ist in dem gesellschaftlichen Klima der frühen Neuzeit erst wenige Jahrzehnte nach der Vertreibung der Juden aus Spanien zu suchen. Denn sogar bei Juan Luis Vives lassen sich irritierende Äußerungen gegenüber den Juden finden. So drängt sich der Eindruck auf, dass judenfeindliche Bemerkungen, wie eben auch bei Erasmus, zu einer Form freiwilliger geistiger «Pflichtübungen» damaliger Gelehrter und so auch der Humanisten, ganz gleicher welcher Herkunft oder Überzeugung, gehörten, um nicht in den Verdacht der Häresie zu geraten. Dieser Zeitgeist des Europa zum Beginn der Neuzeit erklärt auch die Absage auf eine Einladung, die 1517 durch spanische Humanisten an Erasmus erfolgt war. Spanien hatte sich bis 1492 noch an der Peripherie der abendländischen christlichen Welt befunden und man sprach in Nordeuropa vielen spanischen Katholiken die «rechte christliche» Gesinnung ab und verdächtigte sie, alte jüdische Glaubensinhalte nicht wirklich abgelegt zu haben. So war auch der hellsichtige Kritiker seiner Epoche Erasmus davon überzeugt, dass jene meist zwangsgetauften jüdischen «Conversos» in Spanien immer noch so zahlreich seien, dass man Christen dort eher suchen müsse. Erasmus glaubte sich vor der Gefährdung des wahren Christentums und seiner Verbreitung durch alles, was nicht auf dem «Neuen Testament» aufgebaute Philosophie war, «schützen» zu müssen. In diesem Sinne polemisierte er: «Ich würde es vorziehen, sogar das ganze Alte Testament zu vernichten als wegen der Judenbücher die Eintracht der Christenheit stören zu lassen, wenn nur das Neue Testament unversehrt erhalten bleibt.»

Es bleibt mehr als erstaunlich, dass sich die umfangreiche Forschung während der vergangenen vier Jahrhunderte in Deutschland bis heute noch nicht eingehender mit dem Verhältnis zwischen den führenden Humanisten und Judentum beschäftigt hat. Eine Ausnahme bildet im Zusammenhang mit Erasmus ein Vortrag über dessen «Stellung zu Juden und Judentum», den der 1933 aus Deutschland vertriebene jüdische Professor für Rechtsgeschichte Guido Kisch (1889-1985) im Jahr 1969 an der Baseler Universität gehalten hat (vgl. Zeitschrift Philosophie und Geschichte, Nr. 83/ 84, Tübingen 1969, S. 5-39). Kisch stützte sichvor allem auf die Briefe von Erasmus. Wir werden hier konfrontiert mit den eingangs aufgeführten und anderen Äußerungen, die eigentlich einer Persönlichkeit wie Erasmus unwürdig waren. Einige der Formulierungen stehen dabei auch in unmittelbarem Zusammenhang der damaligen Auseinandersetzung zwischen dem von seinem Glauben abgefallenen getauften Juden Johann Josef Pfefferkorn (1469-1524) und dem Tübinger Rechtsgelehrten, Humanisten, bedeutenden Hebraisten seiner Zeit und Kenner kabbalistischer Schriften Johann Reuchlin (1455-1522). Hierzu schrieb Erasmus: Der getaufte Jude Pfefferkorn « hätte doch nur völlig Jude bleiben sollen oder wie er an seiner Vorhaut beschnitten sei, auch an seiner Zunge und beiden Händen beschnitten werden sollen.» Aber Erasmus hatte nicht nur gegen den charakterlosen Apostaten Pfefferkorn als einzelnen gewettert, sondern gegen die ganze «Judenbrut», die er als Mittler des Satans und auch als Verbündete der aufständischen Bauern verketzerte. Dabei besaß Erasmus kaum Kenntnisse über das Judentum, das er als als Religion «unheiliger Werkheiligkeit» unter äußerlicher «Frömmigkeit», verurteilte. Für eine Apologetik des Christentums stand das Judentum auf dem «Prüfstand» christlicher Überlegenheit. Es waren also der Zeitgeist und die Unkenntnis des Judentums von Erasmus sowie auch seine Abneigung gegenüber Ideengebäuden, die seinem kühlen Rationalismus nicht entsprachen. Dies berücksichtigend lässt uns der Humanist Erasmus trotzdem mit seiner Einstellung gegenüber dem Judentum einigermaßen ratlos zurück. Erasmus war also ungeachtet seines Kampfes für Toleranz, Bildung und Frieden in Europa in seiner Einstellung zum Judentum lebenslang den theologischen Vorurteilen seiner Epoche verhaftet geblieben, die nicht zuletzt auch durch den Wittenberger Reformator begünstigt wurden.

Hierin sind dann auch die Gründe dafür zu suchen, warum Erasmus auch die Freundschaft zu Juan Luis Vives abgebrochen hatte. Erasmus hatte sich nicht nur aus sachlich - intellektuellen Gründen vor seinem spanischen Kollegen zurückgezogen, sondern auch weil dieser jüdischer Herkunft war und angesichts der inquisitorischen Stimmung im damaligen Europa «verdächtig» blieb. Denn wir finden bei Erasmus die verräterische Bemerkung, dass es sich bei Vives wohl um ein «zweiseitiges Wesen» handle und dieser zu den - für die reine christliche Lehre - «untauglichen» Getauften gehöre.

Bei der Suche nach der Beziehung zwischen Humanismus und Judentum sind noch viele Forschungslücken zu füllen. Hierbei müssen dann auch diese enttäuschenden Facetten einer der wichtigsten Geistesbewegungen Europas, die schließlich auch ein Fundament für die Entwicklung internationaler Menschenrechtsdeklarationen ist, zur Kenntnis genommen werden.

Susanne Zeller

 

Susanne Zeller ist Professorin für Theorien, Professionalisierungsgeschichte und Ethik der Sozialarbeitswissenschaft an der Fachhochschule Erfurt. In ihrem Buch «Juan Luis Vives (1492-1540) der Widerentdeckung eines Europäers und Humanisten jüdischer Herkunft im Schatten der spanischen Inquisition» (Lambertus Verlag, ISBN: 978-3-7841-1648-8) ist sie den Lebensstationen dieses Humanisten und einer seiner armenpflegetheoretischen Schriften aus einem umfangreichen Lebenswerk «De subventione pauperum» («Die Unterstützung der Armen» von 1526) nachgegangen.

«Jüdische Zeitung», November 2006