Buchcover

«Jesabel»

von Irène Némirovsky

 

Im Zuge der Wiederentdeckung der in Auschwitz ermordeten, heute ebenso wie zu Lebzeiten gefeierten französischen Autorin mit russisch-jüdischen Wurzeln, Irène Némirovsky (1903-1942), erscheint nun, nach dem überwältigenden Erfolg ihres unvollendet gebliebenen literarischen Testaments «Suite française» im vergangenen Jahr, ein weiterer früher Roman aus ihrer produktivsten und kommerziell erfolgreichsten Schaffensphase Mitte der 1930er Jahre. «Jesabel» ist die todtraurige, hochaktuelle Geschichte einer Frau, die der Idee von ewiger Jugend und Schönheit alles andere radikal unterordnet - auch das Glück und am Ende sogar das Leben ihrer eigenen Tochter. Gladys Eysenach ist eine lebenslustige und attraktive Frau aus wohlhabendem Hause, die sich seit frühester Jugend an ihrer Macht über Männer weidet und geradezu süchtig ist nach dem flüchtigen Moment der Eroberung und dem Gefühl, über alle Maßen geliebt zu werden. Mit zunehmendem Alter nehmen ihr Jugendwahn und die damit einhergehende Selbsttäuschung jedoch pathologische Züge an: es kommt zum Mord an einem zwanzigjährigen Studenten. Ausgehend von dieser Tat, die zu Beginn des Romans vor Gericht verhandelt wird, rollt die Autorin das rauschhafte, im Grunde aber zutiefst deprimierende Leben ihrer Protagonistin in knapper, gedanklich präziser, flüssig zu lesender Prosa auf und bezieht auch moralisch ganz klar Stellung, ohne sich dabei in klischeehafte Überzeichnungen zu flüchten. Irène Némirovsky bedient sich einerseits unverkennbar aus dem uralten, thematisch unveränderlichen Repertoire der Weltliteratur, schafft allerdings gleichzeitig eine frische, stilistisch auch in literaturwissenschaftlichen Details überzeugende Version des gewählten Stoffes, die sich aus heutiger Sicht geradezu prophetisch ausnimmt.

Florian Hunger

 

 

«Jesabel»
aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
Knaus, 221 Seiten,
18 Euro

 

«Jüdische Zeitung», November 2006