Dan Lahav                     Foto: M. Reininghaus

Liebes Lob, keine Kohle

– das ist das Problem des «Jüdischen Theaters» in Berlin. Vor kurzem wurde es wiedereröffnet. Im Problemkiez Neukölln – in einem ehemaligen Ballsaal der SA

 

Sein ganzes Leben hing er nichts anderem an als der brotlosen Kunst. Vielleicht liegt dies an den Operngesängen der Großmutter: «In diesem damaligen Hottentottenland Israel, wo sie ihre Auftritte und ihr Publikum so vermisste, hat sie mich jeden Abend mit einer Opernarie in den Schlaf gesungen. Sie zog mich groß, da meine Mutter einfach schuften musste. Andere bekamen Muttermilch, ich Arien. Dafür bin ich meiner Großmutter bis heute dankbar. Als ich sechs Jahre alt war, kannte ich Handlung und Musik von 60 Opern und beherrschte die Arien von mindestens 50.» Seit 1981 wirkt der in Israel geborene Dan Lahav in Deutschland, 2001 eröffnete er die erste und bisher einzige jüdische Bühne des Landes. BAMAH nannte es sich, auf Hebräisch die Bühne, heute BIMAH, die etwas größere Bühne, geführt hauptsächlich «mit Liebe und Patriotismus!»

Doch - was ist ein jüdisches Theater? Jüdisches Theater ist alles, was nicht protestantisch, katholisch, muslimisch sei - das sei natürlich ein jüdischer Witz, scherzt der Theatermann. Tatsächlich verfolgt er ein ernstes Ziel. Vor allem will er das Vergessen bekämpfen. Er will den Holocaust nicht der Vergangenheit überlassen. Und er will die Vorurteile - über jüdische Nasen, jüdische Krämerei und mehr - aus den Köpfen der Leute verschwinden lassen. Er will zeigen, wie Immigration die Gesellschaft verändert, hier und in Israel, will die heutige israelisch-jüdische Gesellschaft porträtieren, Judentum zum Anfassen bieten. Jüdisches Theater wird gebraucht, davon ist Dan Lahav überzeugt. Besonders in Zeiten wie diesen, in denen er Demokratie und Toleranz von faschistischen Kräften ausgenutzt sieht - in manchem Berliner Bezirk sitzt die NPD in der Bezirksverordnetenversammlung. Deswegen bringt er Werke der Nobelpreisträgerin für Literatur Nelly Sachs, des kritischen Essayisten Kurt Tucholsky oder der Israel-Sympathisantin Elke Lasker-Schüler immer wieder auf den Spielplan.

 

Kein Theater von, für, über Juden

Dennoch - «Ich mache kein Theater von Juden für Juden über Juden» Dan Lahav erinnert an des letzte jüdische Theater Berlins, das Kulturbund-Theater unweit des Alexanderplatzes. Mit dem Abtransport von Schauspielern und Publikum war es plötzlich ausgelöscht. «Nie wieder! Unser Theater muss offen sein, international, mit Schauspielern jeglicher Nation und Religion und ohne Angst auch kontroverse Stücke auf die Bühne zu bringen!» Wenn christliche Schauspieler sich in jüdische Thematik denken, findet Lahav dies genauso spannend, wie die erste Inszenierung von Joshua Sobolls «Getto» in Israel vor dreißig Jahren, bei der sich israelische Schauspieler mit Hakenkreuzen ausstaffiert in Naziköpfe denken mussten. «Unvorstellbar war das - aber spannendes Theater.» In Tel Aviv hatte Dan Lahav Schauspiel und Regie studiert, dann die Kunst der Stille beim berühmten Pantomimen Marcel Marceau. Das Tel Aviver Nationaltheater HABIMA engagierte ihn, so auch das Nationale Kindertheater THILON und weitere Theater Israels. Er spielte auf der Bühne des einzigen deutschsprachigen Theaters Israels, dem GESCHER. Deutsches Theater in Israel habe keine große Zukunft mehr, sagt er. Leider ein Theater auf verlorenem Posten, da diejenigen, die Deutsch sprächen, langsam ausstürben. Für die Generation seiner Mutter und Großeltern sei es eine Wohltat gewesen, im GESCHER gutes Theater in der einstigen Muttersprache zu sehen. «Ich bin allerdings sicher, dass man in Israel bald überhaupt kein Deutsch mehr sprechen wird. Auch Jiddisch ist kaum am Leben zu erhalten und wird bald der Vergangenheit angehören, wie das Ladino, ehemals die Sprache spanischer Sepharden. Noch vor zwanzig Jahren konnte man es bulgarische Einwanderer in Israel sprechen hören. Heute ist Ladino tot.»

Auf den Brettern, die seine eigene Welt bedeuten, bietet er klassisches jüdisches Theater genauso wie zeitgenössisches. Es gilt, alte Geschichten zu entstauben und moderne zu wagen, George Kreislers Antisemitismus-Stück «Heute Abend: Lola blau» oder Motti Lerners «Harte Liebe», die Geschichte eines ultra-orthodoxen Ehepaares, das zur Scheidung gezwungen wurde und sich nach zwanzig Jahren wieder begegnet. Tief religiöses und aufgeklärtes Judentum treffen in dem Zwei-Personen-Stück aufeinander, in dem Stück über Leidenschaft und Glauben, über Toleranz und Extremismus. Erfolgreich lädt er Interessierte zum Shabbat Shalom - einem Freitagabend in einer jüdischen Familie. Mehr Judentum zum Anfassen bietet «Der Osterhase erzählt die schönsten Pessach-Geschichten» oder «Der Weihnachtsmann erzählt die schönsten Chanukkageschichten.» Lahav sieht keine «Klezmerklimpergefahr» und keine Folklorefalle. «Folklore ist doch eine gute Sache, wenn Sie gut gemacht ist. Es gehört einfach dazu, wie auch der deutsche Schlager hierzulande zum Kulturleben gehört. »Klezmer und Klugheit präsentiert Lahav in «Wenn der Rebbe tanzt, tanzt auch die Rabbinerin», seit Jahren im Programm.

 

Gerne auch Rechtsradikale

Kommen sollen alle - Juden, Neugierige, ja sogar Rechtsradikale. «Ich vermisse gerade die, die ich am meisten ansprechen möchte. Ich hätte wirklich gerne mehr Rechtsradikale als Zuschauer! Das wäre eine Auseinandersetzung von Angesicht zu Angesicht!» Den Eintrittspreis von 22 Euro wird dennoch kaum jemand zahlen, der eigentlich gar nicht kommen will. Vertreter der Schichten, in denen Aufklärung Not tut, werden dieses Geld vielleicht gar nicht aufbringen können. Für privates Theater sei der Preis dennoch niedrig, meint der Theaterdirektor. Seit Eröffnung des ersten Theaters hat er sich nicht verändert. Schließlich zahlten Kulturliebhaber in Opern und Philharmonien nicht selten 100 Euro und mehr. Immerhin - der Kartenpreis ist bisher die einzige Finanzierungsquelle des Theaters. Es müssten gar nicht viele sein, pro Abend ein paar Hartz-IV-Empfänger, die ihren Rabatt in Anspruch nehmen - schon hätte der Direktor Schwierigkeiten seine Schauspieler zu bezahlen. Und die arbeiten ohnehin nicht wegen der Gage bei ihm: «Sie wissen, dass sie hier wenig verdienen!» Wen wünscht er sich auf seine Bühne? Viele, die freigiebig Sympathien bekannten und doch nie Zeit fanden. Iris Berben zum Beispiel vermisste Lahav seit Bestehen seines Theaters. Beim Ringen um die Töpfe der Kulturverantwortlichen gibt Dan Lahav mitunter den Don Quichote im Kampf gegen Windmühlen. Bisher habe es nichts gefruchtet, mit den zuständigen Verantwortlichen in der Kulturverwaltung zu sprechen. Seine Zuschauer seien zu alt, hörte er, sein Theater zu unspektakulär, dafür gäbe es kein Geld. Ein Konfliktstück mit echten Palästinensern, Israelis und Tonnen roter Theaterfarbe müsse her, ein knisterndes Stück eben, kombiniert vielleicht mit nackten Tatsachen - das wäre was. Lahav kann darüber nur den Kopf schütteln: «Dort hat man offensichtlich nicht verstanden, was jüdisches Theater überhaupt ist!» Der Berliner Kultursenator Thomas Flierl teilte brieflich mit, wie hoch Lahavs Arbeit für die Kulturszene, aber auch für Verständigung und Integration zu schätzen sei. Obschon eingeladen, hat man ihn beim Galaabend zu Eröffnung der neuen Räume nicht entdecken können. «Ich kriege keinen Pfennig Geld, es ist traurig!» bedauert Lahav. Mehr noch, er ärgert sich und findet dafür klare Worte: «Nichts als Ablehnung erfahren wir!» Insbesondere seitens der Jüdischen Gemeinde Berlins. Noch unter dem inzwischen verstorbenen Gemeindevorsitzenden Heinz Galinski hatte Dan Lahav drei Jahre die örtlichen Kulturtage geleitet. In diesem Jahr bot er sein Theater als preisgünstige Räumlichkeit für die zahlreichen Veranstaltungen an. Sein Angebot wurde nicht angenommen, genauso wenig sein Vorschlag, Veranstaltungen für die Schüler jüdischer Einrichtungen anzubieten. Ganz sicher ist der Theatermann kein einfacher Zeitgenosse. Die passionierte Hartnäckigkeit mit der er seit fünf Jahren sein kleines Theater am Leben hält, kann gehörig auf die Nerven gehen und Zeit kosten. Dennoch - auf frischen Wind in der Gemeinde hatte er gehofft, auf Unterstützung seines Theaters, das mit Lebhaftigkeit eine Lücke schließen sollte, zwischen jüdischen Museen und Mahnmalen.

 

Wo die SA einst tanzte

Über einen Hinterhof mit stattlichem Baum in der Mitte, gelangt man ins Theaterfoyer. Zuweilen zieht ein Flugzeug in der Einflugschneise zum Flughafen Tempelhof über die Baumkrone, ein vorübergehendes Rauschen in den Altbauräumen. Noch semiprofessionell wirkt die Einrichtung - nach großem Etat sieht es tatsächlich nicht aus. Die durchgesessenen Ledersofas der ehemaligen Tanzschule, eine blaue Bar aus Spanplatten. Und doch wurde das Jüdische Theater im Berliner Ausgehmagazin «zitty» als Geheimtipp gehandelt. Zu Recht. Durch nüchterne metallene Brandschutztüren gelangt man in die «Prachtsäle Neukölln» aus dem Jahre 1913. Hohe Decken, Dielenparkett in Fischgrät, goldenes Puttenrelief an den weißen Wänden. Die Räumlichkeit zieht sich durch das gesamte Erdgeschoss des Vorder- und Hinterhauses, geteilt in Bühnen, Zuschauerraum und Lounge. Alles noch etwas provisorisch in gebrauchten Retromöbeln der 50er. Etwas abgeschabte Patina zeigt auch die Bar, die sich anschließt, danach folgen der Raum für Garderobe, Werkstatt und Lager. Seit 1915 lernte man hier das Tanzbein zu schwingen. Anlässlich der Sommerolympiade 1936 reihten sich die Betten eines provisorischen Sportlerquartiers. Während des Dritten Reiches führten SA-Männer ihre Damen auf das Tanzparkett, amüsierten sich im SA-eigenen Sturmlokal. Dass die Säle heute ein jüdisches Theater beherbergen, hält Lahav für Genugtuung und Schicksal zugleich. Und den Winken des Schicksals ist er gefolgt! Hatte er sich nicht gleich beim ersten Besuch in die Räumlichkeiten verliebt und hatte er dann nicht das Straßenschild entdeckt? Jonasstraße stand darauf - Jonas Straße also, die Straße seiner Mutter, die kurz zuvor verstorben und vor wenigen Tagen beerdigt war. Und kreuzte nicht eine Ecke weiter die Siegfriedstraße? Siegfried - so hieß ein Onkel, der als Jude und Mitglied des Untergrundes in der Stadtmitte Brüssels erschossen worden war. So ein Schreck! Weitere Straßennamen hat der Ahnenbewusste nicht mehr angeschaut: «Wahrscheinlich ist die ganze Verwandtschaft in der Nachbarschaft versammelt!» Tatsächlich ist der geborene Israeli wegen der Verwandtschaft nach Deutschland gekommen, aus Neugierde. Wegen der Wurzeln, der Geschichten von Reichtum und Ruhm. Sein Großvater hatte ein Kaufhaus in Hamburg-Altona geführt, die Großmutter Opern in Lübeck gesungen. Lahavs Mutter hatte sich landesweit Ruhm erlaufen und nur aufgrund ihrer Popularität als Sportlerin eine Ausreisegenehmigung nach Palästina erhalten. Onkel und Tanten verließen Deutschland in Richtung Belgien, entkamen jedoch der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie nicht. Nachdem er in Israel geheiratet und zwei Kinder bekommen hatte, zog er vor 26 Jahren endgültig nach Deutschland. Berlin musste es sein, das war selbstverständlich. Die Berührungsängste zwischen Israel und Deutschland waren damals noch viel größer: «Es gab in Israel Leute, die sich weigerten in einen VW einzusteigen, und auch in Deutschland Unwissenheit auf breiter Front.» Dan Lahav machte dagegen Kunst. Dann kam die Wiedervereinigung und eine weitere Aufgabe: «Gegen Judentum hatten die Leute nichts, durch die DDR-Propagandasendung „Der schwarze Kanal" allerdings viel gegen Israel. Die fixe Idee nämlich, dass Israel ein Verbündeter Amerikas sei. Zur Verständigung musste israelische Kunst her.» Mit einer eigenen Künstleragentur trug er dazu bei, das Nationaltheater oder die Nationalphilharmonie zum Gastspiel in ein Deutschland nach dem Mauerfall zu holen oder Berühmtheiten auf Lesereise zu schicken, die Berben etwa. Israel habe so viele Facetten, verändere sich so schnell und jede Minute, amöbenhaft nehme es alles auf, was Immigranten so mitbrächten. Eine israelische Sängerin, die indischen Bollywoodpop mit russischer Sprache verbindet, das sei Israel, das sei auch jüdische Kultur, bloß leider wenig bekannt.

 

Kein Getto, dafür Sanssouci

Heute gilt es auch, ein Zeichen zu setzen für einen in Verruf geratenen Kiez. Der offene Brief der Leiterin der Rütli-Hauptschule oder Filme wie Detlev Bucks «Knallhart» zeichnen das Viertel als sozial entgleistes Getto mit hohem und gewaltbereitem Ausländeranteil. «Völlig zu Unrecht!» sagt der neue Neuköllner. Mit dem Körner-Park böte sich ein kleines Sanssouci in der Nähe, Kunstprojekte würden vom Quartiersmanagement mit Sozialprojekten verknüpft. Der Leerstand ringsum werde mit Jugend- und Kulturprojekten gefüllt. Auch das Jüdische Theater soll involviert sein. Die Stadtbezirksverwaltung hilft dem Start mit drei mietfreien Monaten. Richtig freuen kann sich Lahav über Schulklassen. Für «Harte Liebe», wahrlich keine leichte Theaterkost, verzeichnet er Reservierungen für bis zu 150 Schülern. Die Tucholskyabende sind in dieser Saison bereits beinahe ausgebucht. Seit dreieinhalb Jahren steht der Abend auf dem Programm. «Wahrscheinlich bereiten wir Tucholsky einfach sehr verständlich auf.» Einzig die Schüler jüdischer Einrichtungen vermisst der Direktor Dan Lahav. An der Sicherheit kann es nicht liegen. Alle zwanzig Minuten patrouilliert die Polizei auf der Straße. Gerührt hat ihn der Besuch 20 muslimischer Frauen aus Neuköln. «Ich bin nicht sicher, ob sie in ein deutsches Theater gegangen wären. Sie wollten gerade zu uns kommen. Viele erinnerten sich „Wissen Sie, bei mir zuhause war auch ein jüdischer Nachbar..."» So funktioniert Integration, Dan Lahav glaubt, durch Kultur verbinden zu können.

Dan Lahav träumt von einem Riesenprojekt zur Bücherverbrennung. Von langen Lesungen - ganze Wochenenden sollen gefüllt werden mit Texten der von den Nazis verbrannten Werke. Heinrich Heine, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann. Von Ausstellungen, Theateraufführungen und Buchmessen dazu, und von einer Eröffnung auf einem brennenden Bebelplatz, wo die in den Boden versenkte leere Bibliothek mit kahlen weißen Regalen an die Bücher-Barbarei der Nazis erinnert. Ein Shuttlebus soll das Publikum zum Theater bringen. Schon im Bus beginnt die erste Lesung. Verbrannte Werke nonstop. Die Formulare sind ausgefüllt, die Anträge gestellt. Wer, wenn nicht das Jüdische Theater sollte das ins Rollen bringen? Deswegen werde es gebraucht, sagt Lahav.

Und was braucht das Jüdische Theater zum Überleben? «Nach oben ist der Himmel offen. Dennoch nenne ich eine Zahl, die lächerlich klingt im Vergleich zu den Etats anderer Theater: 200.000 Euro würde uns völlig ausreichen, für Produktionen, Schauspieler, Miete, einfach alles.»

Nina Körner

«Jüdische Zeitung», November 2006