Rosch Haschana in Ägypten

In Ägypten lebt ein kleiner Rest reicher jüdischer Tradition weiter

 

Während des Abendgottesdienstes zum diesjährigen Rosch Haschana in der großartigen Eliahou Hanabi Synagoge, die nur einen kurzen Spaziergang vom nahe gelegenen Mittelmeer entfernt ist, sind alle Augen auf drei ausländische Besucher gerichtet, die leise in den vorderen Teil des Gebäudes treten. In der Frauenhälfte der Synagoge machen Gerüchte schnell die Runde: «Wir haben einen Minyan», flüstern ein paar elegant gekleidete ältere Damen aufgeregt.

Hier, in der Küstenstadt, die für ihr kosmopolitisches Flair bekannt ist, aber wo auch nur vier jüdische Männer und 27 jüdische Frauen verbleiben, ist die Perspektive, zehn Männer für den Neujahrsgottesdienst zu haben, immer ein Grund zum Feiern.

Die jüdische Bevölkerung verringere sich immer mehr, sagte Max Salame, der 90-jährige Präsident der jüdischen Gemeinde von Alexandria und pensionierter Zahnarzt, während des Neujahrsfestessens aus Bohnen, gebratenem Fisch und Granatäpfeln, in der Runde seiner Gemeindemitglieder. «Hier gibt's keine Juden mehr.»

Der in Kairo geborene Israeli, der sein Heimatland zufällig über die Feiertage besuchte, hat den Freitagabend-Gottesdienst geleitet, dem zehn ägyptische Juden, fünf französische Touristen, drei weitere Israelis und ein amerikanischer Student, der in Kairo lebt, beiwohnten. Ein anderer Israeli, der jedes Jahr die Reise nach Ägypten unternimmt, um die Gottesdienste hoher Feiertage an der Gemeinde zu leiten, musste wegen Krankheit absagen. Nach den Kriegen mit Israel von 1948, 1956 und 1973 wurden viele ägyptische Juden von der Regierung des Landes verwiesen oder sie sahen sich gezwungen, Ägypten wegen der sich ständig verschlechternden politischen Situation auf eigenes Betreiben hin zu verlassen. Heutzutage zählt die jüdische Gemeinde Ägyptens weniger als 100 Mitglieder, von denen einige nur sehr ungern über die politische Lage diskutieren. Ihre Namen und die Sprachen, die sie sprechen - Französisch, Griechisch und Ladino inbegriffen - spiegeln ihren reichhaltigen und vielfältigen Herkunftshintergrund wider, der diversen Wellen der Immigration in das Land entstammt.

In Alexandria ist die Eliahou Hanabi Synagoge, deren Errichtung man auf die Jahre 1836 bis 1850 schätzt, ein historischer Beweis der einst vitalen jüdischen Gemeinde Ägyptens, die noch 1950 16 Synagogen und 35.000 bis 40.000 Juden vorzeigen konnte. Jetzt sagen die Gemeindemitglieder, dass der jüngste ägyptische Jude der Stadt ein männlicher Single in seinen Dreißigern sei - die meisten hiesigen Juden seien älter als 65.

Lina Mattatia, 82, die drei Jahrzehnte lang für die Aufzeichnung der Geburten, Vermählungen und Todesfälle der Gemeinde verantwortlich war, kann sich an Zeiten erinnern, als die Synagoge, die einer Kathedrale gleicht. Gefüllt war mit aufstrebenden ägyptischen Juden - die Frauen ganz oben im zweiten Stock, und die Männer unten, im ersten. «Manchmal fanden Hochzeiten in der Synagoge statt» sagte die blauäugige, hellhäutige, sehr zierliche Mattatia in langsamen, genauen Englisch. «Dann traten sie heraus, die schönen Damen sehr schick, geschmückt mit Juwelen.» Trotz aller Hindernisse haben sich viele Juden in Ägypten einen Namen im Handel gemacht. Ben Gaon, der Vize-Präsident jüdischer Gemeinde in Alexandria, sagt, dass sein Vater einst als der Schneider von Ägyptens Regierungschef Abdel Nasser gearbeitet hätte. «Als sie die Juden 1956 und 1973 rausschmissen, ist er immer in guten Händen gewesen» sprach Gaon, 53, der einen dunklen Schnurrbart trägt und über seinem Büroschreibtisch ein Porträt von Murabak hängen hat. «Jeder mochte ihn. Sie wussten, dass er nichts mit Politik zu tun hatte.»

Mattatia, deren Eltern in Griechenland geboren wurden, sagte, dass sie in Ägypten geblieben sei, weil ihr 23 Jahre älterer Ehemann, ein jüdischer Zeitungsverkäufer, krank wurde. Dies machte das Verlassen des Landes schwierig. Aber ihr Herz sei ohnehin fest in der Küstenstadt verankert gewesen. «Ich liebe Alexandria. Ich wurde hier geboren und das ist mein Land» sagte Mattatia, die fünf Sprachen spricht, sich aber am besten im Französischen fühlt. «Und ich liebe die ägyptischen Menschen. Ich liebe sie.»

Die zwei Töchter von Victor Balassiano, 67, und seiner Frau Denise sind 2001 auf das Drängen eines jüdischen Professors der Northeastern University, der hier die Synagoge besuchte, nach Amerika gegangen. Heute sind beide Töchter, 27 und 25, Absolventinnen der Northeastern University und die älteste hat bereits die Green Card erhalten. Die Eheleute Balassiano haben auch einen 23-jährigen Sohn, der das Land vor seinen Schwestern verlassen hat und nun in Jerusalem lebt und arbeitet. «Es ist sehr schwer, in Ägypten Arbeit zu finden oder zu heiraten», sagte Victor Balassiano, der Buchhalter der Gemeinde in Alexandria. «Die Juden sind sehr wenige geworden. Hier gibt es für sie keine Zukunft.»

Auf der lauten Strasse in Kairos Downtown, vor der Shaar Hashamaim Synagoge, am ersten Tag von Rosch Haschana sind die bewaffneten Sicherheitsleute in der Überzahl zu den Synagogenbesuchern im Verhältnis drei zu zwei. Von den sechs Besuchern, die zum Beten am Samstag gekommen sind, sind nur zwei ägyptische Juden. Die größere Menge, die aus meist älteren ägyptischen Frauen, ausländischen Gästen und Mitgliedern des israelischen Diplomatencorps bestand, beging den Feiertag am vorherigen Abend mit einem koscheren Essen aus Israel.

Während des Gottesdienstes am Samstag, der von einem französischen Besucher geführt wurde, öffnete man den Toraschrein, und eine ältere ägyptische Frau um die 70 trat langsam hervor, um die Tora berühren zu können.

Ein Mann mit einem muslimischen Namen, der sagte, er würde für die Regierung arbeiten, um die Sicherheit der Synagoge zu gewährleisten, befragte diese Reporterin zu ihrem Text auf das Ausführlichste und wollte wissen, ob sie denke, dass man ägyptische Juden gut behandeln würde. «Wenn jemand sagt, dass es hier Probleme mit der Gemeinde gibt, sage es mir und ich werde alles lösen» sagte der Mann, der nicht genannt werden wollte.

Am Sonntagmorgen, dem zweiten Tag des jüdischen Neujahrs, sind sechs ägyptisch-jüdische Frauen in die Synagoge gekommen, um den Schofar zu hören. Eine von ihnen war Celine Curial, 75, die sagt, dass obwohl sie dafür kämpfe, den Besitz ihrer wohlhabenden Familie, der von Nassar in Beschlag genommen wurde - eine Politik, die alle reichen Familien berührte - zurückzuerhalten, sie Ägypten liebe und das Land nie verlassen werde. «Meine Schüler haben mich geliebt, sie sagten zu mir „Du bist unsere Mutter"» erzählte die ehemalige Lehrerin, die in dem Beruf 32 Jahre verbracht hat.

Wenn in Ägypten wenige Juden geblieben sind, so kann Albert Arie der letzte einer aussterbenden Gruppe sein: man sagt, er sei der letzte jüdische Kommunist, der im Land blieb. Der 76-jährige Arie war von 1953 bis 1961 im Gefängnis wegen seiner politischen Aktivitäten in der größten kommunistischen Partei des Landes. Arie wurde zu neun Jahren harter Arbeit im Turah-Gefängnis in Kairo verurteilt, aber er und andere kommunistische Gefangene haben sich geweigert, zu arbeiten. Nach neun Monaten im Gefängnis wurde Arie in ein Straflager in einer Oase hunderte von Kilometern südlich von Kairo gebracht. Als Aries Strafe abgelaufen war, führte man ihn zur Entlassung in das Büro des Innenministeriums in Kairo. Nachdem die Beamten versucht hatten ihn zu überzeugen, das Land zu verlassen, weil er ein Kommunist und «insbesondere» weil er ein Jude war, weigerte er sich. Als Konsequenz schickte man ihn ins Straflager für drei weitere Jahre zurück, aus dem er 1964 entlassen wurde.

Arie, der mit 15 Kommunist wurde und vor vier Jahrzehnten zum Islam konvertieren musste, um die Frau seiner Wahl heiraten zu können, sagte, dass er nichts Religiöses praktiziere, außer an muslimischen Feiertagen wie an Kulturereignissen teilzunehmen. Obwohl er offiziell zum Islam übergetreten ist, haben seine beiden Söhne wegen ihrer jüdischen Wurzeln immer wieder Probleme mit Beziehungen zu anderen Ägyptern. Aber warum, fragt sich Arie, wäre irgendjemand heutzutage an Juden in Ägypten überhaupt interessiert? «Es ist Archäologie oder Soziologie. Es ist, als ob man in Pharaostätten graben würde», sprach Arie aus dem Büro seines Obst- und Gemüseexporthandels. «Bei den Juden ist es dasselbe. Es ist die Vergangenheit.»

Brenda Gazzar

«Jüdische Zeitung», Oktober 2006