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Schirinowskis NeffeEin russischer Nationalist auf Familienbesuch in Israel
«Ich bin der Cousin von Vladimir Schirinowski. Mein Onkel ist sein Vater, den er nie kennen gelernt hat» meint Itzchak Edelstein aus Ramat-Hascharon. Doch wer glaubt, dass der Israeli sich seiner Verwandtschaft mit dem nationalistischen russischen Politiker schämt, hat sich getäuscht: «Ich mag Vladimir. Er ist sehr angenehm und ehrlich». Aus Edelstein, dessen Vater ein Schoa-Überlebender ist und Antisemitismus auf der eigenen Haut gespürt hat, sprudeln diese Sätze nicht einfach so heraus. Dem Ladenbesitzer mit grauem langem Schopf und angenehm ruhiger Art sieht man an, dass er es ehrlich meint. Dass Schirinowski sich seinerzeit positiv über Hitler geäußert hat, Yassir Arafat Asyl gewähren wollte und sich für den Ex-Diktator Saddam Hussein einsetzte, scheint dem Familienglück nicht im Wege zu stehen. Wäre die Geschichte nicht wahr, man könnte meinen, Ephraim Kishon hätte seine Feder im Spiel, wobei es in dieser Episode um mehr geht als scharfe Ironie. Einerseits handelt es sich um ein universelles Kriegsschicksal, andererseits ist es eine bezeichnende jüdische Erfahrung, die mit Nationalismus, Antisemitismus und viel russischer Polemik gespickt ist. Oder ist es eine unverkennbar russische Geschichte, die mit jüdischer Vertreibung, Trennung und Verdrängung gesalzen ist? Edelstein ist studierter Betriebswirt und wohnt zehn Autominuten von Tel Aviv in Ramat-Hascharon. Dort kennt man sich, aufgrund seines gut gehenden Geschäftes ist Edelstein hier kein Unbekannter. Leute grüßen ihn, machen Scherze wie eh und je und russische Einwanderer finden es sogar positiv, dass er den Vizevorsitzenden der Duma als seinen Cousin bezeichnen kann. «Alles fing damit an, dass ich Ende Juni ein Telefonat aus Moskau erhielt und gefragt wurde, ob ich ein Verwandter von Wolf Edelstein sei» erzählt Edelstein, nippt am Bier und zieht genüsslich an seinem Zigarillo. Es war ein Lubawitscher, der radebrechend Hebräisch gesprochen hat und Edelstein enigmatisch darauf hinwies, dass ein gewisser Vladimir seinen Vater suche und mit dem er verwandt sei. Um welchen Vladimir es sich genau handelte, darüber schwieg sich der Chassid allerdings aus. Anschließend wurde er per Mail gebeten, einige Bilder seines Onkels zu schicken, da man, wie in Russland üblich, sicher gehen wollte. Als Antwort erhielt er: «Ja, das ist unser Wolf». Nur wenige Tage vergingen und Edelstein wurde darauf hingewiesen, dass jener Vladimir nach Israel komme, um mit ihm zum Grab des Onkels zu fahren. Als er mit seiner Frau am Flughafen ankam, ein Schild in die Höhe hielt, auf dem «Vladimir-Isaakof» geschrieben stand, wusste er gar nicht, auf was er sich gefasst machen musste. Erst als seine Frau ihn auf eine Gruppe von Männern hinwies, die sich den israelischen Hochsommer in dunklen Anzügen antun wollte, war das Wiedersehen perfekt. Der russische Konsul war anwesend, Schirinowskis Sohn, ein Dolmetscher und ein Bodyguard. Über einen kräftigen Händedruck und kurzes Schulterklopfer kam es allerdings bei der Begegnung nicht hinaus. «Ich schlug vor, ihn zuerst zum Hotel zu begleiten. Aber er wollte unbedingt zum Grab seines Vaters», meint Edelstein. Zu diesem Zeitpunkt war es ein offenes Geheimnis, dass sich ein ranghoher russischer Politiker in Israel befand, was die Tageszeitung «Ha'aretz» auf den Plan rief und diese Schirinowski als auch Edelstein zum Friedhof begleitete. «Wir waren die ersten, die die Story gebracht haben» meint Yossi Melman, Journalist bei dem links-liberalen Blatt. Und weil wenige Tage darauf ein israelischer Soldat in den Gazastreifen entführt wurde und die israelischen Medien etwas anderes im Kopf hatten, auch die einzigen - trotz des pikanten Themas. Am Grab des Familienmitglieds angekommen, war Edelstein dann jedoch überrascht von der Reaktion seines «neuen Verwandten». Geradezu herzergreifend empfand er das Verhalten Schirinowskis und weist darauf hin, dass dieser sich an die jüdischen Bräuche hielt. «Er hatte einen Hut auf, kaufte Blumen und Gedächtniskerzen» erzählt der israelische Cousin. Von der Angespanntheit am Flughafen war nichts mehr zu spüren, beiden Männer kamen die Tränen. Der eine entdeckte das Grab seines Vaters, der andere bekam einen Verwandten. Die Edelstein-Schirinowski-Familiensaga nimmt 1906 ihren Anfang in Kostopol bei Lewow. Dort kommt Wolf Edelstein zur Welt, Sohn eines reichen jüdischen Kaufmannes, der ihn noch vor dem Krieg nach Grenoble schickt, damit er dort Agronomie und Ökonomie studieren kann. Als die Sowjetunion in Polen einmarschiert, wird Wolf in eine russische Arbeiterbrigade gezwungen. Der jüngere Bruder, der Vater von Itzchak, wird nach Kasachstan deportiert. Über Umwege und mit viel Geld gelingt es dem Jüngeren, den Älteren zu sich zu holen. Dort lernt er eine Witwe kennen: die Mutter von Vladimir Schirinowski. Am Ende des Krieges besteigen die Gebrüder Edelstein einen Zug nach Österreich. Nach Schirinowskis Aussage am Tag seiner Geburt. Das gesamte Wochenende in Israel sei von einer Herzlichkeit geprägt gewesen, wie man es einem knallharten Duma-Politiker nicht zugetraut hätte, erinnert sich Edelstein an den Besuch des Cousins. Während der gemeinsamen vier Tage wollte Schirinowski alles über den Onkel erzählt bekommen: Wo er gewohnt, was er gegessen, wie er sich gekleidet hat zum Beispiel, aber auch, was seine politischen Anschauungen und privaten Marotten waren. Der Israeli musste dem Russen sogar zeigen, an welcher Stelle in der Dizengoffstraße der Onkel von einem Bus erfasst wurde und tödlich verunglückte. «Bei mir Zuhause sind wir eines Abends durch mein Familienalbum gegangen» berichtet Edelstein in seinem ruhigen Ton, «und haben uns die vergilbten Fotos angeschaut. Als wir dann zu einem Bild kamen, von dem ich nicht wusste, wer darauf abgebildet ist, erkannte er dann seine Mutter wieder. Auf der Rückseite stand geschrieben, dass dieses Bild von seiner Mutter für Wolf gedacht sei. Ich kann zwar kein Russisch lesen, aber er hat es mir gesagt und wir beide fanden es sehr ergreifend.» Ist es Verdrängung oder spontane Demenz, wenn ein gebildeter jüdischer Israeli, der von den hiesigen Massenblättern nichts wissen will, ab und an Prosa verfasst und sich sonst zur Oberschicht zählt auf einmal in den Armen eines gefährlichen Polit-Brandstifters liegt? Die Antwort ist komplex, aber Edelstein hat zumindest für sich eine Antwort gefunden: «Wegen der Schoa hatte ich keine näheren Verwandten, da mein Onkel keine Kinder hatte. Ich bin in einer ganz schmalen Familie groß geworden. Und nun, nachdem ich erfahren habe, dass ich doch Familie habe, ist es mir so ziemlich egal, welche Meinungen mein neuer Cousin hat. Schließlich wiegt Verwandtschaft schwerer als politischen Anschauungen.» |