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Sich benehmen, ein Beispiel sein!

Deutliche Worte der Rabbiner in der Berliner Repräsentanz

 

Die erste Berliner Repräsentantenversammlung nach der «Sommerpause» begann mit Stimmen, die man lange in diesem Gremium vermissen musste: Worten der Rabbiner. Diesmal waren es Grußworte zu Rosch Haschana, die sich einer Schweigeminute für die Terroropfer in Israel anschlossen. «Rein und sauber kommt das Schofarblasen nicht aus unserem Mund, sondern aus unseren Herzen», begann Rabbiner Ehrenberg, der dazu aufforderte, nicht nur zu den Feiertagen aufeinander zu hören, Meinungen zu respektieren, auch wenn man sie nicht akzeptieren kann. Deutlich an die Repräsentanten gerichtet mahnte er «Alles beginnt mit Respekt!», und zugleich, dass nur richtig entscheiden könne, wer zuvor richtig zuhöre. Rabbiner Rozwaski ergänzte: «Du sollst Dich benehmen, wie ein Beispiel», man solle Gutes zeigen, dafür sei man verantwortlich, vor allem den Jungen gegenüber. Schließlich ging auch Rabbiner Teichtal auf die Bedeutung des Verständnisses als Fundament allen Handelns ein, als er erklärte: «Es ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint!»

Das Sich-Benehmen fällt im Berliner Gemeindeparlament nicht allen leicht, und nach den Sommermonaten schienen einige Berliner Gemeindevertreter derartig ausgeruht, dass sie die mahnenden Worte der Rabbiner flugs vergaßen. So verrannte sich ein Repräsentant in völlig überflüssigen und komplett peinlichen Belehrungen gegenüber Moshe Kantor, dem Präsidenten des Welt-Holocaust-Forums, der dem Parlament seine Idee zur Durchführung einer solchen hochkarätigen internationalen Begegnung im Jahre 2008 in Berlin vortrug. Die dienstjüngste unter den Parlamentariern, Lala Süsskind, rettete indes die Ehre der Gemeinde, als sie erklärte, «Berlin ist dafür die richtige Stadt: Hier hat es viele Juden, die diese Idee mittragen werden». Repräsentant Alexander Brenner, auch Vorsitzender des Kuratoriums unserer Zeitung, dankte Kantor und wünschte dem Vorhaben Erfolg.

Dass man dann jedoch dem sich verrennenden Gemeindevertreter, der sich selbst als «Querdenker für die Sache» zu verteidigen versuchte, ein Papier öffentlich unter die Nase hielt, das Studenten über seine Lehrtätigkeit zusammengeschrieben hatten, war ein ebenso unsinniger Schlag unter die Gürtellinie. Ein jeder, der je vor Auszubildenden gestanden hat, weiß um den tatsächlichen Wert solcher Äußerungen.

Noch mehr Papier kursierte im Tagungsraum, auch unter den Zuschauern. Einer Mitteilung des Rabbinats, dass koscheres Fleisch aus Belgien und England nach Sammelbestellungen an die Beter zum Einkaufspreis ohne Vermittlungsgebühr «weitergegeben» werde, standen massive Vorwürfe gegen Rabbiner Ehrenberg entgegen. Er schade damit den koscheren Geschäften in Berlin, da er nicht gewinnorientiert verkaufen müsse, statt sie zu unterstützen, wie das in anderen Gemeinden üblich sei. Mehr noch, seine Amtsführung wurde grundsätzlich und massiv kritisiert. Schließlich sei es niemandem entgangen, dass sich insbesondere in den letzten Monaten vermehrt Unruhe ausgebreitet habe, Ehrenberg sei «seit Jahren dafür mit verantwortlich». Diese Unruhe richte sich gegen Rabbiner Teichtal, Kantoren und Mitglieder der Synagoge, auch gegen das Toralesen in seiner Urlaubszeit würde er polemisieren. Schließlich sei die neue sephardische Synagoge ebenso von dieser Unruhe erfasst, deren Einrichtung Ehrenberg sogar habe verhindern wollen. Abschließend mahnte das Papier, «dieser Unruhe ein Ende zu setzen, bevor die Situation endgültig eskaliert».

Auch der seit Monaten im Raum schwebende Vorwurf, wer denn nun wann wen bei der Staatsanwaltschaft angezeigt haben soll, wurde sinnlos wieder aufgekocht. Statt die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen abzuwarten, ergingen sich die unterschiedlichen Meinungsmacher in dieser Frage in Beleidigungen und Beschimpfungen.

Sachfragen standen bei dieser letzten Repräsentantenversammlung im alten jüdischen Jahr wenige auf dem Programm. Gemeindevorsitzender Joffe erklärte in seinem Bericht des Vorsitzenden nochmals die Funktionsweise des neuen Servicepunktes, dessen Rohbau alle Teilnehmer des Abends im Foyer des Gemeindehauses zuvor durchschritten hatten. Mir scheint die Konstruktion nicht ganz zu Ende gedacht und am falschen Platz, ein wenig zu massiv, aber: Warten wir's ab, vielleicht heiligt ja der berühmte Zweck die nicht ganz angemessenen Mittel. Dass die Gemeinde ihr Haus nach dem Auszug der Verwaltung sowieso an einen Berliner Hotelier verkaufen wolle, flüsterte mir beim Betrachten des neuen Eingangsbereiches ein Journalistenkollege zu. Achselzuckend.

Der Nachtragshaushalt für die neue sephardische Synagoge, die Gemeindeältester Behar in Anlehnung an ein Schreiben der Zentralratspräsidentin nochmals als einzigartigen Mosaikstein im jüdischen Leben Deutschlands hervorhob, war einer der wenigen Punkte der Tagesordnung, der ohne viele Streitereien «durchging».

Immerhin mit dem Austauschen sachlicher Argumente und relativ ruhig, wenn auch ohne irgendein Ergebnis, verlief schließlich die Diskussion um die Erweiterung der Chabad-Schule. Deren Notwendigkeit hatte Rabbiner Teichtal zuvor begründet, als er erklärte, dass eine solche Schule wichtig für Berlin sei. Einig war man sich, hier den Offiziellen der Stadt gegenüber mit einer Stimme sprechen zu müssen, wenn auch die verschiedenen Möglichkeiten noch völlig undiskutiert seien. Soll es nun ein neues Gebäude, ein Erweiterungsbau des vorhandenen bezirkseigenen oder eine Integration in den Gebäudekomplex der Heinz-Galinski-Schule werden - das alles müsse noch besprochen und wohl durchdacht werden. Der zuständige Dezernent, Peter Sauerbaum, erklärte, dass eine Konkurrenzsituation jetzt schon gegeben sei, das könne auch ein Ansporn sein, zwei Schulen machten also Sinn. Dem widersprach Lala Süsskind, die daran erinnerte, dass die Zusammenarbeit beider Schulen «aus nicht sachlichen Gründen» vor Jahren beendet worden seien und plädierte daher für orthodoxe und liberale Klassen unter dem Dach der Galinski-Schule.

Sie war es auch, die zum Ende der Beratung den Bogen zur Schweigeminute am Anfang schlug, als sie dazu aufforderte, zahlreich an den Protestbekundungen gegen den Al Quds-Tag teilzunehmen, der in Berlin seit 1995 von Antisemiten, Antizionisten und Gegnern der friedliebenden Kräfte innerhalb der arabischen Welt veranstaltet wird.

Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», Oktober 2006