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Katholikin, Protestantin und Jüdin zur gleichen ZeitClara Goldschmidt: Deutsche Jüdin, französische Schriftstellerin und mehr als nur die «Gefährtin Malraux’»
Die familiären Bande und damit die Bindung zu Magdeburg werden, zumindest in ihrer Kindheit und Jugend, erhalten bleiben: Clara Goldschmidt ist in Magdeburg so oft es geht - später sogar mit ihrem Freund aus Paris, der ihr Mann werden soll. Sie wohnt im Haus ihrer Großeltern mütterlicherseits in der Königstraße. Bei der Großmutter Louise, geborene Itzigsohn, und dem Großvater Gustav Heynemann. Er ist Kartoffelgroßhändler, der nach seiner Tätigkeit zwölf Jahre erster Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Magdeburg ist. Sein soziales Engagement findet Ausdruck in der Gründung einer Gustav-Heynemann-Stiftung, die als Grundstock für ein Alters- und Waisenheim dient, das «Angehörige und Bedürftige jüdischen Glaubens in Magdeburg» aufnimmt und versorgt. Als Mäzen des Magdeburger Museums kauft er zahlreiche Grafikblätter großer Meister an. Obwohl Clara größtenteils in Frankreich aufwächst und ihre Muttersprache das Französische ist, sind die Wochen und Monate in Magdeburg, an der Elbe, in der Börde oder im Harz prägende, so tief verinnerlicht, dass sie diese Zeit später in ihren Memoiren festhält. Sie berichtet vom Heringsgeruch auf dem Wochenmarkt der Elbefischer, vom Magdeburger Hafen, von der Magdeburger Befestigungsanlage und von den zahlreichen, davon sechs zweitürmigen, Kirchen. Hier in Magdeburg war sie glücklicher als zu Hause: ihr wird hier mehr Aufmerksamkeit geschenkt, sie genießt mehr Freiheit als in der elterlichen Metropole Paris. Früh bereits erlebt sie Mieter des Großvaters, «die uns Juden nicht grüßten», auch offene Feindseligkeiten. In Paris ist es das Ausgeschlossensein bei Kinderspielen und Einladungen, aus denen «Ausladungen» werden. Familie Goldschmidt gilt in Paris letztlich als deutsch und fremd, in Magdeburg macht man einen Bogen um sie, weil sie Pariser Mode trägt. Aber auch das ist Magdeburg für sie: hier erfährt sie erstmals mit 14 Jahren von der Existenz des Zionismus und von der Ermordung der Juden bei Pogromen in Russland. Hier erfährt sie beim heimlichen Wälzen von vor ihr verborgenen Büchern, «dass das, was hier Sieg genannt wurde, bei uns Niederlage hieß».
Heirat und politischer Kampf 1918 stirbt ihre Großmutter, die «Schöne Louise», wie Clara sie nennt, ihre zärtliche Vertraute, die sie, wenn auch sehr rudimentär, so doch in die jüdischen Feiertage einführte, Märchen und Sagen von Elbe und Harz oder selbst erfundene Geschichten ohne Ende zu erzählen wusste. Sie vermittelte Clara sprudelnde Lebensfreude. 1923 stirbt ihr Großvater. Beide sind auf dem Magdeburger Israelitischen Friedhof begraben. Ihre Besuche in der Domstadt bleiben beibehalten, da auch Brüder der Mutter in Magdeburg leben. Sie fühlt sich seit längerer Zeit zu einem drei Jahre jüngeren Franzosen hingezogen, einem «Gefährten», «dem jungen Abenteurer», mit dem sie neue Horizonte zu entdecken glaubt. 1921 verlobt sie sich, im selben Jahr heiratet sie ihn in Paris, nennt diesen Akt später «eine rituelle Posse»: es ist André Malraux, ein eher scheuer, aber sie durch seine Gespräche fesselnder 19-jähriger Intellektueller, Abenteurer und revolutionär-engagierter Antikolonialist, permanent ohne Geld, dessen Familie ursprünglich aus Flandern stammt. Im selben Jahr beginnt er seinen Weg, ganz wesentlich von Clara als seinem wichtigsten Reibungspunkt angeregt, von ihrem Wissen profitierend und geformt, zu einer schillernden, immer umstrittenen Jahrhundertgestalt, einem der bedeutendsten französischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Seine erste Prosa «Lunes en papier» hat gerade große Beachtung in der französischen Literaturszene gefunden. Claras Interesse an deutscher Literatur und Philosophie, durch Studien vertieft, hatte sie in den Kreis junger aufstrebender Maler, Literaten, Verleger und Galeristen der Avantgarde geführt, unter ihnen Ywan Goll, Marc und Bella Chagall, Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Paul Nizan, Albert Camus, Henri Barbusse und André Gide. Sie ist Malrauxs Geliebte, Muse, Kampfgefährtin, Stichwortgeberin. Auch als sie erkennt, dass ihm eine «grundsätzliche Weiberfeindschaft» immanent ist, ihm, «in dessen Augen ich kein vollgültiges menschliches Wesen» war, ist sie fortan immer an seiner Seite. «Mein Wissen», so nennt sie ihr geheimes Programm, «stärkte mein Selbstbewusstsein». Sie führt ein aufreibendes Leben voll von exotischen Abenteuern und politischem Kampf: in Kambodscha folgt ihrer Reise, die sie wegen ständiger finanzieller Probleme André Malrauxs unternehmen, ein Prozess wegen illegaler Ausfuhr historischer Tempelfiguren der Khmer - die er nach Amerika weiterzuverkaufen gedenkt - und, noch viel schmerzhafter für Clara, der völlige Bruch mit ihrer Familie. Auch in Laos betreiben die beiden Laien archäologische Ausgrabungen, in China sind sie Teilnehmer der Revolution Chiang Kai-sheks, reisen nach Japan und Korea, Afghanistan und Iran, Deutschland (Berlin 1934) und in die Sowjetunion.
Emanzipation und «Komplizenschaft» Sie begünstigt seinen literarischen Aufbruch, der zu Beginn der 30er Jahre beginnt, seine entscheidende Rolle als Mitbegründer des französischen Existenzialismus (neben Michel, Sartre, Saint-Exupery, Camus und anderen), als er den zum Synonym der Existenzialisten werdenden Begriff des «Absurden» einbringt. Sie ist, auch als Mutter der gemeinsamen, 1933 in Paris geborenen, zum Schutz vor den Nazis katholisch getauften Tochter Florence - die später den Regisseur Alain Resnais heiraten sollte - eine emanzipiert lebende Frau. Das ist umso bewundernswerter, als sie oft mit sich hadert, ihr Selbstbewusstsein immer öfter über ihre Wissensleistung definiert, ständigen machohaften Attacken ihres «Gefährten» ausgesetzt ist, der nicht davor zurückschreckt, in Momenten des Streites ihr Judentum ironisch zu zitieren. Eine kaum nachvollziehbare, erstaunliche Energieleistung, dass sie es letztlich schafft, sich nicht zur «Nora» Ibsens, einer im Schatten lebenden, still angepasst hinter dem Mann stehenden Gespielin degradieren zu lassen. Sie vermittelt ihm, selbst immer aktiver als Journalistin und Schriftstellerin, ihre profunden Kenntnisse der deutschen Philosophie und Literatur, ist Beraterin, Planerin. Einmal bringt sie Malraux, als seine Fliegertätigkeit in Spanien zu gefährlich wird, auf Anraten von Freunden aus der Gefahr, indem sie eine Vortragsreise für ihn in die Vereinigten Staaten organisiert. In anderen lebensbedrohlichen Momenten ist Clara seine Komplizin, hält lebenswichtigen Kontakt, etwa bei Malraux' Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg 1936-1939, beim freiwilligen Militärdienst im Zweiten Weltkrieg, bei seiner Flucht aus der deutschen Gefangenschaft oder während seiner Teilnahme als «Corporal Berger» in der Résistance, an deren Ende er mit den Alliierten nach Deutschland einmarschiert. 1934 reist sie erstmals nach Palästina, 1940 geht sie, gemeinsam mit ihrer siebenjährigen Tochter, in den Untergrund. «Es gab nur die Wahl, aktiv oder passiv zu sterben», stellt sie später einmal nüchtern fest, «das hatte nichts mit Heldentum zu tun». Das aufreibende Leben fordert seinen Tribut: die Ehe geht in die Brüche. Es ist auch eine Art Befreiung. 1945 erscheint ihr «Portrait de Grisélidis», Claras Versuch einer Verarbeitung der Scheidung. Die Zweisamkeit war überhaupt nur möglich, weil «jeder frei ist von dem andern, und beide sind wir frei vor der Umwelt. Zwischen uns besteht keine Bindung...», so Clara rückblickend, jeder könne jederzeit in eine andere Richtung gehen oder zusammen bleiben.
Suchen und Finden der Wurzeln Schwer ist es für sie, zurückgekehrt ins Paris der Nachkriegszeit, journalistisch und literarisch Fuß zu fassen, um davon leben zu können. Was sie bereits vor zwanzig Jahren realistisch festgestellt hatte, gilt auch jetzt: «Die Befriedigung des Dranges zum Schreiben bringt mehr Opfer und Verzicht, als Freuden mit sich...». Aber ihr, die sich oft zurücknahm, jedoch parallel dazu an ihrem ganz originären journalistisch-literarischen Beitrag arbeitete, gelang immer mehr die Befriedigung ihres uralten Dranges: sie schreibt und veröffentlicht, zu erzählen gibt es genug. Während André Malraux von Charles de Gaulle 1945/46 zum ersten Informationsminister der Nachkriegszeit berufen wird, literarisch Mitbegründer des avantgardistischen «noveau roman» ist und später - von 1958 bis 1969 - noch einmal in de Gaulles «Fünfter Republik» gleicherweise anerkannter als auch umstrittener Kulturminister ist, betätigt sich Clara als anerkannte Kunstkritikerin und geschätzte Übersetzerin deutscher Literatur ins Französische (von den Romantikern, etwa Brentano, Hölderlin bis zur Gegenwart, etwa Freud, Ywan Goll oder die Lyrik Johannes R. Bechers). Sie nähert sich wieder ihren jüdischen Wurzeln an, reist nach Israel, sieht in der Kibbuzbewegung ein alternatives Modell einer neuen Gesellschaft. 1948 gibt sie in Deutschland mit «Die Firma gibt keinen Kredit» eine viel beachtete Novellensammlung heraus. Zwischen 1963 und 1979 erscheinen ihre Memoiren «Le bruit de nos pas», in denen auch die Erinnerungen an ihre Kindheit in Magdeburg ihren Platz haben. 1968 erscheint in Deutschland ihre Autobiografie «Wer den Ruf vernimmt». 1980 veröffentlicht sie die Biografie «Rahel, ma grande soeur, un salon litteraire à berlin, au temps du romantisme», ein Buch über den berühmten Berliner Literatur- und Wissenschaftssalon der Jüdin Rahel Varnhagen van Ense - Claras Alter Ego - die engagiert für Goethes Werk warb und bereits im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, als erste deutsche Stimme, dezidiert als Verfechterin der Juden- und Frauenemanzipation auftritt. Ein Filmprojekt des französischen Fernsehens, die Verfilmung ihres Lebens, schließt den Lebenskreis der Clara Malraux. Für das Projekt dreht das ZDF 1981 ihren Besuch in Magdeburg. Das großelterliche Haus steht nicht mehr, nur wenige Stätten ihrer Kindheit haben den Zweiten Weltkrieg und die stalinistische «Flurbereinigung» überstanden. Auf dem Israelitischen Friedhof am Fermersleber Weg sucht sie das Grab ihrer geliebten Großeltern auf, legt Blumen nieder. Es soll ihr letzter Besuch außerhalb Frankreichs sein. Sie stirbt, Malraux sechs Jahre überlebend, am 12. Dezember 1982 in Moulin d'Ande. Didier, Neffe von Clara, erzählt: «Ich habe mich immer gefragt, warum Clara, die Israel gut kannte, aber nichts vom Judentum verstand, einen Rabbiner bei ihrer Beerdigung forderte. Ich habe es als Erinnerung an ihren Vater und Großvater verstanden».
Zur Person Clara Goldschmidt entstammt einer assimilierten und säkularen deutsch-jüdischen Familie aus Magdeburg. Ihre Mutter stammte aus Magdeburg, ihr Vater kam aus Braunschweig. Clara wird am 22. Oktober 1898 in Paris, dem Wohnort der Eltern, geboren. Sie wächst als Mittleres von drei Kindern auf, besucht eine katholische Schule, die Gouvernante bringt ihr den calvinistischen Protestantismus nahe. «So war ich Katholikin, Protestantin und Jüdin, und zwar alles zur gleichen Zeit», sagt sie Jahrzehnte später. Ganze Monate ihrer Kindheit und Jugend verbringt Clara Goldschmidt bei ihren Großeltern in Magdeburg. 1921 heiratet sie in Paris André Malraux (1901-1976). Freund Jean-Paul Sartres und Albert Camus, Andrés Gides und Romain Rollands, nimmt Malraux seinen Weg als Abenteurer und Revolutionär zu einem der bekanntesten Schriftsteller Frankreichs. Mit und ganz wesentlich durch Clara, die sich als Journalistin, Schriftstellerin und Kunstkritikerin einen Namen macht, gehört er zu den Vaterfiguren des Existentialismus, kämpft im französischen Widerstand und wird nach dem Zweiten Weltkrieg Informations- und Kulturminister Charles de Gaulles.
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