Foto: Gottfried Wagner und Abrahm Peck

Janusköpfige Familiengeschichten

Gottfried Wagner und Abraham Peck suchen nach einer Wahrheit

 

Unterschiedlicher nach Herkunft und Sozialisation können die beiden Herausgeber ein und derselben Edition kaum sein: Abraham J. Peck, amerikanischer Historiker - Nachkomme jüdisch-polnischer Eltern, die im Ghetto Lodz geheiratet hatten, Bäcker der Vater, die Mutter Tochter eines der chassidischen Gemeinde angehörigen Schusters - der sich in der Auseinandersetzung mit dem Holocaust von der Frage leiten lässt, wie und warum sein Vater und seine Mutter die Höllen der Shoa durchlebt und überlebt haben; der andere, Gottfried Wagner, ist Urenkel jenes Tonkünstlers aus Bayreuth, der in beispielloser Radikalität allein im «Untergang» der Juden deren «Erlösung» sah und der für Hitler der größte Deutsche war, der je gelebt hat. Der Diktator aus Braunau verstand sich als politischer Vollstrecker Richard Wagners und war tief durch die antidemokratischen und antijüdischen Grundüberzeugungen des Komponisten, durch dessen Brille er die Welt sah, geprägt und verdankte bei seinem Aufstieg zu gesellschaftlicher Akzeptanz und politischer Macht den Wagner-Erben Wesentliches.

Man stelle sich vor: Ein in Portland/Maine lebender und lehrender Historiker, dessen Denken und Fühlen bestimmt sind von der traumatischen Erfahrung seiner Eltern in den nationalsozialistischen Arbeits- und Todeslagern, die auf ihn irreversibel eingewirkt haben und ein Kulturwissenschaftler und Theaterregisseur, dessen Familie mit «tiefbrauner Vergangenheit» (Ralph Giordano) auf das Intimste mit dem «Führer» verbandelt ist - von dem in der Villa Wahnfried nur als «Onkel Wolf» gesprochen wurde - dessen Großmutter Winifred sich bis zu ihrem Tod im Jahre 1980 in Komplizenschaft und nibelungischer Treue zu Hitler bekannte und der, im Widerspruch zu Vater Wolfgang und Onkel Wieland, die dunklen Seiten der Familiengeschichte der Wagners weder verschweigt und vertuscht, noch beschönigt. Gottfried, das schwarze Schaf der Sippe, rechnet schonungslos mit den Wagners ab: Was ihn, der mit seiner Familie gebrochen hat, bei seiner langen Auseinandersetzung mit dem «Dritten Reich» und der eigenen Familiengeschichte umtreibt, ist, wann und wie sich Spielarten von persönlichem Machtmissbrauch auf Grundlage des «arischen Selbsterhöhungswahns» von Richard Wagner und Hitler auf das Intrigenspiel seines Onkels Wieland und seines Vaters Wolfgang auszuwirken begannen. Und mit dieser nestbeschmutzenden Haltung tritt er in die Fußstapfen seiner Tante Friedelind, die sich bei Kriegsbeginn zur Nazi-Gegnerin gemausert und sich von den «blutsmäßigen Bindungen» des Wagner-Clans gelöst hatte, worauf sie der Bannstrahl der Familie traf. Mutter Winifred, um ihren Ruf bei Hitler besorgt, war nicht gerade zimperlich, als sie ihre in die Schweiz geflüchteten Tochter ultimativ aufforderte, ihre öffentliche Kampagnen gegen den «Führer» einzustellen und sofort in den Schoß der Familie zurückzukehren, andernfalls sie ihr prophezeite: «Wenn Du nicht zustimmst, wird man Dich mit Gewalt holen und Dich an einen sicheren Ort bringen und wenn Du nicht hören willst, wird der Befehl erteilt, dass Du bei erster Gelegenheit vertilgt und ausgerottet wirst». So war das bei den Wagners, damals im Jahre 1940.

Im Intrigenspiel um die Macht in der Wagner-Dynastie, das während des Krieges voll entbrannt und eine nationale Angelegenheit war, begann Winifred in ihrem sicheren Instinkt für die richtige Einschätzung der politischen Großwetterlage Vorsorge für die Zeit «danach» zu treffen. Das schloss auch das Taktieren im Umgang mit Verfolgten für den schlechtmöglichsten Fall, nämlich den Niedergang des «Dritten Reiches», mit ein. Mit dieser Haltung sah sie die Möglichkeit, später gegebenenfalls ihren eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Die Wagnerschen NS-Günstlinge verstanden es meisterhaft, sich auch im Chaos der letzten Kriegsmonate, als alles in Scherben zu fallen drohte, durchzulavieren, und bemüht, all das belastende Material bei Seite zu schaffen. Wenn man schon in einer rechtlosen Zeit lebte, dann wollte man doch seinen Vorteil dabei haben.

Während sich die Söhne Wieland und Wolfgang weiterhin um das materielle Erbe und die Reinheit der Kunst stritten und damit beschäftigt waren, ihre jeweilige Biographie zu korrigieren - vor allem Wieland, der seine vaterländische Pflicht im «Institut» ableistete, wie er euphemistisch seine Tätigkeit im KZ Flossenbürg umlog, - wurde vom Großdeutschen Rundfunk der heldenhafte Tod Hitlers gemeldet - umrahmt vom «Trauermarsch» aus der «Götterdämmerung». Winifreds Söhne Wieland und Wolfgang übernahmen daraufhin als Gralshüter des Wagnerschreins die Macht in Bayreuth in dem Bemühen, die Wagner-Geschichte «koscher» zu machen.

Während also im Führerbunker «Wolf»-Hitler bis zum letzten Atemzug an den «Endsieg» glaubte und angesichts der feindlichen Übermacht den Heldentod starb, indem er seinem Leben mit eigener Hand ein Ende setzte, wurde Schalom Wolf Peck oder auch Pik, der aus dem Schtetl Linshits in der Nähe von Lodz gebürtige Vater Abraham Pecks, ehemaliger Bäckergeselle, nach einer furchtbaren Odyssee durch zahlreiche Lager, nur noch vierzig Kilogramm wiegend, von sowjetischen Soldaten in Theresienstadt befreit. Die Mutter Anna hatte das biblische Gehinnom, Auschwitz, und anschließend das KZ Flossenbürg überlebt und wurde nach einer abenteuerlichen Flucht von amerikanischen Truppen in Böhmen befreit. Schalom Peck musste seiner Frau, die er nicht mehr erkannte, einige Fragen über ihr Leben stellen, bevor er sicher war, dass es seine Frau war, die da vor ihm stand. Sie waren befreit, aber noch nicht frei.

Die beiden Herausgeber und Autoren haben sich als Thema ihre jeweiligen Familiengeschichte gewählt, haben sich gemeinsam auf eine retrospektive Zeitreise an die spezifischen Orte ihrer Herkunft begeben, eine Reise durch Zeit und Trauma, und das hieß Besuch in den Stätten familiärer und deutscher Vergangenheit - Landsberg, Bayreuth, Lodz, Auschwitz und all die anderen Orte. Sie haben den fragilen Dialog zwischen den Post-Holocaust-Generationen, den nachgeborenen Töchtern und Söhnen, den Enkelinnen und Enkeln von Opfern und Tätern gesucht, eine Familiengeschichte, die keine Verdrängung und Leugnung gestattet, getrieben von der Suche nach Wahrhaftigkeit. Ihm werde «heiß und kalt», schreibt Ralph Giordano im Vorwort, wenn sein Freund Gottfried Wagner das Wort «Vater» in den Mund nehme oder es niederschreibe, weil er dessen schmerzhafte Spaltung kenne, die Kluft zwischen unaufhebbarer Verwandtschaft und dem tiefen Abscheu vor einem Lebensweg, der in den elementaren politischen und ethischen Grundfragen dem des Sohnes antagonistisch entgegengesetzt sei. Es geht den beiden um den individuellen Versuch, mit familiärer, deutscher und jüdischer Geschichte umzugehen, gegen den Zwang abstrakter Kollektivbegriffe, gegen Denkfaulheit und gefährliche Dummheit bei Thema «Deutsche und Juden», ein wahrlich fragiler Dialog.

Die beiden Protagonisten stehen beispielhaft für die Zwiespältigkeit und Dichotomie im Verhältnis der Deutschen und Juden zu ihrer Geschichte. Für die Deutschen stehen dafür Weimar, die Klassik und Romantik, Schiller und Herder und Goethe, dessen Gartenhaus sozusagen die Grundstücksgrenze zum Stadtteil Ettersberg mit dem KZ Buchenwald markiert, und natürlich Wagner und Bayreuth mit seinem Festspielhaus und die Villa Wahnfried. Mit der Spielstätte auf dem grünen Hügel wollte der «Firmengründer» vor allem aber auch seine krude Weltanschauung mit Hilfe der von ihm erschaffenen Bühnenwerke durchsetzen. Wer von Wagners Bayreuth spricht, müsste auch das KZ-Außenlager dieser Stadt, Flossenbürg, mitdenken. Weimar und Bayreuth sind national-kulturelle, dabei janusköpfige Symbole der Deutschen - im Guten wie im Bösen. Zur jüdischen Geschichte gehören die kulturellen, politischen und wissenschaftlichen Leistungen der deutschen Juden, die integraler Teil der allgemeinen deutschen-jüdischen Beziehungsgeschichte sind. Nicht zu vergessen, und untrennbar verbunden, die Katastrophe der Shoa.

Denjenigen, die alljährlich öffentlichkeitswirksam auf die Kultstätte deutscher Identität, auf den Bayreuther Festspielhügel pilgern, vorbei an all den Burschenschaftlern und durch das Spalier enthusiasmierter Wagnerianer defilieren, sollten die drei unumstößliche Gültigkeit besitzende Botschaften der Wagnerschen Weltanschauung, die auch Eingang in seine Musik gefunden hatten, ins Stammbuch geschrieben werden: Die Erlösung des Mannes durch die Frau, die Erlösung des Menschen vom Fluch des Geldes und die Verkündung eines arischen Erlösungs-Mythos als Ersatzreligion mit Askese-Ideal, das die Reinigung des arischen Blutes und die Erlösung der Menschheit von den Juden beinhaltete.

Fast fünfzehn Jahre lang waren Wagner und Peck im Zwiegespräch, bevor ihr Werk erschien - der Sohn eines Überlebenden und der Sohn einer Familie, die den Verlust von Deutschlands Menschlichkeit verkörperte. Dieses Buch zweier durch die Schatten des Holocaust belasteter Menschen ist dem Bemühen geschuldet, Licht und Sinn am Ende eines sehr dunklen Tunnels zu finden, einen Dialogprozess zu einer wirklichen Stunde Null zu beginnen, der auch für nachfolgende Generationen gültig und sinnstiftend ist.

L. Joseph Heid

 

 

Unsere Stund Null. Deutsche und
Juden nach 1945: Familiengeschichte,
Holocaust und Neubeginn

Gottfried Wagner/Abraham Peck:
Historische Memoiren. BÖHLAU VERLAG,
Wien-Köln-Weimar 2006, 428 Seiten
90 Euro

 

«Jüdische Zeitung», Oktober 2006