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«Wo ist die Armee des Sechs-Tage-Kriegs?»Zum «Libanon-Feldzug» gibt es differenzierte Stimmen in Israels Presse
Der Krieg im Libanon geht in seine vierte Woche. Durchhalteparolen, militärstrategische Ratschläge, Hetzreden, Moralpostulate und Bibelzitate werden tagtäglich in den Meinungsseiten und Feuilletons der israelischen Printmedien veröffentlicht. Nach letzten Umfragen befürworten 99 Prozent der jüdisch-israelischen Einwohner den Krieg gegen die Hisbollah und die Militärschläge gegen die libanesiche Infrastruktur, einschließlich Zivilbevölkerung. Die übrigen etwa 50.000 Kriegsgegner müssten sich in diesen Tagen also wie eine kraft- und stimmlose Minderheit in einem «rekrutierten Staat» fühlen. Jedoch verleiht die israelische Presselandschaft auch kritischen Stimmen im Lande ein Podium. Ein Streifzug durch viel gelesene Medien. Die mit etwa 100.000 Exemplaren auflagenstärkste Tageszeitung Israels, die «Yediot Acharonot» («Letzte Meldungen») ist für eine verhältnismäßige Gleichgewichtung ihrer politischen Kommentare bekannt. Parolen des gegenwärtigen Mainstream, nach dem Motto «Wir werden siegen!», die zum Beispiel in Form von Aufklebern der «Bank Le'umi», der Nationalbank, jetzt an vielen Autoscheiben prangen, finden auch in Israels größter Zeitung Niederschlag. Aufrufe zu größerem Einsatz militärischer Mittel bilden dabei das Gros der Artikel bei «Yediot», einige wenige, kritisch hinterfragende Stimmen mischen sich darunter.
«Yediot Acharonot»: Selbstbekräftigung und Seelenschmerz «Wo ist die Armee des Sechs-Tage-Krieges?» fragt der ehemalige Offizier eines Panzerregiments, Ehud Elizur. Der Ex-Militär fordert verstärkten Einsatz: «Wovor fürchten sich der Generalstabschef Dan Chalutz und der Verteidigungsminister Amir Peretz?» Elizurs Devise lautet: Wenn schon Krieg, dann wie im richtigen Krieg. Unter Einsatz aller Kräfte. Dann sollte der Spuk, den die Hisbollah der israelischen Armee bereitet, in zwei Tagen vorbei sein. Und wenn ein Dorf mit der Hisbollah kooperiert, dann sollte es, in bester 1967er Manier, dem Erdboden gleichgemacht werden. Elizur: «Wir dürfen nicht vor dem Einsatz von mehr Kraft gegen die Hisbollah zurückschrecken, ansonsten verlieren wir die Chance auf einen Frieden in Zukunft.» Ähnliche Töne schlägt der Likud-Abgeordnete Dani Neweh in seinem polemischen Artikel «Siedlung Zfat, Stützpunkt Haifa» in der «Yediot» an. «Das ist kein zweiter Libanon-Krieg, sondern die Fortsetzung des Unabhängigkeitskrieges von 1948», proklamiert Neweh, und darum müsse noch mehr Stärke gezeigt werden. Der Likud-Politiker verweist auch auf die große internationale Rückendeckung, die Israel in diesen Tagen genieße. «Je stärker wir sind, desto weniger werden sie uns schlagen. Je mehr sie denken, dass wir schwach sind, desto mehr werden sie auf uns einschlagen», resümiert Neweh seine Philosopie, die bei der breiten Bevölkerung Israels großen Anklang findet. Dan Caspi, Professor für Kommunikation an der Ben Gurion Universität in Be'er Sheva, sieht die Lösung nicht im «Wieviel?», sondern im «Wie?». Bei «Yediot Acharonot» kritisiert er die «Amerikanisierung» des israelischen Militärs. «Fortgeschrittene Technologie ist kein Ersatz für Bildung, für gesunden Menschenverstand, für eigenständiges Denken und Kreativität», meint Caspi. Der Professor wirft der israelischen Armee vor, Halbwahrheiten, Klischees und platte Schlagwörter an die inländischen Journalisten auszugeben. Diese Taktik erinnere laut Caspi an den ersten Golf-Krieg der USA. Die TV-Station der Hisbollah «Al-Manar», sei - entgegen den Armeeberichten - nicht zerstört worden. Auch die hohen Verluste bei den Häuserkämpfen in libanesichen Dörfern seien nicht hinterfragt worden, so Caspi. Das Image von «Zahal», der israelischen Armee, sei wichtiger als deren wirkliche Taten. «Mein Enkel, ich habe keine Antworten für dich», seufzt die Professorin Elisa Schinhar von der «Emek Isre'el Hochschule», eine der wenigen weiblichen Stimmen in diesen Tagen, in ihrem Meinungsbeitrag bei «Yediot». Vor vielen Jahrzehnten habe sie einst zu Hören bekommen: «Wenn du groß bist, gibt es keine Kriege mehr.» Schinhar sehnt sich in ihrem emotionalen Text nach einem Erwachsenen, der ihr sagt, dass alles gut werde. Denn dies müsse sie heute ihrem Enkel unter großen Seelenschmerzen wieder weismachen.
«Ma'ariv»: Wunschdenken statt Diskussionen Die «Bild» Israels, die auflagen-zweitstärkste Tageszeitung «Ma'ariv», will ihren Lesern nicht so viel an Seelenkummer und kritischen Auseinandersetzungen auf den Meinungsseiten zumuten. Neben den emotional aufgeladenen Tagesberichten von Katjuschas auf Haifa und kriegsromantisch eingefärbten Bildern vom Armeeeinsatz im Libanon bilden «Shopping», «Fun» und das Fernsehprogramm wichtigere Redaktionsbestandteile als Hintergrunddiskussionen. Der hauseigene «Ma'ariv»-Journalist Arel Segal spielt dafür in seinem Artikel «Neuer Naher Osten» eine bessere Welt durch. In einem Alternativdrehbuch inszeniert er den Libanon-Krieg so, wie er für Israel eigentlich hätte ablaufen müssen: nach der Entführung der zwei Soldaten durch die Hisbollah wartet Olmert ab und schaltet deutsche Unterhändler ein. Dafür wird er im Inland stark kritisiert, und Hisbollah-Chef Nasrallah lässt sich auf einer Konferenz in Baalbek feiern. In diesem Augenblick, so das Idealdrehbuch Segals, landet Israel die «strategische Überraschung», bombardiert und kartetscht Nasrallah von einer «F-16» aus in Stücke. Dann, so sieht es Segals Szenario vor, überrennt «Zahal» die Hisbollah in wenigen Tagen und geht als triumphaler Sieger hervor. Da dieses Szenario nun jedoch nicht mehr eintreten kann, rettet sich Segal in seinem Artikel in talmudische Auslegungen zur Lage der Nation.
«Ha'aretz»: Analyse und Humanismus Bei der linksliberalen, drittgrößten Tageszeitung Israels, «Ha'aretz», gibt es in diesen Tagen des nationalen Gleichschritts wieder die meisten kritischen Zwischenrufe. Auch arabische Israelis bekommen hier Gehör, und die soziale Agenda wird beim Blatt hervorgehoben. Schließlich zahle, schreibt Nehemia Strasler in seinem Kommentar («Der Arme zahlt doppelt»), der einfache Mann wieder die Zeche - und im schlimmsten Fall mit dem Leben. Einer der dienstältesten Militärberichterstatter des Landes und Autor kritischer Bücher zum ersten Libanon-Krieg 1982, Ze'ev Schiff, zog ein Zwischenfazit nach über zwei Wochen Krieg: die Ziele Israels wurden nicht klar genug definiert und ständig korrigiert. Der Einsatz der Luftwaffe war von Beginn an unzureichend, um die Raketenangriffe der Hisbollah zu unterbinden. Die Verluste auf Seiten Israels sind unverhältnismäßig hoch. Amos Harel fragt in seinem Artikel «Hat die Armee versagt?», wer in Israel jemals daran gedacht habe, dass das Land auch nach zwei Wochen noch pausenlos beschossen werden könne.Warnungen vor einem Erschöpfungskrieg und Aufrufe zu Verhandlungen werden auch aus der «Ha'aretz»-Chefredaktion hörbar. Um Gideon Levy, der regelmäßig aus den Besetzten Gebieten berichtet, ist es nach dessen anfänglichem Aufruf zum sofortigen Kriegsende ruhiger geworden. Dafür übernahm der Hausreporter Meron Rapoport in den letzten Wochen das Sprachrohr gegen den Krieg bei «Ha'aretz». In seinem Artikel «Moralische Verwirrung» befragte er mehrere «Zahal»-Kommandeure zu Moral und Krieg. Falls es Zweifel am Krieg gäbe, so die Antwort eines Kommandeurs, müsse man sich nur in Erinnerung rufen: «Hisbollah will uns ins Meer werfen. Hisbollah feuert von Plätzen, wo es Zivilisten gibt. Und nach wie vor ist "Zahal" die moralischste Armee der Welt». Neben diesen Parolen hinterfragt Rapoport auch den Sprachgebrauch der israelischen Armee, wenn es um die Tötung von sogenannten «Unbeteiligten» geht. Wie es komme, dass Flüchtlinge von israelischen Fliegern beschossen werden? Antwort eines Kommandeurs: «Wir beschießen keine zivilen Fahrzeuge.» Wie konnte es so aber zum Tod von über 400 Zivilisten kommen, fragt Rapoport weiter in seinem Artikel. Ein Oberst: «Es gab 400 tödliche Unfälle.» Rapoport fragt in seinen aufwühlenden Interviews, ob ein libanesisches Kind, das im Angesicht der Zerstörung aufwüchse, nicht zum Feind Israels werden müsse. «Das ist möglich», so die Antwort des Oberst, «aber zuerst muss ich das Leben der Bürger des Staates Israel schützen.»
«Makor Rischon»: Polemik und Durchhalteparolen Fragen über die langfristigen Auswirkungen der militärischen Aktionen stellen sich bei der rechtsnationalen Wochenzeitung «Makor Rischon» («Erste Quelle») dagegen nicht zwingend. Amnon Lord hebt in seinem Artikel «Die Spielereien sind vorbei» Israels Rolle als äußerste Front im Kampf des Westens gegen den islamistischen Terrorismus hervor. Daher müsse, so Lord, Israel volle Stärke beweisen und die militärischen Mittel ausweiten. Die Palästinenser, für die Nasrallah den neuen Heiland verkörpere, warteten laut Lord nur auf eine neue Runde des Terrors gegen Israel und seien nicht an einem eigenen Staat interessiert. In einem weiteren, stark polemisch gehaltenenen Beitrag greift derselbe Autor israelische Künstler und Journalisten scharf an, die sich gegen den Krieg ausgesprochen haben. Benjamin Netanjahu, Vorsitzender des Likud und ehemaliger Premierminister, meldet sich ebenfalls bei «Makor Rischon» zu Wort. In seinem Artikel «Das Raketenlager liquidieren» fordert er Israel auf, «ganze Arbeit» zu verrichten. Alle Mittel müssten laut Netanjahu dafür ausgeschöpft werden. Das Konzept der einseitigen Abzüge Israels aus besetzten Gebieten bezeichnet er als ursächlich für die letzten Krisen, sowohl für die Zweite Intifada wie auch den jetzigen Krieg mit der Hisbollah. Durch die Politik des Rückzuges wurden, so Netanjahu, dem Iran die Türen nach Libanon und dem Gaza-Streifen geöffnet. Zum Schluss seiner Argumentation beschreibt er seine Besuche in Haifa und verkündet Durchhalteparolen: «Wir haben Menschen gesehen, deren Häuser zerstört wurden, wir sprachen mit Alten und Kindern, die in Bunkern sitzen. Wir haben gesehen, dass das Volk stark ist. Die Bürger stehen hinter Zahal. Wir müssen diesen Kredit nutzen und uns auf die Ziele konzentrieren.» |