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Zwischen Panik und LangeweileWie Israels Bevölkerung die permanenten Raketenangriffe im Norden empfindet
Doron war in Norditalien, als er von den ersten Katjuscha-Raketen hörte, die die Hisbolla seitdem unaufhörlich auf den israelischen Norden niederprasseln lässt. «Als ich die Berichte in den internationalen Nachrichten-Kanäle sah, dachte ich, dass der Dritte Weltkrieg in Israel ausgebrochen sei, ich wollte auf den erstbesten Flug wieder nach Hause.» Seine Frau konnte ihn zwar umstimmen, aber im Gegensatz zu ihm waren die letzten zehn Tage für den Großteil der Israelis alles andere als das Dolce Vita. Im Grenzgebiet zum Libanon macht sich Untergangsstimmung und Panik breit, aber paradoxer Weise geht in den südlicheren Teilen des Landes Israel weiterhin seinen lärmenden Lauf. Naharia, rund zwanzig Kilometer nördlich von Haifa und circa zehn Kilometer südlich der libanesischen Grenze, ist seit zehn Tage im Ausnahmezustand. «Die Stadt ist wie ausgestorben», berichtet Yael, eine Mittfünfzigerin, die in friedlicheren Zeiten in einem Bäckereibetrieb arbeitet und sich seit dem letzten Mittwoch in Tel Aviv aufhält. «Jeder, der konnte hat seine Siebensachen gepackt und Naharia verlassen. Die Geschäfte sind dicht, man kann nichts kaufen und wenn es möglich wäre, hätte man kein Geld, weil die Geldautomaten kein Scheine mehr haben und nicht aufgefüllt werden». Yael wohnt seit 34 Jahren in der kleinen Küstenstadt und hat bereits in der Vergangenheit Bombardements erlebt. Dieses Mal ist es jedoch anders. Yael: «Die Situation war noch nie so schlimm wie jetzt. Bei mir in der Straße, im Haus gegenüber, hat eine Rakete eingeschlagen und das ganze Gebäude beschädigt. Obendrein sind die Katjuschas mit Schrot gefüllt, der unheimlich viel Schaden anrichtet. Er hat unsere Fenster zerschlagen, die Autos durchlöchert und ich will nicht daran denken, was er mit uns angerichtet hätte, wären wir nicht im Bunker gewesen.» Bis Yael und ihre Familie den Norden verlassen haben, spielte sich das Leben auch größernteils in diesem ab. «Wenn wir in den Bunker runter gegangen sind, haben wir einfach nur gewartet bis der Raketenhagel vorüber war. Manchmal hat es Minuten gedauert, manchmal Stunden. Zuweilen haben wir auch zu acht im Bunker übernachtet. Aber jetzt ist Schluss, wir sind nach Tel Aviv gezogen.» Sie ist nicht die einzige, denn in der letzten Woche hat eine nationale Migrationswelle begonnen und der Nordteil hat ein Großteil seiner Bewohner verloren. Jede Stadt, die sich außerhalb der Reichweite der Hisbolla befindet hat Programme gestartet, in der Einwohner aufgerufen werden diese «Kriegsflüchtlinge» bei sich aufzunehmen. Yael, die zwar bei Verwandten untergekommen ist und auf diese Aktionen nicht angewiesen ist, ist dennoch der Meinung, dass die Solidarität unter den Israelis groß ist. «Bereits in Naharia haben wir uns gegenseitig geholfen» berichtet sie und fügt hinzu: «Wenn jemand alleine in der Stadt geblieben ist, wurde er zu einer Familie eingeladen, der Kiddusch wurde zusammengemacht oder man hockte mit fremden Menschen im Bunker.» Die Luftschutzkeller oder das betonierte Zimmer, welches die Häuser neuerer Bauart besitzen müßen, bietet den Bewohnern zwar ausreichenden Schutz aber Yael weiß es besser: «Es war einfach nicht mehr auszuhalten. Die Einschläge sind ohrenbetäubend und haben tagelang angehalten. Es knallt so laut, dass auch wenn Du weißt, dass Du keine Angst zu haben brauchst, Du dennoch Angst bekommst.» Obwohl das nördliche und mittlere Galiläa, die Naftalie-Berge im Westen und manche Teile der Golan-Höhen unter heftigem Beschuß liegen, sieht das Leben in anderen Teilen des Landes anders, ganz anders aus. Das säkulare Herz Israels, Tel Aviv, pumpt weiterhin hektisch und in den Nächten sind die Clubs und Bars weiterhin gut gefüllt. Das Tel Aviver Nachtleben stockt «nur» dann, wenn Selbstmordattentat-Vorwarnungen kursieren. Sonst aber erholt sich, wer immer kann, an den Stränden - um drei Uhr nachmittags sind kaum Liegen zu haben. Im Umkreis von 50 Kilometer um Tel Aviv herum ist für viele Israelis die Welt «normal» geblieben. Dass Krieg herrschte, merkten die Meisten nur anhand der Medien oder an den fehlenden Arbeitskollegen, die über Nacht mobilisiert wurden. In Haifa wiederum, erleben die Bewohner ein Mittelding von Normalität und Bombardement. Die drittgrößte Stadt Israels liegt am Mittelmeer und verfügt über einen großen Hafen und diverse petrochemische Industrieanlagen. In weiser Voraussicht hat die Regierung zwar die Lagerung von gefährlichen Gütern in der Bucht von Haifa verboten und die Produktion dieser auf ein Mindestmaß heruntergefahren aber das ungute Gefühl bleibt. «Meine Tochter wohnt in Ramot Yitzchak, eine Nachbarschaft mit direktem Blick auf die Industriegebiete» sagt Nachumi, eine rüstige Rentnerin aus Haifa und erzählt weiterhin, dass ihre Tochter, aus Angst sich in der Nähe dieser Fabriken zu befinden, für ein paar Tage die Stadt verlassen hat. Sie selber befand sich im Garten und las ein Buch, als Scheich Nasrallah Haifa als Ziel auserkoren hat. «Es war ein früher Freitagabend, als die erste Katjuscha 500 Meter von meinem Haus entfernt niederging», erzählt Nachumi. Sie wohnt auf den Hängen des französischen Karmels und die kleinen Mehrfamilienhäuser spiegeln noch den Charme der sechziger Jahre wieder. «Ein Hügel versperrte uns zwar die Sicht, aber der Knall ging uns allen an die Nieren». Anschließend hatte sie einen ruhigen Samstag, bis am Sonntag Haifa von einer nächsten Salve getroffen wurde. «Seitdem vergeht kein Tag, in dem wir keinen Bombenalarm hören aber oft ist es falscher Alarm.» Die Schiiten-Miliz belegt Haifa nicht ganz so heftig, wie den Rest des Nordens, was dazu geführt hat, dass sich die meisten Bewohner der Hafenstadt mit der Situation irgendwie abgefunden haben. Nachumi: «Die Situation in Haifa ist nicht ganz so dramatisch, wie von vielen angenommen. Man hört zwar das Donnern und die Medien sind allgegenwärtig aber mit der Zeit fällt die Spannung und zu Hause fühlt man sich eh sicher.» Stark frequentierte Einrichtungen haben zwar geschlossen, aber man arrangiert sich trotzdem: Nachumi geht nach wie vor jeden Morgen am Strand spazieren, nur dass sie es in der Nähe massiver Gebäude macht, die ihr im Notfall Schutz bieten können. Auch wird mittlerweile den Aufrufen der Behörden nur widerwillig Folge geleistet, denn das Ausharren in den Bunkern setzt den Nerven aller zu. Was am Anfang noch ein soziales Ereignis war, ist nun zu Routine geworden. Nachumi und ihre Mitbürger haben es zwar satt, aber es ist ausgerechnet ihr zwölfjähriger Enkel Offir, der alles auf den Punkt bringt: «Ich möchte, dass die Situation sich ändert. Natürlich weil ich Angst habe, aber auch, weil ich das alles hier sehr langweilig finde.»
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