Foto: O. Geller

Wo Harry Potter begraben liegt

Ein britischer Soldatenfriedhof in Ramleh bringt mehrfach zum Erstaunen

 

Im Herzen Ramlehs befindet sich der Basar, der «Schuk», wie ihn schlicht die Einheimischen nennen. Eingebettet zwischen halb verfallenen osmanischen Häusern, pulsiert das rege Zentrum. In Israel ist dieses verschlafene, circa 15 Kilometer südlich von Tel Aviv gelegene und nicht gerade gepflegte Städtchen für seine orientalische Einkaufsmeile bekannt. Aber es hat noch mehr zu bieten - es hat Geschichte. Israelis besuchen die Stadt, um durch den Markt zu schlendern und eines der zahlreichen arabischen Restaurants zu besuchen, deren Humus- und Massabcha-Qualität ihres Gleichen sucht. Die außergewöhnliche historische Sehenswürdigkeit, die Ramleh bietet, wird jedoch leicht übersehen.

Heute, zwischen der Schnellstraße, die den Südwesten Israels mit dem Ben Gurion Flughafen verbindet, und einer Moschee mit grüner Kuppel und filigranem Minarett liegt ein circa 50.000 Quadratmeter großer Soldatenfriedhof, der von der «Commonwealth War Graves Commission» (CWGC) unterhalten wird. Im Schatten von Edelrosen und anderen farbenfrohen Blumen stehen Grabsteine von unterschiedlicher Größe und Aussehen. Manche sind geschlungen und breit, andere kantig und flach. Die Formen wiederholen sich in unregelmäßigen Abständen, jede Waffengattung, jedes Regiment hat seine genuine Kontur, auf den Steinen ist das Wappen der Einheit des Gefallenen eingemeißelt. Englische Gartenbaukunst ist zu erkennen, wodurch die kleine Nekropole trotz naher Hauptstrasse eine in Israel viel vermisste Ruhe ausstrahlt.

 

Ruhestätte für alle

«Unsere Aufgabe ist es, das Andenken all derer zu bewahren, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg gefallen sind. Dies machen wir wegen eines königlichen Dekrets von 1917», beschreibt Andy Fretwell, Mitarbeiter der Organisation, die Arbeit der Kommission. Aufgrund der königlichen Charta fanden nicht nur Commonwealth Angehörige hier ihre letzte Ruhestätte. Seit 1920 besagt eines der leitenden Prinzipien der CWGC, dass zwischen militärischer Zugehörigkeit und Rang als auch zwischen Rasse sowie Glauben nicht unterschieden werden soll.

Fratwells Arbeit besteht darin, alle in Israel, Gaza und Zypern befindlichen Gräber im Namen der CWGC zu beaufsichtigen und zu unterhalten. Dass die Briten die Ruhestätten ihrer Soldaten sehr ernst nehmen, zeigt sein Status: er ist ein Teil des diplomatischen Corps.

 

Gefallene aus dem Commonwealth

Als General Allenby, Oberbefehlshaber der Britischen Streitkräfte in Ägypten, in Jerusalem am 11. Dezember 1917 einmarschierte, war Ramleh bereits von der ersten Australian Light Horse Brigade besetzt. Diese errichtete Feldlazarette und gezwungener Maßen auch einen Friedhof, der mit der Zeit zu einer der größten britischen Kriegerruhestätten im östlichen Mittelmeerraum anwuchs. Anfangs bestatteten die Briten lediglich die Gefallenen der Umgebung, bis Gräber aus anderen Landesteilen hierher verlegt wurden. Während des Krieges entstanden in Ramleh ein großer Luftwaffen-Stützpunkt und diverse Hospitäler, weswegen die Briten 3.300 Commonwealth-Soldaten, davon 964 unidentifiziert, am damaligen Stadtrand beerdigten.

Das Wasser des Jordanflusses floss weiterhin gemächlich daher, obwohl Palästina auch zwischen den beiden Weltkriegen nicht zur Ruhe kam und der Gottesacker zunehmend erweitert werden musste. Polizisten der englischen Palestine-Police, indische Soldaten im Dienste des Königs, Türken und Ägypter fanden hier ebenso ihre letzte Ruhestätte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges stieg die Anzahl der Gräber um weitere 1.168 an. Aufgrund des Ausmaßes des Krieges und der noch höheren Anzahl an teilnehmenden Nationen und Völker liegen nun auf dem Friedhof unter anderem auch Griechen, Tschechen, Polen, Franzosen und Italiener. Britisch skurril erscheint das Grab nahe des südöstlichen Zaunes: ein Soldat namens Harry Potter liegt hier begraben.

 

Zwölf Wehrmachtskreuze

Für Juden kann jedoch der Umstand frappant sein, dass hier auch zwölf Wehrmachtsangehörige beerdigt sind. Auf ihren Gräbern sticht das Wehrmachtskreuz hervor, was sie von den anderen Gräbern natürlich abhebt. Und obwohl die nächsten Frontabschnitte, in denen Briten auf Deutsche trafen, einige Hundert, wenn nicht gar Tausend Kilometer entfernt lagen, fanden einige deutsche Soldaten dennoch den Weg in geheiligte Erde. So starb Dietrich Sachweh, ein 21-jähriger Leutnant der Luftwaffe, zwar in einem Luftkampf bei Melos in Griechenland, seine Leiche wurde aber von englischen Kräften aufgelesen und in Ramleh begraben. Auch Adolf Benner, Wehrmachtbeamter auf Kreta, der im Alter von 47 Jahren 1946 in englischer Gefangenschaft starb, ruht nun seit über 50 Jahren in geheiligter Erde.

Umso länger der Spaziergang über den Friedhof dauert, desto mehr Fragen tauchen über die Einzelschicksale auf. Gedanken, wer denn diese Männer waren, woher sie kamen und warum sie gefallen sind, schweben durch den Kopf - aber die stummen Steine geben keine Antwort. Die Ruhestätten behalten alles für sich und verraten lediglich den Namen mit Geburts- und Todestag. So wird kein Besucher wissen, dass Hans Zweigert während eines Seeaufklärungsfluges über Port Said vermisst wurde und sein Leichnam erst später in Palästina angeschwemmt wurde - und dass er ein Jahr zuvor an der Luftoffensive gegen England teilnahm. Auch kann kein Besucher wissen, dass Heinz Thiele und Karl Hofer am selben Tag in Tobruk schwer verletzt in Gefangenschaft gerieten und kurz danach in Ramleh beerdigt wurden.

Es kann in der Tat sonderbar erscheinen, dass Angehörige von Hitlers Wehrmacht ausgerechnet im heutigen jüdischen Staat ihren ewigen Frieden gefunden haben. Auch kann verwundern, dass seitens der Politik nie ein Aufsehen darüber gemacht wurde, dass nie Bemühungen stattfanden, diese Soldaten aus israelischer Erde zu entfernen und in deren Heimatland zu überführen. Aber Kobbi, der selbst aus Ramleh stammt und im Schuk sein Obst feilbietet, bringt die gesamte Sache auf den Punkt: «Ich wusste nicht einmal, dass es hier einen Soldatenfriedhof gibt und hier deutsche Soldaten beerdigt sind. Und jetzt, da ich es weiß, ist es mir auch egal.»

Oren Geller

«Jüdische Zeitung», August 2006