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Willy SchwarzÜber die Musik zurück zu den Wurzeln
Ganz leicht war es nicht, Willy Schwarz zu einem Gespräch zu bekommen, letzten Endes wurde als Gesprächsort das thüringische Rudolstadt gewählt, in das es beide, den Berichterstatter wie den Interviewten, am ersten Juliwochenende während des 16. Tanz- und Folkfestivals verschlagen hat. So sitzt man also am Sonntagabend in einem Café, umgeben von lauten Ahs und Uhs weiterer Kaffehausbesucher, denn das Gespräch findet statt, während in Berlin das Endspiel der 18. Fußballweltmeisterschaft - und an allen deutschen Fernsehbildschirmen dessen Liveübertragung - läuft. Das alles hinderte jedoch Willy Schwarz nicht daran, über seine mehr oder weniger jüdische Vergangenheit, ein typisches Schicksal seiner Generation, zu erzählen. Ganz im Gegenteil: Anekdote reihte sich an Anekdote, und die Worte sprudelten geradezu aus ihm heraus. Dass der 1949 in Holland, Michigan (USA), Gebürtige heute in Deutschland wohnt, schließt einen Kreis, den die zur Auswanderung genötigten jüdischen Eltern sich seinerzeit sicher nicht so vorgestellt haben. Wir befinden uns in der ersten Hälfte der 30-er Jahre des letzten Jahrhunderts: Der Berliner Großvater, Dr. Friedrich Leppmann, im Stadtteil Siegmundshof/Altmoabit wohnhaft, sandte seine Tochter Andrea Leppmann, Schwarz' Mutter, nach Teheran. Dafür gab es mindestens zwei Gründe. Zum einen stand Andrea Leppmann aus nicht ganz geklärten Umständen auf einer Art Schwarzen Liste der Nazis und war somit in unmittelbarer Gefahr. Zum anderen war Joachim, einer der Brüder Andreas, in Teheran bereits als Ingenieur tätig: Er gab «grünes Licht» für die Reise. Iran, damals unter der Herrschaft des Reza Schah Pahlavi, der seit 1925 die Macht innehatte, strebte eine wirtschaftliche Annäherung an den Westen an und war gerne bereit, tatkräftige Akademiker aus Europa zu empfangen. Und so verschlug es den jungen Mailänder Alberto Franco Schwarz in dieses Land. Alberto Franco Schwarz hatte gerade sein Ingenieurstudium beendet, außer dem Diplom besaß er eine gewisse Portion Abenteuerlust. Willy Schwarz erzählt nicht ohne Stolz, dass sein Vater in der Folge für einige Brücken und Tunnels der damals erbauten Bahnlinie zwischen Teheran und Khorramshahr (nahe des Persischen Golfes und unweit des irakischen Basra) verantwortlich zeichnete. Da die westlichen «Gastarbeiter» ihre Freizeit mehrheitlich unter sich verbrachten, war es in der zahlreichen Singleszene - wie man heute sagen würde - wohl nur ein Frage der Zeit, bis sich Andrea Leppmann und Alberto Schwarz kennen lernen sollten; Albertos Liaison mit der in Mailand gebliebenen Verlobten wurde aufgelöst. Aus familiären Gründen kehrte das Paar 1936 nach Berlin zurück, 1937 fand in Mailand die Hochzeit statt. Im süditalienischen Bari fand man schließlich Arbeit. Alsbald (ab Juli 1938) begann jedoch das faschistische Italien, in Anlehnung an den Naziverbündeten, eine auf eine «reine Rasse nördlich arischen Charakters» basierende Politik umzusetzen. Die unmittelbare Folge war die Erscheinung der «Dichiarazione della Razza» (Rassenerklärung). Und Alberto Schwarz erhielt seine Kündigung. Mit der Unterstützung einer damals bekannten Sopranistin namens Clara Clemens, ihrerseits Tochter eines gewissen Samuel Langhorne Clemens alias Mark Twain, gelang es dem Paar, ein für Juden rares US-Visum zu erhalten und mit dem letzten Passagierschiff aus Genua nach New York auszureisen. Nach dem Sturz Mussolinis flüchtete ein Teil der weitgehend assimilierten Familie in die Schweiz, andere konnten sich erfolgreich verstecken oder fanden in einem Kloster Zuflucht. Den Berliner Flügel von Schwarz' Familie ereilte ein nicht weniger verwickeltes und dramatisches Schicksal: Während manche direkt nach Auschwitz verschleppt wurden, gelang den Großeltern - der Großvater war ein verbeamteter Gefängnispsychiater - auf einer abenteuerlichen Reise über Helsinki, Moskau, Wladiwostok und Seattle die Flucht in die USA. Einige der Überlebenden aus Schwarz' Familie konnten sich übrigens in Italien durchaus erfolgreich re-integrieren. So ist etwa der 1940 geborene Tommaso Padoa Schioppa, derzeitige Finanzminister Italiens, Sohn eines Cousins von Schwarz. Nach der Flucht, die ihn zunächst nach New York, Philadelphia und Chicago führte, fand Schwarz' Vater schließlich Arbeit in einer kleinen Stadt namens Holland unweit des Lake Michigan, 1847 von strenggläubigen niederländischen Calvinisten gegründet. Wohl aus purer Freude über die jüdischen Einwanderer änderten die US-Behörden den Namen der Familie flugs in ein für sie aussprechbares «Swarts». Nicht ganz glücklich war man mit dem neuen Domizil, befand sich doch an fast jeder Straßenecke eine Kirche. Schlimmer war jedoch eine andere Seite des Emigrantenlebens: Wurde man in Italien und Deutschland als Jude verfolgt, galt man nun in den USA nach Kriegseintritt im Dezember 1941 und in Besitz eines «falschen» Passes plötzlich als Landesfeind. Alsbald wurden etwa Radio und Photoapparat konfisziert und das Stadtgebiet durfte nur mit einer polizeilichen Sondererlaubnis verlassen werden. Nachtbesuche der Geheimpolizei waren keine Seltenheit und schließlich verlor Frank Swarts, wie sich der Vater schließlich naturalisiert nannte, als Italiener auch noch seine Arbeit.
Ein irisch-stämmiger katholischer Intellektueller und Unternehmer namens John Donneley erkannte jedoch wenig später in Schwarz' Vater, der immerhin sechs Sprachen beherrschte, ein großes Potential und beschäftige ihn als Ingenieur. Dem Arbeitsverhältnis folgte eine enge Freundschaft, was letztlich in der katholischen Taufe der gesamten Familie Schwarz resultierte. Schließlich schienen auch die zwei einzigen alteingesessenen jüdischen Familien Hollands kein Interesse an einer Kontaktaufnahme mit den Neuankömmlingen zu haben. Schnell machte Frank Swarts auch im kirchlichen Bereich «Karriere»: Er wurde Orgelspieler und Chordirigent der St.-Francis-Gemeinde. Kurz: Wenngleich das Bewusstsein, «Jude zu sein» nie ganz aufgegeben wurde, bestand die gesamte Familie nun aus praktizierenden, englisch sprechenden Katholiken, und selbstredend besuchten alle sieben Kinder der Familie rein katholische Schulen. Letztlich bedeutete das für diese eine Anlehnung, wenn nicht absolute Anpassung an die neue Heimat und somit zugleich eine Abwendung von den elterlichen kulturellen Werten. Nur der Fünfte unter den Kindern schien ein bisschen anders geraten zu sein - hegte dieser etwa Interesse an den italienischen Musikbüchern seines Vaters, was letzterer indessen mit aktivem Wohlwollen förderte. Willy Schwarz erlernte das Lautenspiel und wurde schließlich von der Folkloreszene der frühen 60er Jahre überrannt: Insbesondere Theo Bikel und die Weavers waren seine Vorbilder. Es folgte ein halbjähriger Aufenthalt in Italien, und schließlich erreichte er Poona in Indien, nicht, um etwa als Anhänger des Gurus Rajneesh Chandra Mohanin alias Bhagwan (1932-1990) im transzendentalen Nirwana zu verschwinden, sondern um sich dem praktischen Studium der Welt des Ragas, der klassischen Musik Indiens, zu widmen. Sein erstes Album «Live for the Moment» (Lebe für den Moment!) zeigt die Resultate seines Schaffens. Schwarz' jüdische Vergangenheit sollte so lange keine Rolle für ihn spielen, bis er Ende der 60-er Jahre den Kabbalisten, Mystiker und Musiker Miles Krassen, einer, dessen Lehrer übrigens der in Berlin gebürtige Rabbi Shlomo Carlebach (1925-1994) war, an der Universität von Bloomington, Indiana, kennen lernte. Krassen begann gemeinsam mit Henry Sapoznik (später Mitglied der Klezmerband «Kapelye») ab Mitte der 60er Jahre in irgendwo im Keller gelegenen hauseigenen Tonarchiv des New Yorker YIVO (Institute for Jewish Research) eine staubbedeckte, ungeordnete, gewissermaßen verborgen liegende Menge alter 78er Schellackplatten mit jiddischer Musik zu durchforsten und auf Tonbänder zu übertragen. Zu einer Zeit, in der die Klezmermusik noch als unpopulär, für viele assimilierte Juden der USA sogar als geradezu «reaktionär» galt, trafen sich bereits die schon erwähnten Krassen und Sapoznik mit Michael Alpert und Martin Schwartz (keine Verwandtschaft) und bildeten somit den Beginn des «Klezmer revival». Schwarz war so begeistert von der Arbeit Krassens, dass er ihn umgehend um Kopien dieser alten Aufnahmen bat - über fünfzig Stunden Musik, die Schwarz bis heute in seinem Besitz weiß. Er bemühte sich, die Musik dieser Aufnahmen auf genau den gleichen Instrumenten nachzuspielen, wobei er sich das Akkordeon wie andere Instrumente autodidaktisch beibrachte. Krassen brachte Schwarz schließlich in Kontakt mit konservativ-jüdischen Familien in Bloomington, bei denen er den Schabbat verbringen konnte. So erwachte langsam, aber stetig der Jude in Willy Schwarz, etwas, was er vorher nie richtig wahrgenommen hatte, denn seine Eltern hatten ihre Herkunft zwar nie verneint, diese jedoch auch nicht gelebt. Natürlich kennt Schwarz auch eine Anzahl Melodien von israelischen Volkstänzen, die er als Akkordeonist in Studentenensembles vorspielte. Waren es anfangs überwiegend bulgarische, rumänische, serbische Volkslieder auf den damals überaus populären, fast «kultischen» Volkstanzveranstaltungen an amerikanischen Universitäten, kam später auch das gängige israelische Repertoire dazu, wie «Hora Mamterah», «Mayim Mayim» oder «Dodi Li». Schließlich traf er in Bloomington den heute in Berlin lebenden Alan Bern (später «Brave Old World») sowie Matt Dariau (später «Klezmatics»), mit denen Schwarz bereits vor 35 Jahren gemeinsam musizierte. Sein Projekt «jüdische Musik rund um die Welt» (vgl. JZ, Ausgabe Juli 2006, S. 28) begann eigentlich 1981 mit dem «Hudson River Revival» Folkfestival von und mit Pete Seeger. Dort begegnete er dem 1924 in Wien geborenen Schauspieler und Folksänger Theodore Bikel, mit dem Schwarz bereits als Siebzehnjähriger auf der Bühne stand und der gerade wieder einmal auf der Suche nach Musikanten für jüdische Musik war. Weitere Kontakte zu Alvin Rosenfeld, heute Direktor der Abteilung für Jüdische Studien an der Bloomington Universität, animierten Schwarz gewissermaßen, das Augenmerk auf das Judentum zu lenken und letztlich seine Leidenschaft für so genante «Weltmusik» auf den jüdischen Bereich zu konzentrieren. Dafür durchforstete Schwarz nicht nur unzählige jüdische Archive, er besuchte gleich die verschiedenen einzelnen Länder, um sich selbst auf den ethnischen Musikinstrumenten, insgesamt sollen es an die vierzig sein, zu perfektionieren und die Liedtexte, immerhin in neun verschiedenen Sprachen, fehlerfrei wiedergeben zu können. Wie Schwarz betont, spräche er ja nicht all die zum Teil exotischen Sprachen, aber durch die überzeugende Inspiration Bikels, der als Schauspieler auf phantastische Art und Weise und ohne in Stereotypen zu verfallen, ethnische jüdische Figuren nachahmte, könne er zumindest in ihnen singen. Sein viertes Album «Jewish Music around the World» ist der vorläufige Beleg dieses Projektes. Nicht ganz zufällig lernte Schwarz seine jetzige Ehefrau Sabine 1997 in Chicago über die Klezmermusik kennen: Und zwar, als die Gruppe «Brave Old World» mit weiteren Chicagoer Klezmorim wie Jeff Warschauer, Deborah Strauss und Schwarz selbst zu einer Konzertserie unter dem Motto «Summer Dance» (Sommertanz) aufspielte, auf der u.a. Michael Alpert alte jiddische Tänze anleitete. 1999 übersiedelte das Paar nach Bremen. Musikalisch konnte Schwarz schließlich auch in der neuen Heimat sein Spektrum erweitern, indem er etliche «Migrantenmusiker», insgesamt fünfzehn, um sich sammelte und als «Bremer Stadtimmigrantenorchester» 2005 sein fünftes Album mit dem Titel «Home away from Home» veröffentlichte. Es war ein langer Weg, als ständiger Begleitmusiker, etwa von Brave Old World, und in den Bands von Shlomo Carlebach oder Theodore Bikel, von der Welttournee mit Tom Waits ganz zu schweigen, das Image des «merkwürdigen Multiinstrumententypen», wie er in Chicagoer Studiokreisen immer wieder genannt wurde, abzustreifen und eigenverantwortliche Projekte vorzulegen. In Deutschland scheint er es endgültig geschafft zu haben. Merkwürdigerweise konnte Schwarz, wie er im flüssigen Deutsch berichtet, bislang noch nicht den «richtigen Draht» zu den jüdischen Gemeinden und Organisationen Deutschlands finden. Es fehle ihm einfach die Erfahrung und er wisse nicht, wie konkrete Kontakte mit den richtigen Personen herzustellen seien. Bedauerlicherweise würden auch keinerlei Anfragen von deutsch-jüdischer Seite an ihn gerichtet. Das war in den USA ganz anders: Sieht man vom ultra-orthodoxen Bereich ab, so hat Schwarz bei sämtlichen erdenklichen jüdischen Festlichkeiten aufgespielt, sei es in Synagogen, zu Hochzeiten (auch orthodoxer Art) und Bar Mitzwahs oder auch zu von Hadassah, WIZO u.a. organisierten Veranstaltungen - eigentlich stellt sich eher die Frage, wo er denn nicht gespielt hätte. So ist Schwarz' Publikum in Deutschland, trotz seiner Konzerte mit jüdischer Musik, wenngleich mit dem Stempel «Weltmusik» versehen, überwiegend nicht-jüdisch. Für ihn als Musiker sei das erst mal kein grundsätzliches Problem, jedoch Willy Schwarz, der Jude, würde nur zu gerne seinen Zuhörerkreis gezielt um die jüdische Komponente erweitern.
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