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«Es gibt noch so fürchterlich viel zu tun»Ein Besuch bei der deutsch-jüdischen Schriftstellerin Esther Dischereit
Das Zimmer ist mein Land Ich spreche Deutsch mit meiner Schreibmaschine Einen Fetzen an den Rand Das Zimmer ist mein Land Aus: «Als mir mein Golem öffnete», Passau, 1996
Es ist ein Aufstieg in rosa. Das Treppenhaus ist frisch gestrichen. So frisch, dass es noch nach Farbe riecht. Ruhig ist der Hinterhof in Berlin-Charlottenburg, nur gemäßigt dringt der Ton zum aktuellen Fußballspiel aus geöffneten Fenstern. Man müsse genau hinsehen, viele fänden die Klingel nicht, hatte Esther Dischereit bereits am Telefon vorgewarnt. Die Leute übersähen den zweiten Eingang. Die dächten dann, es gebe sie in Wirklichkeit gar nicht und gingen wieder. Die Wohnung ziemlich weit oben ist im Kontrast zum blassroten Aufgang wohltuend weiß. Der schmale Korridor ist an der linken Seite aufgeschnitten und mit einer Glasplatte versehen. Dahinter liegt das Arbeitsaquarium der Schriftstellerin. Das Wohnzimmer geht übergangslos in die postmoderne Küche über, ein antiker Esstisch setzt den Gegenpunkt. Die Fenster sind mit hellen Vorhängen bedeckt, halten die Sonne fern. Dass draußen die Wolken vorbeifliegen, ist dennoch am stetig wechselnden Licht in der Wohnung zu erkennen. Darüber müsste man mal ein Gedicht schreiben, sagt Esther Dischereit später. Sie legt einige ihrer Bücher auf den Tisch. «Übungen jüdisch zu sein» (1998) natürlich, aber auch jenes über die undemokratischen Verhältnisse in Korea, das sie anlässlich der Olympischen Spiele in Seoul mitverfasst hat: «Südkorea - kein Land für friedliche Spiele» (1988). Daneben Gedichtbände, auch ein Kinderbuch und natürlich die Publikationen zu den Kunstprojekten, die sie in den letzten Jahren betreut, organisiert, initiiert hat. Doch bei allem Wertgefühl für diese Bücher: Dass sie ein Nachwort zu Gertrud Kolmars «Die jüdische Mutter» (2003) geschrieben hat, erfüllt sie mit mehr Stolz als alle eigenen Publikationen zusammen. Es ist ein ausführliches Nachwort geworden. Die Schriftstellerin setzt sich an den Tisch und wartet auf Fragen. 1952 in Heppenheim geboren, als Tochter einer jüdischen Mutter, die in Berlin den Nationalsozialismus überlebt hat. In Berlin und rund um Berlin, ergänzt Esther Dischereit. Wie war das, in den fünfziger Jahren, in der Bundesrepublik, als Tochter einer jüdischen Mutter? Nicht nur Tochter einer jüdischen Mutter, sondern auch Schwester einer überlebenden, jüdischen Schwester. Wie war das? Esther Dischereit wiederholt die Frage für sich, überlegt lange, ehe sie leise spricht.
Kindheit mit Brüchen Auf dem flachen Land, da habe es keine jüdische Gemeinde gegeben und der Zustand, jüdisch zu sein, blieb ihr zunächst verborgen. In die evangelische Kirche habe sie gehen sollen, was sie ungern gemacht habe. Denn sie hätte diesen weiten Weg allein machen müssen zusammen, mit der Schwester. Ging der Wille zum Kirchgang von ihr selbst aus? Na ja, von Wille könne nicht gesprochen werden. «Ich war ja ein kleines Kind.» Obwohl es sich um die Stadt handelte, in der Martin Buber gelebt hatte, ging es eigentlich gar nicht darum, nach außen etwas zu verbergen. Schlicht undenkbar war es, «diese Situation» als offen wahrnehmbaren Zustand zu äußern, das Jüdisch-Sein, wie es Dischereit nennt, zu zeigen. Für die Mutter, so schien es ihr, hat sich die Frage erst gar nicht gestellt. Sie praktizierte zu der Zeit nichts, was auf ihr Judentum hindeutete. Oder doch? Bestimmte Dinge kochte sie nicht, aß sie nicht. Eine Erklärung dafür gab sie nicht. Eine ziemlich komplizierte Angelegenheit also. Man muss sich das so vorstellen: Die ältere Schwester kam nach der Befreiung in die Schweiz zu einem evangelischen Pfarrerspaar. Dort gab es alles, was es in Deutschland nicht gab. Schuhe, Süßigkeiten, Ordnung. Die Pfarrersleute gingen arme Leute besuchen, am Wochenende nahmen sie das Kind mit in den Gottesdienst. Am Ende wollte das Kind evangelisch werden. Die Mutter dachte wahrscheinlich: Wenn schon, dann alle und auf einmal. Damit zu tun haben wollte sie selbst derweil nichts. Das war, sagt Dischereit, irgendwie völlig disparat. Dann ist sie mit ihrer Mutter nach Darmstadt gezogen. Da gab es eine jüdische Gemeinde und die Töchter wurden sofort in den hebräischen Religionsunterricht geschickt. Jüdisch, Hebräisch, alles zusammen. Völlig bruchlos. Ab jetzt gab es eben das. Und dann ist sie jüdisch erzogen worden: «Ich spielte Königin Esther.» Gab es einen Bruch mit der jüdischen Herkunft, im jugendlichen Alter, in der Pubertät? Nein, es hat keinen Sinn so zu fragen. Dieses Leben wurde nicht fortgesetzt. Die Mutter starb und die Töchter kamen zum Vater. Der lebte ganz anders, ist Nicht-Jude. Um diese Dinge kümmerte sich niemand. Es gab keine Gemeinde. Und so gab es dann jahrelang Brüche. Die Frage nach dem Jüdischen stellte sie sich erst wieder, als sie entscheiden musste, in welchen Kindergarten ihre eigene Tochter gehen würde. Das war ihr dann ziemlich wichtig. Ja und dann schrieb sie 1988 dieses Buch - «Joëmis Tisch. Eine jüdische Geschichte.» Die Freunde sagten damals: Ich wusste gar nicht, dass dich diese Dinge so beschäftigen. Damit hatten sie Recht. Sie hatte nicht mit ihnen darüber gesprochen, hatte nicht geglaubt, dass man mit ihnen darüber sprechen kann.
Bewegte politische Jahre Zuvor war Esther Dischereit politisch aktiv. Zehn Jahre lang kommunistisch organisiert. Das war die Zeit der Berufsverbote, das bekam auch sie zu spüren. Von der Schule war sie direkt an die Universität gegangen, wollte Lehrerin werden, aufgrund ihrer Kandidatur für die Roten Zellen bei den Wahlen zum Studentenparlament blieb ihr das verwehrt. Esther Dischereit ging «in den Betrieb», ging die Arbeiterklasse nicht besuchen, sondern wurde Arbeiterklasse. Sie macht alles mit Konsequenz. Ein Problem, das sich durch ihr Leben zieht, sagt sie heute. Erst hat sie im Akkord gearbeitet, in der Metall- und Elektroindustrie. Dann ist sie in die Druckindustrie gegangen, hat ihren Facharbeiterabschluss als Schriftsetzerin gemacht. In dieser Zeit schrieb sie ihr erstes Buch. Fast unter der Maschine, wie sie sagt. Zunächst schrieb sie Kinderbücher, davon hat sie allerdings nur eins veröffentlicht. In Wirklichkeit arbeitete sie längst an «Joëmis Tisch», hatte aber große Schwierigkeiten, das bei einem Verlag vorzulegen, weil sie große Schwierigkeiten damit gehabt hätte, wäre es abgelehnt worden. «Heute morgen hat meine überlebende Schwester angerufen und zum ersten Mal, seit ich mich erinnern kann, in meiner Gegenwart das Wort „Auschwitz" ausgesprochen. Es hat aus ihrem Mund geklungen, wie ein unanständiges Wort.» Die Autorin liest eine Passage aus ihrem Buch «Mit Eichmann an der Börse». Was bedeutet das Wort «Auschwitz» für eine Vertreterin der Zweiten Generation nach der Schoa? Sie, die für gewöhnlich ganze Bücher darüber schreibt, könne sich jetzt - auf «Auschwitz» beziehen und sagen: Über Auschwitz zu sprechen, hat den Vorteil, nicht von seinem Nachbarn sprechen zu müssen, auch nicht über Familien, deren Kinder mit Freude Deutschlandfahnen hissten, in deren Familienerzählung nichts Negatives über das Schwenken der Fahnen in großen Massen überliefert ist. Sie selbst sieht da stets unterlegte Bilder, erkennt Horden junger, fanatisch brüllender Männer im öffentlichen Raum. Sie kann nur hoffen, dass es bei den eher freundlichen Ereignissen bleiben wird, diesem love-in with Germany und sich selbst - dann ist das okay. Es ist auch ganz schön, wie Menschen während der Fußballspiele die Deutschlandfahne wie einen Lungi nutzten, sich einwickelten wie in eine Schürze für karnevaleske Freudentage. Dafür wäre man früher bestraft worden - Schmähung eines nationalen Symbols. Aber das Bedürfnis als solches ist ihr fremd, erfüllt sie mit Schrecken, wenn sie sieht, dass sich in die Massen auch Menschen mischten, die Stahlhelme aufhatten. Sie misstraut dem unschuldigen Hissen von Fahnen, zumindest selbst in die Hand nehmen kann sie keine. Doch sie sieht noch eine andere Seite bei der Sache. «Brot und Spiele - wo ist das Brot?» fragt sie mit Blick auf die Lage im Land. Ein Ballackstel für jeden Harz-IV-Empfänger, wäre das nicht eine gute Idee gewesen? Stimmungen können schnell umschlagen. Das ist, so erinnert sie, 1989 ähnlich gewesen. Es war ihr nach der für sie selbst zweifellos bedeutenden politischen Wende in Ostdeutschland sofort offensichtlich, dass das Bedürfnis nach einer nationalen Identifizierung erstarkte. Aber, so fragt sie in den stillen Raum, was will man davon als Jüdin haben? Obwohl ihre Mutter «ganz eklatant deutsche Jüdin» war, für die es nicht einfach war, sich in den neu gegründeten Gemeinden, meist ein Sammelbecken für «Displaced Persons» und andere Rückkehrer aus verschiedensten Ländern, zu Recht zu finden. Da blieb sie deutsch. «Ich bin ja auch deutsch», sagt Esther Dischereit, «gewissermaßen knalldeutsch». Warum das verdienstvoll sein sollte? Keine Ahnung. Wo leben?
«Inside your body» Sie schreibt, dass es ihr nie selbstverständlich geworden ist, in Deutschland jüdisch zu sein. Ja, zweifellos, sagt sie, ist sie Jüdin in Deutschland. Im Grunde hat sie damit auch kein besonderes Problem, kennt schließlich kein anderes Land so gut wie dieses. Hier ist sie geboren. Es geht ihr vielmehr um diesen Punkt des Lebens als jüdischer Mensch in Deutschland. Sie sagt auch jetzt: Es ist mir nicht selbstverständlich, in Deutschland jüdische Bürgerin zu sein, weil es eben diese «Abwesenheit der Normalität» gebe. Damit macht sie, wie sie betont, keine Aussage über andere Länder, in denen es besser oder schlechter wäre. Erst neulich habe sie sehr genervt auf die Frage reagiert, wo ihrer Meinung nach eine Jüdin heute leben sollte. Da sagte sie: «Inside your body.» Ansonsten vielleicht in den USA. Das kann sie sich vorstellen. Vielleicht. Allerdings nur, weil sie weit weg ist - eben hier. Es gebe ja auch Leute, die behaupten, Israel sei die bessere Aufgehobenheit für jüdische Zustände. Nicht für Esther Dischereit. Sichtbar allergisch reagiert sie auf jedweden Nationalismus, auch auf den israelischen.
Heimat in der Sprache? Esther Dischereit hat in der deutschen Sprache ihren Platz gefunden. Oder kann sie sich vorstellen, in einer anderen Sprache zu schreiben? Ja, das kann sie. Sofort, wenn sie in die USA reist und viele englische Worte aufgepickt hat, bemerkt sie, wie diese anfangen, in ihre Texte schlüpfen. Sie bedauert, nicht virtuos genug zu sein, um in anderen Sprachen schreiben zu können. Trotzdem interessieren sie die Ausdrucksmöglichkeiten fremder Sprachen für bestimmte Zustände. Und überhaupt, das mit der Heimat in der Sprache. Ja, ja. Nein, nein. Das ist für sie alles schon behaftet und festgelegt, von denjenigen, die erklären: Sie fanden in der Sprache ihr Exil, auch ihre Heimat. Von sich möchte sie das nicht behaupten: «Ich gehöre der Sprache einfach zu wenig.» Wenn Esther Dischereit das sagt, klingt das nicht bedauernd. Für sich jedenfalls nimmt sie nicht in Anspruch, ihre Heimat in die Sprache, in einen virtuellen Raum, verlegt zu haben. Denn natürlich lebe sie da, wo sie schon lange lebt. Komfortabel und vertraut, da sind die Freunde. Und das ist dann irgendwie Heimat für sie. Aber für dieses «Bambi-Heimatgefühl» hat sie nichts übrig. Auch im Jüdischen findet sie nicht «die Heimat». Mit dem Jüdischen lebt sie am längsten - genau so lange wie mit dem Deutschen übrigens. Und dann lebt sie noch ziemlich lange mit ihren Kindern. Immer wieder tauchen ihre Töchter im Gespräch auf. Zuhause sind sie gerade nicht. «Heimat» kann für Esther Dischereit aber auch ein Gegenstand sein. Einer, den man mitnimmt durch die Länder wie einen Koffer. Eine Verbindung, noch nicht einmal Verortung, das wäre schon zu viel, eine Verbindung, die findet sie natürlich im jüdischen Denken. Aber was das Jüdische genau wäre, das wäre zu fragen. Wahrscheinlich würden Theologen jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber, so Dischereit beim Versuch, ihr Judentum zu definieren, vielleicht sei es am Ende nur Mizwa, eine bestimmte Eingebundenheit des Daseins im Anderen. Das Wissen darum ist mal stärker, mal schwächer und es hat sicher nichts mit rituellen Vorgängen zu tun. Obwohl, das schließt sie nicht aus, manchmal helfen sie, um diese Bewusstheit zu evozieren. Neben dieser Art zu denken, empfindet sie natürlich noch eine ganz elementare Zugehörigkeit: Es gibt einfach noch so fürchterlich viel zu tun. Die Folgen der Schoa sind über so viele Generationen vorhanden. Sie fühlt sich zugehörig, auch wenn sie sich in der Literatur umschaut. Deshalb hat sie Schlinks «Vorleser» mit spitzen Fingern aus der Wohnung getragen, konnte dessen Anwesenheit nicht ertragen. Auch W. G. Sebald ist ihr suspekt. Ist es nicht so, dass seine Protagonisten gezeichnet sind vom Holocaust und dann gewöhnliche Tode sterben? Wir erfahren, dass üblicherweise also trotzdem gewöhnliche Tode gestorben werden. Ist es das, was wir wissen sollen?
Die weibliche Stimme Esther Dischereit verleiht aber nicht nur der jüdischen, sondern auch der weiblichen Stimme in ihrer Literatur Ausdruck. Das Weibliche, das ihr genauso gegeben ist, wie das Jüdische. Esther Dischereit lacht bei dem Vergleich. Ja, da kann man auch nicht aussteigen. Obwohl, wenn man sich mit Judith Butler beschäftigt, diese Gewissheiten dahinschwinden: «Die konsequente Anwendung von Judith Butler auf die Frage des Jüdischen wäre auch mal schön.» Das Weibliche ist ungefähr so zu ihr gekommen wie das Jüdische. Dischereit nimmt den Vergleich auf. Es war einfach irgendwie da. Sie hat auch nichts dagegen, über andere Zustände des Lebens zu schreiben, zweifelt nur daran, ob sie das kann. Deshalb hat sie ja in «Merryn» (1992) beschrieben, wie Verletzungen in den Körper eindringen. Da gibt es eine Ausgesetztheit gegenüber männlicher Gewalt, wie sie nur Frauen als Frau erleben können. Weil ihr aber die Ausdrucksformen der Sprache in ihren Grenzen immer wieder bewusst werden, beschäftigt sie sich in der letzten Zeit auch stark mit Kunst, Konzeptkunst. Vor allem im Rahmen ihrer Tätigkeit für den DGB hat sie dies getan. Die Arbeit ist nun zu Ende, ihre Stelle wurde gestrichen. Eine spannende Arbeit war das, sagt sie rückblickend, auch zornig, nicht nur angesichts des eigenen verlorenen Arbeitsplatzes. Denn Konzeptkunst arbeite stark mit Prozessen, mit offenen Ausgängen, mit Interventionen, so dass im klassischen Sinne Kunstwerke zu schwimmen beginnen. Wo ist der Alltag? Wo ist der Eingriff? Wo ist die Kunst? Das schiebt sich ineinander. Das interessiert sie sehr. Auch Künstler, die Themen wie Innen und Außen behandeln. Um dann zu sehen, was bedeutet das für die Sprache. Deshalb hat sie auch immer wieder mit Musikern gearbeitet. Das gab ihr die Möglichkeit, die festgelegten Ausdrucksmöglichkeiten zu verlassen, zu transzendieren und ineinander zu schieben. Die Grenzen zu erweitern, wie sie es nennt. Etwa die drei Punkte als Auslassung, die sie so faszinieren, oder die Stille von John Cage. Deshalb begann sie irgendwann damit, Hörstücke zu schreiben. Wie können Dinge, die nicht sprechbar sind, gesprochen werden, den für alle zugänglichen Raum betreten? Als sie am Anfang des Gesprächs nach Auschwitz gefragt wurde, hat sie nichts sagen können. Es ging nicht. Es funktioniere nicht zu sagen: Niemals vergessen! Oder solche Sachen, die manchmal auf der ersten Seite eines Zeugnisberichts stehen. Die seien natürlich für sich richtig und doch ganz hilflos: Die Menschen schreiben, um Zeugnis abzulegen, und in dem Moment wissen sie bereits um die Hilflosigkeit ihres Vorhabens. Das ist das Problem, das Primo Levi beschrieben hat oder Kertész. «Natürlich muss man Zeugnis ablegen, aber es nützt nichts, also was tue ich an dieser Stelle?» Sie selbst hat den Weg über die Lyrik genommen. Erst nachdem sie ein Jahr lang nichts anderes als Gedichte geschrieben hatte, war es ihr möglich, die Prosa fortzusetzen. Sie findet in der Lyrik die vielfältigsten Ausdrucksmöglichkeiten, weit mehr als in der Prosa. Diese Berührungspunkte mit dem Anderen, von dem sie bereits sprach.
Konzeptkunst als Luxus? Und die Kulturarbeit beim DGB? Sie kann nur sagen, dass ihre Stelle gestrichen wurde. Ob der DGB weiter Kultur machen will, steht für sie dahin. In der bisherigen Form offensichtlich nicht. Dabei hat sie das Gefühl, der Gesellschaft etwas gegeben, ein anderes Verhältnis zu den anderen in der Gesellschaft geschaffen zu haben. Scheinbar, so mutmaßt Dischereit, hält man das mehrheitlich inzwischen für eine luxuriöse Angelegenheit. Als sie 2003 alle Energie daran setzte, zusammen mit einer Initiative ein Denkmal für den Aufstand am 17. Juni 1953 zu errichten, hat sie geahnt, dass nie wieder die Chance für ein solches Denkmal besteht. Alle fanden das gut, am Ende wollten die Politiker mittun. Es gehe nicht nur darum, etwas zu bewirken. «Das alles wirkt ja auch auf mich und mit mir.» Eines bleibt stets schwierig zu vermitteln: Kunst kann nicht unmittelbar in Dienst gestellt werden. Das ist natürlich schwer zu akzeptieren, für den, der das Geld dafür gibt. Auch andere Themen wie Menschenhandel, Zwangsprostitution oder Flüchtlingselend versuchte sie zu thematisieren. Kunst kann da große Räume aufmachen. Als sie im DGB-Haus eine Installation für die Kinder («Zeugen der Erinnerung» von Valentina Pavlova, 2002), die in der «Euthanasie» getötet wurden, betreute, gab es zur gleichen Zeit einen Streik der Bauarbeiter. Viele gingen täglich ein und aus, holten Streikgelder ab und organisierten die Auseinandersetzung. Die Fotos der Kinder waren unmittelbar auf dem Fußboden ausgelegt. Doch niemand hat auf die Bilder am Boden getreten. Man arbeitet in einem solchem Moment mit der Irritation, keiner rechnet mit einer solchen Installation an einem solchen Ort oder zu solch einem Anlass, beschreibt sie ihre Auffassung, die damals mit «Haus ihrer Worte», einer Installation für Autoren, die weltweit für ihre Texte im Gefängnis sitzen, anfing. Glaubt sie am Ende doch, dass ihre Worte etwas bewirken können? «Nö. Ich sag immer, ich kann nichts anderes. Und wahrscheinlich macht es mir auch Spaß», sagt die Schriftstellerin und zieht einen der riesigen Vorhänge beiseite. Es kommt ein kleines, fast quadratisches Fenster mit Blick auf die S-Bahn zum Vorschein. Im Herbst erscheint ihr Gedichtband «Im Toaster steckt eine Scheibe Brot.» Darin beschreibt Esther Dischereit nicht nur die Unmöglichkeit des unbeschwerten Badens im Plötzensee, sondern auch Rehe. Ob das heute überhaupt möglich sei, fragt sie und kann es selbst kaum glauben. |