Foto: Archiv

Notfalls mit Putins Hilfe

 

Albert Meyer hielt mit seinem liebsten Wunsch nicht lange hinter dem Berg: Einen «Orden von Putin» hätte er gern. Verbunden war das im Jahr 2005 an höchste deutsche Stelle gerichtete Anliegen mit einer eindeutigen Hoffnung: «Dies hätte durchschlagenden Erfolg und wäre sehr wahrscheinlich noch für die nächsten zwei Jahrzehnte eine Garantie zum Wahlerfolg.» Doch der Wunsch des damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sollte sich nicht erfüllen. Das Ende ist bekannt, keine zwei Monate später war Meyers Zeit als Gemeindechef abgelaufen.

Dennoch bleibt der schriftlich bekundete Wunsch nach Dekorierung durch Russlands Präsidenten mehr als eine belustigende Anekdote am Rande. Denn dieser Tage ist es just jener Albert Meyer, der den deutschen Blätterwald zum Rauschen bringt, indem er vollmundig die Gründung einer eigenen Gemeinde auf Berliner Boden ankündigt. Er fühle sich, so ließ er wissen, gemeinsam mit anderen «Alteingesessenen» zunehmend aus dem Gemeindeleben gedrängt. Ausgerechnet Albert Meyer, der offenbar keine Probleme damit hat, sich mit dem wenig demokratischen Herrscher Russlands einlassen zu wollen, um bei den aus der ehemaligen Sowjetunion zugewanderten Gemeindemitgliedern Punkte zu sammeln.
Es riecht danach, als sei es ihm damals ausschließlich um das gegangen, was er kurze Zeit später als Grund für seinen Rücktritt als Gemeindevorsitzender angab: Um Macht. Als sich abzeichnete, dass auch in Zukunft kaum mehr Aussicht darauf bestehen würde, abhängig vom Stuhl des Vorsitzenden der Hauptstadtgemeinde, zog Meyer die Konsequenz, eben eine eigene Gemeinde aufzumachen. Dass Meyer einzig und allein seine nun allenthalben beschriebene «Prominenz», sprich seine Wahl zum Gemeindevorsitzenden, eben jenen beschimpften Zuwanderern verdankt, wird in den eifrig berichtenden Medien unterdessen nicht beachtet. Ebenso wenig, dass Meyer, auch das zeigt sein Brief, offenbar keine Probleme damit gehabt hätte, auch weiterhin mit den Zuwanderern zu leben - natürlich nur unter seinem Vorsitz versteht sich.

Hauptsächlich offenbart Meyers Brief jedoch die vollkommene Unkenntnis der russischen Gemeindemitglieder, ihres Fühlens und Denkens. Auch die nun gefallene Wortwahl bringt dies ans Licht: Von zum Teil «stalinistischen Methoden» war die Rede oder «Pseudo-Bolschewiken». Dass Juden auch in der Sowjetunion, insbesondere in der Zeit unter Stalin, massivsten Verfolgungen ausgesetzt waren, also gerade unter denjenigen, die den Stalinismus am eigenen Leib erfahren haben, wenig Sympathien für stalinistische Methoden bestehen, vergißt er. Und auch nicht für das heutige Russland Putins.

Das grundsätzliche Problem für die jüdische Gemeinschaft Deutschlands besteht allerdings darin, dass hierzulande nur diejenigen Personen als Juden gelten dürfen, die sich zum religiösen Judentum bekennen. In Russland sind die Juden jedoch bereits seit 300 Jahren auch eine ethnische Gruppe, unabhängig vom Bekenntnis. Die Vorstellung, die Meyer und seine nach eigenen Angaben 300 Mitstreiter an den Tag legen, darunter der renommierte Historiker Julius H. Schoeps, dass Juden in den jüdischen Gemeinden in erster Linie zusammenkommen, um zu beten, zeugt davon, dass auch die Auserwählten dieses künftigen exklusiven Clubs der Alteingesessenen wenig über Geschichte ihres eigenen Volkes zu wissen scheinen.

Ein anderer ehemaliger Vorsitzende der Berliner Gemeinde, Rabbiner Andreas Nachama, sagt dazu: «Die jüdischen Gemeinden hatten 1933 in Berlin etwa 150.000 Mitglieder, aber nur rund 20.000 Synagogenplätze. Daran sieht man: Es gab bereits damals eine starke säkularisierte Mehrheit. In Berlin war es ja nie wie im Stetl. Die Gemeinden haben schon lange auch eine Funktion als Kulturvereine». Nachama lenkt den Blick deshalb auf einen anderen Aspekt von Meyers Aussage, die Gemeinde werde zunehmend ein «russischer Kulturverein». Betont man bei dieser Aussage den «Kulturverein», dann wird aus der Auseinandersetzung zwischen «Deutschen» und «Russen» auch eine Auseinandersetzung, die das deutsche Judentum an sich betrifft. «Uns eint nur die deutsche Sprache», so Meyer über sein Verhältnis zu Schoeps, der im Übrigen seit längerem kein Mitglied der Berliner Gemeinde mehr ist. Jedenfalls hatten sich die beiden im April 2004 im Streit getrennt. Dies allein widerspricht der Illusion eines geeinten «deutschen» Judentums auf der einen, wie natürlich auch eines homogenen «russischen» Judentums auf der anderen Seite. Was die «deutsche» Seite angeht sei hier nur daran erinnert, dass es auch hier schon immer eine Anzahl von Menschen gab, denen aufgrund ihrer Weigerung, sich dem «offiziellen» Judentum um Zentralrat und Synagoge anzuschließen, nichts anderes übrig blieb, als sich lediglich im Privaten ihrem Judentum zuzuwenden. Wer sagt eigentlich, dass nicht auch auf deutscher Seite ein Bedürfnis an jüdischen Kulturvereinen besteht?

Schlimm ist die nun eröffnete bundesweite Schlammschlacht allerdings vor allem deshalb, weil sie sich, reichlich unreflektiert, in allen möglichen Medien widerspiegelt. Da mischen sich munter gängige Aversionen gegen «Russen» im Allgemeinen mit gern verbreiteten Vorurteilen gegen Juden im Besonderen. Zumindest das hätte den Querulanten durch die historische Parallele zu der ganz ähnlichen Diskussion über die Zuwanderung der «Ostjuden» im Kaiserreich und der Weimarer Republik bewusst sein müssen: Wer Vorurteile säht, dem werden sie auf die Füße fallen. Die Folge ist eine wahre Flut an Berichten über das Leben in den jüdischen Gemeinden, wie jüngst im «Stern». Hier von holzschnittartiger Beschreibung der dargestellten Personen zu reden, wäre untertrieben. Am Ende solcher Artikel stehen dann alle, die am jüdischen Leben in Deutschland teilhaben, als die Dummen da - bis hin zur Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch. Dabei wird übrigens auch immer wieder gern das Bild gezeichnet, eine steigende Zahl von Mitgliedern verlasse aufgrund der «russischen Dominanz» die Gemeinde in Berlin. Ein Blick auf die Statistik verrät jedoch eindeutig, dass die Zahl der Austritte seit 2002 erstaunlich konstant ist, von einer Steigerung keine Rede sein kann.

Und was macht der Zentralrat? Dessen Generalsekretär Stephan J. Kramer ließ über die Presse mitteilen, dass man sich «nicht mehr länger vornehm zurückhalten» könne. Konkrete Schritte aber lassen derzeit noch auf sich warten. Kramer schließt eine Kandidatur als Gemeindevorsitzender in Berlin derweil nicht aus. Ob er die Probleme allerdings wird lösen können, ist fraglich. Da Berlin aber nur eine von vielen deutschen jüdischen Gemeinden ist, in der es Streit zwischen «alteingesessenen» und «neuen» Mitglieder gibt, müsste der Zentralrat endlich ein übergreifendes nationales Konzept vorlegen, statt die Probleme weiter zu ignorieren.

Eine genauere Analyse der Berliner Streitigkeiten offenbart, dass es sich hier um die privaten Animositäten älterer Herren handelt. Aber auch, dass sich dahinter schwerwiegende Gegensätze darüber verbergen, was es heißt, im Deutschland unserer Tage jüdisch zu sein. Ihren Gegnern sei daran gelegen, alle zu verdrängen, «die für die deutsch-jüdische Tradition eintreten», ließen Meyer und Schoeps verlautbaren. Man könnte süffisant fragen, wie «die» deutsch-jüdische Tradition denn bitteschön aussieht? Zionistisch? (Neo-)orthodox? Atheistisch? Bestand sie nicht zum Großteil im Weg der Akkulturation und Assimilation? Nur ein Narr könnte hierbei die Diskussionen, ob dieser Weg nun geglückt sei oder nicht, außer Acht lassen. Die Frage muss daher viel eher lauten, warum man nicht die Chance ergreift, mit den Zuwanderern zusammen und unter Berücksichtigung und Akzeptanz der jeweiligen kulturellen Unterschiede, eine neue und zukunftsträchtige deutsch-jüdische Tradition zu begründen. In der Vergangenheit zeichnete sich diese vor allem durch ihre Pluralität aus. Man kann natürlich auch den Grundsatz von Albert Meyer und Julius H. Schoeps verfolgen und wird binnen kurzer Zeit ein erstaunliches Ergebnis haben: Zwei Juden, drei Gemeinden.

Moritz Reininghaus

«Jüdische Zeitung», April 2007