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«Oase des Friedens»In Neve Shalom / Wahat al-Salam leben Juden und Araber bewusst zusammen
Drei mal täglich schlängelt sich der Bus über Serpentinen in die Hochebenen vor Jerusalem. Vorbei an Dattelbäumen und Orangenplantagen, himmelblauen Seen und sommergrünen Feldern. Die letzte Station trägt einen Doppelnamen: «Neve Shalom» und «Wahat al-Salam». Übersetzt bedeuten die hebräischen und arabischen Worte «Oase des Friedens». Ein pathetischer Name für eine verschlafene Siedlung, gelegen inmitten des seit rund 60 Jahren von Feindschaft und Bürgerkrieg erschütterten Staates Israel. Doch im Schatten der Olivenbäume schlummert eine revolutionäre Idee: in Neve Shalom leben Juden und Araber friedlich miteinander, ihre Kinder gehen in ein und dieselbe Schule. Selbst Gottesdienste organisieren die Einwohner im gemeinsamen Haus «Doumia/Sakina», dem Ort des Schweigens.
«Israel ist meine Heimat» Ahmad Hijazi sitzt hinter seinem mit Akten und Geschäftsbriefen überladenen Schreibtisch bei der Lokalverwaltung und trinkt Schwarztee mit «Nana». Die frische Pfefferminze macht aus gewöhnlichem Tee ein israelisches Nationalgetränk. Auch für Ahmad Hijazi. Dass er Araber ist, tut nichts zur Sache. «Israel ist meine Heimat, ich lebe gerne hier», sagt er. Umso mehr irritiert den 39jährigen Moslem die soziale und ethnische Ungleichheit zwischen Juden und Arabern, die ihn vor dreizehn Jahren nach Neve Shalom geführt hat. Auch für die polarisierenden Sprüche mancher etablierter israelischer Politiker hat er wenig übrig. Fast täglich, so Hijazi, sprächen jüdische Knesset-Abgeordnete im Radio von den Moslems als «den Feinden Israels». Dabei habe er sein Leben lang Steuern gezahlt. «Wenn sich bei Ihnen ein Bundestagsabgeordneter genauso abschätzig gegenüber religiösen Gruppen äußert, muss er innerhalb weniger Tagen seine Partei verlassen», sagt der Palästinenser. «In Israel werden Leute wegen solcher Sprüche ins Parlament gewählt.» Hijazi schüttelt kommentarlos den Kopf.
Dorfkooperative seit 1972 Die Dorfkooperative Neve Shalom ist 1972 als Protestbewegung gegründet worden. Auf einem Hügel, der gleich weit von Tel Aviv, Jerusalem und Ramallah entfernt liegt. Fünf Jahre später zog die erste Familie dorthin. Inzwischen sind es fünfzig: Eine Hälfte der Einwohner jüdisch, die andere arabisch. Die meisten arbeiten in den umliegenden Städten, nur wenige bleiben wie Ahmad Hijazi auch tagsüber im Dorf. «Zwei Tage die Woche fahre ich nach Jerusalem», sagt er. «Aber eigentlich will ich hier gar nicht mehr weg.» Vielen Besuchern scheint es ähnlich zu gehen: sie wollen bleiben. Inzwischen wurde eine Warteliste für Interessenten eingerichtet, denn das Dorf ist schon bis an seine Grenzen besiedelt. Besonders interessant für die Anwärter sind die gemischten Angebote für Kinder und Jugendliche, zum Beispiel die gemischt-religiöse Grundschule.
Gemeinschaft durch Respekt Schulleiter Fayeze Mansour ist jemand, der sich Zeit nimmt. Er schlendert über den Pausenhof, bleibt vor dem Eingang stehen, plaudert mit einigen Schülern. Der 56jährige leitet zwar erst seit drei Jahren die Grundschule in Neve Shalom, unterrichtet aber schon viel länger dort. Besonderen Wert legt er auf das Fach Geschichte. «Wir versuchen, bei den Schülern das Interesse für ihre eigene Vergangenheit zu wecken, um den Respekt vor anderen Kulturen zu lehren», sagt Rektor Mansour. «Denn nur mit Respekt voreinander können wir auch zusammenleben.» Erste Gehversuche mit der anderen Sprache und Kultur machen die jüdischen und arabischen Schüler bereits im Kindergarten. In der ersten Klasse werden die Erfahrungen intensiviert, dort unterrichten in jeder Schulstunde zwei Lehrerinnen, jeweils in ihrer Muttersprache. Eine Einheit Biologieunterricht kann in Neve Shalom wie folgt aussehen: Die Schüler diskutieren, wie man verletzte Tiere behandelt. Zehn von ihnen sprechen arabisch, die restlichen acht hebräisch. Wortfetzen beider Sprachen fliegen durcheinander. Die Lehrerinnen sammeln Begriffe an der Tafel, stellen sie in Beziehung zueinander. Sprache und Schrift der fremden Kultur werden mit der eigenen verknüpft - nur zum Unterricht in der Muttersprache teilt sich die Gruppe. Nach einigen Schuljahren können die Kinder dann uneingeschränkt miteinander kommunizieren. Für sie gibt es weder Sprachbarrieren noch einen jüdisch-islamischen Religionskonflikt, der die ethnischen Gruppen voneinander trennt. In der Dorfgemeinschaft Neve Shalom sind alle gleich. «Gemischte Schulen sind unserer Ansicht nach der erste Schritt zum Frieden», meint Ahmad Hijazi von der Stadtverwaltung. Er weiß jedoch, dass seine Grundschule ein Luxus ist, den sich nicht jeder leisten kann: da es keine staatliche Förderung für das Projekt gibt, wird von den Eltern ein Schulgeld verlangt. Und ohne Auto läuft gar nichts - die meisten der 140 Schützlinge kommen nicht aus dem Dorf, sondern aus der Umgebung. «Die Eltern bringen ihre Kinder morgens zur Schule und holen sie abends wieder ab», sagt Hijazi. «Das nimmt eine Menge Zeit in Anspruch.» Wer weder Zeit noch Geld hat, wird sich für seine Kinder keinen Schulplatz leisten können. Und obwohl im Jahr 1997 das Erziehungsministerium dem Projekt den Status einer «Versuchsschule» verliehen hat, entwickelte sich das Modell in anderen Gegenden kaum. Die meisten Israelis und Palästinenser sind noch nicht bereit für einschneidende Veränderungen.
Gemeinsamer Ort zum Meditieren Umso utopischer ist die Idee einer gemeinsamen Gebetsstätte. «Doumia» oder auch «Sakina», das Haus des Schweigens, ist ein Ort zum Nachdenken, Meditieren und Beten. «Mit Doumia wollen wir zeigen, dass die Menschen in der Stille Gemeinschaft erleben können», sagt Ahmad Hijazi. «Auch wenn sie getrennt sind durch die Unterschiede ihres Glaubens oder ihrer Kultur.» In einem Gesprächskreis diskutieren die Dorfbewohner über die Rolle ethischer und spiritueller Werte in Erziehung und Konfliktmanagement. «Demnächst soll noch ein weiteres Haus gebaut werden, für gemeinsame Seminare, Gottesdienste und Begegnungen», verrät Hijazi. Es soll ein Haus des Lernens werden, das eine Bibliothek enthält und das Studium beider religiösen Traditionen ermöglichen soll - der jüdischen und der arabischen. Dass nicht alle Seen in Israel himmelblau und alle Felder sommergrün sind, wie in Neve Shalom, weiß auch Ahmad Hijazi. «Unsere Bewegung zeigt Wege zum Frieden zwischen jüdischen und arabischen Israelis», sagt er. Einen gemeinsamen Staat mit Palästina dagegen kann auch er sich nicht vorstellen. «Eine Zwei-Staaten-Lösung, in denen die israelische Regierung die Grenzen auf die von 1967 zurückfährt - das könnte akzeptiert werden. Ein gemeinsamer Staat, das ist ein Traum für irgendwann.» Hijazi blickt aus dem Fenster, als versuche er, sich diesen Staat jenseits der Stadtgrenze vorzustellen. Doch da steht nur der Bus. Er ist bereit zur Abfahrt, zurück in die Realität. |