Verhinderter Holocaust in Nahost

Wie die Nazis den Judenmord selbst in Palästina vorbereitet hatten

 

Nachdem Tel Aviv im Mai 1941 zum wiederholten Male bombardiert worden war, machte sich unter der jüdischen Bevölkerung Palästinas die Überzeugung breit, dass der nächste Stoßangriff Nazi Deutschlands gegen Palästina gerichtet sein werde. Die zionistische Untergrundarmee Haganah begann Pläne zu schmieden, wie man sich verteidigen solle, wenn deutsche Truppen tatsächlich Palästina erobern würden. Welches Schicksal die Juden in Palästina zu gewärtigen hätten, daran konnte es keinen Zweifel geben, nachdem die ersten Nachrichten über Massenerschießungen von Juden in der Sowjetunion auch in Palästina bekannt geworden waren. Im Irak war der arabische Naziagent Raschid Ali an die Macht gekommen. Im Norden Palästinas griff Syrien an, das vom faschistischen Vichy Frankreich beherrscht wurde. Die Wehrmacht war nahe daran, eine militärische Zangenbewegung zu vollführen, indem die «Wüstenfüchse» des Generals Erwin Rommel im Juni 1941 von Ägypten her sich mit den über den Kaukasus vorstürmenden Nazitruppen im Mittleren Osten vereinen und Palästina in ihre Gewalt bringen sollten. Die Briten ihrerseits ließen erkennen, dass sie im Falle der Einnahme Alexandriens durch die Deutschen Palästina preisgeben und sich bis zum Irak zurückziehen würden. Kurz: Die vor dem Nazi Terror nach Palästina geflohenen Juden hätten dann endgültig in der Falle gesessen. In seinen Erinnerungen hat der Historiker Walter Grab, der vor den Nazis aus Wien nach Palästina geflohen war, seine damaligen Ängste in kafkaesker Weise wie folgt beschrieben: «Während die Naziheere [...] in El Alamein bis auf 500 Kilometer Luftlinie nahe kamen, während der Massenmord an den europäischen Juden in den Vernichtungslagern in Polen begann, suchten junge, dem Naziterror entronnene Juden in der zionistischen Heimat geistige Zuflucht bei den Schätzen der deutschen Klassik».

Währenddessen wartete in Athen ein «Einsatzkommando Ägypten» unter SS Obersturmbannführer Walther Rauff, das nach dem Muster der SS Einsatztruppen marodierend über die jüdische Bevölkerung Palästinas herfallen sollte, auf den Marschbefehl. Dieses Kommando hatte beim Judenmord in der Sowjetunion bereits hinreichend Erfahrung gesammelt, die es jetzt als mobile Todesschwadron erneut unter Beweis stellen sollte.

Die Hintergründe dieses Plans, der die «Beseitigung der jüdisch nationalen Heimstätte in Palästina» zum erklärten Ziel hatte und von den alliierten Truppen vereitelt wurde, beleuchten jetzt die beiden Historiker der Ludwigsburger Forschungsstelle, Klaus Michael Mallmann und Martin Cüppers, in einem viel beachteten Aufsatz, den sie in der Festschrift zu Konrad Kwiets 65. Geburtstag veröffentlichten.

Der Auftrag des in Übereinstimmung mit der Wehrmacht stehenden SS Kommandos war unzweideutig: Die Truppe der radikalen Weltanschauungskrieger war befehlsgemäß berechtigt, seine «Aufgaben in eigener Verantwortung gegenüber der Zivilbevölkerung Exekutivmaßnahmen» durchzuführen. Das war die wortwörtliche Übernahme jenes Textes, der seit dem Vorjahr die Grundlage für den Massenmord der Einsatztruppen in der Sowjetunion bildete. Angesichts der Rommelschen Erfolge formulierte Hitler im Oktober 1941 gegenüber Himmler und Heydrich seine «Endlösungs» Vision für Palästina so: «Es ist gut, wenn uns der Schrecken vorangeht, dass wir das Judentum ausrotten. Der Versuch, einen Judenstaat zu gründen, wird ein Fehlschlag sein». Aber zur tödlichen Mission hinter Rommels Panzern kam es dann doch nicht: Der britische Feldmarschall Bernhard Montgomery stellte sich dem deutschen Afrikaheer erfolgreich entgegen.

Es lohnt sich, einen Blick auf die blutige Karriere Rauffs zu werfen, der Hauptverantwortlicher im Reichssicherheitshauptamts (RSHA) für die Fertigung und Lieferung jener Gaswagen wurde, in denen mindestens 200.000 Menschen ermordet wurden. 1946 konnte er aus einem Kriegsgefangenenlager entkommen, versteckte sich anschließend achtzehn Monate in einem Kloster in Rom und ließ sich schließlich 1958 in Chile nieder. Der Auslieferungsantrag der Bundesrepublik wurde 1963 abgelehnt, da die Rauff zur Last gelegten Verbrechen nach chilenischem Recht «verjährt» seien. Rauff starb 1984 im chilenischen Las Condes, ohne für seine hunderttausendfachen Morde zur Rechenschaft gezogen worden zu sein.

So sehr die beiden Autoren bemüht sind, ihre Forschungsergebnisse, die sie aus Archivakten des Auswärtigen Amtes, des Militärarchivs Freiburg und in der Zentralen Stelle zur Verfolgung von NS Verbrechen geschöpft haben, in den Vordergrund zu rücken, lassen sie doch die Frage unbeantwortet, ob und inwieweit General Rommel selbst in die «Endlösungs» Päne des Palästina Einsatzkommandos, das seinem Befehl unterstanden hätte, eingeweiht war. Dies hätte wohlmöglich dazu geführt, den Nimbus des «sauber» kämpfenden Afrikakorps zu zerstören. Rommel selbst, den bis heute Mythen und Legenden umranken, wäre wohlmöglich in ein anderes Licht gestellt als es der Nachwelt überliefert ist.

Dass der Großmufti von Jerusalem, Hadsch Amin al Husseini, bei seinem Treffen mit Hitler in Berlin Ende November 1941 um des Führers Unterstützung bei der «Befreiung» Palästinas von den Zionisten buhlte, ist seit langem bekannt. Dabei ging es unter anderem um die Einrichtung einer arabischen Legion unter Schirmherrschaft der Wehrmacht - der antisemitisch motivierte Schulterschluss der Araber mit dem Dritten Reich wurde vollzogen. Im Kampf Deutschlands gegen das Weltjudentum fühlten sich die Araber mit Deutschland auf das engste verbunden. Der als Exilant in Berlin lebende Mufti hielt einen operativen Kontakt zu Reichsführung, wurde zu Vorträgen eingeladen um machte gelegentlich militärische Vorschläge - darunter einen Plan für die Bombardierung Tel Avivs und den Einsatz von Fallschirmjägern in Palästina. Hussaini entsandte im Rahmen einer Waffen SS eine muslimische Balkaneinheit, wodurch der Mufti in engem Kontakt zu Heinrich Himmler kam. Über das, was diese beiden Männer verband, braucht kaum spekuliert zu werden. Der Mufti erhielt die Zusage, dass nach dem «Endsieg» die virulente «Judenfrage» von Jerusalem aus praktisch angegangen würde.

Bei dem Interesse, das der Aufsatz über das Einsatzkommando bei der Panzerarmee in Afrika 1942 auf sich zieht, gehen die anderen Beiträge, aus der Feder renommierter, ausgewiesener Beiträger ein wenig unter. Dabei versammelt sich in dieser Festschrift die erste Reihe der deutsch jüdischen und Holocaust Historiographen, die aus ihren jeweiligen Forschungsgebieten Aufsätze beisteuern - u.a. Yehuda Bauer, Hans Mommsen, Monika Richarz, Arnold Paucker, Wolfgang Benz, Christopher Browning. Einzeln betrachtet, bietet der Sammelband eine Fülle neuer Forschungsergebnisse, die im Weitesten um das Thema «Holocaust» kreisen, doch wollen sie sich ihrer Disparität wegen nicht zu einem einheitlichen Ganzen fügen. Die achtzehn Originalbeiträge behandeln die Zeitspanne vom Ende des Kaiserreichs bis zur Gegenwart. Der erste Teil erörtert Kontinuitäten und Zäsuren antijüdischer Politik aus der Verfolger und Verfolgtenperspektive. Der zweite Teil beschäftigt sich mit Tätern und Opfern des Holocaust. Im letzten Teil geht es um Wahrnehmungen und Wirkungen des Holocaust.

L. Joseph Heid

 

 

Jürgen Matthäus/Klaus Michael Mallmann (Hrsg.): Deutsche, Juden, Völkermord. Der Holocaust als Geschichte und Gegenwart, (Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Bd. 7) WISSENSCHAFTLICHE BUCHGESELLSCHAFT, Darmstadt 2006, 340 Seiten, 59,90 Euro

 

«Jüdische Zeitung», Juli 2006