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Sind Diaspora-Juden «unvollkommen»?Identitätskontroverse nach Abraham B. Yehoshuas Essay «Heimatkunde» in «Ha’aretz»
Abraham B. Yehoshua, einer der bekanntesten Schriftsteller Israels, hat mit einem viel beachteten Essay in der Tageszeitung «Ha'aretz» eine hoch emotionale Debatte um die jüdische Identität in Israel und in der Diaspora entfacht. In seinem Beitrag «Heimatkunde» bezeichnet er die Jüdischkeit der Diaspora-Juden als unvollkommen. Nur in Israel sei eine vollständige jüdische Identität möglich, behauptet Yehoshua. Jüdische Repräsentanten aus den USA und von anderswo reagierten mit Empörung. Der «israelische Faulkner», wie die New York Times Yehoshua einst betitelte, war zu einem Symposium des Amerikanisch-Jüdischen Kommitees (AJC) nach Washington eingeladen worden. Das Treffen, das die Zukunft des Jüdischen Volkes im Licht des vergangenen Jahrhunderts zum Thema hatte, fand an den «Hohen Tagen» des Staates Israel statt: dem Gedenktag für die Gefallenen in den israelischen Kriegen und Opfer des Terros sowie dem Unabhängigkeitstag. Ein enttäuschter Yehoshua schrieb anschließend von der geringen Anteilnahme der Symposiumsteilnehmer ob dieser Anlässe. Nur eine beiläufige Bemerkung habe man für den Unabhängigkeitstag übrig gehabt. Yehoshua reagierte noch auf dem Symposium mit harscher Kritik an der mangelnden Identifikation mit dem Schicksal des Jüdischen Staates. Mehr noch: Er beobachte einen schleichenden Prozess der Loslösung der amerikanischen Juden von Israel. Doch in besagtem Essay «Heimatkunde» geht der bekannte Autor, Literaturprofessor, Essayist und Dramatiker nun mit den amerikanischen Juden speziell und mit den Diaspora-Juden im Allgemeinen scharf ins Gericht - und bemüht dabei auch die Historie: Hätte das amerikanische Judentum die zionistische Idee bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts unterstützt, so Yehoshua, dann hätten unzählige Menschenleben gerettet werden können.
«Israelische Identität ist vollständiger» Yehoshua, Jahrgang 1936 mit Wohnsitz in Haifa, betont in «Heimatkunde», dass er die Diaspora nicht negiere. Er bezeichnet sie vielmehr als «den stabilsten Faktor in der jüdischen Geschichte». Hingegen erscheint ihm gerade der Staat Israel als mögliche Episode in den Annalen der Menschheit - und genau das sei der Grund für die notwendige Erinnerung an alte und neue Wahrheiten. «Jüdische Identität in Israel», auch als «israelische Identität» bezeichnet (nicht zu verwechseln mit israelischer Staatsbürgerschaft, die auch von den Palästinensern geteilt werde) - diese Identität ringe, so Yehoshua, mit allen Elementen des Lebens, da sie im Rahmen eines Territorialstaates gelebt werde. Darum sei das Leben eines Juden in Israel «vollständiger, weitgehender und bedeutungsvoller» als die Jüdischkeit eines amerikanischen Juden, dessen wichtigste Lebensentscheidungen im Rahmen der US-amerikanischen Nationalität und Staatsbürgerschaft fallen. Die Jüdischkeit eines amerikanischen Juden sei freiwillig und bedachtsam gewählt, und er könne das Ausmaß für sich selbst bestimmen. Nach Yehoshuas Ansicht leben jüdische Israelis dagegen in einer bindenden, unentrinnbaren Beziehung miteinander: «Juden regieren Juden. Juden müssen Juden in Siedlungen beschützen, die sie nicht wollen. Juden bestimmen die ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse für Juden.» Heimatland und Sprache bildeten hierbei die fundamentalen Kompenten der nationalen Identität. Für einen Juden in Israel seien jüdische Werte nicht in einer «schicken Gewürzdose, die nur an Schabbat oder den Feiertagen geöffnet wird», sondern treten durch dutzende Probleme im Alltag in Erscheinung. Vor allem junge amerikanische Juden jedoch wechselten ihre Identitäten wie Kleidungsstücke. «Da wir uns als ein Volk betrachten, dessen Identitäten miteinander verwoben sind, muss dieses Verhältnis klargestellt werden», fordert der Erfolgsautor. Israelisch-jüdische Identität behandle laut Yehoshua das ganze Spektrum der Realität, hingegen das Diaspora-Judentum nur Teile davon. Und Yehoshua geht noch weiter: «In dem Augenblick, in dem Juden darauf bestehen, dass das Studium und die Interpretation von Texten oder eine organisierte Aktivität in einer jüdischen Institution als gleichberechtigt gegenüber der Ganzheit der sozialen, politischen und ökonomischen Realität in Israel gestellt wird, verliert die historische jüdische Auseinandersetzung mit der vollständigen Realität seine Gültigkeit, und das Ganze fließt ins Teilhafte.»
«Realität in alten Texten?» Gleichwohl geht Yehoshua in besagtem Essay auch kritisch mit den eigenen Landsleuten um: «Wenn Israelischkeit jedoch auch zum Kleidungsstück wird, und kein täglicher Test der moralischen Verantwortung gegenüber den jüdischen Werten stattfindet, dann ist es kein Wunder, dass sich Armut im Land ausbreitet und die Grausamkeit gegenüber einem eroberten Volk zunimmt. Es erscheint schließlich immer möglich, aus der Realität in alte Texte zu fliehen und sie so zu interpretieren, dass sie uns Größe, Hoffnung und Trost verleihen.» Auch eine aktuelle politische Botschaft befindet sich hinter Yehoshuas Ausführungen: «Die palästinensischen Israelis können ebenso ihren Beitrag leisten zu dieser Identität, genauso wie es die Juden in den USA mit der amerikanischen Identität tun. Je israelischer wir werden, desto besser wird unser Verhältnis mit ihnen. Umsomehr wir uns jedoch nur auf jüdische Spiritualität und Texte konzentrieren, desto mehr wird die Entfremdung von den Palästinensern wachsen.»
Abraham Foxman: «Schwarz-Weiß-Analogie» Unmittelbar nach Veröffentlichung des Artikels «Heimatkunde» liefen in der «Ha'aretz»-Redaktion die Telefondrähte von teils erbosten, teils zustimmenden Reaktionen heiß. Tagtäglich werden seitdem Antworten an A. B. Yehoshua in der Tagespresse abgedruckt. Abraham Foxman, Direktor der Anti-Defamation League in New York, beklagt die Schwarz-Weiß-Analogie bei Yehoshua. «Israeli zu sein, ist nicht genug», will Foxman seinerseits klarmachen. «Obwohl Israel die Verlockung des vollständigsten jüdischen Lebens beinhaltet, sieht es sich doch enormen Herausforderungen ausgesetzt, dieses Potential letztlich zu erreichen,währenddessen ein sehr erfülltes jüdisches Leben auch in der Diaspora möglich ist», meint Foxman. Auch die Aspekte zur jüdischen Spiritualität will Foxman so nicht stehen lassen: «Die einzigartigen Werte von Judentum und jüdischer Geschichte, als auch das Land Israel, haben das jüdische Volk für tausende von Jahren aufrechterhalten und werden es auch in der Zukunft tun.» Tony Karon, südafrikanischer Jude und Kolumnist des TIME.com-Magazins, stellte die Frage, wie jüdisch denn Israel wirklich sei. Karon dazu kritisch: «Wenn wir Jüdischkeit als eine universelle, ethische Herausforderung, als Kern des Judentums verstehen, dann ist nicht nur die Diaspora eine Grundvoraussetzung für Jüdischkeit, sondern Israels eigener Anspruch auf jüdische Identität offen in Frage zu stellen.» Der Nahost-Konflikt und das unverarbeitete Gründungstrauma des Jüdischen Staates spotte dem progressiven zionistischen Traum von Israel als Erfüller der biblischen Verfügung, «Licht unter den Nationen» zu sein. Assimilation sei keine Bedrohung für einen glücklichen Diaspora-Juden, der seine Traditionen, neben anderen, auszudrücken verstünde. Yehoshua wolle laut Karon die Idee vom jüdischen Ghetto wieder aufleben lassen. Israels Bedeutung für das Judentum, so der Publizist, hänge jedoch zuallererst davon ab, Gerechtigkeit walten zu lassen.
Pro und Contra zu Hause Scharfe Kritik gab es auch in Israel selbst. Avraham Burg, ehemaliger Vorsitzender der Jewish Agency und Sprecher der Knesset, wirft Yehoshua vor, in «israelischem Isolationalismus» und «zionistischem Fundamentalismus» gefangen zu sein. Der Kampf um moderne jüdische Identität habe derweil jedoch neue Formen angenommen. Es sei, so Burg, kein physischer Kampf zwischen dem geographischen Platz Israel und den Diaspora-Gemeinden, sondern ein Kampf um die Grenzlinien des Friedens, die ihren Ursprung in Werten habe - und nicht in Sprache oder nationaler Zugehörigkeit. Yossi Sarid, ehemaliger israelischer Umwelt- und Bildungsminister, ergreift wie viele andere Israelis in der Diskussion Partei für Yehoshua. Der Ex-Politiker verweist auch auf die Unterstützung, die US-amerikanische Juden, speziell die «Konferenz der Präsidenten der Amerikanisch-Jüdischen Organisationen», der rechtsnationalen Siedlerbewegung in Israel entgegenbrächten. «Dass sie den Zionismus verzerrt und hässlich gemacht haben, ist nur sehr schwer zu verzeihen», so Sarid. |