Foto: M. Goldschmidt

Eine Woche «Machol Hungaria»

Sommerlager zu israelischen Tänzen in Ungarn – ein Erlebnisbericht

 

Mit knapp 19.000 Einwohnern ist das erst 1722 gegründete Städtchen Szarvas (ungarisch für «Hirsch») nicht gerade ein Ort, an dem man ausgerechnet jüdische Aktivitäten auf internationaler Basis suchen würde. Dafür sprechen zum einen weder ein jüdischer «Bevölkerungsanteil» von ca. 20%, noch zwei alte, eher vernachlässigte jüdische Friedhöfe. Nichtsdestotrotz erwarb die Ronald S. Lauder Foundation im Jahre 1990 eine lokale Campinganlage, die heute als internationales Sommerlager in vier Schichten jeweils rund 500 Teilnehmer in verschiedenen Altersgruppen von 7 bis 18 Jahren aufnimmt.

Jedes Jahr in der ersten Maiwoche aber erscheint im Jugendlager von Szarvas ein davon etwas abweichendes Klientel: Sechs Tage lang treffen sich dann bis zu 220 Enthusiasten im Alter von 16 bis 65 Jahren, die sich voll und ganz dem israelischen Volkstanz widmen. Initiator dieser Veranstaltung in ihrem nunmehr achten Jahr ist der in Ungarn geborene György «Ubul» Forgász mit Unterstützung seiner Ehefrau Anna.

Szarvas ist zwar nicht Budapest, doch bietet es eine schon über Jahre bewährte jüdische Infrastruktur. Wenngleich die meisten Teilnehmer des Mai-Tanzcamps heute als Verständigungssprache untereinander das Englische benützen, gibt es hier ein weiteres, lingual unabhängiges Kommunikationsmedium: Die (fast) allen bekannten Schrittkombinationen zu israelischen Liedern und Schlagern. Man muss allerdings wissen, dass es sich hier nicht um den üblichen so genannten «six-count», dem Sechserzähler, der bekannten, gemeinen Hora handelt, namentlich aus «rechts-links-schritt-hop-schritt-hop» bestehend. Vielmehr werden hier zu Dutzenden, gar Hunderten von Liedern identische, jeweils auf das einzelne Lied angepasste Schrittkombination getanzt - für Improvisationen ist also kaum Spielraum.

 

Westeuropäer in der Minderheit

Die diesjährigen rund 140 Teilnehmer in Szarvas kamen aus insgesamt 20 Ländern, eingeschlossen ganze acht Tänzer aus Westeuropa (Deutschland, England, den Niederlande sowie der Schweiz), die aufgrund ihrer geringen Zahl allerdings kaum ins Gewicht fielen. Die stärksten Kontingente sandten die Ungarn (44 Teilnehmer), gefolgt von den Rumänen (22), Serben (21) und Bulgaren (10). Wenngleich es die ausgesprochene Absicht der Organisatoren ist, gezielt jüdische Teilnehmer für Szarvas zu gewinnen, sind nach Aussage Forgász nichtjüdische Teilnehmer - in der Regel nicht mehr als 15 Prozent aller Teilnehmer -, etwa aus Polen, Kroatien oder aus Ungarn selbst, absolut willkommen. Koschere Mahlzeiten, für Männer das Tragen einer Kippa während der Mahlzeiten sowie die zumindest rudimentäre Einhaltung des Schabbats gewähren in jedem Fall ein Minimum an jüdischer Atmosphäre. Der Grund, dass allerdings dieses Jahr eine deutliche Zahl von 50 Teilnehmern weniger als 2005 zu verzeichnen war, lag nach Einschätzung aller Verantwortlichen wohl darin, dass die Preise von 2006 um rund ein Drittel höher lagen als 2005.

Da der erste Tag des diesjährigen Kurs auf den «jom ha-zikaron», den Gedenktag für die Gefallenen um Israel, fiel, wurde erst am Abend - parallel zu den vielerorts beginnenden Unabhängigkeitsfeiern - mit dem Tanzen begonnen. Unterrichtet wurde im Laufe dieses Abends allerdings nichts mehr, man tanzte bis um zwei Uhr morgens israelischen Volkstänze, die zu anderen Gelegenheiten erlernt wurden, eher disco-ähnlich Lied an Lied und Tanz an Tanz aneinandergereiht. An den darauf folgenden Tagen ging es dann in nach Kenntnissen gestaffelten Kursen richtig zur Sache. Das Gros der Teilnehmer entpuppte sich bereits als halbe «Profis», und entsprechend anspruchsvoll war dann auch das zu erlernende Repertoire: Tänze in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, teils neu choreographiert, teils aus der Gründerzeit Israels, wurden in schnellem Ablauf demonstriert. Der aus Israel stammende, 36jährige Oren Ashkenazi - künstlerischer Direktor der Veranstaltung - führte nun souverän mit vier weiteren israelischen Kollegen Regie. Kaum etwas blieb dem Zufall überlassen: Neue Schrittkombination - Musik - zwei Mal getanzt, und schon die nächste Choreographie. Natürlich ließ es sich Ashkenazi nicht nehmen, das Tanzcamp als Plattform seines eigenen Schaffens zu benutzen: Über die Hälfte des von ihm gezeigten Materials, meist in modernem Hip-Hop-Stil, waren eigene Tanzchoreographien. Bedauerlich allerdings, dass die hebräischen Titel der Tänze - außer beim ersten Mal zur Einführung eines Tanzes - nicht bekannt gegeben wurden. Aus den ersten Takten eines Musikstückes muss nämlich die Schrittkombination gewissermaßen erraten werden. Für weniger Fortgeschrittene sicherlich eine nicht immer schnell zu meisternde Hürde, ganz abgesehen davon, dass das Gros der Teilnehmer so gut wie kein Hebräisch verstand und nur über eine regelmäßige Ansage Titel mit Tanz verbinden konnte. Das überwiegend junge Publikum fand derartige Defizite aber kaum störend und schien auch so auf seine Kosten zu kommen.

 

Inspiration für zu Hause

So etwa die 16-jährige Simona aus dem westrumänischen Timisoara, die übrigens auf ein deutsches Gymnasium geht: Sie leitet zu Hause keine eigene Tanzgruppe, freute sich aber schon darauf, in ihrer heimatlichen jüdischen Gemeinde das Erlernte zu wiederholen. Ganz anders die russisch sprechende 18-jährige Galja aus dem litauischen Klaipeda: Sie leitet zuhause eine fünf- bis sechsköpfige Gruppe junger Mädchen und meinte, einen gut Teil des hier erlernten neuen Materials dafür nutzen zu können. Gleiches gilt für die ebenfalls russisch sprechende 22-jährige «Nati» Natalja aus Vilnjus oder die 20-jährige Drágana aus dem serbischen Novi Sad. Wie so oft im Tanzgeschehen, ist auch in Szarvas das weibliche Geschlecht in großer Überzahl, so dass Paartänze, die in Israel immerhin rund die Hälfte aller Tänze ausmachen, auf dem Machol Hungaria recht unpopulär bleiben.

 

Konsens mit der Tradition

Die Woche Tanzfestival in Szarvas stand aber auch für einen beeindruckenden Konsens, israelische Tanzkunst und jüdische Religion wir Tradition bewusst verbinden zu wollen. Zum Kabalat Schabbat versammelten sich die Teilnehmer schließlich vor der Synagoge, und alle anwesenden Frauen zündeten eine oder zwei Kerzen an. Wenig später wurde selbstredend von den meisten Besuchern, auch den nichtjüdischen, der freitagabendliche Schabbatgottesdienst besucht. Auch bei Schabbatausgang am darauf folgenden Abend trafen sich die meisten Teilnehmer vor der Synagoge zur «Havdalah».

Für die letzte Nacht des Tanzfestivals, die selbstredend durchgetanzt wurde, hatte man sich für das Thema «Purim» entschieden. Scheren, Nadeln, Schminkutensilien - an alles hatten die Veranstalter gedacht. Ein Rondo eröffnete diesen furiosen Tanzabend, gefolgt von während des Camps einstudierten Aufführungen einiger nationaler Gruppen. Schließlich begann das Ereignis, auf das so viele besonders gewartet hatten: Der Tanzmarathon für israelische Folkloretänze, welcher bis 7.00 Uhr (Sonntag) morgens andauern sollte - für wenigstens 60 hart gesottene Tänzer kein wirkliches Problem.

Schwierig dann der Abschied: Die Teilnehmer sind zu einer Art Familie zusammengewachsen und hoffen, dass die neu gewonnenen Kontakte erhalten bleiben. Eher scherzhaft macht der Name einer neuen Krankheit die Runde: PMD (Postmacholdepression) - ein «seelisches Leiden», das bei manchen erfahrungsgemäß über eine Woche andauern kann.

Machol Hungaria ist sicherlich keine revolutionäre oder gar neue Erfindung. Israelische Tanzcamps unter zumeist jüdischer Beteiligung gibt es in den USA bereits seit rund 40 Jahren, in England seit den 1970ern. Neu ist jedoch, dass es den ungarischen Organisatoren gelungen ist, den osteuropäischen, meist jüdischen Jugendlichen den Blick vom einfachen Horaimage des israelische Volkstanzes auf das reelle Umfeld des zeitgenössischen Volkstanzes in Israel zu lenken. Das kommende, mittlerweile neunte Camp des Machol Hungaria wird voraussichtlich vom 1. bis 6. Mai 2007 stattfinden. Natürlich hoffen die Organisatoren, auch das Kontingent aus Deutschland alsbald vergrößern zu können.

 

Matti Goldschmidt

«Jüdische Zeitung», Juni 2006