Foto: D. Kalveram

«…ein Glück, kämpfen zu können!»

Stationen des heute in München lebenden linken Zionisten Natan Grossmann

 

Natan Grossmann gehört zu den wenigen Pionieren Israels, die in Deutschland leben. Ausgerechnet hier? Den Grund dafür nennt der charmante 78-Jährige gern: «Natürlich der Liebe wegen!» Vor über 40 Jahren lernte Grossmann bei einem Krankenhausaufenthalt in München seine deutsche Frau Ute kennen. «Keine problematische, sondern eine bis heute glückliche Beziehung. Wir sind beide Atheisten, der religiöse Faktor spielt aber für uns überhaupt keine Rolle - und wir leben heute in einem anderen Deutschland. Meine Frau ist um 15 Jahre jünger als ich. Deshalb kam mir nie der Gedanke, sie mit dem in Verbindung zu bringen, was ich während des Krieges erlebt habe.»

 

«Totaler Krieg» und «totaler Frieden»?

Als Überlebender des Holocaust hätte sich Natan Grossmann jedoch niemals eine Beziehung zu einer gleichaltrigen deutschen Frau vorstellen können, auch wenn sie in ihrer Jugend «nur» Mitglied im BDM gewesen wäre. Mit Ausnahme weniger mutiger Mädchen waren das schließlich alle. Für die nachfolgenden Generationen hält Natan Grossmann den Begriff «Kollektivschuld» aber für falsch, für ihn macht eher der Begriff «Kollektivscham» Sinn.

Dadurch könne, so mein Gesprächspartner, heutiges Verantwortungsgefühl einfach leichter geweckt werden. Die Konsequenz aus der eigenen Geschichte könne auch nicht darin bestehen, nun einem «bedingungslosen Pazifismus» zu frönen - der auch wieder der Verantwortung aus dem Weg ginge. «Damals haben sie nach dem totalen Krieg geschrien, heute nach dem totalen Frieden», kommentiert Natan Grossmann einige Aktionen der hiesigen Friedensbewegung. «Aber mich haben amerikanische Soldaten befreit, nicht die guten Wünsche deutscher Pazifisten.»

 

Politik ist immer dabei

Als Zeitzeuge stellt Natan Grossmann seine Erfahrungen und historischen Einschätzungen oft in direkten Kontext zur heutigen weltpolitischen Lage. Und anders als viele in seinem Alter, hat er sich nicht in «ruhigere Gefilde» zurück gezogen, bezieht öffentlich Stellung, baut Kontakte auf, vermittelt und protestiert. Über den Jüdischen Nationalfond und den Keren Hayesod in München setzt er sich von Deutschland aus für Israel ein. Wenn nötig, übernimmt der «Israeli der ersten Stunde» auch mal den Job eines Reisesleiters, zeigt und erklärt dann den jüdischen und christlichen Gästen das Land.

Es ist durchaus kein leichtes Unterfangen, einen Termin mit Natan Grossmann in seinem Münchner Stammlokal «Braha» zu vereinbaren - denn Natan ist fast immer unterwegs. Erst vor eine paar Wochen unternahm er eine anstrengende Südostasien-Reise. Natan Grossmann genießt es, sich einen ganz individuellen Eindruck zu verschaffen von den unterschiedlichsten Regionen der Welt. Er gesteht, dass seine Vorliebe eigentlich in den Ländern Osteuropas liegt, dort fände er unkompliziert Zugang zu den Menschen - nicht nur sprachlich, sondern auch, weil er ihre Geschichte kennt. «In Osteuropa hat sich das jüdische Leben in einer ganz anderen Dimension abgespielt als im westlichen Teil Europas, deshalb sehe ich mir an, was noch erhalten geblieben ist.»

Wer mit Natan Grossmann diskutiert, stellt schnell fest, dass er bestens über die politischen Ereignisse der Gegenwart informiert ist. Mit Besorgnis registriert er die atomare Aufrüstung des Iran wie die Vernichtungsphantasien des iranischen Präsidenten gegen Israel und die westliche Welt.

Was Natan Grossmann dabei heute nicht resignieren lässt, ist das Faktum des Staates Israel - eines Staates, der sich - unter schwierigen Bedingungen zwar - seit seiner Gründung erfolgreich gegen jede Feindschaft behaupten konnte und keiner Gefahr unvorbereitet begegnet. Für Osteuropas Juden war das vor 65 Jahren allerdings anders.

 

Erinnerungen an Schtetl und Familie

Natan Grossmann wurde im polnischen Dorf Zgierz, nahe der Stadt Lodz, als zweiter Sohn des Schusters Abraham Grossmann und seiner Frau Bluma geboren. Wohl um mit dem ewigen Vorurteil vom jüdischen Reichtum aufzuräumen, schildert er sachlich die damalige jüdische Lebenswirklichkeit. «Mein Vater ging die 12 Kilometer in die Großstadt zu Fuß, weil er sich das Geld für die Tram sparen musste. Fließendes Wasser in den Haushalten kannten wir nicht. Etwa 70 Prozent der damals über 3 Millionen polnischen Juden lebten in noch ärmeren Verhältnissen als die christliche Landbevölkerung, die als Bauern wenigstens über Grundbesitz verfügten. Juden war das verboten, und sie mussten auf andere, meistens kaufmännische und handwerkliche Berufe ausweichen. Man beherrschte die polnische Sprache, aber untereinander verständigten wir uns auf Jiddisch. Bildung erfuhren die Bewohner des Schtetls fast ausschließlich durch die Religion. Gegenüber dem assimilierten, deutschen Judentum lebten wir rückständig und wurden von der christlichen Umgebung viel stärker ausgegrenzt. Der Klerus hat uns mit dem Stigma der Jesusmörder versehen, ein entscheidender Faktor bei der Betrachtung des Antisemitismus, nicht nur in Polen.»

Stärker als durch seinen frommen Vater wurde Natan Grossmann geprägt von seinem um fünf Jahre älteren Bruder, Bär Grossmann. Der hatte sich schon frühzeitig dem BUND - einer der stärksten Vereinigungen jüdischer Sozialisten in Osteuropa - angeschlossen und daher jede religiöse Praxis abgelehnt. Damit dürfte Bär sich in der Minderheit befunden haben, auch heute noch wird das osteuropäische Schtetl mit jüdischer Orthodoxie und auch mit Chassidismus assoziiert.

In Jerusalem wurde Natan vor kurzem gefragt, ob ihn die orthodox gekleideten Familien, die am Schabbat zur Klagemauer eilen, an die Menschen in seinem Schtetl erinnerten. Seine knappe Antwort: «Wir sind in Israel, das sollten diese Leute begreifen. Es besteht da keine Verbindung mehr, die Welt des Schtetls ist vernichtet worden.»

 

«Wir haben doch nichts zum Wegnehmen»

Natan hat es erlebt, wie unvorbereitet die osteuropäischen Schtetl-Bewohner auf Kriegsausbruch, Verfolgung und Vernichtung waren. «Mein Vater wunderte sich, was die mit Maschinenpistolen bewaffneten Deutschen denn von uns wollen könnten. „Wir haben doch nichts, was sie uns wegnehmen könnten", waren seine Worte. Als wir das Ghetto von Lodz erreichten, wurden wir nach Verwendbarkeit eingeteilt, ich kam ins Metallressort. Wir ahnten nicht, was uns wirklich bevorstand. Und niemand von uns versuchte, sich zu wehren.» (Anm. d. Red.: Im Ghetto Litzmannstadt starben rund 43.000 Menschen allein durch Unterernährung und Krankheiten.)

Jahre später wollte ein sowjetischer Soldat von ihm wissen: «Warum habt ihr nicht gekämpft?» Natan erwiderte offen: «Ich habe um jede Scheibe Brot gekämpft». Es ist ihm wichtig, dass die Haltung des russischen Soldaten verstanden wird. «So viele von denen sind gefallen im Kampf gegen die Nazis, auch für uns.» Wenn er durch Osteuropa reist, nimmt er sich Zeit, an Grabstätten von gefallenen sowjetischen Soldaten innezuhalten, legt manchmal Blumen oder auch einen Kranz nieder. «Mir ist auch bewusst, dass russische Soldaten der deutschen Zivilbevölkerung später Gewalt angetan haben. Doch wenn man bedenkt, wie die deutsche Wehrmacht ihre Heimatdörfer und Städte zuvor niederriss, dass 25 Millionen Menschen in der Sowjetunion sterben mussten, kann man sich diese Reaktionen eher vorstellen. Und wenn man weiß, welches Grauen die Rotarmisten bei der Befreiung der Lager vorfanden, lässt sich vielleicht eher erklären, weshalb viele von ihnen die Deutschen als Bestien betrachteten - und dann auch so behandelten.»

Gegenüber Intellektuellen der späten 90er Jahre, die ganz bewusst die Dimension faschistischer und kommunistischer Verbrechen des 20. Jahrhunderts in Vergleich setzten, ist Natan Grossmann eher misstrauisch. «Ich widerspreche dem einseitigen Geschichtsbild vom menschenverachtenden Kommunismus - und mir ist klar, wie unbequem diese Feststellung von vielen empfunden wird.» Keineswegs will Natan damit die Verbrechen des stalinistischen Totalitarismus bagatellisieren, aber der Stalinismus könne nicht mit einem System zur industriellen Vernichtung von Menschen verglichen werden. Und:

«Die Sowjetunion öffnete ihre Tore für alle Juden, die bereit waren, gegen Nazideutschland zu kämpfen, während viele Westmächte sie nur einen kleinen Spalt offen ließen. Kaum eine nationale Widerstandsgruppe nahm Juden auf, nur die kommunistischen Partisanen in ganz Europa waren dazu mit aller Selbstverständlichkeit bereit. Sie gaben Juden zumindest die Möglichkeit, mit der Waffe in der Hand - in Würde - zu sterben. Die Idee der Sowjets, eine Jüdische Republik namens Birobidschan zu errichten, auch wenn sie im entferntesten Sibirien lag, ging in die richtige Richtung. Hätte meine Familie nur diese Möglichkeit gehabt. Doch wir waren der Vernichtung ausgeliefert.»

 

Vom Ghetto Lodz ins KZ Vechelde

Mit wenigen, sachlichen Worten berichtet Natan, was die Methodik der geplanten Entmenschlichung für ihn bedeutete, die dem Ziel der Ermordung von Millionen von Menschen diente. Das wurde von deutschen Wissenschaftlern, Ingenieuren, Unternehmern, Beamten und Ärzten entwickelt und realisiert, die genau wussten, was sie taten. Doch Natans Gedanken sind nicht bei den Mördern. Sie sind bei seiner Familie.

«1942 wurde mein Bruder Bär für einen Transport bestimmt. Danach verliert sich bis heute jede Spur von ihm. Immer noch habe ich die Hoffnung, er könnte entkommen sein - wenigstens durch einen schnellen Tod. Bär war ein Mann, der sich zur Wehr setzte. Im Ghetto beschäftigten ihn Pläne für einen Aufstand, aber es kam ja nicht mehr dazu. Unser Vater starb an Entkräftung. Es ist schwer, eine Vorstellung davon zu vermitteln, was Vernichtung durch Hunger bedeutet. Seine Beerdigung zögerten wir hinaus, um noch weiter seine Essensmarken erhalten zu können. Meine Mutter gab mir immer etwas von ihren Rationen ab. Bei ihr herrschte nur noch der Wille, dass ich es schaffen sollte. Ich nahm das Brot an - und sie verhungerte. Mit aller Kraft versuchte ich, in der Schmiede bleiben zu können. Solange die schwere Arbeit geleistet werden konnte, erhielt man Zusatzrationen.»

Im Sommer 1944 - bei Vorrücken der sowjetischen Armee - wurde das Ghetto durch die Nazis liquidiert. Die nun zusammengestellten Transporte gingen nach Auschwitz. Natan registrierte bei der Selektion nur das Wort «arbeitsfähig». Vier Wochen musste der Jugendliche durchhalten - bis zu einem Appell, bei dem gefragt wurde, wer in der Lage sei, Brechstangen zu formen. Natan trat vor. Der Transport sollte ins deutsche Reich zur Unterstützung der Rüstungsbetriebe gehen. Dazu wurde den Gefangenen eine ungewöhnlich große Menge Proviant mitgegeben. Sofort verbreitete sich Todesangst. «Unsere Henkersmahlzeit» vermuteten die Älteren, während sich der 16-Jährige satt aß. «Die ganze Zeit kreisten meine Gedanken nur ums Essen, das Gefühl der Angst kam kaum mehr auf.» Die abkommandierten Häftlinge erreichten das KZ Vechelde, eine Außenstelle von Neuengamme, und mussten fortan für die Büssingwerke 12 Stunden am Tag Zwangarbeit leisten.

Mit einem natürlichen, menschlichen Verhalten begegnete ihm dort sein neuer Meister, der das Verbot ignorierte, den Häftlingen etwas zu essen zu geben. Damit sabotierte er das Vernichtungsprogramm. «Wahrscheinlich gehörte Wäscher, so war sein Name, innerlich zu den Roten, er riskierte viel, um mich durchzubringen. Vor ein paar Jahren hatte ich die Gelegenheit, seiner Tochter davon zu berichten. In Yad Vashem wurde zur Erinnerung an ihn ein Baum gepflanzt.»

Für Natan Grossmann aber war in Vechelde das Grauen noch nicht zu Ende. Mit so genannten «Evakuierungstransporten» wurde das Konzentrationslager im März 1945 aufgelöst. Tschechische Kommunisten, erinnert sich Natan, teilten auf dem offenen Kohlewaggon ihr letztes Brot mit den anderen Häftlingen, bevor sie den Todesmarsch antraten. Bis zu einer Lichtung bei Ludwiglust mussten sich die Gefangenen schleppen. Bevor am 2. Mai 1945 die 82. Luftlandedivision der Amerikaner eintraf, erschossen die SS-Schergen von Hochsitzen aus noch Hunderte der lagernden Männer. Sofort sorgten die GI´s für die medizinische Versorgung der Geschundenen und verteilten Lebensmittel. Natan sagt, er wird die entsetzten Blicke seiner Befreier nie vergessen.

 

Neues Leben in Ginnosar

Nachdem er wieder in der Lage war zu gehen, schlug sich Natan nach Polen durch, um Familienangehörige zu finden. Er fand niemanden mehr. Keiner hatte überlebt, mit dieser Gewissheit musste der gerade 18-Jährige fertig werden.

Natan nahm Kontakt auf zu einer linksgerichteten Gruppe von Zionisten, die Auswanderungen nach Palästina organisierten. Er wäre auch nach Uganda gegangen, wenn man dort einen jüdischen Staat errichtet hätte. In einem Camp für «Displaced Persons» bei Landsberg in Bayern wurde er - zusammen mit anderen jungen Überlebenden - von Vertretern der Hagana (dem Vorläufer der israelischen Armee) auf die risikoreiche Überfahrt auf einem Exilschiff vorbereitet, die dann in La Spezia begann. Als illegaler Einwanderer, gegen den offiziellen britischen Widerstand, erreicht das Schiff Haifa - andere hatten weniger Glück.

Natan Grossmann wurde, wie so viele der Neuzuwanderer, landwirtschaftlicher Siedlungspionier. Im Kibbutz Ginnosar fühlte sich Natan von Anfang an wohl, er wurde zu seiner neuen Familie. Erst 1937 war dieser Kibbutz an den sumpfigen Ufern des Kinnereth gegründet worden. Auch Ygal Alon , der berühmte Kommandeur der Palmach und spätere Außenminister, gehörte zur Gruppe junger Menschen, die dort ihre Visionen von einer gerechten und freien Welt realisieren wollten. Eine spätere Vision von Ygal Alon, der so genannte «Alon»-Plan, bemerkt Natan Grossmann, sei gar nicht so unähnlich dem Teilungsplan der heutigen israelischen Regierung. Und Natan erinnert sich noch gut an die politischen Vorstellungen der meisten Kibbutzniks jener Jahre: «Wir linken Zionisten wollten ein kleineres, aber wehrhafteres Israel.»

Nach innen hin glich Ginnosar einer Landkommune mit entsprechender Teilung der Aufgaben und der Sachwerte. Niemand dufte sich Privilegien herausnehmen. Auch in der schlichten, einheitlichen Kleidung drückte sich diese Haltung aus. Bis heute mag der Zionist keine Krawatten tragen. «Damals war es eher notwendig, einen breiten Patronengürtel zu tragen, aber den brauche ich heute auch nicht mehr.» Die mühselige Landarbeit in Ginnosar bedeutete zugleich einen Schritt in Richtung ökonomischer Unabhängigkeit. Im Winter wurde gemeinsam im See gefischt. An die heißen Sommer mussten sich die blassen Europäer erst gewöhnen. «Malaria, Schlangen, Skorpione - das war alles gewöhnungsbedürftig», erzählt Natan mit trockenem Humor. «Wir setzten dann DDT ein.» Heute blühen in Ginnosar Malven, prachtvolle Eukalyptusbäume und Palmen. Und nicht zu vergessen: Die größten Bananenplantagen Israels. Die ursprüngliche Landschaft hatte weniger zu bieten und erwies sich letztendlich als unrentabel. Und wie war es mit den Nachbarn, frage ich. «Seit ewigen Zeiten wurde das Tal von den Arabern gemieden. Sie siedelten an den schattigen Hängen der Berge. Die Fruchtbarkeit des Bodens im Tal wurde nicht erkannt und genutzt.» Unweigerlich sind wir wieder beim Nahostkonflikt und beim Existenzkampf Israels gelandet. «Die Unterstellung, wir hätten der arabischen Bevölkerung dieses Stück Land weggenommen, trifft nicht zu. Es wurde zu einem fairen Preis durch Juden gekauft. Zum Beispiel von Baron Rothschild. Dass Araber aus ihren Häusern vertrieben wurden, stimmt. Nur kam es erst dazu, nachdem uns die arabischen Nachbarländer überfielen. Hätten die arabischen Staaten dieses kleine Stückchen Israel 1948 anerkannt, wäre es dazu nicht gekommen. Wir müssen die Existenz Israels nicht rechtfertigen.»

 

«Wir lebten nicht im Idyll»

Dem Holocaust entronnen, ging es in Palästina gleichwohl in neue Gefahren hinein, gerade auch für viele Kibbutzim. «Wir lebten nicht in einem Idyll, denn wir waren alle Teil des Unabhängigkeitskampfes gegen die Briten. Zunächst mussten Waffen beschafft werden. Die ehemaligen Partisanen und Rotarmisten, dazu gehörten auch Frauen - die Angehörigen der polnischen und tschechischen Armee - , die kannten sich militärisch vortrefflich aus. Ich lernte von ihnen den Umgang mit der Waffe. Man sagte mir nach, dass ich mehr in meine von den Briten erbeutete „Stan" verliebt war als in meine Freundinnen.»

Zwischen den Bewohnern von Ginnosar, die zum Teil erst modernes Hebräisch (Ivrit) lernen mussten, kam ein starkes Gemeinschaftsgefühl auf. Frauen bekamen die gleichen Rechte wie Männer zugestanden und mussten sich nicht an überkommenen Konventionen orientieren. Selbst die «freie Liebe» wurde propagiert. Ohne vorher heiraten zu müssen, konnte ein Paar Ansprüche auf ein gemeinsames Zimmer geltend machen, wenn es länger zusammen wohnen wollte. Das entsprach dem neuen Lebensgefühl dieser Generation, der die eigene Jugend durch Krieg, Verfolgung und Holocaust genommen worden war. Die neuen Vorstellungen vom Zusammenleben bedeuteten aber keinen Bruch mit der jüdischen Gesellschaft, auch in den säkularen Kibbutzim wurden traditionelle Ehen unter der Chuppa geschlossen. Und in dieser ungesicherten Zeit - zwischen den Gefechten mit den Briten und dem Unabhängigkeitskrieg - wurden viele Kinder geboren: die ersten «Sabres», deutlichstes Hoffnungszeichen auf eine bessere Zukunft im eigenen Land.

Natan hat noch in gutem Gedächtnis, wie groß die Freude am Tag der Staatsgründung war. «Am Abend des 14. Mai haben wir getanzt, die Briten waren endlich abgerückt. Ben Gurion rief den Staat aus, aber einen Tag später wurden wir schon von den fünf Armeen der arabischen Nachbarländer angegriffen. Uns fehlten Waffen. Zum Glück lieferten die Tschechen, so konnten wir uns verteidigen. Wir haben uns das nicht ausgesucht, nie hätte ich bei meiner Ankunft in Ginnosar gelaubt, dass uns die arabischen Nachbarn einmal so hassen würden.»

1956 wurde Natan Grossmann im Suezkrieg von einer Mine schwer verletzt, die Zeit seiner militärischen Einsätze ging damit zu Ende. «Israel muss bis heute um seine Existenz kämpfen», stellt der heutige Israeli in München mit Bitterkeit fest. Seine Erinnerungen an die vielen gefallenen Chaverim sind dabei immer präsent.

Doris Kalveram

 

 

Zur Person Natan Grossmann

wurde 1928 in dem polnischen Dorf Zgierz (in der Nähe von Lodz) als Sohn einer jüdischen Schusterfamilie geboren. Nach dem Überfall der Nazis auf Polen im Herbst 1939 wurde er mit seiner Familie in das berüchtigte Ghetto von Lodz verschleppt, später musste er Zwangsarbeit im Konzentrationslager Vechelde, einer Außenstelle des KZ Neuengamme, leisten. Auf einem Todesmarsch Anfang Mai 1945 wurde er schließlich von den vorrückenden Amerikanern befreit.

Natan Grossmanns gesamte Familie ist während des Holocaust ermordet worden. Nach Kriegsende gelangte er auf dem Seeweg nach Palästina/Israel und half beim Aufbau des Kibbutz Ginnosar am Kinnereth. Während des Suezkrieges 1956 wurde Grossmann schwer verwundet. Später heiratete er eine deutsche Frau und kam nach München, wo er unter anderem beim Aufbau der Basketballmannschaft von Makkabi München beteiligt war.

Natan Grossmann ist nach wie vor politisch sehr aktiv und engagiert sich unter anderem beim Jüdischen Nationalfond und beim Keren Hayesod in München.

 

«Jüdische Zeitung», Juni 2006