Foto: Eduardo Frias

«…als hätten wir ein Leben gerettet»

Neu erschienene Dokumentation bezeugt eine einmalige Bücher-Rettungsaktion durch argentinische Jugendliche vor zwölf Jahren

 

BUENOS AIRES Am Morgen des 18. Juli 1994 explodierte eine gewaltige Bombe am Gebäude des Jüdischen Hilfswerkes AMIA - Asociación Mutual Israelita Argentina - in der Pasteurstraße 633 im Zentrum der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. 85 Menschen wurden getötet, 300 verletzt und mehr als 400 umliegende Wohnungen und Geschäfte zerstört oder beschädigt.

«Wir wohnten damals in der Pasteurstraße 200. Ich schlief noch, als plötzlich das ganze Haus bebte», erzählt Demian. Mario berichtet: «Als ich an diesem Morgen aufwachte, sagte meine Mutter zu mir: sie haben die AMIA in die Luft gejagt.» Demian und Mario waren damals 15 Jahre alt. Nicolás war 18: «Als ich die Nachricht hörte, stand ich auf, zog mich an und ging hin. Ich ging durch die Menschenmenge und machte mich daran, mitzuhelfen, die Trümmer wegzuräumen. Ich war bei den ersten Rettungsmaßnahmen dabei um nach Überlebenden zu suchen.»

 

Täter noch immer unerkannt

Die AMIA war damals nur innerhalb der argentinischen Gesellschaft bekannt. Die jüdische Gemeinschaft in Argentinien umfasst rund 260.000 Menschen. Ihr Anteil an der argentinischen Gesamtbevölkerung liegt damit knapp unter einem Prozent. Es war der bis heute blutigste Anschlag in Argentinien und machte die AMIA weltweit bekannt.

Wer dahinter steckte ist bis heute nicht geklärt. Auch wenn die Bombe die größte Ermittlungsaktion in der argentinischen Rechtsgeschichte ausgelöst hat und die Akten mittlerweile 120.000 Seiten umfassen: Noch zwölf Jahre danach ist das Verbrechen straflos geblieben.

Die Bombe tötete nicht nur Menschen, sie verwüstete auch eine Bibliothek. Im dritten und vierten Stock des Gebäudes der AMIA war das IWO untergebracht, das jüdische wissenschaftliche Institut. Heute trägt es den Namen Jüdisches Forschungsinstitut - Stiftung IWO. Die Herzstücke des IWO waren und sind das Archiv und die Bibliothek. Es sind einzigartige Sammlungen von Dokumenten und Büchern in jiddischer Sprache, historische Dokumente der jüdischen Geschichte in Argentinien und zahllose vor den Nazis aus Europa gerettete Publikationen, Schriftstücke und Gegenstände der jüdischen Kultur.

Das IWO war 1925 im litauischen Vilnius gegründet worden, um die jüdische Kultur besonders in Osteuropa zu erforschen. 1928 bereits wurde in Buenos Aires eine Filiale eingerichtet. «Das Gebäude war nach der Explosion wie ein zweigeteilter Apfel. Die eine Hälfte fehlte, die andere stand noch, so war es auch mit der Bibliothek», erinnert sich Ester Szwarc, die akademische Leiterin des IWO.

 

Zwei Rettungsaktionen

Während die Einsatzkräfte und spontane Helfer nach Überlebenden suchten und Verletzte bargen, begann die unglaubliche Rettungsaktion der einzigartigen Bibliothek, an der sich bis zu 800 Jugendliche beteiligten. Die meisten von ihnen hatte noch nie zuvor etwas vom Archiv des IWO gehört. Victór, damals ebenfalls 15 Jahre alt: «Da kam einer und sah die Bücher, die Papiere, all die Sachen und fragte: „Was machen wir damit? Es wird regnen, wir können das doch nicht liegen lassen."» Mario: «Kaum war ich bei der AMIA fing ich an Papiere zu sammeln, die lagen überall verstreut. So habe ich reagiert, anstatt nach Überlebenden zu suchen oder mich mit um die Opfer zu kümmern. Ich habe angefangen Papiere zu sammeln, Archivmaterial, Aktenmappen, Bücher.»

Die Geschichte der Bibliotheksrettungsaktion blieb auch in Argentinien selbst lange vom Anschlag überschattet und war kaum bekannt. Eine Radiosendung über die Zerstörung der Bibliothek von Alexandria regte den Journalisten Rodolfo Compte 1999 zu Recherchen über den Verbleib der in der AMIA untergebrachten Bibliothek an. Noch heute zeigt sich Compte tief beeindruckt von seinem ersten Gespräch mit Ester Szwarc. Sie wurde mehr und mehr zur Koordinatorin der Rettungsaktion:

Nicolás: «Ja, so kam das mit den Büchern. Dann trafen wir Ester, die uns sagte, dass die eine Hälfte der Bibliothek mit dem Haus zusammengefallen ist und die andere Hälfte noch steht. Und als wir wussten, dass es eine der wichtigsten jiddischen Bibliotheken war, mussten wir einfach anfangen, sie zu rekonstruieren. Ja, noch als die Trümmer weggeräumt wurden, fingen wir an wieder etwas aufzubauen, etwas von der AMIA.»

Hilferufe wurden an die Schulen gesandt, die schickten ihre Schüler oder gaben ihnen frei. «Sechs Monate habe ich mitgemacht, mit den unterschiedlichsten Leuten, in den unterschiedlichsten Situationen, um etwas zu retten, um Bücher zu retten», berichtet Diego. Und Victór: «Wir bildeten Ketten von achzig, hundert Leuten, die von überall herkamen, Jugendliche, teils auch Erwachsene, Juden und Nicht-Juden.» Die Ketten liefen abwärts des noch stehen gebliebenen Teil des Gebäudes, die andere Seite waren Berge von Trümmern.

 

12 Jahre danach: die Retter von damals

In diesen Wochen stellt Rodolfo Compte die Dokumentation «Anschlag auf die AMIA. Chronik der Jugendlichen, die die Erinnerung bewahrten» vor. Zum ersten Mal berichten Jugendliche aus heutiger Sicht über ihr damaliges Handeln. Compte hat dazu die Erzählungen und Berichte von dreißig Jugendlichen zusammen getragen.

Über Zeitungsaufrufe versuchte er, die jugendlichen Helfer von damals zu finden. Es sei nicht leicht gewesen, so Compte, die Jugendlichen zu bewegen, sich zu öffnen. Einige haben zum ersten Mal von damals berichtet und viele leiden noch heute unter dem Erlebten. Aus vierzig Stunden Interviews mit den heute zwölf Jahre älteren Jugendlichen von damals hat er den Verlauf der Bibliotheksrettung mit deren eigenen Worten zusammengefügt. Mit seinem Dokumentationsvorschlag gewann er einen Autorenwettbewerb der Stadt Buenos Aires. Der erste Preis ist die Veröffentlichung Ende Mai.

Diego berichtet: «Ich wollte helfen. Ich sagte ich sei 18. Ich musste lügen, um mithelfen zu können. Und dann siehst Du Bilder, die Du nie wieder vergessen wirst. Du hebst ein Stück Schutt weg und darunter siehst Du ein Körperteil von jemandem. Etwas, was Du mit 15 eigentlich nicht sehen solltest.» Es kamen Eltern und fragten nach ihren verunglückten Kindern. «Was konnte ich denen antworten, ich war 15, ein kleiner Junge.»

 

Nie erlebtes Gemeinschaftsgefühl

Wie Diego machten es viele. Sie sagten, sie seien volljährig und wollten sich an der Rettungsaktion der Bibliothek beteiligen. So überwanden sie die Absperrungen und begaben sich selbst in Gefahr, bewegten sich auf dem gefährlichen Terrain zwischen Trümmern und Einsturzgefahr. Nach einigen Tagen lag beißender Verwesungsgeruch in der Luft, und für Verschüttete bestand keine Hoffnung mehr. Auf der Suche nach Büchern konnte unter jedem Trümmerteil auch ein menschlicher Körperteil liegen. Warum so viele Jugendliche? Nicolás: «Wir waren einfach ungestüm. Jugendliche eben, unverantwortlich, rebellisch, leichtfertig.»

In allen Gesprächen war es die große Gemeinschaft der Jugendlichen untereinander, die sie bis heute beeindruckt und nicht vergessen lässt. Nie zuvor und nie wieder danach hätten sie einen Ort von solcher Solidarität erlebt, so Compte über die Gespräche. Für sie sei es wie eine Utopie gewesen, wo alle miteinander arbeiteten, sich gegenseitig halfen und oft nicht wussten, wie heißt der neben mir, wer ist es. Für Ester Szwarc hatten sie einfach weniger Furcht als die Erwachsenen.

 

Die Rettung geht weiter...

Was nicht mehr stand und nur noch Trümmerberg war, wurde abtransportiert und auf einem Gelände unweit des Rio de la Plata abgeladen. Vier Monate lang forderten die Jugendlichen Zutritt zu dem Gelände. Als er ihnen endlich gewährt wurde, drehten sie Stein für Stein um. Insgesamt konnten 60.000 Bücher, 32.000 Zeitungen und Zeitschriften, 9.000 Fotografien und 2.100 Schallplatten, darunter die ersten Tangos in jiddischer Sprache, von ihnen gerettet werden. Dazu zahlreiche Gemälde und Skulpturen. Vieles davon ist doppelt gerettet worden: einmal vor den Nazis und ein zweites Mal aus den Trümmern. «Es ging darum, die Dokumente, das Archiv, zu retten. Die Bücher standen vielleicht auch in einer anderen Bibliothek, die kamen an zweiter Stelle», so Szwarc.

Die unmittelbare Rettung war das eine, das Reinigen und wieder Ordnen das andere. In eigens organisierten Kursen brachten sich die Jugendlichen das behutsame Säubern bei. Zudem wurden bei dem Anschlag sämtliche Kataloge vernichtet, somit musste das Material komplett neu erfasst werden. Von den 60.000 geretteten Büchern sind heute gut 20.000 wieder zugänglich. Ein Teil ist im neuen Gebäude der AMIA und am neuen Ort des IWO untergebracht. Aber der Großteil lagert noch immer in Kisten an den verschiedensten Orten der Stadt.

«Ich würde heute wieder hingehen und Bücher suchen», sagt Demian. Und Nicolás: «Es ist wahr: Jedes gerettete Buch war für uns... als hätten wir ein Leben gerettet.»

Jürgen Vogt

 

 

Die Zitate der Jugendlichen stammen aus der Dokumentation «Atentado a la AMIA. Crónica de los jóvenes que recuperaron la memoria» (Anschlag auf die AMIA. Chronik der Jugendlichen, die die Erinnerung bewahrten)
von Rodolfo Compte. Das Buch erscheint Ende Mai in spanischer Sprache, 210 Seiten mit Fotos.

Kontakt: generacionjoven@yahoo.com
Die überarbeitet Webseite
des IWO Buenos Aires
ist bald zu finden unter: www.iwo.org.ar

 

«Jüdische Zeitung», Mai 2006