Wer ist Jamal Abu Samahanda?

Ein Top-Terrorist befehligt die palästinensischen Sicherheitskräfte

 

Jetzt wird er keine Zeit mehr haben, Anarchie in Gaza, Anschläge oder den Abschuss von Kassamraketen auf Israel zu organisieren.» So reagierte ein kritischer Palästinenser im Gazastreifen auf die überraschende Ernennung von Jamal Abu Samahanda, 43, zum Generaldirektor des Innenministeriums und damit zum Verantwortlichen für Sicherheitsangelegenheiten in der palästinensischen Regierung.

In Jerusalem war man nicht überrascht und kommentierte: «Abu Samahanda hat seine Finger in sämtlichen Terrorindustrien im Gazastreifen. An seinen Händen klebt viel jüdisches Blut.» Und Vize-Verteidigungsminister Ze'ev Boim fügte hinzu: «Seine Stellung verleiht ihm keine Immunität. Wir könnten unsere Datenbank mit vorbereiteten Zielen gegen die HAMAS hervorholen.»

Als Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas bei seinem Besuch in Washington im Mai 2005 verkündete, dass nun die «Ära der Selbstmordattentate» vorüber sei, ließ Israel durchblicken, dass es weiterhin die prominentesten Terroristen jagen wolle. Neben Muhammad Def, der schon mindestens zwei «gezielte Tötungen» schwer verletzt überlebte, steht Jamal Abu Samahanda ganz oben auf Israels Abschussliste. Samahanda ist Chef der «Populären Widerstandsgruppen», ein «semi-kriminelles» Bündnis frustrierter Sicherheitsleute, militanter Familienclans und anderer Organisationen, die sich nicht der Autorität der Autonomiebehörde beugen wollen. «Ich will auch weiterhin auf den Abzug drücken, wenn es notwendig ist», sagte Samahanda nach seiner Ernennung. Er wolle weiterhin die Widerstandsgruppen befehligen und werde den Beschuss Israels mit Raketen nicht stoppen. «Ich will für die Israelis eine ständige Bedrohung darstellen», hatte der Vater von fünf Kindern auf dem Höhepunkt der Intifada gesagt, nachdem er in zwei Jahren an 200 verschiedenen Orten übernachtet hatte, um den Israelis zu entgehen.

Samahanda wurde in den achtziger Jahren in der DDR drei Jahre lang in urbaner Kriegsführung und Sprengstofftechnik ausgebildet, zusammen mit Militanten aus Nicaragua und Kuba. 1994 kehrte er mit Arafat aus dem Exil zurück in die Heimat und wurde 1999 wegen seiner Proteste gegen Preiserhöhungen bei Nahrungsmitteln ins Gefängnis gesteckt. Beim Abschuss einer Kassamrakete auf Israel riss es ihm seinen rechten Arm weg. Französische Ärzte flickten ihn mit einem Stück Knochen aus dem Bein. Der Kämpferchef mit dem arg deformierten Arm protzt, dass eine israelische Panzerrakete seinen Arm zerfetzt habe. «Zum Glück schieße ich mit den linken Arm», sagt Samahanda, dem es gelang, mit vergrabenen sprengstoffgefüllten Fässern drei Merkava-Panzer zu zerstören und ihre Besatzungen zu töten.

Der Samahanda-Clan grub bei Rafah Tunnel unter den israelischen Grenzbefestigungen hinweg nach Ägypten. Vor allem Waffen, Munition und Drogen wurden da geschmuggelt. Es war eines der einträglichsten Geschäfte im Gazastreifen. Jamal Abu Samahanda wird von den Amerikanern auch verdächtigt, im Herbst 2003 drei amerikanische Diplomaten mit einer Autobombe ermordet zu haben. Präsident Jassir Arafat hatte diesen Anschlag nie ernsthaft aufklären lassen, was damals das Ende amerikanischer Vermittlermissionen bedeutete. Samahanda steht auch im Verdacht, Mussa Arafat, den Neffen des Präsidenten, Sicherheitschef im Gazastreifen und Symbol der grassierenden Korruption, vor den Augen verschüchterter Polizisten nahe ihrem Hauptquartier auf offener Straße ermordet zu haben. Präsident Abbas bot Samahanda nun an, dessen Stelle einzunehmen, um die Kämpfer einzubinden und von seiner «Erfahrung» zu profitieren.

Die Israelis verfügen über eine lange Liste von Anschlägen, die Samahanda befohlen haben soll. Er wird «Mr. Kassam» genannt und habe die palästinensische «Rüstungsindustrie» aufgebaut. In heimischen Metallwerkstätten werden jene Kassam-Raketen hergestellt, mit denen israelische Grenzstädte wie Sderot und sogar Aschkelon nahezu täglich beschossen werden. Israel antwortet seit Wochen mit einem ziemlich wirkungslosen Artillerie-Beschuss des im August 2005 von jüdischen Siedlungen frei geräumten Gazastreifens. Anfang April schoss eine Granate über ihr Ziel hinweg, traf ein Wohnhaus und tötete dabei ein kleines Mädchen. Eine beantragte Verurteilung Israels in der UNO wegen «exzessiver Gewalt» wurde von den Amerikanern verhindert. An Pessach sprengte sich dagegen ein Palästinenser aus dem Westjordanland in Tel Aviv in die Luft und tötete neun Menschen, darunter zwei Rumäninnen, eine Französin und einen 75-jährige Israeli. Die HAMAS-Regierung begrüßte diese «legitime Selbstverteidigung». Es ist nicht auszuschließen, dass sich die befürchtete Spirale der Gewalt - Kassamraketen auf Israel, israelischer Artilleriebeschuss, Tötungen palästinensischer Terroristen aus der Luft (beides mit Gefahr auch für zivile Opfer), Sprengstoffattentate in zivilen israelische Einrichtungen - in naher Zukunft wieder in Bewegung setzt.

Samahanda macht jedenfalls keinen Hehl aus seinen Absichten: «Das (Innen-) Ministerium wird mit den Widerstandsgruppen kooperieren, um das palästinensische Volk zu verteidigen und sein Leiden zu mindern.» Sein Sprecher Abu Abir: «Nichts wird uns und andere Widerstandsgruppen abhalten, den Widerstand gegen die Besatzung und ihre Verbrechen fortzusetzen.» Obgleich Befehlshaber der Sicherheitskräfte, will Samahanda auch weiterhin seine 2.000 Mann starke Miliz der Salah-A-Din-Brigaden befehligen und eine neue, von Abbas schon als «illegal» deklarierte Kampftruppe organisieren. Denn neben Israel sind Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas und Teile der Autonomiebehörde offenbar auch Rivalen für ihn.

Ulrich W. Sahm

«Jüdische Zeitung», Mai 2006