Foto: Klemens Czyzydlo

«Anarchisten gegen die Mauer» in Bilin

Junge Israelis solidarisieren sich mit isoliertem palästinensischem Dorf

 

Seit über drei Jahren fahren die israelischen «Anarchisten gegen die Mauer» in die Besetzten Gebiete. Zwar konnten die Demonstrationen der vorrangig jungen Leute das Fortschreiten des Mauerbaus nicht aufhalten, aber die Art und Weise des Protestes sorgte für viel Aufsehen im In- und Ausland. Bilin, ein kleines palästinensisches Dorf an der Mauer wurde in dieser Zeit zum Inbegriff des gemeinsamen, gewaltlosen Protestes von Palästinensern und Israelis. Anliegen der Anarchisten ist es, die Trennung der Schicksalsgemeinschaft von Juden und Palästinensern zu verhindern. Realer Utopismus im Jahre 2006.

Jeden Freitag um zehn Uhr morgens sammelt ein gemieteter Reisebus ein kleines Grüppchen von Aktivisten am Zentralen Busbahnhof im Süden Tel Avivs auf und fährt sie in die Nähe der Mauer. Dieses Mal, an einem wolkigen Apriltag, sind es insgesamt 17 Teilnehmer, vor allem junge Israelis unter 25 Jahren. Auch vier ältere Teilnehmer haben sich eingefunden für die Fahrt zu den palästinensischen Dörfern Bilin und Beit Sira. Dort wollen sie auf den gewaltlosen Demonstrationen der Palästinenser gegen die Mauer Solidarität üben. Jonathan Pollack (24), einer der Aktivisten, erklärt den Anwesenden im Bus den Ablauf der Demonstration und gibt Verhaltensmaßnahmen aus: bei Tränengaseinsatz seitens des Militärs kein Wasser auf die Augen spritzen, immer in der Gruppe zusammenbleiben für den Fall, dass es Verletzte geben wird. Bei Festnahmen steht ein Rechtsanwalt zur Verfügung. Eine Liste der Namen und Telefonnummern geht im Bus herum.

Na'ama (23), Geographie-Studentin aus Beer-Scheva, ist das dritte Mal auf einer solchen Fahrt dabei. Na'ama ist gegen den Mauerverlauf, der fast an allen Stellen von der 1967er Grünen Linie abweicht. Geschichten von überzogener Gewalt seitens der israelischen Armee gegen die Demonstranten haben bei ihr zur Entscheidung geführt, selbst vor Ort sein zu wollen. «Es war wichtig zu sehen, was dort genau passiert», erzählt Na'ama während der Busfahrt. «Ich hab' das oft brutale Vorgehen der Armee gegen die Demonstranten gesehen. Als ich das hinterher in der Familie erzählt habe, wurde behauptet, dass ich lüge.»

 

Symbolisches Grab

In der Region von Modi'in-Illit hält der Reisebus plötzlich mitten auf der Straße, die Aktivisten springen heraus. Ein israelischer Checkpoint befindet sich in der Nähe, und dessen Passieren ist für die Anarchisten offiziell verboten. Die Gruppe schlägt sich deshalb durch die Olivenhaine, durchquert ein kleines Tal, bis sie nach zwanzigminütiger Wanderung schließlich im palästinensischen Dorf Char Basar angelangt. Dort warten zwei arabische Minibusse. «In die Westbank zu gelangen», erklärt Jonathan Pollack, «ist immer ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem israelischen Grenzschutz. In der Vergangenheit haben sie versucht, uns aufzuhalten. Aber mittlerweile haben sie es fast aufgegeben.» Die zwei Minibusse poltern die mit Schlaglöchern übersäten Straßen der Westbank entlang weiter gen Bilin.

Schon über vierzehn Monate lang versammeln sich die Einwohner des 1.500-Seelen-Dorfes Bilin, nicht weit von Ramallah gelegen, jeden Freitag zu Demonstrationen gegen den israelischen Sicherheitszaun. Der wird nun in diesen Wochen unmittelbar neben dem Dorf errichtet. Die Bewohner Bilins verlieren durch die Streckenführung über ein Drittel ihrer Felder. Fast das ganze Dorf lebt von der Landwirtschaft. Die Proteste, so hatte es das örtliche Volkskomitee bestimmt, sollen gewaltlos stattfinden. Dennoch fliegen immer wieder vereinzelt Steine aus den Reihen der Demonstranten. Die israelische Armee wiederum setzt regelmäßig Tränengas und Gummigeschosse ein, um die Protestierenden auseinander zu treiben. Die Gruppe der «Anarchisten gegen die Mauer» beteiligt sich seit Beginn der Demonstrationen in Bilin im Januar 2004 und will damit ihre Solidarität mit den Palästinensern ausdrücken. «Wenn die Palästinenser allein wären, ohne uns, gäbe es außerdem noch viel mehr Gewalt», sagt Jonathan Pollack. «Die israelische Regierung will keinen gewaltlosen Widerstand der Palästinenser.»

Die zwei Minibusse treffen im Dorfkern Bilins ein. Die Aktivisten werden freundlich von den Bewohnern Bilins begrüßt. Bekannte Gesichter lächeln sich zu. Popcorntüten verkaufende Kinder mischen sich unter die Eingetroffenen, finden aber keine Abnehmer. Ein Teil der Anarchisten-Gruppe fährt direkt weiter ins Dorf Beit Sira, um sich der dortigen Kundgebung anzuschließen. Die Übrigen warten darauf, dass die Menge der einheimischen Männer und Jungen vom Mittagsgebet aus der Moschee kommt, um von dort aus direkt in die Demonstration zu münden. Einige Männer aus Bilin sind derweil mit dem Bau eines riesigen Holzgestells beschäftigt. Das Konstrukt wird später die Form eines muslimischen Grabes annehmen und mit einem weißen Stoff überzogen. Auf der Vorderseite steht auf Arabisch, Hebräisch und Englisch geschrieben: «Hier liegen die Bewohner Dorfes begraben, die ihrer Erde durch die Besatzung und den Mauerbau beraubt wurden. Anno 2006.»

 

Repressionen und Verletzte

Mohammed Elias, Mittvierziger aus dem Nachbardorf Kufr Na'ama, ist selbst im Volkskomitee und schon seit drei Jahren im gewaltlosen Widerstand aktiv. «Man muss kreativ sein», erklärt er das symbolische Grabkonstrukt. Elias ist auf vielen Demonstrationen gegen die Bodenenteignungen und den Mauerbau unterwegs. «Die israelische Armee wollte die Demonstrationen in der Vergangenheit unterbinden und setzte deshalb auch scharfe Munition ein. In den letzten zwei Jahren sind 11 Menschen auf den gewaltlosen Demonstrationen getötet worden. In Bilin wurde noch keiner erschossen, aber es gab etwa 300 Verwundete im Laufe des Jahres.» Außerdem leidet das Dorf unter den anhaltenden Repressionen durch das Militär. Männer, die als Aktivposten bei den Demonstrationen ausgemacht wurden, werden in beständiger Regelmäßigkeit nachts zwischen 1 und 2 Uhr von Spezialeinheiten aus dem Schlafzimmer weg festgenommen und für einige Wochen inhaftiert. «Letzte Nacht haben sie wieder einen geholt. Zur Zeit sitzen 15 Leute aus Bilin im israelischen Gefängnis», sagt Elias. Er betont, dass die Form des gewaltlosen Widerstandes, die vorwiegend von der «Fatah»-Bewegung in den Besetzten Gebieten propagiert wird, jetzt mehr und mehr Akzeptanz unter den Dorfbewohnern findet. «Früher waren die Leute hier für den bewaffneten Kampf», erläutert er. «Heute haben wir mehr Zulauf. Und es kamen sogar schon Hamas-Politiker auf unsere Demonstration. Die haben bisher noch nichts gegen unsere Form des Protestes gesagt.»

Das Mittagsgebet ist beendet. Männer aus dem Dorf schultern das überdimensionale, symbolische Grabkonstrukt. Dutzende Kinder tummeln sich unter dem Stoffzelt. Insgesamt etwa 150 Protestler laufen, ein paar von ihnen palästinsische Fahnen schwenkend, die Dorfstraße in Richtung der Baustelle der Mauer und skandieren dabei: «Von Bilin bis Dir Amar - die Mauer wird fallen.» Die israelischen Aktivisten haben sich unter die Einheimischen gemischt. Außerdem sind einige Angehörige des «International Solidarity Movement» (ISM) anwesend - vorwiegend US-amerikanische und westeuropäische junge Linke, die auf Freiwilligenbasis bis zu drei Monate in den Besetzten Gebieten verbringen und humanitäre Hilfe leisten sollen. Hinter dem Demonstrationszug fährt ein palästinensischer Krankenwagen.

 

Rauchbomben und Steine

Die skandierende Menge gelangt nach etwa zehn Minuten Fußweg zu der durch Stacheldrahtzaun blockierten Stelle der Dorfstraße, an der sich in Zukunft ein Hochsicherheitstrakt befinden wird. Derweil versperren ein gelber Schlagbaum und eine zwanzigköpfige Gruppe von israelischen Soldaten und Soldatinnen den Zugang zur anderen Seite des Zaunes. Mehrere Fernsehteams und Pressevertreter haben sich bereits vor Ort versammelt. Die erste Reihe der Demonstranten, alles Männer des Dorfes im mittleren Alter, nähert sich den Soldaten. Plötzlich erschallt ein Knall. Aus den Reihen der Armee wurde eine Rauchbombe gezündet. Die Menge stiebt auseinander. Auf Hebräisch ertönen Rufe: «Das ist eine gewaltlose Demonstration!» Die Grabträger laufen weiter, Parolen rufend, in die Wand der Soldaten. Das Holzkonstrukt zerbirst im Gerangel der beiden Fronten. Johlen und aufgeregtes Schreien auf Seiten der Demonstranten. Die Palästinenser fuchteln wild mit den Fahnen und springen wütend auf den Überresten des zerbrochenen Holzgrabes herum. Kameras von allen Seiten sind auf das kuriose Spektakel gerichtet. Soldaten filmen Demonstranten, Demonstranten filmen Soldaten. Und Al-Jezira interviewt einen kleinen Jungen mit der palästinensischen Flagge.

In der Zwischenzeit hat sich die Lage beruhigt. Die israelischen Aktivisten sind an der vorderen Reihe der Soldaten vorbei zum Schlagbaum gegangen und klopfen minutenlang mit Steinen auf das Stahlgerüst. Die jungen Gesichter der Soldaten wirken nun fast gelangweilt. Unterdessen zünden sich die palästinensischen Grabträger die ersten Zigaretten an. Noch etwa 30 bis 40 Menschen sind von der anfänglichen Demonstrantengruppe übrig geblieben. Die kleine Menschenmenge rückt kontinuierlich weiter vor zum Stacheldrahtzaun. Auf Höhe des Durchganges im Zaun setzen sich sechs israelische Aktivisten, unter ihnen Jonathan Pollack, auf die Erde. Wieder ein Knall. Einer aus der Gruppe der Sitzstreikenden wird von den Soldaten weggezogen. Ein erneuter Knall. Die Menge springt auseinander, und die Sitzenden werden von den Soldaten unsanft aus der Traube weggeschleift.

Viele Demonstrationsteilnehmer des Dorfes haben die Szenerie bereits verlassen. Eine amerikanische ISM-Freiwillige rangelt mit Soldaten am Schlagbaum. Die Schlagstöcke werden gezückt. Jonathan Pollack und andere Israelis haben sich wieder auf den Boden gesetzt und werden, während sie laut «Lügner! Faschisten!» rufen, von den Soldaten weggetragen. Ein Palästinenser zieht schließlich eine Trillerpfeife und fordert alle Demonstrationsteilnehmer zum Nachhausegehen auf. Entspanntes Lächeln jetzt auf den Gesichtern beider Seiten. Auf dem Weg zurück zum Dorf werfen Jugendliche dann doch noch Steine, und die Armee zündet weitere Rauchbomben, aber es gibt keine Verwundeten.

 

«Land und Freude sind weg»

Sprachlosigkeit nach der Demonstration. Ein Mann aus dem Dorf steht am Straßenrand und schaut auf seine spielenden Kinder. Er, Badar, Ende 30, verlor 400 Quadratkilometer auf der anderen Seite des Stacheldrahtzaunes. Er hat sechs Kinder zu ernähren und ist jetzt arbeitslos. Badar fasst die gegenwärtige Lage zusammen: «Die Armee weiß, dass wir am Ersticken sind. Die Demonstrationen haben nur noch symbolischen Wert.» Eine Aussicht auf Besserung sieht Badar nicht: «Jetzt ist nicht nur das Land weg, sondern auch die Freude am Leben.»

Die israelischen Zeitungen werden am nächsten Tag eine kurze Meldung veröffentlichen, wonach es in Bilin eine Anti-Sicherheitszaun-Demonstration ohne Zwischenfälle gab.

 

Foto: Klemens Czyzydlo

Beruhigende Veteranen

Giora Itamar (58) aus Petach Tikva war schon auf vielen Demonstrationen der «Anarchisten gegen die Mauer». Wie viele ältere Teilnehmer, hat auch er einen Prozess der Bewusstseinsveränderung durchlaufen. «Im Jahr 1967 war ich selbst Soldat auf den Golanhöhen. Ich hab den Slogans vom Sicherheitsbedürfnis Israels Glauben geschenkt. Aber seit dem Libanon-Krieg bin ich gegen die Politik der israelischen Regierungen», führt Itamar in sachlichem Ton aus. «Was Israel in den Besetzten Gebieten macht, ist nicht rechtens. Man darf nicht über ein anderes Volk regieren. Das ist auch unmoralisch uns gegenüber.» Von den Demonstrationen hatte Itamar über Freunde gehört. Nachdenklich sagt er dann: «Meine Familie ist dagegen, dass ich gegen unsere Soldaten demonstriere. Sie denken, alle Palästinenser sind Terroristen und Hamas-Anhänger. Ich bin politisch ein Außenseiter zu Hause.»

Itamar betont die Wichtigkeit der Präsenz von älteren Demonstrationsteilnehmern: «Wir Alten sind klar in der Minderheit. Aber wir wirken auch beruhigend auf beide Seiten. Ich fürchte mich manchmal. Es ist eine schizophrene Situation. Du stehst dort deiner Armee gegenüber und siehst, wie sie deine Freunde schlagen.» Der persönliche Kontakt mit den Palästinensern ist Itamar bei den Aktionen sehr wichtg. Er wird auch in Zukunft zu den Protesten fahren, auch wenn es jedes Mal beschwerlich ist: «Ich fühle, ich muss hier sein. Ich will keinen Konflikt. Das Steinewerfen ist ein andauerndes Problem. In Bilin passiert es sehr selten, in Beit Sira und anderswo dagegen häufiger.»

 

Die Pollacks in Aktion

Jonathan Pollack und Schai Carmeli-Pollack sind Halbbrüder und beide in Israel keine Unbekannten. Ihr gemeinsamer Vater ist Yossi Pollack, ein berühmter Schauspieler und Theaterregisseur. Der Ältere, Schai, 37, ist Filmregisseur und Aktivist, der Jüngere, Jonathan, 24, «Vollzeit-Anarchist». In den letzten drei Jahren sind die beiden - wie viele andere aus der lose organisierten Gruppe der «Anarchisten gegen die Mauer» auch - in den Mittelpunkt des Interesses in Israel gerückt. Regelmäßig erscheinen Artikel über diese oder andere Gruppen in den Besetzten Gebieten. Die Medien in Israel sind längst nicht mehr gleichgeschaltet. Die Präsenz der Anarchisten ging sogar so weit, dass vor ein paar Monaten auf einem Internetportal der zweitgrößten Tageszeitung, «Ma'ariv», Jonathan Pollack zu einem der zehn attraktivsten jungen Männern Israels gewählt wurde.

«Das war ein blöder Witz. Mich interessiert das nicht», kommentiert Jonathan Pollack das Ranking von «Ma'ariv». «Wir führen hier einen politischen Kampf. Ich verstehe mich als Teil einer sehr kleinen Gruppe in Israel, die eine Anti-Kultur lebt - Tierschützer, Punkisten, Wehrdienstverweigerer.» Pollack war einer der Gründer der «Anarchisten gegen die Mauer» im Jahr 2002. Die Gruppe besitzt keine feste organisatorische Struktur. Eine der ersten Aktionen gegen den Mauerbau war ein Zeltdorf an der Mauertrasse bei Mas'cha. In der Anfangszeit waren die Aktionen noch als direkter Widerstand gegen die Arbeiten an der Mauer ausgerichtet. Zäune wurden zerschnitten und Tore geöffnet. Fast jeden Tag fuhr Jonathan Pollack, der heute in Yafo lebt, zu Aktionen an der Mauer. «Ich war in den drei Jahren auf über 300 Demonstrationen. Zwei Drittel davon im Jahr 2004, als die Leute von Bilin noch jeden Tag gegen die Mauer protestierten», erzählt Pollack. Insgesamt schon 30 Mal wurde er auf solchen Demonstrationen verhaftet. Die meisten Festnahmen waren unbeabsichtigt, manche wegen des Medieninteresses inszeniert. Pollack ist laut eigener Aussage eine Art gläserner Mensch - seine Telefonate und Emails werden vom israelischen Geheimdienst überwacht.

 

Mehr Ritual als Widerstand

Im Laufe der drei Jahre erfuhr die Gruppe der Anarchisten einen kleinen, aber spürbaren Zulauf von Israelis, die gemeinsam mit Palästinensern gegen den Mauerverlauf oder die Mauer an sich demonstrieren wollten. In die Medien gerieten die Aktivisten vor allem durch Fälle von schweren Verletzungen unter israelischen Demonstranten. So wurde zum Beispiel im Dezember 2003 das Knie von Gil Na'amati, einem damals 22jährigen Neuling der Gruppe, von einer Kugel zertrümmert. Der junge Mann schwebte in Lebensgefahr. Fälle von Verletzungen durch Gummigeschosse sind fast schon die Regel. Vor einem Monat verlor ein 18jähriger israelischer Abiturient auf einer Demonstration ein Auge. Jonathan Pollack lag selbst schon nach einem Kopfschuss im Krankenhaus. Die Verantwortung auf Seiten der Armee wird zumeist geleugnet. Die Hauptopfer seien ehedem die Palästinenser. Die Zahl der Protestkundgebungen ist indes in letzter Zeit merklich gesunken. Pollack: «Die Palästinenser sind müde. Es ist schwer, jeden Tag zu demonstrieren. In Bilin haben sie entschieden, nur noch ein Mal pro Woche auf die Straße zu gehen. Mehr ein Ritual als Widerstand. Ich hätte gern im tagtäglichen Rhythmus weitergemacht. Nun verliert der Protest seinen akuten Charakter.»

 

«Ich werde weitermachen»

Schai Carmeli-Pollack filmt seit zwei Jahren die Aktionen der Anarchisten und vor allem die Protestbewegung in Bilin. Im Sommer soll der fertige Dokumentarfilm ausgestrahlt werden. Der Mann mit den schwarzen, buschigen Augenbrauen und der zu Falten gezogenen Stirn war in der Vergangenheit politisch nicht sonderlich interessiert, kam erst durch seinen Halbbruder zu den Anarchisten. «Ich glaube, die Friedensaktivisten sind die beste Verteidigung gegen Anschläge», so Carmeli-Pollack. «Unsere Anwesenheit gibt den Leuten auf der anderen Seite Hoffnung. Sie sollen sehen, dass es Ansprechpartner gibt - und nicht nur jüdische Siedler und Soldaten.» Für Schai Carmeli-Pollack ist der gewachsene Kontakt mit der palästinensischen Bevölkerung die stärkste Erfahrung. Palästinensische Politiker haben ihn dagegen nie interessiert. Carmeli-Pollacks Botschaft geht über die Tagespolitik hinaus: «Wir wollen beide Seiten freimachen. Es liegt in unserer Verantwortung, die Fehler der letzten hundert Jahre zu reparieren. Eine ethnische Trennung der beiden Völker ist in meinen Augen keine Lösung. Ich will einen demokratischen Staat aller seiner Bürger.»

Auswirkungen der Aktionen der Anarchisten auf politischer Ebene sieht Pollack nur geringe. «Es gibt kleine, kosmetische Verbesserungen für die Palästinenser. Ich weiß aber nicht, welchen Anteil wir daran haben», so der Filmemacher. Auch die Zukunft des Kampfes gegen die Mauer betrachtet er realistisch. «In ein bis zwei Jahren wird die Mauer fertig sein, und es wird schwer für uns, in die Besetzten Gebiete zu gelangen, um dort unsere Leute zu treffen. Ich hab keine Hoffung auf eine bessere Zukunft, ich muss damit leben», Pollack lacht dabei. Doch ans Aufgeben denkt er keineswegs: «Als Dissident hab ich viel Kraft und werde trotz der manchmal einsetzenden Müdigkeit weitermachen. Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu tun.»

Eik Dödtmann

«Jüdische Zeitung», Mai 2006