Foto: M. Goldberg

Gegen den Hass als neue Identität

Türkische Jugendliche reisen nach Israel

 

Das «Projekt Interchange - An Institute of the American Jewish Committee» führt seit 1982 Gäste der Organisation, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiert, zu Seminaren nach Israel. Auf den Weg machen sich jeweils Gruppen von etwa 15 «Meinungsmachern», wie Maren Qualmann, Special Assistant of the Director, sie nennt. Qualmann ist im Berliner Büro des American Jewish Committee verantwortlich für die Betreuung der deutschen Gruppen, was die Vorbereitung auf die Reise, die Reiseleitung selbst und schließlich auch die Nachbetreuung beinhaltet.

Die diesjährigen Reiseteilnehmer sind ganz besondere: Es sind türkische Jugendliche, die als deutsche Staatsbürger nach Israel reisen, interkultureller kann es gar nicht sein. Nach Hause zurückgekehrt haben sie viel «Arbeit» vor sich, um in ihrem beruflichen und privaten Umfeld, häufig muslimisch oder zumindest türkisch geprägt, die Haltung ihrer Freunde, Familien und Kollegen zu Israel positiv zu beeinflussen: «Meinungsmacher» eben.

Die Medienbeobachterin Elif, Aycan und Hilal, beide Mitarbeiter der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus und die Journalistin Güner gehören zur Gruppe der «Deutschländer», wie die hierzulande lebenden Türken von ihren Landsleuten zu Hause genannt werden - verwurzelt in der Tradition der alten Heimat, aufgewachsen in Berlin, mit beiden Sprachen lebend, nicht selten «zwischen den Stühlen» fühlend. Die vier sind mit dem American Jewish Committee kürzlich in Israel gewesen und haben unserem Mitarbeiter Lutz LORENZ von ihren Eindrücken erzählt. Während ihrer siebentägigen Reise haben sie Yad Vashem besucht, Rabbiner getroffen, beim Israel-Turkish Business Council geluncht, an einem Shabbatessen teilgenommen, Sehenswürdigkeiten erlebt und im Toten Meer gebadet, die palästinensische Sichtweise in der Faisal al-Hussaini Foundation diskutiert, den Botschafter der Türkei in Israel und Journalisten im Heiligen Land gesprochen oder sich über alternative Erziehungs- und Integrationsmethoden informiert. Ein straffes wie anspruchsvolles Programm.

 

Zwischen den Religionen

«Ich wollte multikulturelles Leben sehen, ob es wirklich und vor allem wie es funktioniert», sagt Hilal. Russen würden nach Israel kommen, Amerikaner dazu, müsse das nicht zwangsläufig zu Spannungen führen, fragte sich die junge Frau. Ihr erster Eindruck sei Harmonie gewesen, was sie selbst sehr überrascht habe. «Die Leute engagieren sich sehr, um mit den Spannungen zu leben. Ich war überrascht, wie gut Juden und Palästinenser zusammenleben, sie haben gemeinsame Schulen und Unternehmen, es gibt also Kontakte und Kommunikation „zwischen den Religionen". Ich glaube, das weiß hier in Deutschland keiner so richtig», meint sie.

Elif, mit einem türkischen Vater in Frankreich aufgewachsen, fühlt sich zuweilen noch mehr zwischen Tradition, Moderne und verschiedenen Identitäten schwankend, von denen sie selbst die französische für sich beanspruchen würde. Erst in Deutschland habe sie so richtig gespürt und auch zu spüren bekommen, dass sie «Türkin» sei. «Der mainstream in Frankreich ist sehr contra-israelisch», stellt sie an den Anfang. Das begründe sich historisch: Als «Linker» sei man eben pro-palästinensisch, das sei «schon fast vorprogrammiert» und so habe sie selbst sich bis zur zweiten Intifada politisch ebenso verhalten. Allerdings sei die Linke viel breiter als in Deutschland, wo übrigens auch die Grundhaltung zu Israel und Palästina viel mehr zu Gunsten Israels tendiere, so ihr Eindruck. Vor der Reise habe sie Israel ausschließlich mit Konflikten verbunden. Nun habe sie erlebt, das es ein «ganz normales Alltagsleben gibt, mit vielen inneren Problemen der Gesellschaft, etwa der russischen Zuwanderung oder den Juden aus Äthiopien. Ich hätte nicht gedacht, dass Israel dabei so pluralistisch ist», stellt sie fest.

 

Trainiert zum Hass auf Israel

Für Güner war der Ausgangspunkt ihr eigenes Alltagsleben mitten in Berlin-Neukölln: «Dort gibt es einen so krassen Antisemitismus, wie man ihn sich gar nicht vorstellen kann! Besonders gefährlich finde ich, dass sich dieser Antisemitismus und Antiisraelismus immer mehr verbreitet, vor zwanzig Jahren hat es das selbst dort nicht gegeben. Viele Kinder werden im Hass auf Israel regelrecht trainiert - und die Behörden tun nichts: Die Deutschen versuchen immer noch, die Shoa zu verarbeiten, aber auf die aktuelle Entwicklung reagieren sie kaum.» Hass schaffe Identität, der geringere Bildungsgrad, als bei gleichaltrigen Deutschen, spiele da eine große Rolle, so die Journalistin. «Manche muslimische Jugendliche identifizieren sich sogar mit Hitler, mit dem Naziregime und tun sich so mit denen zusammen, die sie ja eigentlich hassen.» Besonders bereite ihr Sorge, dass ein latenter Antisemitismus häufig in der Schicht des türkischen Bildungsbürgertums anzutreffen sei. «Man ist da von ganz alten Verschwörungstheorien geprägt. Zu mir hat einmal ein türkischer Reiseleiter gesagt: „Wissen Sie, wer das Geld ‚erfunden' hat: die Juden natürlich!"».

Nun sei sie in Israel gewesen. Entgegen der anderen Reiseteilnehmer habe sie einen gewissen Mangel an Dialog zwischen Israelis und Palästinensern empfunden, aber dort, wo er stattgefunden habe, sei er richtig und wichtig gewesen. «Dialog fand irgendwie nur wie ein „Tropfen auf den heißen Stein" statt, er war nicht präsent.» Auch in Berlin mangele es ihr am Dialog, an Öffentlichkeit für die Themen um Israel überhaupt. «Ich werde versuchen, aufzuklären, zu thematisieren, mein Job bietet mir die Chance dazu. Vor allem will ich in der muslimischen Szene nach Partnern suchen, die kontaktfähig sind», resümiert Güner die Reise für sich. Natürlich beziehe sie diese Rückschau nicht allein auf die Türken. «Es gibt noch sehr viel Feindlichkeit in Deutschland, es ist irgendwie normal, Juden zu hassen. Versuchen Sie doch mal, mit einem Davidstern durch Neukölln zu laufen, das würde nicht gehen. Daß man sich da als Jude verstecken muss, ist doch unglaublich, und niemanden beeindruckt diese Erkenntnis besonders!»

 

In sozialer Isolation

Aycan, als Mitarbeiter der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus gemeinsam mit Maren Qualmann einer der Initiatoren der Reise, fühlte sich als Türke in Israel besser angenommen, als im übrigen Europa. «Vielleicht hat das damit zu tun, dass viele Juden einen türkischen Hintergrund haben», meint er. Die Reise, die dabei stattfindenden Diskussionen, auch mit Sicherheitsfachleuten vor Ort, hätten bei ihm einen besseren Blick auf Sicherheitsinteressen Israels und militärische Fragen hervorgerufen. In seiner Tätigkeit für die Initiative ist er von den eigenen Landsleuten in Berlin nicht selten als «Agent des Mossad» beschimpft worden, hat Unwillen gespürt, der nicht selten zu einer sozialen Isolation in seinem ganz persönlichen Umfeld geführt hat. «Er ist eben Einzelkämpfer!» meint Güner. Nein, ganz so sei es auch nicht, er habe viele neue Freunde gefunden, widerspricht Aycan.

Auch einige von Elifs deutschen Bekannten hätten ziemlich negativ reagiert. «Rührt doch nicht schon wieder an unseren Juden!» habe es geheißen. Sie spüre in ihrem Umfeld einen starken deutschen linken Antisemitismus und erlebe zugleich ein Kreuzberg, dass vom Weltbild des Islam entscheidend geprägt sei. «Es hat unter unseren Reiseteilnehmern Leute gegeben, die sich zwei Jahre lang „gewehrt" haben, an dieser Reise überhaupt teilzunehmen!»

Für Maren Qualmann und das Team des Berliner American Jewish Committee war die Reise ein Erfolg. «Antisemitismus verbindet sich fast immer mit Israel, und in allen Bevölkerungsschichten ist sehr viel Unkenntnis zu beidem vorhanden», meint sie. «Die erste Reise mit unseren türkischen Freunden war sehr spannend für unsere Organisation. Wir haben gute Erfahrungen gemacht und werden weiterhin ausgewählte Ansprechpartner in der türkischen Gemeinschaft sensibilisieren und unterstützen. Immerhin ist die Türkei das einzige muslimische Land, das einen Friedensvertrag mit Israel abgeschlossen hat. Das ist doch eine wunderbare Grundlage für unsere Arbeit!»

Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», April 2006