Moschav Ovdim Nahalal.             Foto: Archiv

Wie ehrt man einen Architekten?

Das Erbe von Richard Kauffmann – eine Chronologie wider das Vergessen

 

Im Jahre 2008, wenn der Staat Israel 60 Jahre alt sein wird, jährt sich das Todesjahr Richard Kauffmanns zum 50. Mal. Ein guter Zeitpunkt, an jenen Mann zu erinnern, dessen Einfluss und Wirken auf dem Gebiet der Stadt - und Siedlungsplanung, der Architektur und Landschaftsplanung in Israels vorstaatlicher Periode so prägend war, wie das keines zweiten Architekten. Aber wer weiß das heute noch? Einem Mann wie Richard Kauffmann gebührt Ehre, ihm, dem «Chaluz-Architekten», dem Vater der ersten bedeutenden Siedlungsstrukturen landesweit, dem, dessen Schaffen bis heute als der bedeutendste Beitrag eines einzelnen Architekten zum Aufbau des Landes Israel gilt - ein Gesamtschaffen, das nur wenige Architekten des 20. Jahrhunderts für sich vereinnahmen können.

Im Jahre 1947, anlässlich von Kauffmanns 60. Geburtstag, fand im Bezalel Museum in Jerusalem eine erste Ausstellung seiner Arbeiten statt: «From Planning to Reality. The Work of Richard Kauffmann. Architect and Town-Planner». Die Besucher von damals waren Zeitgenossen des Architekten und zum Teil vertraut mit der gebauten Realität. Vieles war ja gerade erst in den vergangenen Jahrzehnten entstanden, seit der aus Frankfurt am Main gebürtige Deutsche 1920 zum Leiter des ersten städtebaulichen Amtes von der Jewish Agency nach Palästina berufen worden war.

 

Von Moschav Nahalal bis Villa Aghion

Und heute? Jedes Kind in Israel kennt den weltberühmten ovalen Entwurf von Nahalal, dem ersten Moschav Ovdim im Jesreel Tal, oder die Villa Aghion in Jerusalem, den Sitz des israelischen Ministerpräsidenten. Aber wer kennt noch seinen Erbauer, dessen Leben und Werk? In den 50 Jahren seit Kauffmanns Tod haben sich einige Gerechte daran versucht, Kauffmann mit einer umfangreichen Werkschau zu ehren, haben einflussreiche Verbündete um sich geschart, haben begonnen... Bis heute beinahe vergebens. Als scheint ein Fluch auf diesem Vorhaben zu liegen. Eine Chronologie wider das Vergessen:

w Auf der Ausstellung von 1947 hält eine Frau die Laudatio. Es ist die in Berlin geborene Architektin Lotte Cohn, die seit 1921 als Kauffmanns erste Assistentin in die wichtigsten Projekte der gemeinsamen Jahre involviert war. Bereits zehn Jahre zuvor hatte sie ihren früheren Chef und Mentor in einem Artikel gewürdigt. Unermüdlich wird sie dies bis zu ihrem Tode tun. In Kauffmanns 10. Todesjahr wächst die Idee, den Architekten mit einer umfangreichen Monographie zu ehren. In den nächsten fünf Jahren bemüht sich Cohn um Unterstützung ihres Projektes - und findet sie vor allem im Ausland, insbesondere in der Schweiz und in Deutschland. Involviert sind Persönlichkeiten wie Professor Edgar Salin von der List-Gesellschaft in Basel und Herausgeber einer Israel-Reihe im Verlag der Gesellschaft, Professor Erika Spiegel, Verfasserin des Buches «Neue Städte in Israel» und der bekannte deutsche Architekturhistoriker und Direktor des Deutschen Werkbundes, Professor Julius Posener. Cohn selbst bewirbt sich gar um ein Stipendium bei der Memorial Foundation for Jewish Culture, wird jedoch abgelehnt.

w Seit 1974 ist auch das Leo Baeck Institut um seinen damaligen Leiter Hans Tramer in das Vorhaben involviert. Allen Bemühungen zum Trotz - das Projekt scheitert. Erhalten geblieben sind die beiden Manuskripttexte «Richard Kauffmann. Architekt und Städtebauer. Sein Werk im frühen Städtebau in Palästina» und «Richard Kauffmann. Architekt und Städtebauer». Beide sind bilderlos. Die Witwe des Architekten zeigte sich seinerzeit sehr zögerlich, das Bildmaterial ihres Gatten zur Verfügung zu stellen - eine Reaktion, die vererbt werden sollte.

War der Jom Kippur Krieg und das veränderte internationale Verhältnis zu Israel schuld am Scheitern des Projektes und dem zunehmenden Desinteresse «an einem so abgelegenen Thema», wie Lotte Cohn 80jährig in einem Brief an Julius Posener vermutete?

w Mehr als zehn Jahre vergehen. 1985 wird an der Technischen Universität Berlin die Dissertation «Richard Kauffmann 1887-1958. Das architektonische Gesamtwerk» eingereicht. Ihr Verfasser ist der Architekt Uriel Adiv, damals ein Israeli in Berlin. Einer der Gutachter ist Professor Julius Posener, einst Assistent von Erich Mendelsohn in Palästina und mit Richard Kauffmann persönlich bekannt. Es ist die erste umfassende Zusammenstellung des Werkes von Kauffmann, die in einem umfangreichen Werkkatalog (ca. 1.200 Seiten), unterstützt von der Jewish Agency, seine Ergänzung findet. Ein Exemplar des Werkkatalogs befindet sich heute im Zionistischen Zentralarchiv in Jerusalem, leider nur einer wissenschaftlichen Fachwelt zugänglich. Das Archiv beherbergt seit dem Tod des Architekten dessen Nachlass, hat rechtlich jedoch keine eigene Befugnis, da sich das Kauffmann-Archiv bis zum heutigen Tag in Familienbesitz befindet - eine Rechtsgrundlage, die immer wieder zu Problemen führte und führt.

w Zurück in Jerusalem, plant Adiv 1987 eine großangelegte Ausstellung im Israel Museum anläßlich des 100. Geburtstages von Richard Kauffmann. Gemeinsam mit dem damaligen Chefkurator Izzika Gaon und einer Fülle von sorgsam aufbereitetem Material tun sie ihr Möglichstes, um die Ausstellung erfolgreich eröffnen zu können. «Alles befand sich auf Erfolgskurs», sagt Adiv heute. Dennoch scheitert das Vorhaben. Der Grund: angeblich finanzielle Schwierigkeiten, überwiegend jedoch weil Kauffmanns beide Töchter in Jerusalem und Maryland dem Projekt rechtliche Schwierigkeiten bereiteten. «Alles für die 1987er Ausstellung war bestens vorbereitet und lief gut. Jeder der Beteiligten war glücklich und enthusiastisch. Nur Kauffmanns in Jerusalem lebende Tochter erschien nie, um die Vertragspapiere zu unterzeichnen, damit wir mit der Arbeit am Material beginnen konnten. Sie fand zahlreiche Gründe, nicht zu anberaumten Treffen zu erscheinen, die nun mal notwendigerweise zu einer "offiziellen" Vorgehensweise eines Museums gehören, und cancelte schließlich ganz ihre Kooperation. Faktisch kann ich mich nicht erinnern, dass sie jemals ins Museum kam, und ich war dort fast jeden Tag der Woche. Die heftigen Probleme mit dieser Familie hängen wohl auch damit zusammen, dass Kauffmann zwar an die 140 Siedlungen, etwa 40 Städte und Stadtteile wie auch mehrere Dutzende von Häusern im ganzen Land geplant hat (einige seiner Tel Aviver Bauten stehen bereits unter dem Schutz der UNESCO). Für sich und seiner Familie jedoch hat er nie ein Eigenheim entworfen. Die Familie ist verbittert. "Man schulde ihnen die Anerkennung." Aber anstelle etwas selber zu initiieren oder jedes Angebot von Seiten anderer mit beiden Händen zu ergreifen, dem Namen Kauffmanns Ruhm und Ehren zu erweisen, bringen sie die Lage immer zum Kippen und weisen schließlich alle ab, die mit dieser Angelegenheit etwas zu tun haben wollen. Das nächste Desaster ist bereits vorprogrammiert», sagte Adiv in einem Interview rückblickend auf die damaligen und heutigen Probleme.

w 20 Jahre später: Adiv hat sich von dem damaligen Schock des Fehlschlagens erholt und versucht es erneut. «Richard Kauffmann 2008» heißt das neue Projekt - und soll aus Anlass des 50. Todestages des Architekten stattfinden. Ein einzigartiges und ehrgeiziges Vorhaben: keine separate Einzelausstellung im Israel Museum, sondern ein großangelegtes internationales Event, mit Hauptschauplätzen in Israel und Deutschland. Adiv zieht den Radius weit: Er und sein hochkarätiges Beraterteam konsultieren alles, was in beiden Ländern zum Thema Architektur und Stadtplanung in Israel, Ausstellungsvorbereitung u.a. einen Namen hat. Er stellt einen öffentlichen Beirat zusammen, in dem Persönlichkeiten wie Professor Omar Akbar von der Bauhaus Stiftung Dessau, der Architekt Daniel Liebeskind und Ascher Ben-Nathan, der erste Botschafter Israels in Deutschland und Präsident der Israelisch-deutschen Gesellschaft, fungieren. Er wendet sich an die UNESCO, ICOMOS, ICOM und DOCOMOMO, begibt sich sogar auf die politische Ebene und wirbt bei israelischen Ministerien und bei den Botschaftern beider Länder um Unterstützung seines Projektes.

 

Interesse bei Museen, Akademien und Medien

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main zeigt sich interessiert, eine Ausstellung zu kuratieren, die anschließend im Berliner Martin Gropius-Bau und im Israel Museum Jerusalem zu sehen sein soll. Die Akademie der Künste Berlin erwägt eine Sonderausstellung, in der der Einfluss der deutschen Gartenstadtbewegung auf Kauffmanns Planung analysiert werden soll. Ein umfangreicher Katalog zur Ausstellung und zahlreiche andere Publikationen, Filme und TV-Beiträge werden bilateral geplant. Wie bereits 1987 anvisiert, will das Jüdische Museum in Frankfurt Kauffmann als Sohn der Stadt mit einer Ausstellung zu seiner Familie - der unter anderem das jüdische Verlagshaus J. Kauffmann gehörte - ehren, möglicherweise in Kooperation mit dem Museum der deutschsprachigen Juden im israelischen Tefen. Im Kibbuzmuseum von En Harod könnte eine Ausstellung mit Ölgemälden Kauffmanns gezeigt werden, die später auch zum Frankfurter Städl - Kauffmanns damalige Kunstschule - wandern dürfte. Israelische Künstler, wie Dani Karavan und Noam Sheriff, sichern eigene künstlerische Beiträge zum Jubiläumsjahr zu. Israelische Architekturstudenten sind beauftragt, Modelle der wichtigsten Bauten Kauffmanns für die Ausstellung zu bauen und sich weiterführend die nächsten Jahre mit seiner Person und seinem Werk zu beschäftigen. Mit deutschen Universitäten wird über die Möglichkeit eines Studentenaustausches gesprochen. Fünf interdisziplinäre Symposien von internationalen Wissenschaftlern sollen im Sommer 2008 in Israel stattfinden. Zudem soll das Kauffmann Archiv neu bearbeitet und im Internet zugänglich gemacht werden. Nicht zuletzt sollen im Jubiläumsjahr einige Straßen in den von Kauffmann geplanten Städten und Siedlungen seinen Namen erhalten, und eine Gedenkmedaille sowie eine Briefmarkenserie sollen an die Feierlichkeiten erinnern.

Projekt vor dem Scheitern

Das Projekt «Richard Kauffmann 2008» steht derzeit vor dem Aus. Die involvierten Institutionen und Personen stehen vor einem Rätsel. Noch waren es nicht die finanziellen Probleme, die eventuell eine «abgespecktere» Variante der Ehrung erforderlich gemacht hätten. Es ist die Familie Kauffmann selbst, die ihrem Vater und Großvater die große Ehre verweigert, aus Gründen, die die Fachwelt nicht versteht: die Würdigung als einer der «Erbauer Israels». «Familien können manchmal schlimm sein», so die kopfschüttelnde Reaktion eines deutschen Mitinitiators.

Wie ehrt man Richard Kauffmann und vor allem wann? Soll eine weitere Generation von Wissenschaftlern heranwachsen, die wieder auf die runden Jubiläen von Geburts- oder Todesjahr warten, um dem ganzen einen würdigen Rahmen geben zu können? Wer wird dann entscheiden, ob Kauffmanns Pläne in einer nationalen oder internationalen Ausstellung gezeigt werden können? Sind Kauffmanns Pläne, er als historische Person nicht zum Allgemeingut geworden und müssen einem größeren Kreis - auch außerhalb Israels - zugänglich gemacht werden?

 

Hoffnungsschimmer Kfar Yehoshua

Gibt noch Hoffnung? In Kfar Yehoshua, einem von Kauffmann geplanten Moschav Ovdim im westlichen Jesreel Tal, wurde am 30. April 2004 ein Mosaik zu Ehren des Architekten feierlich eröffnet. Idee und Ausführung des Projektes stammen von Elie Shamir, einem im dortigen Moschav aufgewachsenen Künstler, das er mit einigen Volontären unter Beratung Adivs realisierte. Unterstützung fand er beim KKL und bei Stef Wertheimer, dem Gründer des Industrie- und Kunstparks in Tefen. Eine schöne Idee und ein schönes künstlerisches Sujet. Sein Wirkungskreis indes bleibt begrenzt. Die im letzten Jahr in Berlin gezeigte Ausstellung «Die neuen Hebräer. 100 Jahre Kunst in Israel» hat gezeigt, dass auch im Ausland - und gerade in Deutschland - ein großes Interesse an künstlerischer Produktion aus Israel besteht. Richard Kauffmann, der deutsche Jude und israelische Architekt, könnte hier in einer umfassenden historischen Rückschau ein neues Bindeglied zwischen beiden Ländern sein. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Ines Sonder

 

 

Ines Sonder
Von der Autorin ist 2000 ihre Dissertation «Gartenstädte
für Erez Israel. Zionistische Stadtplanungsvisionen von Theodor Herzl
bis Richard Kauffmann» im Olms-Verlag in Hildesheim erschienen.

 

«Jüdische Zeitung», April 2006