Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Unterwegs zum PhilantropinDie Isaac Emil Lichtigfeld-Schule in Frankfurt wird 40 Jahre alt
Als erste jüdische Schule der Bundesrepublik wurde 1966 die Isaac Emil Lichtigfeld-Schule in Frankfurt am Main gegründet und damit der Grundstein für ein neu entstehendes jüdisches Bildungswesen in Deutschland gelegt. Seitdem hat sich die Zahl der Schüler verzehnfacht, und die jüdische Thematik wurde in den Curricula aller Fächer integriert. Nach vierzigjährigem Bestehen sieht die Schule nun einer Erweiterung zum Gymnasium und einem bedeutenden Umzug entgegen. Ein Bericht von Nina KÖRNER. Unterrichtet wird an der Isaac Emil Lichtigfeld-Schule wie an anderen Schulen auch - nach den staatlichen Lehrplänen. Und doch ist vieles anders: Das Fach Literatur behandelt den Midrasch als literarische Gattung. Steht gesunde Ernährung auf dem Stundenplan, lernen die Schüler die Kaschrut. Beim Thema Kalender sind jüdische Feiertage ein Schwerpunkt. Wöchentlich sind sechs Stunden dem Fach Judaistik gewidmet, bei dem jüdische Religion mit dem Unterricht von Iwrit verbinden wird. Es gibt Projekttage zu Purim oder Chanukka und jede Woche eine Schabbatfeier. 332 Schüler verschiedenster Nationen besuchen die staatlich anerkannte Ersatzschule in den Räumen des Ignatz Bubis-Gemeindezentrums der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Am 18. April 1966 wurde diese als erste jüdische Schule Deutschlands nach der Schoa vom damaligen Landesrabbiner Dr. Isaac Emil Lichtigfeld gegründet. Auf den Schulbänken in den Lehrräumen der Westendsynagoge saßen mit 30 Schülern lediglich zehn Prozent der Kinder der Gemeinde. Diese setzte sich aus verschiedenen Gruppen zusammen. Im Schutz arischer Ehepartner hatten nur wenige Mitglieder der jüdischen Gemeinde des Vorkriegs-Frankfurt überlebt. Von einer Gemeinde mit ehemals 30.000 Mitgliedern kamen knapp 500 aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern zurück. «Displaced persons» («DPs»), die nicht in ihre Heimatländer zurückkehren konnten und aus Mangel an Alternativen blieben, stellten den Großteil der Gemeindemitglieder im Nachkriegs-Frankfurt. Die meisten Kinder stammten aus zerstörten Familien, hatten traumatisierte Eltern. Sie kämpften mit Sprachverwirrung und einer verständnislosen Umwelt an Schulen, deren Lehrpersonal noch durch die nationalsozialistische Vergangenheit belastet war. Häufig fehlte ihnen das Bewusstsein für den eigenen Hintergrund und die eigene Religion. «Man kann Isaac Emil Lichtigfelds Beitrag zur Einigung der Gemeinde nicht hoch genug einschätzen. Lichtigfeld, der Angehörige einer richtigen Rabbinatsaristokratie des aufgeklärten Judentums und des hochgebildeten Bürgertums im Deutschland der Jahrhundertwende, hatte die Schoa überlebt und den Mut zur Rückkehr nach Deutschland gefunden. Mit der Gründung der Schule konnten die bis dahin in den verschiedenen staatlichen Schulen Frankfurts verstreuten Kinder erstmals ihre jüdische Identität entwickeln», erläutert Alexa Brum, die heutige Direktorin der Schule. «Die Schulgründung mag ein Keim zu einem neu entstehenden selbstbewussten Judentum in Deutschland gewesen sein, das langsam und vorsichtig wieder begonnen hat, gesellschaftlich als Gruppe aufzutreten.» Deutschlandweit betrieben lediglich vier Gemeinden eigene Schulen, neben Frankfurt in Berlin, Düsseldorf und Köln. Doch warum der schulische Neustart gerade in der Stadt am Main? Es klingelt zur Pause, Kinder lärmen auf dem kleinen Pausenhof vor dem Fenster der Direktorin, dazu läutet das Telefon, doch Brum lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. «Vermutlich lag es an der Besonderheit der Gemeinde und an ihren führenden Persönlichkeiten. Bereits vor dem Krieg zeigte sich die Frankfurter Gemeinde bewahrend gegenüber den jüdischen Traditionen und gleichzeitig offen gegenüber ihrer nichtjüdischen Umwelt. Vielleicht war es der kosmopolitische Charakter einer bedeutenden Messestadt, der die Gemeinde als erste den Mut zu einer Schulgründung fassen ließ. Die Schule war als schützender Ort für die Gemeindekinder gedacht, aber auch als Ort der Integration. Von Beginn an haben auch nicht-jüdische Kinder den dortigen Unterricht besucht.» Heute stammen 20 Prozent der Schüler aus nicht-jüdischen Familien, eine Tatsache, mit der Direktorin Alexa Brum gern den Vorwurf der Ghettoisierung durch Schulprofil und Polizeischutz entkräftet. Sie kann die Vorzüge ihrer Schule ins Feld führen. Bis zur Anerkennung als staatliche Ersatzschule musste sich die Lichtigfeld-Schule in den ersten drei Jahren durch Spenden finanzieren. Seitdem erhält sie rund 70 Prozent der finanziellen Unterstützung einer regulären staatlichen Schule. Dazu kommt das Schulgeld, das nach dem Einkommen der Eltern und der Anzahl ihrer Kinder gestaffelt ist. Eine zusätzliche finanzielle Förderung durch die Gemeinde schafft sehr gute Bedingungen an der Grundschule, die bald um eine gymnasiale Oberstufe erweitert werden soll. Mit 40 Lehrern ist das Kollegium etwa doppelt so groß wie an einer staatlichen Schule vergleichbarer Größe. Es gibt keinen Unterrichtsausfall, kleinere Klassen, eine Vielzahl von Arbeitsgemeinschaften und Fördergruppen. Judaistik unterrichten ausschließlich Lehrer aus Israel, die profanen Fächer jeweils zur Hälfte jüdische und nicht-jüdische Lehrer, von denen sich einige aus den ehemaligen Schülergenerationen rekrutieren. All das macht die Schule attraktiv, die Zahl der Interessenten steigt. Präferenz genießen jedoch die Kinder der Gemeinde, insbesondere der Nachwuchs aus dem Kindergarten. Heute stellen diese 70 Prozent der Schüler, darunter Hochbegabte ebenso wie Lernschwache. «Wir sind eine Gemeindeschule und nehmen alle Kinder der Gemeinde auf, so wie Gott sie geschaffen hat. Deshalb müssen wir jedem die entsprechende Förderung zukommen lassen», betont Alexa Brum. Personalmangel, Anonymität, Gewalt auf dem Pausenhof, Drogen - solche Probleme anderer Schulen kennt die Lichtigfeld-Schule nicht, einige kleinere aber schon. Mangelnde elterliche Kooperation oder die sprachliche Integration von Migrantenkindern sind auch für Direktorin Brum Herausforderungen, doch die Lichtigfeld-Schule ist durch das reichlich besetzte Personal gut gerüstet: «Durch einen speziellen Crashkurs Deutsch integrieren wir Migrantenkinder. Dieser dauert so lange, wie das jeweilige Kind ihn benötigt. Auffälliges Verhalten können wir mit einem breiten Angebot an außerschulischen Aktivitäten auffangen.» Sprachförderung wurde mit der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion seit Beginn der 1990er Jahre zu einem wichtigen Schwerpunkt der pädagogischen Arbeit. Gleichzeitig kristallisierte sich in den letzten 15 Jahren der jüdische Aspekt auch in den Curricula der profanen Fächer heraus. Ganz anders vor 40 Jahren: Lichtigfelds Neugründung begann als «normale deutsche Schule» mit zusätzlichem Unterricht von Iwrit und jüdischer Religion. Die Generation der polnischen Emigranten bestimmte diese Periode. Dem folgte eine stark von Israel geprägte Zeit, in der die Jewish Agency Lehrer und Lehrmaterial schickte. Wachsende Gemeinden und ein steigendes jüdisches Selbstbewusstsein in Deutschland brachten dann auch einen komplexen Diskurs um das selbstständige Schulprofil. Noch in diesem Jahr zieht die Isaac Emil Lichtigfeld-Grundschule aus den beengten Räumlichkeiten des Gemeindezentrums in das altehrwürdige Philanthropin, wird zur Ganztagsschule und erweitert sich um eine gymnasiale Sekundarstufe. 1804 als Armenschule gegründet, zog das Philanthropin 1908 in einen repräsentativen Neubau in der Hebelstraße. Das Gebäude beherbergte verschiedene Schulen der Frankfurter Israelitischen Gemeinde, bis die Nationalsozialisten 1942 den Unterricht für Juden verboten. Direktorin Brum träumt nun davon, dort alle interessierten Schüler aufnehmen und zu selbstbewussten Persönlichkeiten erziehen zu können. |