Foto: Archiv der R.A.S.

Regisseur aus Leidenschaft

Petersburg, Moskau, Bremen – das Leben des Semjon Barkan

 

Im dunklen Proberaum der Uni Bremen ist es mucksmäuschenstill, die Akteurin auf der Bühne hält einen Monolog über verschmähte Liebe. Ihre Rede geht den Zuschauern unter die Haut. Doch Regisseur Semjon Arkadjewic Barkan unterbricht die Schauspielerin ungeduldig und erklärt, es sei ihm nicht emotional genug. Die Szene wird nochmals eingeübt, und wieder interveniert der kleine, energische Mann mit der etwas heiseren Stimme. Nein, er interveniert nicht - er tobt. Später dann, in der Probenpause, schlürft er einen Tee mit der jungen Schauspielerin, hat Witze parat und wirkt wie ausgewechselt. Semjon Arkadjewic Barkan - ein Mann der Extreme und des Erfolges. «Ich will, dass ihr das letzte aus euch herausholt, ihr sollt euch mit den Rollen identifizieren», mahnt er seine Schauspieler immer wieder. «Ansonsten können wir es ganz lassen.»

An dem einstigen Moskauer Regisseur Semjon Barkan scheiden sich die Geister - zumindest was die russischsprachige Theaterszene in Bremen betrifft. Die einen halten ihn für diktatorisch, intolerant, verletzend sogar. Die anderen aber - und das ist die Mehrheit - akzeptieren sein radikales Temperament, sind fasziniert von seinem theatralischen Gespür, akzeptieren seinen cholerischen Stil und schätzen ihn als eine Art «Übervater». Kinder im Alter von 8 Jahren hängen an seinen Lippen, wenn er Märchenanekdoten einwirft, Rentner lassen sich geduldig erklären, warum diese und jene Textstelle dreimal so laut wir die anderen vorzutragen ist. Die jugendlichen Akteure diskutieren heftig, aber zollen der Erfahrung des «Alten» ebenso gehörigen Respekt. Willkommen bei der «Russkaja Aktjorskaja Schkola», einer Kreativwerkstatt bester Sorte, in der Semjon Arkadjewic die unumstrittene Integrationsfigur bildet. Mit den schlohweißen Haaren, der leicht gebeugten Figur und den lebendig funkelnden Augen könnte er sich gut als Zwillingsbruder von David Ben Gurion ausgeben.

 

«Wie eine zweite Familie»

90 Jahre alt wird der bekannte russische Regisseur in diesem Monat, und an den meisten Wochentagen übt er mit seiner Theaterschule noch immer bis in die Nacht hinein. Hier sind nicht nur die verschiedensten Altersgruppen vertreten, sondern auch unterschiedliche Ethnien und Interessenkreise: Osteuropa-Studenten der Uni Bremen, Mitglieder der Jüdischen Gemeinde der Stadt, zugezogene Spätaussiedler und einfach Kunstinteressierte aus der Umgebung.

«Ich kann nicht alle hier fragen, wie es bei ihnen zu Hause so zugeht», meint Barkan, «aber für manche der Schauspieler scheinen wir so etwas wie eine zweite Familie geworden zu sein». Er verweist auf die große Zahl an Immigranten, welche Stück für Stück dabei sind, und fügt hinzu: «Natürlich kann ich nicht alle dieser Talente auf ewig an unser Theater binden, wir sind ja keine kommerzielle Einrichtung. Aber ich freue mich sehr, wenn manche der Schauspieler sich Jahre später, nach dem sie längst aus Bremen weggezogen sind, wieder bei mir melden. Wir reden dann über Beruf und Kinder und so vieles andere. Aber besonders freue ich mich, wenn die Leute erklären, dass die Theaterzeit sie auch als Persönlichkeit weitergebracht hat. Nach eins, zwei Jahren auf der Bühne, berichten mir einige, sind sie viel sicherer bei Job-Bewerbungsgesprächen. Sie bewegen sich ungezwungener, treten lockerer auf. Und Sie wissen ja, wie wichtig das für einen Bewerber ist, der als Ausländer nach Deutschland kommt.»

Es ist wohl ein sehr wechselseitiges Geben und Nehmen bei der «Russkaja Aktjorskaja Schkola». Barkan ist Regisseur aus Leidenschaft, liebt Bühne und Kulisse über alles - und könnte ohne sie wohl keine paar Wochen existieren. «Als ich mit meiner Frau 1994 nach Deutschland kam», erinnert sich der Regisseur, «tat ich dies nicht etwa, weil emigrieren mir Spaß bereitet hätte. Der Mann meiner Tochter war plötzlich verstorben, und sie war plötzlich mit unserem Enkel allein in Bremen.» Durch den Zuzug der Barkans war die Familie wieder vereint, doch nun ließ die beschauliche Ruhe um ihn herum den umtriebigen Theatermann fast wahnsinnig werden. Er hatte schon stattliche 78 Jahre aufzuweisen, aber begann sich vor der Langeweile zu fürchten.

 

Jüdische und andere Stoffe

«In Moskau hatte ich noch bis zuletzt an Theaterproben mitgewirkt, und hier fiel ich ins Nichts. Bremen ist eine wunderschöne Stadt, aber plötzlich kam ich mir sehr nutzlos vor. Ich dachte, ich müsse sterben.» Das Institut für Osteuropa wurde eine Art Rettungsanker. Hier konnte Barkan bald dozieren, aber auch sein eigenes Theater aufbauen. Hier verausgabt er sich seit fast 10 Jahren bis zum Umfallen, teilweise wird auch an den Wochenenden geprobt. «Manchmal hatten wir schon wichtige Proben am Schabbes, aber die Jüdische Gemeinde unterstützt uns trotzdem», lächelt Barkan augenzwinkernd. «Sie helfen uns bei der Gestaltung von Kostümen, und bei langen Probetagen sorgen sie auch mal für das leibliche Wohl.» Die «Russkaja Aktjorskaja Schkola» bedankt sich ihrerseits mit Auftritten in jüdischen Gemeindezentren - übrigens nicht nur in Bremen, sondern auch in Hannover, Hamburg und Berlin. Teilweise inszeniert Semjon Barkan jüdische Stoffe - wie etwa «Schwierige Menschen oder Der Bräutigam von Jerusalem» -, daneben aber auch klassische und gesellschaftskritische Stücke ohne jüdischen Bezug. So wird im kommenden Mai eine neue, deutschsprachige Version der «Eidechse» von Alexander Volodin ihre Premiere erleben. Große Aufmerksamkeit erregte die «Russkaja Aktjorskaja Schkola» aber auch mit ihren Aufführungen der «Glas-Menagerie » von Tennessee Williams und mit der «Erzählung vom Soldaten Fedot» von Leonid Filatov. In Vorbereitung ist zudem «Mein kleiner Gott» - ein Drama, das vorrangig von Jugendlichen gespielt wird und sich mit der Einsamkeit von kreativen Persönlichkeiten beschäftigt.

Harte Arbeit und Spaß an der Sache halten sich wohl gerade die Balance in diesem Theater - doch im Moment des Erfolges und der Publikumseuphorie vergessen der Meister und seine freiwilligen Gesellen alle vorherigen Mühen. Für einen Moment wird die Bühne zum Ort der Verklärung, oder zumindest des höchsten Glücksgefühls. «Zu den schönsten Erlebnissen, die wir als Theatergruppe hatten, gehörten zwei russische Theater-Festivals in Paris. Wir sind dort auch ausgezeichnet worden», bemerkt Barkan mit sichtlichem Stolz. Dann ist er bereits wieder «eingetaucht» in eine dramaturgische Diskussion mit seinen Aktivisten. Im Vorbeigehen wird Tee genommen und nach Keksen gegriffen. Es ist 22.00 Uhr: An der Universität gehen die letzten Lichter aus. Nicht so in der Theaterwerkstatt.

Ob er denn Theater und Familie immer unter einen Hut bekomme, fragen wir vorsichtig nach. Semjon Arkadjewiã Barkan setzt ein freimütiges Lächeln auf: «Meine Frau unterstützt mich nach Kräften, sie hat Verständnis für dieses Engagement.» Dann wirft er einen Blick in den offen stehenden Proberaum und wird plötzlich nachdenklich: «In Moskau habe ich eigentlich gar nicht so richtig gesehen, wie meine Tochter groß wurde. Ich war voll ausgelastet als Direktor im Staatlichen Zigeuner-Theater. Wenn ich früh aufgestanden bin, war sie schon in der Schule oder an der Uni. Und wenn ich in der Nacht nach Hause kam, schlief sie oft schon. Sie hatte Wochenende am Sonntag, aber ich hatte drei, vier Stücke zu spielen. Sie hatte im Sommer Urlaub oder Ferien, aber ich hatte zur gleichen Zeit Gastrollen. Mit meinem Enkel in Bremen geht es schon ein bisschen besser.»

 

Zwischenspiel in Palästina

«Es gibt vieles im Leben, das du selbst steuern kannst. Aber es gibt auch Weichenstellungen, auf die hast du so gut wie keinen Einfluss», sinniert der 90jährige weiter. Zur wohl ersten, recht unerhörten Wendung in seinem spannungsreich verlaufenen Leben gehörte eine Asthma-Kur in Tel Aviv im Jahre 1925. «Der Sowjetstaat hatte uns das tatsächlich genehmigt, nach Palästina zu reisen, und unsere Verwandten hatten Geld gesammelt, damit auch beide Eltern mitfahren konnten», erinnert sich Semjon Barkan. «Israel als Staat war noch in weiter Ferne, und Tel Aviv war eine mickrige Stadt. Es gab noch gar keinen Hafen, nur den von Jaffa. Die meisten Leute aus der Sowjetunion wären wohl trotzdem geblieben oder hätten sich noch woanders in der Gegend umgesehen. Mein Vater begann dort aber nach einigen Monaten an Sehnsucht zu leiden, er bekam richtig Nostalgie und vermisste sogar das Schwarzbrot. Unsere Familie ist dann tatsächlich auf dem Schiffsweg wieder zurückgekehrt - mit einem Dampfer namens „Lenin", bis nach Odessa.»

Die Barkans kamen in ein Land zurück, das die erste Phase des Roten Terrors schon hinter sich hatte. Dennoch: Einer von Semjons Onkeln - ein Fabrikbesitzer - war schon 1921 in Petersburg von den Bolschewisten erschossen worden. Und Semjons Familie, auch daran erinnert er sich noch gut, verlor zusehends den Kontakt zur jüdischen Religion und Tradition: «Als Kind bin ich ein paar Mal in der Synagoge gewesen. An Pessach kann ich mich noch ganz gut erinnern. Aber allmählich haben sich meine Eltern assimiliert. Zu Hause wurde nur Russisch gesprochen - und irgendwann gab es keine Synagogenbesuche mehr.» Eine große Ausnahme in der Familie bildete Semjons Großmutter, die ganze 107 Jahre alt wurde. Sie brachte dem Jungen die jiddische Sprache zumindest in Ansätzen bei und beeindruckte ihn durch ihr tief religiöses Leben: «Großmutter hat den ganzen Tag nur gebetet, mit einem Buch in der Hand, vor dem Fenster. Die Juden sind zu ihr gekommen, und sie konnte mit ihrer Hand auch irgendwelche Entzündungen heilen.»

 

Harte Moskauer Schule

Als er 15 Jahre alt ist, hält es Semjon Arkadjewic Barkan nicht länger zu Hause aus. Er fährt auf die Halbinsel Krim - erneut, um sein Asthma ein Stück abmildern zu können. In einem der Kurorte gründet er erste Theatergruppen. Doch Jahre vergehen, bis Semjon Barkan sich entschließt, eine richtiggehende Theaterlaufbahn einzuschlagen. 1938 schreibt er sich in Moskau als Medizinstudent ein, versucht parallel aber, sich an der damals besten Moskauer Theaterschule zu immatrikulieren. «Um die 200 junge Leute haben sich damals um einen einzigen Studienplatz beworben, eigentlich schien es aussichtslos. Aber ich dachte mir, probieren kannst Du es ja.» Wider Erwarten bekommt Barkan eine Zusage und durchläuft nun eine der härtesten Schauspiel- und Regisseursausbildungen jener Zeit. «Das Studium war faszinierend, alle waren begeistert. Aber innerhalb eines halben Jahres war die Hälfte der Studierenden wieder raus. Äußerlichkeiten und Selbstdarstellungen konnte man sich schenken. Unser Lehrer Andrej Popow meinte damals, ein guter Regisseur könne ruhig hässlich sein und einen Buckel haben, aber er müsse der beste Schauspieler sein, den es in der Truppe gibt. In dem Moment war uns klar, wie schwierig es werden würde, als junge Regisseure in etablierten Theatern Fuß zu fassen.»

Als es an der Zeit war, sich genau dieser Herausforderung zu stellen, begann der Zweite Weltkrieg. Und auch nach Kriegsende sollten die Vorzeichen für die jungen, kreativen Regisseure der Sowjetunion ungünstig stehen: Im Jahre 1946 begann Stalins Kulturminister eine antibritische Kampagne. «Das bedeutete das Ende der englischen Stücke am Theater - Stücke, die uns faszinierten und von denen schon einige auf dem Programm standen. Aber all jene, die an den Aufführungen mitgewirkt hatten, waren plötzlich Staatsfeinde.» Barkan zieht das Gesicht in Falten: «Sie haben hervorragende Künstler verfolgt, ermordet und drangsaliert. Das dauerte über Jahre, und es ging um Leben und Tod. Später haben wir versucht, unser eigenes Theater zu gründen. Drei, vier Jahre haben wir uns gequält, aber die neuen Theater bekamen auch nach Stalins Tod keine Chance.»

 

25 Jahre Zigeuner-Theater

Der Schock unter den Nachwuchsregisseuren muss tief gesessen haben: Was konnten sie tatsächlich noch tun, und vor allem auch wo? Von Freunden kam der Tipp, es für eine bestimmte Zeit im Staatlichen Moskauer Zigeuner-Theater zu versuchen. «Vertraute meinten: Geht dort für ein halbes Jahr rein, engagiert euch, und irgendwann können wir euch weiterbewegen», erzählt Barkan. «Genau das habe ich dann auch probiert. In Moskau hatten sie damals das einzige professionelle Zigeuner-Theater weltweit. Als ich dort ankam, war das Theater eigentlich an der Grenze seiner Existenz angekommen - und hoffnungslos überaltert. Die meisten Akteure waren 50 Jahre oder älter, aber keiner von denen wollte gehen. Sie alle wollten auf der Bühne bleiben, und mächtige Familienstrukturen bestärkten sie dabei.» Semjon Barkan gelang es dennoch, dem Theater bald zu einer neuen Qualität zu verhelfen, doch die vordringlichsten Aufgaben waren höchst unkonventioneller Art: «Ich bin dann erst mal auf die Suche nach jungen Schauspielern gegangen. Überall in Russland war ich unterwegs: auf Märkten, in Kolchosen und in Siedlungen, in denen die Zigeuner gern wohnten. Ich habe versucht, die jungen Leute dann irgendwie nach Moskau zu bringen, obwohl das eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit war. Manchmal musste ich mein eigenes Geld einsetzen, damit die Leute überhaupt mitkommen konnten. Waren wir dann in Moskau, kam Schritt Nummer zwei: Den Leuten die ersten Schritte beizubringen, wie sie ich auf der Bühne bewegen sollen. Einige von ihnen konnten nicht lesen, was es natürlich schwierig machte, Texte einzustudieren. Ein paar von ihnen fingen aber Feuer, Schritt für Schritt verjüngte sich das Theater. Und später sind dann 16 von ihnen „Verdiente Künstler der Sowjetunion" und ungefähr zehn „Verdiente Künstler der Russischen Föderation" geworden.»

Semjon Barkan gesteht, dass die Versuchung des «Weglaufens» trotzdem sehr stark war: «Ich nahm dann zwischendurch auch eine Auszeit vom Theater. Aber in den drei Jahren meiner Abwesenheit haben sich vier verschiedene andere Regisseure abgewechselt. Dann haben sie mir gesagt: Du musst zurück...» Erneut forderte ihm der Job im Zigeunertheater alles ab, doch nun schwamm er sich frei, um auch andere Dinge in Angriff zu nehmen: «Ich wollte gern Schauspielunterricht geben. Allerdings war das dort schwierig mit den anderen Pflichten in Einklang zu bringen. Wenn man einen Abend mal nicht zur Vorstellung war, konnte man Gift drauf nehmen, dass irgendetwas Unvorhergesehenes geschah», stöhnt Barkan noch heute. Inzwischen aber hatte er einen bekannten Namen. «Verschiedene Theaterinstitute haben mich als Professor angestellt, und dann bin ich wieder aufgeblüht. Dann wählten sie mich bei der Union der Theaterangestellten in eine Kommission für Ausbildung. Unter anderem habe ich die Eintrittsprüfungen für Schauspielstudenten übernommen - in ganz Russland.»

 

Entscheidung zur Emigration

Zeit scheint für Semjon Barkan nur eine relative Größe zu sein. 25 Jahre lang blieb er am Staatlichen Zigeunertheater - länger als jeder andere Regisseur. Er würde wohl auch heute noch nächtliche Proben im Herzen von Moskau leiten, wäre da nicht 1994 jener Hilferuf der Tochter aus Bremen gekommen. «Meine Frau war dann ziemlich resolut», erinnert sich Barkan. «Sie hat Tacheles mit mir gesprochen und erklärt: „Das ganze Leben lang Schauspielstücke, Proben, Premieren und Schüler. Aber deinem Enkel kannst du nicht das Leben retten?" Rasch haben wir unsere Koffer gepackt, und so sind wir nach Deutschland gekommen.»

Glücklicherweise traf Semjon Barkan in Bremen einen befreundeten Moskauer Theaterpädagogen wieder, der ihn erfolgreich an die Universität vermittelte. Alles passte nun zusammen: Der Lehrauftrag für Russische Schauspielkunst und Theatergeschichte, die aufgeschlossenen Bremer Studenten und schließlich die Gründung einer «Russischen Schauspielschule». All die früheren Regie-Erfahrungen zahlten sich wieder aus. Und trotzdem musste sich Semjon Barkan auf Neuheiten einstellen: «Zuerst kamen die deutschen Studenten, aber viele von denen waren halt sehr praktisch angelegt, und ich konnte sie nicht bewegen, täglich oder auch bis in die Nacht zu proben. Dann kamen die Emigrantenkinder: Mädchen und Jungen, die zwar oft mit der Nostalgie der Eltern aufwuchsen, aber trotzdem oft die russischen Sprache nicht mehr beherrschten. Aber egal. Vierzig, fünfzig Akteure sind jetzt bei jeder Probe dabei, und das mit Leidenschaft. Sehr verschiedene Charaktere, und einige könnten ganz groß rauskommen. Jetzt spielen wir zweisprachig, und auch die Deutschen wollen unsere Dramen sehen.»

Irgendwann gegen Mitternacht erzählt Semjon Barkan plötzlich, dass die WHO in einem Ranking von Berufsgruppen mit hohem Infarkt- und Insultrisiko die Theaterregisseure auf Platz 3 gesetzt habe. Es ist einer jener Momente, in denen unser Gastgeber mit blinzelndem Blick die Reaktion seiner Zuhörer prüft - und eine merkwürdige Mischung aus Ernst, Ironie und schelmischem Humor ausstrahlt. 90 Jahre hat er im Stress gelebt, und fast immer hat er ihn in positiven Stress verwandelt. Eines ist klar: Semjon Arkadjewic Barkan wird das Theater niemals gegen einen beschaulichen Liegestuhl tauschen. Das wäre Verrat am Selbst. Theater ist die Luft, die er zum Atmen braucht. Ein Leben lang.

Olaf Glöckner, Julia Giwerzew

 

Zur Person:

Semjon Arkadjewic Barkan, Jahrgang 1916, gilt als einer der begabtesten Theaterregisseure der früheren Sowjetunion und des postsowjetischen Russlands. Er entstammt einer jüdischen Arbeiterfamilie aus dem weißrussischen Schtetl Polozk. Später zog die Familie nach St. Petersburg. Semjon Arkadjewic Barkan verließ frühzeitig sein Elternhaus und begann bereits mit 15 Jahren, eigene Theatergruppen aufzubauen. Ende der 1930er Jahren nahm er ein Schauspielstudium in Moskau auf. Den Stalinistischen Verfolgungen Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre entging Barkan nur knapp. Später übernahm er ein staatlich gefördertes Theater von Sinti und Roma in Moskau, dass er 25 Jahre lang durch Höhen und Tiefen führte.

Im Alter von 78 Jahren (!) emigrierte Semjon Barkan nach Bremen. Hier begann er an der Universität der Hansestadt, Seminare zur Geschichte des Russischen Theaters zu geben. Gleichzeitig gründete er ein erfolgreiches Laienspieltheater, die «Russkaja Aktjorskaja Schkola» («Russische Schauspielschule»), welche auch von der Jüdischen Gemeinde Bremen unterstützt wird. Das Theater vereint Schauspieler im Alter von 7 bis 77 Jahren, darunter Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, Spätaussiedler und Studenten der Universität Bremen.

Die «Russische Schauspielschule» spielt zweisprachig (Russisch und Deutsch), tritt an verschiedenen Orten in Deutschland auf und hat auch bei russischen Theaterfestivals in Paris teilgenommen.

In diesem Monat feiert Regisseur Semjon Arkadjewic Barkan seinen 90. Geburtstag.

«Jüdische Zeitung», April 2006