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Strafsache 40/61Vor 45 Jahren begann in Jerusalem der Prozess gegen Adolf Eichmann
Die Schwarz-Weiß-Aufnahme ging um die Welt und füllt heute so manche Geschichtsbücher: Im Bezirksgerichtssaal von Jerusalem sitzt in einer kugelsicheren Glasbox ein unscheinbarer Mann mit schütterem Haar. Monatelang sollte er dort so verharren - er, nach dem Israels Geheimdienst Mossad rund um den Globus gefahndet hatte. Am 11. April 1961 eröffnete die Sonderkammer des Bezirksgerichts in Jerusalem den Prozess gegen einen der zentralen Drahtzieher des Holocaust: Adolf Eichmann.
Die Vorgeschichte Wie kam es überhaupt dazu, dass vor 45 Jahren in Israels Hauptstadt das Verfahren gegen einen der wichtigsten NS-«Endlösungsstrategen» eröffnet wurde, das heute als das bedeutendste nach den Nürnberger Prozessen gilt? In Nürnberg hatte der Mord an Millionen von Juden nur eine nebensächliche Rolle gespielt. Adolf Eichmann wurde zwar erwähnt, stand aber zu diesem Zeitpunkt nicht unter Anklage. Dabei war er im Dritten Reich alles andere als ein unbeschriebenes Blatt gewesen. Eichmann, Jahrgang 1906, verließ die Schule ohne Abschluss. Anfang der 30er Jahre suchte er Anschluss bei der NSDAP und SS. 1934 erhielt er seine erste Stelle beim Sicherheitsdienst (SD) in Berlin - im Referat «Juden». In den Folgejahren kletterte der ehrgeizige Nazi auf der Leiter der NS-Bürokratie steil nach oben. Er brachte es bis zum Leiter des Referates «Auswanderung und Räumung» des Reichssicherheitshauptamtes - und wurde damit zum Hauptverantwortlichen für die Deportation von Millionen Menschen in den Tod. Eichmann muss klar gewesen sein, welche Konsequenzen der Untergang des Dritten Reiches für ihn haben würde. Nachdem er im Frühjahr 1945 unter dem Namen Adolf Barth in amerikanische Gefangenschaft geraten war, gelang es ihm im Januar 1946 zu entkommen. Er nannte sich fortan Otto Heninger und arbeitete einige Jahre in der Lüneburger Heide als Holzfäller, bevor er 1950 mit Hilfe der aus ehemaligen SS-Mitgliedern bestehenden Geheimorganisation «Odessa» zunächst über Österreich nach Italien und von dort aus nach Argentinien verschwand. Das südamerikanische Land hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem beliebten Fluchtort vieler Nationalsozialisten und ihrer Familien entwickelt. Die argentinische Regierung stand ihnen durchaus aufgeschlossen gegenüber. Sie richtete sogar eine Kommission zur Unterstützung und Integration der sogenannten «Demokratieverfolgten» ein. In Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires fühlte sich Eichmann offenbar sicher und richtete sich ein. 1952 zogen seine Frau und die drei Kinder nach. Drei Jahr später kam ein weiterer Sohn zur Welt. Eichmann fand eine Anstellung bei den örtlichen Mercedes-Benz-Werken. Die Vergangenheit schien ihn zunächst nicht einzuholen.
Spektakuläre Aktion In einem Vorort von Buenos Aires gelang es einem Sonderkommando des Mossad am 11. Mai 1960 - nach jahrelanger intensiver Suche -, Eichmann zu fassen und 10 Tage später nach Israel zu bringen. Schließlich verkündete Ministerpräsident David Ben Gurion am 23. Mai unter dem Beifall der Knessetabgeordneten, dass Eichmann nach Israel gebracht worden sei. Die erste Akte der Strafsache 40/61 war angelegt, es sollten noch viele weitere hinzukommen. Die spektakuläre Aktion zog ein diplomatisches Nachspiel zwischen Argentinien und Israel nach sich. Die argentinische Regierung protestierte, verwies auf die Verletzung von Völkerrecht durch Israel und forderte das Zurückbringen Eichmanns. Botschafter wurden einbestellt und abberufen. Der UN-Sicherheitsrat beschäftigte sich mit der brisanten Angelegenheit. Doch nach über zwei Monaten politischer Spannungen zwischen den beiden Staaten einigte man sich auf eine gemeinsame Erklärung, in der die Verletzung von fundamentalen Rechten des argentinischen Staates anerkannt, die Angelegenheit ansonsten aber als erledigt betrachtet wurde. Eichmann blieb in Israel. Die Bundesrepublik Deutschland hatte die Auslieferung Eichmanns, der nach wie vor deutscher Staatsangehöriger war, gar nicht erst verlangt.
«Eine makabre Situation» Eichmann kam in ein nur für ihn geräumtes Gefängnis nach Haifa. Der aus Deutschland stammende Polizeihauptmann Avner Less vernahm ihn an 35 Tage lang - insgesamt 275 Stunden. Eichmann zeigte sich sehr aufgeschlossen, so dass ein 3.564 Seiten umfassendes Protokoll entstand. Verantwortlich für die Untersuchung und juristischer Berater der ermittelnden Polizeibehörde war Gabriel Bach, der dann am Prozess als stellvertretender Generalstaatsanwalt teilnahm. Bach erinnert sich noch an seine erste Begegnung mit Eichmann: «Ich hatte gerade in einer autobiographischen Schrift von Rudolf Höß, dem Lagerkommandanten von Auschwitz gelesen. Dieser beschrieb, wie ihm die Knie zitterten, wenn die Kinder ihn anflehten, vor der Gaskammer verschont zu bleiben. Höß schilderte, wie ihm Eichmann erklärte, dass die jüdischen Kinder zuerst getötet werden sollten, da sie die Keimzelle für die Wiederentstehung der jüdischen Rasse darstellen könnten. Zehn Minuten später wollte mich Eichmann sprechen. Das war dann schon eine makabre Situation.» Ein wichtiger Teil der Prozessvorbereitung bestand darin, Zeugen zu finden, die bereit waren auszusagen. Am Anfang gestaltete sich dies schwierig. Zwar waren die Namen und Anschriften von zahlreichen Schoa-Überlebenden bekannt, doch viele hatten jahrelang mit der Familie und den Freunden nicht über das Erlebte sprechen wollen. Bach lud diese Leute ein und sagte ihnen: «Es ist eure Pflicht der Gerechtigkeit, der historischen Wahrheit und dem jüdischen Volk gegenüber, das zu erzählen, was ihr wisst.» Einige Überlebende blieben dennoch bei ihrer ablehnenden Haltung, andere erklärten sich bereit, wollten aber einige Tage über ihre Erinnerungen sprechen. Das zwang zu Kompromissen bei der Auswahl der Zeugen, denn der Prozess sollte auch nicht zu lange dauern. Nach zehnmonatiger Vorbereitungszeit wurde er am 11. April 1961 endlich eröffnet.
Der Prozess Das öffentliche Interesse war schon beim Prozessauftakt gewaltig. Im Gerichtssaal drängten sich rund 400 Reporter und Fotografen aus aller Welt. Bis zum 14. August folgten 114 Sitzungen, in denen die Staatsanwaltschaft über 100 Zeugen, die meisten von ihnen waren Überlebende aus Konzentrationslagern und Ghettos in ganz Europa, und rund 1.500 Dokumente aufbot. Eichmann selbst befand sich an mehr als 30 Sitzungstagen für insgesamt 33 Stunden im Zeugenstand. Der Vorsitzende Richter Mosche Landau war in Deutschland geboren. Seine Kollegen Benjamin Halevi und Itzchak Raveh hatten in Berlin studiert. Daher konnten die Richter den Angeklagten auch in deutscher Sprache befragen. In der 15 Punkte umfassenden Anklageschrift wurden Eichmann unter anderem «Verbrechen gegen das jüdische Volk», «Verbrechen gegen die Menschheit», «Kriegsverbrechen» und die «Mitgliedschaft in verbrecherischen Organisationen» vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft beschuldigte Eichmann - verkürzt wiedergegeben - der Deportation, Ermordung, Vernichtung, Versklavung und Aushungerung der jüdischen Bevölkerung in den von Deutschland kontrollierten Gebieten. Generalstaatsanwalt Gideon Hausner, der die Anklage führte, war davon überzeugt, dass Eichmann vorsätzlich zusammen mit anderen auf die Vernichtung des jüdischen Volkes hingearbeitet hatte. Hausner hatte sich mit dem Prozess vorgenommen, sowohl an die Tragödie des jüdischen Volkes zu erinnern als auch die Geschichte der «Endlösung» detailliert zu dokumentieren und dabei die persönliche Verantwortung Eichmanns herauszustellen. Durch die vielen Zeugen sollte das Leiden der europäischen Juden konkretisiert werden. Im Gerichtssaal kam es zu emotionalen Szenen: Bei ihren Aussagen brachen einige Überlebende zusammen, verloren die Beherrschung oder beschimpften den Angeklagten. Nach viermonatiger Verhandlungsdauer zog sich das Gericht zur Urteilsberatung zurück.
Das Urteil Am 11. Dezember 1961 sprach das Gericht Adolf Eichmann in allen 15 Anklagepunkten - mit sehr kleinen Einschränkungen - schuldig. Insbesondere bescheinigte es ihm, in der Absicht gehandelt zu haben, das jüdische Volk zu vernichten. Das Gericht war zu dem Schluss gekommen, dass das von Eichmann geleitete Referat im Reichssicherheitshauptamt die volle Verantwortung für die Organisation und Durchführung der Deportationen trug. Den von Eichmann und seinem Rechtsanwalt immer wieder vorgetragenen Einwand, dass Befehl und Gehorsam ihn rechtfertigen würden, wiesen die Richter zurück. Vielmehr habe Eichmann auch aus «innerer Überzeugung, mit ganzem Herzen und ganzer Seele» gehandelt, so das Gericht. Eichmann habe eine unermüdliche Energie, die bereits an Rastlosigkeit grenzte, zur Beschleunigung der Endlösung an den Tag gelegt. Im Anschluss an die Urteilsverkündung forderte der Staatsanwalt die Todesstrafe, woraufhin sich das Gericht zur Beratung des Strafmaßes vertagte. Am 15. Dezember 1961 sprach es dann auch die höchste aller möglichen Strafen aus. Erwartungsgemäß legte der Rechtsanwalt von Adolf Eichmann gegen das Urteil Revision ein. Es nahm mehr als fünf weitere Monate in Anspruch, bis das Urteil des Revisionsgerichts verlesen wurde. Dessen Urteilsbegründung ging noch über die Entscheidung der ersten Instanz hinaus, indem es zu dem Ergebnis kam, dass «die Idee der Endlösung nicht solch infernalische Formen angenommen hätte», wenn Eichmann nicht gewesen wäre. In der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 1962 wurde Adolf Eichmann durch den Strang hingerichtet und seine Asche anschließend über dem Mittelmeer verstreut.
Echo und Wirkungen Der Prozess gegen Adolf Eichmann war für den jungen Staat Israel ein bedeutendes Ereignis. Wie von der Staatanwaltschaft beabsichtigt, sollte er die Verbrechen der Schoa in Erinnerung rufen, weitere Aufklärung über die Geschichte der «Endlösung» bringen und nicht zuletzt gerade auf die junge Generation in Israel wirken. Zwar waren die Geschehnisse in Europa im Groben bekannt, doch in den von Verteidigung und Aufbau geprägten Anfangsjahren des jüdischen Staates war wenig Raum für eine tiefergehende Aufklärung und Bewusstseinsbildung hinsichtlich der Leiden des eigenen Volkes gewesen. Der israelische Historiker Tom Segev schrieb einmal über diese Zeit: «Eltern sprachen nicht mit ihren Kindern darüber, die Kinder trauten sich nicht, Fragen zu stellen.» Gerade junge Israelis empfanden Scham, konnten nicht verstehen, dass Millionen ihrer Vorfahren sich zur «Schlachtbank» hätten «führen lassen», anstatt sich zu wehren. Auch deshalb nahmen ehemalige jüdische Widerstandskämpfer und Partisanen auf der Zeugenbank des Jerusalemer Gerichts Platz. Gabriel Bach beschreibt die Motive so: «Wir wollten zeigen, dass hier kein Grund für Scham bestand. Deswegen haben wir die tückische, fast wissenschaftliche Art der Irreführung der Opfer gezeigt. Als den Juden - etwa im Warschauer Ghetto - klar wurde, dass der Tod bevorstand, haben sie mit ungeheurem Mut und Tapferkeit gekämpft. So, dass wir stolz sein können.» Der Eichmann-Prozess brachte einen Durchbruch in der öffentlichen Wahrnehmung der Schoa in Israel. Eine Studie dazu belegte, dass sechs der führenden israelische Zeitungen, darunter «Ha´aretz», in insgesamt 3.117 Artikel den Eichmann-Prozess thematisierten. Hinzu kam die Berichterstattung im Fernsehen und Radio. Helene Graf, Jahrgang 1919, stammt aus Brünn. Ende der 30er Jahre flüchtete sie zusammen mit ihrem Freund in einer monatelangen Odyssee über die Donau und das Mittelmeer nach Palästina. Ihre Eltern ließ sie in der Heimat zurück. Später erfuhr sie, dass Mutter und Vater nach Minsk gebracht worden waren. Aber erst während des Prozess gegen Adolf Eichmann erhielt sie Gewissheit darüber, was ihnen dort passiert war. «Eines Tages hörte ich im Radio den Bericht eines Zeugen aus Brünn, der erzählte, wie er und die anderen aus Brünn deportierten Juden ein großes Grab graben mussten. Dann wurde auf sie geschossen, und alle fielen hinein. Der Zeuge aber überlebte und kroch in der Nacht aus dem Grab. Da wusste ich, dass meine Eltern auch dabei waren. Ich war so erschüttert und konnte mich tagelang davon nicht erholen», so Graf knapp 40 Jahre nach dem Prozess. Am Thema Schoa kam während der Monate um den Eichmann-Prozess niemand in Israel vorbei. Eine Umfrage unter jungen Israelis ergab, dass rund ein Drittel der Befragten im Zuge des Prozesses Literatur über den Massenmord an den Juden gelesen hatten. Ohne Zweifel markierte der Eichmann-Prozess den Anfang für die Entwicklung eines kollektiven Schoa-Gedächtnisses in Israel - heute ist es ein wesentliches Element der nationalen und jüdischen Identität des Landes.
Deutsche Aufmerksamkeit Auch in der Bundesrepublik Deutschland - dem damaligen Westdeutschland - fand der Eichmann-Prozess ein großes Echo in der Öffentlichkeit. Eine Analyse von fünf repräsentativen Tagesszeitungen kam auf durchschnittlich 197 Veröffentlichungen zum Eichmann-Prozess pro Publikation. Bereits vor Prozessbeginn gaben neun von zehn befragten Deutschen an, schon von der Ergreifung Eichmanns gehört zu haben. Während des Prozesses sank der Anteil derer, die nicht davon wussten, auf vier Prozent. Lediglich vierzehn Prozent verfolgten den Prozess nicht. Die wichtige Rolle von Fernsehen und Rundfunk kam darin zum Ausdruck, dass 51 Prozent der Befragten sich aus diesen Medien informierten. Was die Bedeutung des Eichmann-Prozesses für die Auseinadersetzung mit der Vergangenheit betrifft, so schrieb Peter Krause in seiner 2001 als Buch veröffentlichten Dissertation «Der Eichmann-Prozess in der deutschen Presse»: «Die Gefangennahme und der sich anschließende Prozess wurden zu einem Kristallisationspunkt und Prüfstein für den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit [...] Die dominierende Position in der ausgewerteten Presse war», so Krause, «die grundsätzliche Bejahung einer mehr oder weniger offenen und ehrlichen Auseinandersetzung mit dem Fall Eichmann und der deutschen Vergangenheit sowie der daraus resultierenden Verantwortung und Schuld.»
«Ganz Bonn» vor Gericht? Unter ganz anderen Vorzeichen sah man den Eichmann-Prozess im Ostteil des damals geteilten Deutschlands, der DDR. Abgesehen davon, dass die SED-Diktatur keine demokratisch-pluralistische Presse zuließ, sah das Regime im Eichmann-Prozess einen willkommenen Anlass, ideologisch gefärbte Angriffe gegen die Bundesrepublik zu richten. Für die DDR-Propagandisten gab es keine gemeinsame deutsche Vergangenheit und Verantwortung. Mehr noch: Sie beeilten sich zu behaupten, dass nicht nur Eichmann, sondern «ganz Bonn vor Gericht» stünde - ein Versuch, die Bundesrepublik als faschistischen Staat hinzustellen. Eine eigene Aufarbeitung und selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus konnte in diesem gesellschaftlichen Klima nicht gedeihen. Noch schlimmer waren die Reaktionen auf den Eichmann-Prozess in manchen arabischen Ländern, wo sich Hunderte geflohener Nationalsozialisten frei bewegen konnten. Die dortige Presse sympathisierte offen mit Adolf Eichmann. In ihrer zynischsten Variante bedauerte sie, dass es Eichmann nicht gelungen war, seine Ziele vollständig zu verwirklichen. Große Beachtung fand der Eichmann-Prozess auch in den USA. Eine dortige Untersuchung brachte hervor, dass 87 Prozent der erwachsenen Amerikaner von dem Prozess gehört oder gelesen hatten. Fast 75 Prozent erklärten, dass sie am Thema ziemlich interessiert seien. Der amerikanische Historiker Peter Novick schrieb in seinem 2001 erschienenen Buch «Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord», dass durch den Eichmann-Prozess «zum ersten Mal der Völkermord an den europäischen Juden an sich, im Unterschied zur allgemeinen Nazi-Barbarei, in der amerikanischen Öffentlichkeit dargestellt wurde.» Es entstand das erste Mal ein Diskurs über die Schoa in der Öffentlichkeit, der maßgeblich von Hannah Arendts Buch «Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen» beeinflusst wurde.
Kontroverse um Arendt-Buch Die während der Nazi-Zeit in die USA emigrierte deutsch-jüdische Philosophin und Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt hatte in ihrer Eichmann-Darstellung eher das Bild eines gedankenlosen Rädchens im Getriebe der Nazi-Maschinerie gezeichnet (was der Angeklagte selbst auch bevorzugte). Arendt warf den Mitgliedern der Judenräte ein gleiches moralisches Versagen wie den Nationalsozialisten vor und kritisierte die Prozessführung der Jerusalemer Staatsanwaltschaft. Das alles brachte ihr eine Menge Kritik ein. Die dadurch ausgelöste internationale Kontroverse ist bis heute zum Gegenstand von über 1.000 Publikationen geworden. Selbst einstige Freunde von Hannah Arendt bemängelten fehlendes Augenmaß, Feingefühl und Besonnenheit an ihrem Buch, das ursprünglich als ein Prozessbericht in mehreren Teilen in der amerikanischen Zeitschrift «The New Yorker» veröffentlicht wurde. Auf das ansonsten glänzende wissenschaftliche Werk Arendts legte sich durch dieses Buch ein langer Schatten. Besonders dessen Untertitel («Ein Bericht von der Banalität des Bösen...») stieß auf Ablehnung, da er als Versuch interpretiert wurde, die Ungeheuerlichkeit des Massenmordes herunterzuspielen. Gerschom Scholem, der berühmte jüdische Religionshistoriker, vermutete mangelnde Liebe Arendts zum jüdischen Volk und kündigte ihr gar die Freundschaft. Gabriel Bach schüttelt auch heute nur mit dem Kopf, wenn er auf Hannah Arendt angesprochen wird. «Absolut, völlig falsch, nicht nur was ihre Ideen betrifft. Sie hat auch die von ihr eingesehenen Dokumente verfälscht wiedergegeben», entfährt es dem heute 79jährigen, dessen deutscher Sprache man nicht anmerkt, dass er schon als Schüler seine Heimatstadt Berlin verlassen hatte. Der Charakterisierung Eichmanns durch Arendt widerspricht Bach deutlich: «Nur ein kleiner Befehlsempfänger? Lächerlich! Er ging seiner Aufgabe mit einem ungeheuren Fanatismus, mit absoluter Identifizierung nach», so Bach. Deshalb kann er nicht verstehen, wie Arendt zu ihrem Urteil kommen konnte. «Bevor sie [Hannah Arendt, Anm. d.Red.] nach Israel kam, hatte sie die Idee, Eichmann als kleinen Befehlsempfänger darzustellen. Sie war dann nicht mehr bereit, Korrekturen an ihrer Vorstellung zuzulassen», vermutet Gabriel Bach. Zweifellos hat Hannah Arendts Buch die Debatte um den Eichmann-Prozess maßgeblich mitbestimmt. Jedoch ist es ihr nicht gelungen, die Deutungshoheit über die Täterperson Eichmann zu gewinnen. Auch außerhalb Israels ist man sich heute einig, dass Adolf Eichmann keineswegs nur ein folgsamer Beamter war, den Arendt in ihm sehen wollte. Hannah Arendt starb 1975, im Oktober dieses Jahres wäre sie 100 Jahre alt geworden. Mit wachsendem zeitlichem Abstand wird mittlerweile auch in Israel die viele Jahre als Unperson geltende Wissenschaftlerin gelassener und differenzierter betrachtet. Aber Hannah Arendt verstehen? Muss man in diesem Falle nicht, kann man vielleicht auch nicht. Vielleicht hilft eine Passage aus einem Brief der Philosophin an Gerschom Scholem: «Das Böse ist immer nur extrem, aber niemals radikal. Es kann die ganze Welt verwüsten, weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert. Tief aber und radikal ist immer nur das Gute.» In der Absolutheit dieser Aussage liegt auch ihr Fehler. Es mag sein, dass das Böse oft nur extrem ist. Aber Eichmann war extrem und radikal. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. |