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Universalismus, Selbsthass oder jüdischer AntisemitismusDer Streit um die richtige Solidarität mit IsraelMehr als einhundert Jahre nach den ersten jüdischen Siedlungsversuchen im osmanischen Millyet Falestin, bald sechzig Jahre nach der Gründung des Staates Israel und fast vierzig Jahre nach der Eroberung der Westbank scheint der Palästinakonflikt einer Lösung ferner zu sein denn je. Beides, die aussichtslose aktuelle Lage wie der im symbolischen Gedächtnis auffallend präsente Konflikt, führen nicht nur in der Weltöffentlichkeit, sondern auch innerhalb des Judentums zu heftigen, in letzter Zeit zunehmend gereizten Debatten. Um sich über die Bedeutung dieser vor allem in den USA und Großbritannien, kaum in Frankreich und noch weniger in Deutschland geführten Diskussionen klar zu werden, ist es unerlässlich, eine Verständigung über das, was der Begriff «Judentum» bezeichnen soll, herbeizuführen. Die auf der Hebräischen Bibel beruhende, in der späten Antike kodifizierte jüdische Religion unterscheidet sich von Christentum und Islam dadurch, dass man ihr auf jeden Fall durch Geburt angehört oder aber durch Übertritt angehören kann. Dabei geht es tatsächlich um die Geburt: als Jude gilt, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde. Da weder in der Antike noch im Mittelalter oder gar in der Moderne alle Jüdinnen oder Juden gläubig waren, hat das Judentum als Kultur - im Unterschied zu den anderen monotheistischen Religionen - der geburtlichen Zugehörigkeit wegen immer auch einen mehr oder minder ethnischen Charakter. Das hatte und hat bis heute auch politische Konsequenzen. Dass die häufig schwer verfolgte Ethnie ihr Selbstverständnis jenseits der Religion als moderne Nation finden sollte, war etwa die Grundüberzeugung des politischen Zionismus. Allerdings ist auch die ethnische Zugehörigkeit für den Einzelnen weder zwingend noch bindend; die Rede von «jüdischer Herkunft» einzelner Personen oder - ebenso vage - von einer «Schicksalsgemeinschaft» aller Juden belegt dies. Andererseits weist diese Religion, weist dieser ethnische Verband mehr oder minder große, konfessionelle, ethnische und kulturelle Ausdrucksformen auf. Die gewichtigste Institution dieser Art dürfte neben Synagogengemeinden, jüdischen Wohlfahrtsverbänden und jüdischen NGOs der Staat Israel sein, der über seine Institutionen und verwandtschaftliche Bindungen in mehr oder weniger intensivem Kontakt mit der jüdischen Diaspora steht. Mit dem Staat Israel hat sich ein Teil der jüdischen Ethnie die Form eines eigenen Nationalstaats gegeben - eines Nationalstaats, der nach dem Völkermord der Nationalsozialisten und angesichts seiner tragischen Lage in einer feindlichen geographisch-politischen Umwelt zunächst Hoffnung bündelte, um zuletzt immer mehr Sorge auf sich zu ziehen. Heute identifizieren sich weltweit etwa 14 Millionen Menschen in welcher Weise auch immer mit dem Judentum, von denen etwa fünf Millionen im Staat Israel leben, während sich die anderen in der Diaspora auf andere Länder verteilen. So betrachtet stellt das Judentum einen ethnisch-religiösen Konnex dar, einem vernetzten System konzentrischer Kreise gleichend, mit starken Kernen, Mitgliedschaften und Identifikationen bei all jenen, die in und mit jüdischen Institutionen leben, und abgeschwächten Zugehörigkeitsempfindungen jener, die weder durch Sozialisation, Lebenslauf oder Überzeugung motiviert ihr Leben jenseits der institutionellen Kerne verbringen. Der auf den ersten Blick unentwirrbare Konflikt, in den der jüdische Staat aufgrund seiner Bedrohung, aufgrund seiner grundsätzlich völkerrechtswidrigen, im Einzelnen oft menschenrechtswidrigen Besatzungs- und Siedlungspolitik im Westjordanland sowie aufgrund eines immer wieder aufflammenden palästinensischen Terrors geraten ist, schafft damit nicht nur Verdruss, zerstört nicht nur Illusionen, sondern führt auch in Israel und der jüdischen Diaspora zu Solidarisierungen und gruppenbezogenen Feindschaften, die neuerdings in Vorwürfen gipfeln, entweder jüdischer Antisemit oder ganz unjüdischer, chauvinistischer Rassist zu sein. Ein Beispiel ist die Berliner Erklärung «Schalom 5767», in der eine Reihe mehr oder minder prominenter, sich als Juden identifizierender Unterzeichner die deutsche Bundesregierung mit verschiedenen Forderungen zur Nahostpolitik konfrontierten. Die Berliner Erklärung war jedoch nur das letzte Glied in einer Kette von Einlassungen, die seit gut einem Jahr die Öffentlichkeit beschäftigen. Die Debatte begann vor rund einem Jahr mit Beiträgen der selbst nicht jüdischen Politologen John Mearsheimer und Stephen Walt. Diese waren um den Nachweis dafür bemüht, dass eine «Israel-Lobby» die Nahost-Politik der Bush-Administration nicht nur massiv beeinflusst, sondern auch den nationalen Interessen der USA schadet. Die detailreiche Studie, die auf einen stärker die Interessen der Palästinenser und der arabischen Nachbarn Israels berücksichtigenden Kurswechsel in der Außenpolitik zielt, fand zum Teil wütenden Widerspruch - nicht selten wurde der Vorwurf des Antisemitismus erhoben. Ohne von ihr direkt verursacht worden zu sein, kam es im Anschluss an die Mearsheimer/Walt-Debatte auch in der jüdischen Diaspora zu Artikulationen des Protests gegen die israelische Besatzungspolitik - vorgetragen von jüdischen Persönlichkeiten, deren Auftritt immer wieder als mutiger Tabubruch erschien. Doch ist schon diese Wahrnehmung, insgesamt betrachtet, schlicht falsch, weil nichts von diesen Argumenten und Einwänden originell ist: die führende israelische Tageszeitung «Ha'aretz» betreibt seit Jahren nichts anderes als eine präzise Kritik der Besatzungs- und Siedlungspolitik. Die intensive Debatte innerhalb der jüdisch-israelischen Öffentlichkeit beweist, dass es den meisten Interpellanten nicht um den Palästinakonflikt geht, sondern um ihren eigenen Entwurf jüdischer Identität, den sie gegen vermeintlich Israel hörige Gemeindevorstände zu Gehör bringen wollen.
Elitärer Humanismus In gewisser Weise beerben diese jüdischen Kritiker israelischer Besatzungspolitik ein inzwischen völlig entleertes biblisches Motiv: So stehen derartige Interpellanten in einer kaum noch erkennbaren und säkularisierten Tradition des biblischen Heiligkeitsgesetzes «Heilig sollt ihr mir sein» (Leviticus 19,2) beziehungsweise des Zuspruchs in Jesaja 42,6, in denen den Israeliten und Judäern die Aufgabe zugesprochen wird, ein Licht unter den Völkern zu sein. Wie Yuri Slezkine in seiner brillanten Studie «Das jüdische Jahrhundert» darlegt, wurden im frühen 20. Jahrhundert, also im Zeitalter der Assimilation, des bürgerlichen Aufstiegs der Juden nach der Befreiung aus den Ghettos, aber auch im Zeichen der russischen Revolution diese säkularisierten biblischen Gerechtigkeitsmotive für viele junge jüdische Intellektuelle zum Restbestand eines Judentums, das sie ob seines Konservativismus verlassen und unter dem sie nur noch eine radikalisierte universalistische Moral verstehen wollten. Ein Beispiel für diese Einstellung liefert der als Kind in die französische Emigration getriebene Politologe Alfred Grosser, der über seine stets betonte jüdische Herkunft hinaus in jüdischen Angelegenheiten wohl eher wenig bewandert ist. Grossers Beitrag «Warum ich Israel kritisiere», der am 20. Februar in der «Frankfurter Rundschau» erschien, artikuliert diese Haltung in aller Klarheit. Grosser bekundet, gerade aus der erlittenen Verfolgung besondere Lehren gezogen zu haben. Jude sein - das gipfelt für Grosser, der nach eigenem Bekenntnis ein echter, «sein Vaterland liebender Franzose» geworden ist, darin, aus der Erfahrung eigener Verfolgung ein konsequenter moralischer Universalist sein zu wollen, der überall, wo Unrecht und Menschenrechtsverletzungen geschehen, seine Stimme zu erheben hat. Vor diesem Hintergrund kann es jemanden wie ihm, der keine Gelegenheit auslässt, sich auch mit Formen des islamistischen Judenhasses auseinander zu setzen, nur schmerzen, dass ausgerechnet der jüdische Staat völker- und menschenrechtswidrig handelt. Indes: Auch Grosser verstärkt mit seinem Beitrag auf fatale Weise den antisemitischen Eindruck, als dürfe eine öffentliche Kritik an der Politik israelischer Regierungen nicht geäußert werden. Zudem positioniert sich Grosser zu grundlegenden Fragen der israelischen Existenz, und zwar so, dass er die Folgen seiner Antworten nicht zu tragen hat. So bringt er das «Rückkehrrecht» der Palästinenser ins Spiel, wohl wissend, dass die vollzogene Rückkehr das demographische Ende des jüdischen Staates wäre. Darüber hinaus kritisiert er nicht nur die Linienführung des Grenzzauns, sondern diesen selbst, ohne sich damit zu befassen, dass durch den Zaun die Zahl an Selbstmordanschlägen gegen die israelische Zivilbevölkerung zurückgegangen ist. An alledem wird das Dilemma dieser Form eines ebenso distanzierten wie elitären Humanismus deutlich: Während es in der globalisierten Welt das selbstverständliche Recht, vielleicht sogar die Pflicht eines jeden Menschen ist, gegen Menschenrechtsverletzungen einzutreten, wirken besondere Ermächtigungsklauseln beim Eintreten für mehr Moral fragwürdig. Denn das gilt selbstverständlich für all jene, die sich aufgrund eines auch nur marginal gelebten Judentums in der Diaspora ermutigt und ermächtigt sehen, die Politik israelischer Regierungen anzuklagen: dass sie selbst die Folgen einer veränderten Politik im Guten wie im Schlechten nicht zu tragen haben. Das Gewicht, nicht die Berechtigung von Kritik aber ist allemal an die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung gebunden - eine Verantwortung, die Grosser als vaterlandsliebender Franzose in Frankreich und Europa, nicht aber für Israel wahrnehmen kann. Ähnliches ist an zwei öffentlichen Erklärungen jüdischer Initiativen in Großbritannien und Deutschland zu beobachten. So hat eine im Vereinigten Königreich gegründete Organisation «Independent Jewish Voices» eine in Tonfall und Inhalt höchst maßvolle Erklärung publiziert, die bisher etwa 350 jüdische, meist akademische Persönlichkeiten unterschrieben haben, unter ihnen etwa der bekannte Historiker Eric Hobsbawm und der Dramatiker Harold Pinter - beides Persönlichkeiten, die sich übrigens - ähnlich wie Grosser - in ihrem bisherigen Leben nicht durch besondere Identifikation mit der jüdischen Gemeinschaft hervorgetan haben. Die Erklärung verweist darauf, dass die Menschenrechte universal und unteilbar seien, was für Israel und die besetzten palästinensischen Gebiete gleichermaßen gelte und dass die Palästinenser genau wie die Israelis das Recht auf ein friedliches und sicheres Leben haben. Weiter, dass Frieden und Stabilität die Bereitschaft aller Konfliktparteien erfordere, das Völkerrecht zu befolgen. Und schließlich, dass es unter keinen Umständen eine Rechtfertigung für irgendwelchen Rassismus, einschließlich Antisemitismus, antiarabischen Rassismus oder Islamophobie gebe sowie dass der Kampf gegen Antisemitismus untergraben werde, sobald Opposition gegen die israelische Regierungspolitik automatisch als antisemitisch gebrandmarkt werde. Angesichts dieser so weitgehend konsensfähigen Erklärung fragt man sich, warum etwa der Redakteur Christian Schlüter in der «Frankfurter Rundschau» vom 28. Februar wünscht, dass diese Stellungnahme auch in Deutschland weiter verbreitet und diskutiert würde. Beglaubigen die Punkte doch nichts anderes als das, was hierzulande ohnehin alle Parteien des Bundestages verbindet. Problematisch ist allenfalls die mit dieser Erklärung verbundene Unterstellung, dass die Organisationen des britischen Judentums geradezu mit Nibelungentreue (was de facto gar nicht der Fall ist) jede Aktion jeder israelischen Regierung rechtfertigen; brisant ist jedoch die weitere Unterstellung, dass mögliche Kritik an israelischen Regierungen als antisemitisch gebrandmarkt wird. Ist dem tatsächlich so?
Antisemitismus unter Juden Damit ist man am schmerzhaftesten Punkt der Debatte angelangt: dem Umstand, dass einige Juden andere Juden als «Antisemiten» bezeichnen. Doch wer das tut, begeht jedenfalls keinen grundsätzlichen Fehler. Denn so wie es frauenfeindliche Frauen oder schwulenfeindliche Homosexuelle gibt, kann es auch jüdische Antisemiten geben. Ob es sie gibt, ist eine empirische, keine begriffliche Grundsatzfrage. Diesem Phänomen hat der Philosoph Theodor Lessing bereits 1930 seine Studie «Der jüdische Selbsthass» gewidmet, wobei dieser Begriff, den Lessing am Schicksal des Philosophen Otto Weininger gewonnen hatte - der sich nach dem Verfassen eines juden- und frauenfeindlichen Traktats aus Verzweiflung über seine jüdische Herkunft umgebracht hatte - eher unpräzise ist. Denn das, wogegen jüdische Antisemiten vorgehen, ist ja gar nicht ihr jüdisches «Selbst», sondern eine Konzeption des Judentums, die nicht die ihre ist. So dürfte es auch nach hiesigem Verständnis keine besondere Schwierigkeit bereiten, den ultraorthodoxen Wiener Rabbiner Moshe Aryeh Friedman, der an Ahamdinedschads Holocaustleugnungskonferenz teilgenommen hat, als jüdischen Antisemiten zu bezeichnen. Aber trifft die Bezeichnung auch auf Personen wie Rose oder Alfred Grosser zu? Die politisch engagierte Antisemitismusforschung scheint hier uneins zu sein. Sind also radikale, jede ethnische Solidarität aufkündigende jüdische Kritiker des jüdischen Staates Antisemiten? In der Regel gewiss nicht, bisweilen aber verführt sie ihre Empörung über die israelische Politik dazu, Antisemitismus herunterzuspielen. So auch die bereits angesprochene Berliner Erklärung «Schalom 5767», die auf Initiative von Rolf Verleger, Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Lübeck, entstanden ist. Verleger, ein ethnisch identifizierter und engagierter Jude mit Verwandtschaft in Israel, hatte der Dachorganisation Jüdischer Gemeinden in Deutschland, dem Zentralrat, ohne das in diesem Gremium vorher zur Sprache gebracht zu haben, in öffentlichen Verlautbarungen vorgehalten, sich während des letzten Krieges im Libanon kritiklos mit der israelischen Kriegsführungspolitik solidarisiert zu haben. Inzwischen ist Verleger aus seinen Ämtern in der Jüdischen Gemeinschaft abgewählt worden und wird von Teilen der Friedensbewegung als Redner durchs Land gereicht. Die «Berliner Erklärung», unterschrieben immerhin von einem der bedeutendsten deutschsprachigen Philosophen, Ernst Tugendhat, dem stets engagierten, in Toronto und Berlin lehrenden Soziologen Michal Bodemann und dem bedeutenden Bildungsforscher Wolfgang Edelstein, erhebt Forderungen und macht Vorschläge, die denen der israelischen Friedensbewegung entsprechen und beklagt schließlich, dass das aus Scham und Trauer geborene deutsche Schweigen gegenüber Israel weiteres Unrecht ermögliche; eine Annahme, die angesichts der realen Kräfteverhältnisse im Nahen Osten und der durchaus offenen Diskussion in den deutschen Medien jeden Realitätsgehaltes entbehrt. Doch ist damit das Hauptproblem der Erklärung noch gar nicht benannt. Dieses «Hauptproblem» findet sich in der Forderung an die Bundesregierung: «kurzfristig den Boykott der Palästinensischen Autonomiebehörde zu beenden». Die Erklärung übergeht die Gründe für diesen, von EU und internationaler Gemeinschaft verhängten Boykott: die seitens der von der Hamas gestellten Autonomieregierung erklärte Weigerung, das zu tun, was im internationalen Recht das Selbstverständliche ist, nämlich die von Vorgängerregierungen geschlossenen Verträge zu erfüllen, das heißt in diesem Fall, den Staat Israel anzuerkennen und auf Gewalt zu verzichten. Aus einer im engeren Sinn jüdischen Sicht kommt das nach wie vor gültige politische Programm der Hamas hinzu, die ein explizit antisemitisches, eliminatorisch-judenfeindliches Programm ihr Eigen nennt, das - 1988 (!) verfasst - nicht nur behauptet, dass die Juden, die hier immer als «Zionisten» bezeichnet sind, nicht nur hinter der französischen Revolution, der russischen Revolution und beiden Weltkriegen stecken, sondern mit alledem auch noch heute Völker und Regierungen bestimmten. Angesichts dessen kann man den Unterzeichnern der Berliner Erklärung allenfalls zugute halten, sich in ihrem moralischen Furor nicht genügend informiert zu haben, sonst müsste man ihnen eben doch vorhalten, mit einer erklärtermaßen antisemitischen Partei teilweise gemeinsame Sache zu machen oder den Antisemitismus der Hamas zumindest billigend in Kauf zu nehmen. Dass sie sich damit aus jedem konstruktiven Diskurs auch in der jüdischen Diaspora herauskatapultiert haben, liegt auf der Hand.
Die genozidale Bedrohung Die Gereiztheit der «innerjüdischen» Debatte dürfte sich aber vor allem daraus erklären, dass der Staat Israel durch die Entwicklung des iranischen Atomprogramms, begleitet von den Drohungen nicht nur Präsident Ahmadinedschads, derzeit der einzige Staat auf der Welt ist, der von einem atomaren Holocaust bedroht ist. Der Hinweis darauf, dass Ahmadinedschads Drohungen nicht ernst gemeint seien, dass es bis zur möglichen Fertigstellung von iranischen Atombomben noch fünf Jahre dauern könnte und dass ein atomarer Angriff Irans auf Israel allen Kriterien politischer Vernunft widerspreche, beruhigtt innerhalb der jüdischen Gemeinschaft im Ganzen kaum. Auch Adolf Hitler raunte schon 1933 vom Untergang der Juden und schließlich hat der Holocaust schon alleine deshalb, weil er tatsächlich stattgefunden hat, bewiesen, dass derlei im Grundsatz immer wieder möglich ist. Man kann es auch nüchterner ausdrücken: Das jüdische Volk, der religiös-ethnische Konnex der Juden, hat vor etwas mehr als 60 Jahren einen Genozid erleiden müssen, wie ihn die Weltgeschichte zuvor nicht gekannt hat. Am 6. Januar hat der in Beer Sheva lebende Historiker Benny Morris, der als erster der Vertreibung der Palästinenser durch die israelische Armee und Milizen im Krieg von 1948 eine seriöse und sorgfältige Studie gewidmet hat, in der «Welt» einen Aufsehen erregenden Artikel unter dem Titel «Der zweite Holocaust» veröffentlicht. «Aber die Iraner», so Morris' erschreckende Vision, «werden von einer höheren Logik getrieben. Und sie werden ihre Raketen zünden. Und wie im ersten Holocaust wird die internationale Gemeinschaft nichts tun. Für Israel wird alles in ein paar Minuten vorbei sein». Die politischen Ziele von Hamas, Hisbollah und gegenwärtiger iranischer Staatsführung sind derzeit auf eine Elimination nicht nur des jüdischen Staates, sondern auch der jüdischen Bevölkerung Israels ausgerichtet. Das mindestens wahrzunehmen fordert jede nüchterne politische Betrachtung, die mehr will, als lediglich wohlfeil und frei von allen Folgen universalistische Moral einzufordern. Indes: Einen zweiten Genozid - und sei er «nur» auf Israels Bevölkerung beschränkt, deren Territorium nicht größer als Hessen ist - wird es 75 Jahre nach Befreiung der Konzentrationslager mit Sicherheit nicht geben, weil weder der jüdische Staat noch seine Parteigänger (jüdische und nichtjüdische) weltweit bereit sein werden, einer solchen Entwicklung tatenlos zuzusehen. Auch die düstere Vision von Benny Morris ist als Warnruf zu verstehen, und zwar so, dass es - wenn diplomatische Mittel in den nächsten Jahren nichts ausrichten - schließlich zur militärischen Zerstörung der iranischen Atomanlagen kommen wird. Über die mit dieser Bereitschaft verbundenen Risiken sollte sich niemand täuschen. Wer, wie gewiss nicht wenige wohlmeinende, universalistisch orientierte, dem Judentum und seiner Lebensform jedoch elitär entfremdete Jüdinnen und Juden dieses Grundgefühl genozidaler Bedrohtheit nicht versteht und die Wirklichkeit eliminatorischen Strebens nicht mindestens ernsthaft und nicht nur rhetorisch zur Kenntnis nimmt, wird auch weiterhin mit heftiger Feindschaft seitens der Mehrheit von Juden in Israel und der Diaspora rechnen müssen.Micha Brumlik, Jahrgang 1947, leitete von 2000 bis 2005 das Fritz Bauer Institut in Frankfurt. Er ist Mitherausgeber der politisch-wissenschaftlichen Monatszeitschrift «Blätter für deutsche und internationale Politik», in deren Mai-Ausgabe der vorliegende Text zuerst und in ungekürzter Form erschien: www.blaetter.de. |