Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]()
Tempelbauer und TaktikerDer vermutliche Herodes-Sarkophag belebt die Diskussion um den Friedensfürst und Römerfreund
Der Mann war vielen Juden nicht geheuer, denn dieser König von Judäa war ein Idumäer und er stammte nicht aus einem der zwölf Stämme Israels, dem auserwählten Volk. Die Zeloten, die militärische Widerstandsbewegung der Juden gegen die römischen Besatzer, werden ihn gehasst haben, weil er sich als semitischer Exilpolitiker in Rom Liebkind gemacht und dafür die Königskrone bekommen hatte. Aber Herodes der Erste, dessen Vater und Großvater zum Judentum übertraten, baute in Jerusalem den mächtigen Zweiten Tempel. Er sorgte dafür, dass die Pax Romana im Königreich am Jordan und am östlichen Mittelmeer über Jahrzehnte nicht gestört wurde. Damit schuf der Friedensfürst sich selbst den Spielraum für große städtebauliche Projekte und wirtschaftlichen Wohlstand. Und ohne ihn wäre der Große Jüdische Krieg vielleicht viel früher als im Jahr 65 n. Chr. ausgebrochen, der das Volk der Israeliten in die Diaspora zerstreute. Das sind Überlegungen, die die Historikerin Linda-Marie Günther an der Ruhr-Universität anstellt. Sie ist die Wis-senschaftlerin, die vermutlich mit dem größten Interesse in Deutschland aufgehorcht hat, als die Medien im April meldeten, der Jerusalemer Archäologe Ehud Netzer habe mit hoher Wahrscheinlichkeit das Grab des großen Herodes gefunden. Die Bochumer Professorin, die 2005 das Buch «Herodes der Große» herausbrachte, gilt heute als wichtigste Herodes-Biografin im deutschen Sprachraum. Sie weist aber darauf hin, dass das 889 Seiten umfassende Buch «König Herodes - der Mann und sein Werk» von Abraham Schalit (1998-1979) noch immer die Standard-Lektüre für heutige Herodes-Interessenten sein muss. 35 Jahre lang, seit 1972 hat der Archäologe Netzer nach dem Grab des Herodes gesucht. Erst der Sechstagekrieg von 1967 hatte dem Wissenschaftler der Hebräischen Universität den Weg zu dem mindestens seit dem 19. Jahrhundert lokalisierten Herodion-Hügel freigemacht. Dass er noch so viele Jahre nach Überresten der Grabstätte suchen musste, hat vor allem zwei Gründe: Sie fand sich schließlich nicht in der zentralen Burganlage auf dem künstlich geschichteten Erdhügel, sondern exzentrisch an einem Abhang, der zu zwei Palästen herunterführt. Und der Steinsarg war zerstört, die Leiche des Königs nicht mehr vorhanden. Es ist nicht verwunderlich, dass unverzüglich im Internet Debatten ausgebrochen sind, wem die 16 Kilometer südlich von Jerusalem entdeckte, archäologische Fundgrube gehören soll. Den Nachkommen des arabischen Semiten oder den Kindern der Untertanen des großen jüdischen Königs. Linda-Marie Günther hält es im Gespräch mit unserer Zeitung für sehr wahrscheinlich, dass der bereits pensionierte Forscher Ehud Netzer sein persönliches Lebens-Ziel tatsächlich gefunden hat. Der archäologische Befund ist für die Herodes-Expertin geeignet, ihre historischen Erkenntnisse zu stützen. Ins Bild der Aufstände gegen die Römer in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts passt, dass das Grab des als Rom-Günstling verschrienen Königs zerstört wurde. Durchaus denkbar ist, dass der Hügel noch weitere Geheimnisse birgt, etwa Gräber von Verwandten des Königs, seiner Mutter Kypros, einer seiner zehn Ehefrauen, seiner Söhne und Töchter, soweit ihnen nicht ein unnatürlicher Tod verordnet war. Zurückhaltend urteilt Günther in der Frage, ob der Herrscher das etwa 23 v. Chr. gebaute Herodion schon zu seinen Lebzeiten häufig genutzt hat, etwa als Sommerresidenz. Gerade weil er zahlreiche Ortschaften - darunter Caesarea Maritima am Mittelmeer und die Festung Masada über dem Toten Meer - errichten ließ, sei er viel unterwegs gewesen. Als Lebensmittelpunkt habe er aber eindeutig Jerusalem gewählt. Hier bauten seine Arbeiter eine moderne Wasserleitung, den pompösen Königspalast, den Zweiten Tempel, dessen Zerstörung noch heute an der westlichen Grundmauer beklagt wird. Im christlichen Abendland hängt Herodes noch heute vor allem die üble Nachrede des Evangelisten Matthäus an. Dieser be-richtet, Herodes habe, aufgeschreckt durch die Suche der drei Magier nach dem in Bethlehem neugeborenen König der Juden, die bis zu zwei Jahre alten Knaben der Kleinstadt ermorden lassen, um den vermeintlichen Konkurrenten auszuschalten. Die Bochumer Historikerin hält diese biblische Geschichte für eine theologische Schlussfolgerung ohne Anspruch auf geschichtliche Wahrheit. Für eine solche Gräueltat des Herodes gebe es weder einen Beweis noch historische Parallelen in seiner Zeit. Im Übrigen sei völlig unklar, ob Jesus bereits vor dem Tod des Herodes, also sozusagen vier Jahre vor sich selbst, geboren sei. Fakt ist, dass ausgewachsene Rivalen und unliebsam gewordene Familienmitglieder des Herodes umgebracht, hingerichtet, in einem Fall auch ertränkt wurden. Als Verdienst rechnet ihm die Biografin aber an, dass er das Ende der desolaten Priester-herrschaft der Hasmonäer herbeiführte. Noch 40 v.Chr. musste er vor dem letzten Hasmonäer Antigonos (jüdisch: Mattathias) nach Rom fliehen. Aber dort paktierte der Exil-Politiker erfolgreich mit Marcus Antonius, um sich vom Triumvirat mit der Krone eines judäischen Klientelstaates ausstatten zu lassen. Drei Jahre später war er mit der Rückenstärkung der westlichen Großmacht Herrscher in ganz Judäa und blieb es 33 Jahre lang. Als Vasall der Römer mit begrenzter Unabhängigkeit macht er nach der Analyse von Linda-Marie Günther in dieser Zeit durchaus erfolgreich Politik. In Rom wechselt er rechtzeitig zu den Gefolgsleuten des Octavianus, später Augustus genannt. In Judäa bewahrt er für sich und die Römer Ruhe und Ordnung und schafft so eine beachtliche Epoche von Frieden und Wohlstand. Am Toten Meer wird Asphalt für den Schiffsbau gewonnen, in auf Zypern gepachteten Minen Kupfer abgebaut, das zu Bronze verarbeitet wird. Die Steuern sinken beträchtlich, auch wenn die Goldmünzen das Bild des römischen Kaisers zeigen. «Herodes und Rom» war 2006 der Titel einer Tagung zur Herodes-Forschung an der Bochumer Uni. Rechtzeitig zum Grab-fund konnte die Initiatorin im Mai die damaligen Vorträge publizieren. Für die nächste wissenschaftliche Veranstaltung ist reichlich Diskussionsstoff vorhanden. Am 29. Juni geht es in Bochum um «Herodes und die Juden». |