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Sechs Tage veränderten die WeltVor 40 Jahren brach der Sechs-Tage-Krieg aus
Katjuscha Raketen sind für uns taktische Waffen auf dem Schlachtfeld», lachte ein russischer Offizier, als ein Israeli ihm erklärte, weshalb palästinensische Kassam Raketen durchaus auch «strategische Waffen» sein können. Betrachtet man die nahöstlichen Dimensionen, wird klar, warum der russische Offizier, an sibirische Weiten gewöhnt, die Probleme in Nahost nicht nachvollziehen kann. Während des Sechs-Tage-Krieges rückten die Israelis im Norden etwa zehn Kilometer auf syrischem Territorium vor und im Osten 30 Kilometer auf völkerrechtswidrig von Jordanien annektiertem Land. Zudem eroberten sie die ägyptische Sinai-Wüste, dreimal so groß wie der Staat Israel. Damals redeten die Gelehrten noch von einem «arabisch-israelischen Konflikt». Erst nach diesen sechs Tagen entdeckte die Welt plötzlich den «wahren Kern» dieses Konflikts. Plötzlich waren es nicht mehr die Marokkaner, Iraker, Ägypter, Syrer, Jordanier und Jemeniten, die Krieg gegen Israel führten, um den jüdischen Staat zu beseitigen. Auf einmal reduzierte sich der Konflikt auf einen Streit zwischen «den Zionisten» und einem Volk, das sich erst 1964 seinen Namen gab und in offiziellen deutschen Dokumenten erstmals 1973 auftauchte. Fortan zerbrach sich die Welt den Kopf, nur noch den palästinensisch-israelischen Konflikt zu lösen, während der ursprüngliche Konflikt zwischen dem jüdischen Staat und der arabisch-islamischen Welt verdrängt wurde. Aus dem armseligen David mit der Schleuder in der Hand wurde plötzlich ein grässlicher Goliath. Aus den Verfolgten des Dritten Reiches wurden imperialistische Unterdrücker. Die Welt entdeckte die «Opfer der Opfer» und die Sowjetunion schuf eine neue politische Ideologie, den «Antizionismus». Schnell vergessen war, dass Israel seinen Überraschungssieg über die Armeen der arabischen Welt mit britischen Sherman-Panzern und französischen Mirage gewonnen hat. Vergessen ist auch, dass die Amerikaner erst 1970 einsprangen, die Militärbündnisse Israels 1948 mit der Sowjetunion, und dann mit den Imperialmächten Frankreich und England, durch eigene Waffenlieferungen ersetzten. Vergessen ist auch, dass sich die PLO unter der Führung Jassir Arafats in jenen Jahren mit Flugzeugentführungen und Terroranschlägen (etwa in München 1972 bei den olympischen Spielen) mit bis dahin unbekannter Kriegstaktik erfolgreich auf die Weltbühne bombte. Das traditionelle Staatengefüge, repräsentiert durch 190 Mitglieder der Vereinten Nationen, kapierte aber wohl erst nach dem 11. September 2001, dass zwölf todeswillige Männer mit Teppichmessern eine Supermacht in die Knie zwingen können und dass die traditionellen Waffenarsenale vom Panzer über Kampfjets bis hin zu Atombomben mangels konventioneller Kriege zwischen Staaten weitgehend ausgedient haben. Da gab es auch das christliche «David und Goliath Syndrom». Allzu peinlich war die philosemitische Welle der Sympathie für den bedrängten jüdischen Staat vor Juni 1967 geworden. Der pan-arabische Führer Ägyptens, Gamal Abdel Nasser, wollte «die Juden ins Meer werfen». Die Schrecken des Holocaust lagen nur knapp 20 Jahre zurück. Die westliche Welt und vor allem Deutschland plagte noch das schlechte Gewissen. Die sehr christliche Lehre, sich auf die Seite des «Schwachen» zu stellen, und den «Starken» zu verachten, gleichgültig ob er gut oder böse ist, Recht oder Unrecht hat, verwandelte die eben noch bemitleideten Juden in Übeltäter, während die eben noch als Terrororganisation verachtete PLO zu einer romantisch verklärten Freiheitsbewegung wurde. Vergessen ist auch die Großwetterlage im Nahen Osten nach dem Sechs-Tage-Krieg. Die Welt glaubte, dass dieser Krieg in einen Frieden münden könnte und komponierte die berühmte UNO-Resolution 242. Darin wird Israel aufgefordert, sich aus (den) besetzten Gebieten zurückzuziehen. Für die Siegermächte Polen und Russland geltendes Recht, besetztes Gebiet behalten zu dürfen, war 1949 außer Kraft gesetzt worden. Kaum jemand beachtet, dass die UNO Resolution 242 auch an die arabischen Staaten Forderungen stellt, quasi als Bedingung für einen Rückzug: mit Israel Frieden zu schließen und «sichere Grenzen» zu gewähren. Es bedurfte weiterer Kriege und einer weiteren militärischen Niederlage, bis Ägypten und Jordanien dazu bereit waren. Bis dahin hatten sie die «drei nein» von Khartoum mitunterschrieben: kein Frieden, keine Verhandlungen und keine Anerkennung Israels. Zwischen alle völkerrechtlichen Stühle fielen jene Gebiete, aus denen sich Israel zurückziehen sollte, diese aber nicht «zurückgeben» konnte. Deren frühere Besitzer waren selber Besatzer: die Ägypter im Gazastreifen und Jordanien im Westjordanland. Völkerrechtlich wäre es absurd gewesen, den entstandenen Zustand «illegaler Besatzung» durch den früheren Zustand «illegaler Besatzung» zu ersetzen.
Während in Europa Schlesier und Sudeten, Danziger und Königsberger vertrieben worden waren, so dass niemand aufgrund eines «Selbstbestimmungsrechts der Völker» den Polen oder Russen die eroberten Gebiete streitig machen konnte oder wollte, kapierten die Israelis nach mehreren Monaten, dass sie nicht nur auf leeren Wüstengebieten sitzen bleiben würden, sondern auch noch auf zwei Millionen feindseliger Menschen. Die knapp drei Millionen Israelis glaubten zudem, dass sie das auf Dauer nicht nur mit verstreuten Militärlagern schaffen könnten. Hinzu kam ein messianischer Geist und eine Besinnung auf ihre biblische Geschichte. Der historische Zufall wollte nämlich, dass der jüdische Staat in jenen Küstengebieten entstanden war, wo in biblischer Zeit griechische Philister und andere Seevölker gesiedelt hatten, während die biblischen Stätten jüdischer Geschichte, Bethlehem - die Stadt Davids -, oder Ostjerusalem - wo der Tempel stand -, im nunmehr besetzten Westjordanland lagen. Eine ungesunde Mischung aus messianischer Ideologie, militärischer Notwendigkeit und der Einsicht, so bald keine politische Lösung für das Besatzungsproblem finden zu können, führte etwa ein Jahr nach jenen sechs Tagen zu der so genannten Siedlungspolitik. Diese erweist sich längst als Hindernis auf dem Weg zu einer Entflechtung beider zunehmend verfeindeten Völkern: Israelis und Palästinenser. Es stellte sich heraus, dass der nach jenen sechs Tagen entstandene Zustand der Besatzung von Territorien, die keinem Staat gehörten, mit Bewohnern, die erst spät ein eigenes Nationalbewusstsein entwickelt hatten, nicht mit Mitteln und Methoden des bestehenden Völkerrechts gelöst werden könne. Es bedurfte drei Jahrzehnten, bis Israelis und Palästinenser zu der Erkenntnis gelangten, dass nur die Schaffung neuen Völkerrechts ihr unfriedliches Nebeneinander zur Korrektur geschichtlicher Ungerechtigkeiten und zur Erfüllung ihrer nationalen Bestrebungen führen könnte. Das war der Sinn des inzwischen schon wieder gescheiterten «Osloer Friedensprozesses», der die 1967 entstandenen Probleme mit einem neuen Regelwerk lösen sollte. Erst infolge jener sechs Tage im Juni 1967 fielen die Palästinenser und ihr nationaler Kampf unter israelische Verantwortung. Hätten sie sich schon vor jenem Krieg mit den besetzten Gebieten Westjordanland und Gaza für die Errichtung eines eigenen Staates begnügt, wozu sich Arafat erst 1988 durchgerungen hat, hätte die Welt dem palästinensischen Kampf wohl kaum so viel Sympathie und Mitgefühl geschenkt. Solange Araber und nicht Juden die Unterdrücker der bis 1964 namenlosen Palästinenser waren, interessierte sich niemand für ihr Schicksal. Bekanntlich darf kein seriöser Historiker den Spruch verwenden: «Was wäre geschehen wenn...». Genauso hätte man fragen können, was wäre geschehen, wenn Israel den Krieg 1967 verloren hätte und durch die militärische Übermacht der Araber ausgelöscht worden wäre. So kann man heute nur feststellen, dass jene sechs Tage nicht nur den Nahen Osten gewandelt haben, sondern auch die Wahrnehmung dieses schwelenden Konflikts. Vorläufig bleibt er Störenfried und größte Gefahr für den Weltfrieden in einer ansonsten ach so friedlichen und kriegslosen Welt. |