Schlachtfeld des Burenkrieges. Foto: Archiv

Flagge mit Davidstern in Afrika

Jüdische Freiwilligen Commandos im Burenkrieg

 

Während des «Anglo-Boer War», des Burenkriegs zwischen 1899 und 1902, gab es neben zahlreichen anderen Freiwilligenkorps zur Unterstützung des von Großbritannien unterdrückten Burenvolks auch eine Schar jüdischer Einwanderer aus Osteuropa, die sich als «Jewish Volunteers» einen Namen machten, die jedoch weitgehend vergessen sind.

Der Burenkrieg brach nach jahrelangen Konflikten zwischen Großbritannien und Transvaal über Territorial- und Machtbeschränkungen schließlich durch den Goldrausch aus. Massenhaft stürmten Goldsuchende nach Transvaal, die Regierung reagiert jedoch misstrauisch auf die Ausländer und fühlte sich von ihnen bedroht. Die Briten wiederum nutzten dies, um ihr eigenes Machbestreben zu stärken und schlugen sich auf die Seite der Ausländer. Als die Buren-Republiken Transvaal und Oranje Freistaat am 11. Oktober 1899 der britischen Regierung den Krieg erklärten, entschieden sich viele Juden, auf der Seite der Buren zu kämpfen. Am 25. September 1899 meldete die Tageszeitung «Volkstem» in Pretoria, eine Gruppe «von 200 Israelis hätten sich versammelt und die Bildung eines Freiwilligenkorps von mindestens 100 Männern angekündigt...». Es seien viele russische Juden darunter, viele kleine Kaufleute und Wanderhändler mit guten Geschäftsverbindungen zu den abgelegenen Farmen seit eh und je.

In jenen Gegenden, wo der Bergbau ungeahnten Wohlstand erhoffen ließ, gerieten die jüdischen Gemeinden unversehens in einen Gewissenskonflikt. Geschäftlich erfolgreiche Händler mit engmaschigen Kontakten zu den Minenbesitzern riskierten ihre Existenz, wenn sie jetzt den Briten in den Rücken fielen und hielten sich zurück, obwohl heimlich Geldspenden in die Burenkassen zur Kriegführung flossen. Anders durften Hunderte von Kleinhändlern und Marketendern ohne Repressalienfurcht reagieren, denn ihre Haupteinnahmequelle waren wiederum die zahllosen Burenfarmer, denen sie regelmäßig Haushaltsbedarf, Kleidung, Schuhe, Lebensmittel, Spielsachen, Seife, Strickwolle und so weiter frei Haus lieferten. Die sprachgewandten Juden beherrschten mühelos Afrikaans und Englisch neben Russisch und anderen Sprachen.

Bei Kriegsausbruch schlossen sich manche Juden burischen Kommandos an, andere formierten ihre eigene Truppe aus Freiwilligen. Einer stach historisch zwischen allen hervor: Hermann Judelewitz, ein gebürtiger litauischer Freiheitskämpfer, der zwei Onkel als Rabbiner und einen in Litauen prominenten Vater mit politischen Ambitionen nachweisen konnte. Mit 22 Jahren reifte der Entschluss, in Südafrika neue Wurzeln zu schlagen, und 1897 traf der junge Abenteurer im Bezirk Klerlsdorp ein, wo er bald Geschäftspartner der Herren J.H. Bloch und Chezan wurde, um sich als geschickter Rinderaufkäufer und Schafhändler zu bewähren. Innerhalb kurzer Zeit erlernte er Afrikaans, verstand etwas von der Pferdezucht und galt als Präzisionsschütze unter den Buren.

Bei Kriegsausbruch sattelte Judelewitz sein bestes Pferd, griff nach einem Präzisionsgewehr und schloss sich Piet Cronjes «Potchefstroom Commando» an. Nach dem Gefecht zu Mafeking ernannte man den Freiwilligen zum Corporal und Anfang 1900 sogar zum «Veld Cornet», einem einzigartigen sozial-militärischen Rang, den es nur bei den Buren gab. Es handelte sich dabei um eine kombinierte Position, die Offiziersrang und Beamtenstand im zivilen Leben vereinte.

Einzelheiten über die Aktivität von Judelewitz während der zahlreichen Rückzugsgefechte gegen Ende des Waffengangs sind nicht dokumentiert. Er wurde in Cronjes Camp gesehen, nahe Paardeberg, und konnte der Umzingelung durch die Briten entrinnen. Auch bei Fourteen Streams soll Judelewitz mitgemischt haben. Später schloss sich der Individualist 600 Kap-Rebellen unter den Generälen Steenkamp und Liebenberg an, mit Kommandeur-Befugnissen als «Veld Cornet». Ob seine Leute zeitweise eine Flagge mit dem Davidstern führten, wie gelegentlich behauptet wurde, ist nicht erwiesen.

Judelewitz fiel am 28. Mai 1900 nahe Prieska im Norden der Kap-Provinz im Nahkampf mit einer Übermacht britischer Kavallerie. Chronisten konnten ermitteln, dass 198 namentlich bekannte Juden für die burische Sache ihr Leben einsetzten. Außer Judelewitz ragte noch ein zweiter Jude hervor: Heimle Cohen. Über ihn brachte ein Bure respektvoll zu Papier, woran er sich erinnern konnte:

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«Old Heimle war ein irrer Typ, fast sechzig mit großer Glatze, buschigen Augenbrauen und einem gelähmten linken Bein. Er war immer zu Späßen aufgelegt, fuchtelte gern dramatisch mit den Armen in der Gegend herum und sprach eine komische Mischung aus Englisch und Afrikaans. Ach ja, wir hatten diesen ulkigen Juden alle miteinander ins Herz geschlossen! Er war tapfer und bescheiden, ein herzensguter Mensch, aber auch auf seine Art geschäftstüchtig...Als wir ein britisches Fort bei Modderfontein angriffen, erwischte Cohen eine Kugel am Knöchel. Zuletzt konnte der Gegner doch in die Flucht gejagt werden. Heimle Cohen bemühte sich sofort eifrig, die reiterlosen britischen Pferde in der Umgebung einzusammeln und etwa 20 Tiere an einem langen Seil triumphierend abzuführen. Humpelnd rief er uns Buren lachend immer wieder zu: „Die gehören jetzt mir ... die sind mein Eigentum ... keine Widerrede, Leute!"»

Er hatte kein Glück, denn die anderen Kameraden brauchten dringend Ersatz für ihre eigenen und verloren gegangenen Gäule. Innerhalb weniger Minuten stand Cohen fassungslos in der Landschaft und hielt nur noch sein Bindeseil in der Hand. Nachdem seine Beinverletzung zu eitern begann und zunehmende Schmerzen ihn plagten, suchte er ein britisches Militär-Lazarett auf, wo ihm geholfen wurde. Als die Briten ihren verwundeten Gefangenen fragten, warum er als Jude und Ausländer mit den Buren gegen die Briten kämpfte, gab er als Antwort: «Die Buren haben mir nach dem Sieg die Staatsbürgerschaft zugesagt, bei Euch Engländern hätte ich bis zum Jüngsten Gericht darauf warten müssen ...»

Das ausländische Freiwilligenkorps in unterschiedlicher Zusammensetzung wurde ergänzt durch verschiedene Feldlazarette. Kurioserweise sollten diese Ärzte und Sanitäter eigentlich auf britischer Frontseite eingesetzt werden, doch «desertierten» sie komplett auf die burische Seite, was zu diplomatischen Verwicklungen führte. Eine neunte Ambulanz formierte sich in Transvaal, finanziert und ausgestattet allein durch jüdische Einwanderer unter Bension Aaron.

Die Franzosen unterstützten die Buren bei der Artillerie und betätigten sich als Nachschub-Manager. Zwei französische Juden waren zum Beispiel Repräsentanten einer Waffenschmiede von Rang, die der Transvaal Regierung bereits einige Belagerungsgeschütze aus Europa verkauft hatte. Leon Grünberg trat erstmals 1895 als Lobbyist der französischen Kanonenbauer Schneider-Creuzot in Südafrika auf, nachdem er bereits Bergwerk-Ausrüstungen aller Art des gleichen Unternehmens an den Mann bringen durfte. Die Buren-Administration entschloss sich später, zwei Batterien Creuzot-Kanonen zu bestellen, ausgeliefert in Begleitung von Sam Leon, Ingenieur und ehemaliger Studienkollege Grünbergs an der Ecole Centrale in Paris. Die beiden jungen Franzosen schlossen rasch Freundschaft miteinander und gründeten eine unabhängige Unternehmensberatung mit burischen Regierungsaufträgen in Hülle und Fülle.

Leon avancierte zum Technischen Direktor beziehungsweise Adjutant der imposanten Staatsartillerie unter besonderer Berücksichtigung der schweren Kaliber. Alle Befestigungen rund um Ladysmith wurden nach seinen Plänen ausgeführt, was sich bald bezahlt machte. Als ein Long Tom Geschütz der Buren durch einen nächtlichen Überraschungsangriff der Briten außer Gefecht gesetzt wurde, sorgte Leon umgehend für die Überführung der Kanone nach Pretoria zur Instandsetzung. Auch in Kimberley erwies sich Leon als «Reparatur-Genie» bei schweren Waffen.

Grünberg übernahm mittlerweile in Transvaal den Aufbau und die Leitung einer Sprengstoff-Fabrik in Begbie und Wrights, die Tausende von Granaten aller Kaliber auslieferte. Am 24. April 1900 erschütterte eine mächtige Explosion das Hauptwerk, wodurch fast 100 Italiener ihr Leben einbüssten. Grünberg blieb wie durch ein Wunder unverletzt, obwohl sein Büro nur 200 Meter vom Explosionsherd entfernt lag. Trotz alledem lief die Produktion weiter bis zum Waffenstillstand.

Als der Burenkrieg begann, lebten nach offizieller Zählung 3.000 Russen innerhalb der Rand-Region, während Kenner der Bevölkerung von mindestens 7.000 Russen sprachen. Viele betätigten sich im Einzelhandel, als Gastwirte und Schnapsverkäufer, und nicht wenige waren Juden. Um 1899 beherrschten die russisch-jüdischen Wandergewerbe-Treibenden, spöttisch «Smouse» genannt, den ländlichen Versorgungsmarkt für alle Buren fern der großen Städte.

Diese Kleinhändler griffen spontan zu allen Gewehren, um ihrer «Kundschaft» im Existenzkampf mutig beizustehen. Dank ausgezeichneter Sprachkenntnisse in Afrikaans nahm man sie sofort in die rein burischen Kommandos auf. Ein kleiner (jüdischer) Personenkreis der höheren Einkommensklassen, darunter Juristen und Mediziner, Banker und Großhändler, bewarben sich um Einsätze als gewandte Kundschafter im Feindesland, wo sie sich geschickt zu tarnen verstanden.

Der Burenkrieg machte sich naturgemäß auch im Alltag bemerkbar: mit Neid, Verdächtigungen und rassistischen Vorurteilen. Sowohl burische als auch britische Behördenvertreter reagierten oft genug antisemitisch. Bestimmte Anordnungen zur Rationierung von Lebensmitteln enthielten den boshaften Nachsatz: «Diese Verordnung dient dem Wohl aller Bürger, um Betrügereien durch Juden zu verhindern.» Nach wütenden Protesten der jüdischen Gemeinden zog man die diskriminierende Bemerkung zurück. Als sich ein A. H. Lewis (Levi) um eine Stellung bei einer Behörde bewarb, wies man ihn mit der verächtlichen Begründung ab «sein Name lasse auf den verlorenen Stamm Israels schließen und sei leider unzumutbar ...» Ähnlich erging es einem Mr. Ginsberg, einem britischen Untertan, dessen «angeblich angelsächsischer Name zu gewissen Zweifeln berechtigen dürfte». Lewis und Ginsberg waren somit «enttarnt» in den Augen missliebiger Bürokraten.

Lord Kitchener of Khartoum, Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte im Verlauf des Anglo-Boer War, ließ im Zorn verlauten, dass die Kriegsanstrengungen «durch ausländische jüdische Geschäftemacher sabotiert würden, die alle wertvollen Güter aufkauften, um die Preise hoch zu treiben mit gehörigem Profit sobald die Bahnverbindungen nicht mehr zuverlässig funktionierten...»

Es dauerte nicht mehr lange, bis Kitcheners Weisungen zur Einrichtung zahlreicher Concentration Camps (getrennt für Burenfamilien und schwarze Familien) führten, um den Widerstand der kämpfenden Männer zu unterminieren.

Im Mai 1902 endete der Burenkrieg und die beiden Burenrepubliken wurden in das British Empire eingegliedert. Die Buren erhielten jedoch alle Rechte britischer Staatsbürger und Afrikaans wurde außerdem als Amtssprache anerkannt.

Golf Dornseif

«Jüdische Zeitung», Juni 2007