Rathenau - Polyhistor und Politiker. Foto: dpa

Sein Feld war die Welt

Vor 85 Jahren wurde Walther Rathenau ermordet. - Ein Porträt (I)

 

Er wusste Porträts zu malen, sein Haus zu zeichnen, den Stuck darin zu formen, Turbinen zu bauen, Holzplastiken zu bestimmen, Montaigne anzugreifen, Bilanzen zu entschleiern, Fabriken umzustellen, Verse zu schreiben, Staatsverträge zu schließen, die Waldstein-Sonate zu spielen. Nicht auf Genie, es kam ihm auf einen gewissen Grad des Könnens an, der meist noch größer war, als was der tüchtigste einzelne im einfachen Fache zu leisten vermag. Sein Feld war die Welt, das darf man sagen, in seiner Vielfalt war er überraschend». Die Worte des Schriftstellers Emil Ludwig über Walther Rathenau charakterisieren die Vielseitigkeit eines Mannes, dessen Lehre vom Wesen und Weg des Menschen auf den scheinbar so unzusammenhängenden Bereichen menschlichen Wirkens wie Wirtschaft, Philosophie, Technik oder Politik basiert.

Walther Rathenau war ein Polyhistor, eine in vielen Fächern bewanderte Persönlichkeit. Überliefert ist das seiner vielseitigen Begabungen wegen auf ihn gemünzte Bonmot von Albert Einstein, der einmal sagte, wenn man Rathenau das Amt des Papstes angeboten hätte, er hätte auch dies perfekt ausgeübt - im technischen Sinne.

Rathenau, das war der Naturwissenschaftler mit Sachverstand, der Wirtschaftsführer, der seine großen Fähigkeiten nicht nur in der vom Vater gegründeten Firma unter Beweis stellte, Rathenau, der Organisator, der bei Kriegsbeginn 1914 wirtschaftliche Mängel erkannte und behob, der Literat und Redner, der mit dem Wort so virtuos umzugehen vermochte, der Zeitkritiker, dessen hellsichtige Philosophie auch eine Zukunftsschau darstellte, Rathenau, das war der Staatsmann, der ohne starre Ideologie konsequent eine Friedens- und Aufbaupolitik verfolgte und in der kurzen Zeit seiner Führung des Auswärtigen Amtes einen entscheidenden Schritt in der Bereinigung der Beziehungen zu Sowjet-Russland tat und gleichzeitig die Alliierten des Ersten Weltkrieges als Persönlichkeit so stark beeindruckte, dass die Brücke zum Westen nicht zerbrach.

Walther Rathenau gehört zu den Symbolfiguren der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. Er steht an der Trennschwelle von alter und neuer Zeit, Diener der Monarchie wie Geburtshelfer der Demokratie. Rathenau hat wie vielleicht kein anderer dazu beigetragen, der zutiefst gefährdeten Weimarer Republik jenes internationale Ansehen zu verschaffen, das sie zum Überstehen der Republikfeindschaft von innen brauchte. In den wenigen Monaten seiner Amtszeit als Wiederaufbau- und Außenminister (1921/22) hat er es, vor allem in zahlreichen Begegnungen mit politischen Vertretern der Siegermächte, erreicht, dass Deutschland wieder als gleichberechtigter Gesprächspartner in der Welt akzeptiert wurde. Am Rande der großen Reparationskonferenz von Genua im April 1922 schloss Rathenau den Vertrag von Rapallo mit der jungen Sowjetunion, ein diplomatisches Meisterstück, das seine Zeit überdauerte.

Bereits in den frühen 1890er Jahren war Deutschland grundsätzlich in zwei sich gegenüberstehende politische und auch kulturelle Lager gespalten. In dieses Umfeld fügte Rathenau sich nicht ein. Sein permanentes, in seinem Temperament begründetes, kritisches Verhalten und seine Tendenz zu visionärem Denken machten ihn unter Nationalisten, Monarchisten, Antisozialisten und den im Grunde konservativen Anhängern des wilhelminischen Systems zu einem Außenseiter, ungeachtet seines ausgesprochenen Patriotismus. Sein Staatssozialismus und sein Utopismus genügten jedoch nicht, um diesem prominenten Industriellen die Mitgliedschaft im anderen Lager zu bringen. Dass er Jude war, komplizierte die Dinge natürlich nur und trug entscheidend zu seiner Entfremdung bei.

Später begegnete Rathenau dem Krieg mit großer Sorge, was für die Reaktionen sowohl seiner industriellen Kollegen als auch seiner politischen Freunde untypisch war, ganz sicher untypisch für den gewöhnlichen deutschen Juden. Aber er war es, der bald ein aktiver und einfallsreicher Mitarbeiter in den Kriegsbemühungen wurde. Einen Großteil der Kriegszeit liebäugelte er mit dem Pazifismus, während er gleichzeitig weiterhin mit dem Militär verkehrte. Nachdem er lange Zeit in Opposition zu den grenzenlosen Kriegszielen der Regierung gestanden hatte, trat er schließlich zu einer Zeit mit der Forderung nach einem Volkswiderstand auf, als selbst ein Ludendorff im Weiterkämpfen keinen Sinn mehr sah.

In den ersten Tagen der Republik sprach sich dieser erfolgreiche Kapitalist für fundamentale sozioökonomische Reformen aus, ja sogar für gewisse Versuche der Sozialisierung. Rathenau, ein standfester Monarchist, wurde bald mehr als nur ein Vernunftrepublikaner. Er wurde schnell zu einem der eloquentesten Verteidiger der neuen Republik, innerhalb und außerhalb Deutschlands. Es mag natürlich möglich sein, Erklärungen für jede einzelne von Rathenaus Wandlungen zu liefern und zu finden, aber für seine Zeitgenossen blieben diese - trotz seiner eigenen Bemühungen - meist unverständlich und lösten immer wieder Unbehagen und Irritationen aus.

Nachdem Rathenau seit 1897 bereits zahlreiche Schriften zu Kunst und Kultur veröffentlicht hatte, begann er, sich zehn Jahre später auch der politischen Essayistik zuzuwenden. In seinem ersten politischen Zeitungsartikel, der unter dem Titel «Die neue Ära» 1907 erschien und bereits sein (späteres) politisches Programm durchscheinen ließ, verarbeitete er Erfahrungen, die mit seiner sozialen Stellung zusammenhingen. Denn sowohl als Jude, der sich weigerte, aus Karrieregründen zum Christentum zu konvertieren, als auch als Sohn eines Unternehmers, dem es gelungen war, seine Firma zu einem weltumspannenden Konzern auszubauen, vermochte sich Rathenau nicht mit einer Gesellschaftsordnung zu identifizieren, die immer noch Herkunft über Leistung stellte. Durch seine berufliche Tätigkeit war ihm zwar der Aufstieg in die exklusive Spitzengruppe der einflussreichsten Industriellen und Bankiers gelungen, doch gerade seine hervorragende Stellung ließ ihn nur umso schärfer erkennen, dass im Zentrum der Macht der Einfluss des preußischen Agrariertums weiterhin vorherrschte.

Nach dem Zusammenbruch der Monarchie hoffte Rathenau als prominenter Kritiker des alten Systems bei der Neugestaltung von Staat und Wirtschaft an leitender Stelle mitwirken zu können. Sein Versuch, von der linksliberalen «Deutschen Demokratischen Partei» (DDP) als Kandidat für die Nationalversammlung aufgestellt zu werden, scheiterte.

Als Hauptkriterium politischer Befähigung galt Rathenau Sachkompetenz, die sich in einem (Zentral-)Parlament, das in seiner Zusammensetzung weltanschaulichen Bindungen und ökonomischen Interessen verpflichtet sei, nicht durchsetzen könne. Hatte Rathenau vor der Revolution (1918) das Parlament als wichtigste Stätte der Elitenrekrutierung bezeichnet, so betonte er jetzt, dass jede «noch so beschränkte, aber halbwegs sachkundige Selbstverwaltung» bessere Leistungen erbringe.

Nachdem Joseph Wirth im Mai 1921 zum Reichskanzler ernannt worden war, beauftragte er Rathenau zunächst als Wiederaufbauminister (ab Juni 1921) und nach Umbildung des Kabinetts als Außenminister (ab Januar 1922) mit der Leitung der deutschen Reparationspolitik. Durch weitgehende Erfüllung der Reparationsverpflichtungen sollte der gute Wille Deutschlands dokumentiert und ein Klima des Vertrauens geschaffen werden. Rathenau betonte aber gleichzeitig, dass die Gesundung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen nur durch eine flexible, jeweils am ökonomisch Möglichen orientierte Festsetzung der Reparationen zu erreichen sei.

Schon in der Vorkriegszeit galt für Rathenau die Betonung der Wirtschaft als der richtige Weg in die Zukunft. Ende September 1921 erinnerte er in einer Münchener Rede an Napoleons Wort «Politik ist das Schicksal» und sagte: «Dieses große Wort ist hundert Jahre lang wahr geblieben, es ist in den letzten Jahren der Kriegsentscheidung auf seinen Gipfel gestiegen, und es lastet mit seiner ganzen Schwere auf uns. Aber auch dieses Wort hat seine begrenzte Dauer. Es wird der Tag kommen, wo es sich wandelt, und wo das Wort lautet: Die Wirtschaft ist das Schicksal. Schon in wenigen Jahren wird die Welt erkennen, dass die Politik nicht das Letzte entscheidet». Hier sollte Rathenau irren: Knapp zwei Jahrzehnte später wurde nicht die Wirtschaft, sondern die verbrecherische Politik Adolf Hitlers zum Schicksal für Deutschland und Europa.

Das Wirth-Rathenau-Programm war einfach und äußerst realistisch: Keine Politik sinnloser Halsstarrigkeit in den Verhandlungen mit den Alliierten, um sie von der Bereitschaft Deutschlands zu überzeugen, die auferlegten Verpflichtungen zu erfüllen - jedenfalls bis zur Schaffung einer vernünftigen Ordnung der Weltwirtschaft. Rathenau glaubte an friedliche Vernunftlösungen durch gut vorbereitete Verhandlungen, nicht an Konfrontation - schon deshalb, weil den Deutschen jegliche Macht fehlte. Er hoffte auf die Durchsetzung einer Politik der Annäherung an den Westen, da er besser als jeder andere wusste, dass die wirtschaftlichen Realitäten ein gewisses Maß an Kooperation geboten. Auch sah er voraus, dass nur eine echte europäische Einigung mit der schnell expandierenden amerikanischen Wirtschaft konkurrieren könnte. Und schließlich glaubte er, er könne eine sachliche Kooperation des Westens einleiten, der sich auf dem Verhandlungswege um Wirtschaftshilfe für die verarmte Sowjetunion bemühen sollte - in einem Wort: Aufschwung durch Versöhnung.

Nichts von alledem fand Anklang bei der radikalen Rechten im Land. Wahrscheinlich lehnten die meisten Deutschen, traumatisiert durch die Weltkriegsniederlage und die eskalierenden finanziellen Gefahren, sowieso jede Form von Vernunft ab.

Um die außenpolitische Isolierung Deutschlands zu überwinden, schloss Rathenau am Rande der Weltwirtschaftskonferenz von Genua den deutsch-sowjetischen Vertrag von Rapallo (16. April 1922), der neben der wechselseitigen Anerkennung und dem Verzicht auf Reparationen beziehungsweise Vorkriegsschulden wirtschaftliche und (geheime) militärische Zusammenarbeit vorsah. Die beiden spektakulären Abkommen von Wiesbaden und Rapallo machen deutlich, wie sehr es ihm darauf ankam, die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Frankreich sowie Deutschland und der Sowjetunion zu fördern und dies als Grundlage für die Verbesserung der zwischenstaatlichen Beziehungen zu nutzen. Dass es ihm dabei auch um die Wiederherstellung und Sicherung Deutschlands als Großmacht ging, war eine Folge seiner nationalen Einstellung.

Man hat Rathenau allgemein immer als denjenigen bezeichnet, der nach dem Zusammenbruch von 1918 als erster verstand, wieder eine aktive deutsche Außenpolitik zu führen. Uneinig war und ist man sich aber darüber, in welcher Richtung diese Aktivitäten zu sehen ist: in der versachlichten, erstmals eine Vertrauensatmosphäre schaffenden Westpolitik oder in der eigenmächtigen Ostpolitik - ein außenpolitischer Spagat, der auch die auswärtige deutsche Politik der nachfolgenden Jahrzehnte bestimmen sollte. Es ist keine Frage, dass seine eigene Intention die der weltweiten, vertrauensvollen und damit friedensschaffenden Wirtschaftspolitik war. Insofern kann man sich keinen Politiker der Weimarer Republik so gut in heutigen internationalen Institutionen, also in Brüssel, Straßburg oder New York, vorstellen wie ihn. Damals war aber nur ansatzweise diese Politik zu führen und die Rapallo-Politik, die nicht sein Stil war, zerstörte auch noch viele dieser Ansätze. Sie zog ihm wieder einmal neuen Hass zu, international und national. Er ertrug Genua mit steinerner Ruhe, fand kein neues Konzept. Um es zu überwinden, klagte er nur immer über die verzweifelte deutsche Situation und erreichte erst in der Schlussrede am 19. Mai 1922 eine beeindruckende Rückbesinnung auf die Hauptsache: auf das gemeinsame weltwirtschaftliche Problem und auf die Vertrauensbasis, die für dessen Bewältigung nötig sei.

In der Weise, wie Rathenau mit der ihm eigenen Souveränität unternehmensstrategische, wirtschafts- und außenpolitische sowie geistige Fragen seiner Zeit erörterte, durchdrang und miteinander verband, ist er wohl einzigartig in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, gleichgültig wie kritisch Stellungnahmen zu einzelnen Aspekten oder zu seiner Gesamtperson ausfallen mögen.

Walther Rathenau nimmt eine herausragende Stellung in der modernen deutschen Geschichte ein. Zusammen mit seinem Vater Emil repräsentierte er die ehemalige Situation Deutschlands und der deutschen Juden im jungen deutschen Kaiserreich. Er war weder ein einfacher Mann, noch war die Zeit, in die er hineingeboren wurde, einfach. Die oft widersprüchlichen Tendenzen und unterschiedlichen Haltungen, die der schnelle Wandel, die neu auftretenden Möglichkeiten und der technologische Fortschritt mit sich brachten, haben die Angehörigen dieser Generationen geprägt.

In der von seinem Vater Emil Rathenau gegründeten Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft AEG und im Vorstand und Aufsichtsrat zahlreicher Unternehmen lernte Rathenau die Vorraussetzungen des wirtschaftlichen Schaffens kennen und wirtschaftliche Verflechtungen begreifen. Er lernte auch mit wirtschaftlicher Macht etwas anzufangen. Er war überzeugt, dass die Zukunft nicht durch die stärksten Bataillone, sondern durch wirtschaftliche Machtfaktoren bestimmt werden würde. Die Unentbehrlichkeit einer politischen und wirtschaftlichen Bürokratie erfasste er, wenn er auch die Grenzen ihrer auf Erhaltung und langsame Fortentwicklung, nicht auf das Einmalige und völlig Neue, gerichteten Wirksamkeit scharf sah.

Rathenau selbst war vom bürokratischen Denken weit entfernt. Um das Ausdrucksbedürfnis eines funkelnden Geistes zu befriedigen, gefiel er sich in gewagten Aphorismen und geschliffenen Paradoxen. Er lieferte dadurch seinen Gegnern unerschöpfliches Material, um ihn mit feindseligen Zitierungen zu diskreditieren. Er erschien den Rechten revolutionärer als radikale Sozialisten trotz Beimischung konservativer Elemente in seinem Denken und Wirken, den Linken ebenso nationalistisch wie die lärmenden Hurrapatrioten trotz der internationalen Verflechtung seiner gedanklichen und wirtschaftlichen Konstruktionen.

L. Joseph Heid

«Jüdische Zeitung», Juni 2007