Im Künstlerdorf. Foto: H. L.-L.

Die einzige Heimat auf Erden

Ein Dorf in Israel versammelt jede Menge kuriose Persönlichkeiten und verlockt zu einem Besuch

 

EIN HOD. Еr war Techniker bei den Rolling Stones und bei Pink Floyd. Er tingelte durch die Welt, immer auf der Suche nach dem Kick. Irgendwann hatte er es satt, ging nach Israel - und braute Bier. Dani Schiefstein ist ein Mann, dessen Gesicht nur aus Augen zu bestehen scheint. Ein Mann, der ständig in Bewegung ist, der ununterbrochen und gestenreich Geschichten erzählt. Egal, ob er nun in seiner Bar steht oder gerade eine seiner vielen Sorten Bier braut. Dani Schiefstein lebt in Ein Hod, dem einzigen Ort auf der Welt, der Menschen wie ihm eine Heimat bieten kann. Ein Hod liegt, von Tel Aviv auf der Küsten-Autobahn kommend, 15 Kilometer vor Haifa in den grünen Hügelausläufern des Karmel. Ein Künstlerdorf, das man ebenso wenig vergisst wie den Bierbrauer Dani Schiefstein.

Wer Dani, seine «Art-Bar» und seine Ein-Mann-Brauerei besucht, muss Stehvermögen haben. Alle Biersorten müssen probiert werden. Dazu gibt es kleine Leckereien bis hin zu Sushi. Dani ist international. Er teilt sich die Bar mit Ana Lia Magen. Die Malerin nutzt Danis Bar als Galerie. Gemeinsam veranstalten sie kleine Konzerte und Mal-Workshops.

«Ich mache die einzig wahre Kunst hier in Ein Hod», lästert er verschmitzt, schließt mit großer Geste das ganze Dorf mit seinen 70 Künstlern in die Arme und knautscht sein Gesicht beim Lachen in tausend Falten. Dani Schiefsteins Augen sind seine Seele und sein Herz. Er ist Schauspieler und bleibt doch immer er selbst. Sich verbiegen? Dazu ist er zuviel in der Welt herumgeschubst worden. Denn die heißen Rock 'n' Roll-Zeiten waren nicht nur von Ruhm bestimmt. Jetzt mischt der Mann der Unruhe Ein Hod auf. Hier darf er Dani Schiefstein sein, der Bierbrauer, der in seinem alten Einweck-Kessel rührt, über sich die selbstgemalte fliegenden Nymphe und andere Feen.

Und nicht nur Dani: Auch Abu Yaacov darf hier er selbst sein. Sein «Middle East Restaurant» ist zu einem Treffpunkt geworden, ist es doch die Vision einer Nahost-Region, in der alle Religionen und Nationen friedlich beieinander sitzen und schmausen.

Chef des Künstlerdorfs ist Dani Ben Arye. Einer muss schließlich die Ruhe bewahren. Der Bildhauer und Maler ist eine Art Bürgermeister und Museumsdirektor zugleich. Das Museum «Janco Dada» ist dem Architekten, Maler und Dada-Mitbegründer Marcel Janco gewidmet. Der Künstler baute 1953 mit anderen Künstlerinnen und Künstlern Ein Hod wieder auf, ein ehemals von seinen arabischen Bewohnern verlassenes Dorf. Die Hochblüte des Dadaismus, diese revolutionäre Antwort auf den Ersten Weltkrieg, war indes auch jenseits der Nazi-Barbarei seit zwei Jahrzehnten vorbei, und die Werke der Künstler, die das «Art-Establishment» ablehnten, hingen bald selbst im Museum. Ihre Revolte wurde zum «-ismus» wie alle anderen Kunst-Richtungen auch. Das Wichtigste aber: Ihre Art, Kunstbereiche wie Malerei, Bildhauerei, Theater und Musik miteinander zu verbinden, wurde prägend für die gesamte Kulturwelt.

Marcel Janco war mit seinem Bruder einer der Urväter des Dadaismus. Er gründete am 5. Februar 1916 das «Cabaret Voltaire», den Treffpunkt der Dadaisten, mit Hans Arp, Emmy Hennings, Hugo Ball, Richard Huesenbeck, Walter Mehring, Tristan Tzara und weiteren Künstlern in der Spiegelgasse 1 in Zürich. Janco war es auch, der den Begriff des Dadaismus auf ein Haarwaschmittel namens «Dada» zurückführte, das just zu der Zeit in Zürich en vogue war. Er selbst faszinierte seine Kunstfreunde mit Masken, die er für einige Züricher Bühnen entwarf und formte. «Jancos Masken erinnern an das japanische oder altgriechische Theater und sind doch völlig modern», sagte damals Dadaist Hugo Ball. Kollegen im «Cabaret Voltaire», die sich die Masken aufsetzten, sollen sogleich in ein pathetisches Gehabe gefallen sein und sich in absurden Tänzen bewegt haben. 50 Jahre später, als Europas Künstler noch einmal in Zürich den Dadaismus feierten, jubelte Janco in Ein Hod: «Dada blüht!»

Heute hängt auch Marcel Jancos Werk im Museum. 70 Jahre seines Schaffens sind im «Janco Dada Museum» in Ein Hod in einer gut konzipierten Dauer-Ausstellung zu sehen und geben einen tiefen Eindruck in die Kunst des vorigen Jahrhunderts. Selbst der Kubismus, den die Dadaisten einst vehement ablehnten, hatte Einfluss auf Jancos Malerei. Er war und blieb eben ein Maler seiner Zeit.

Marcel Janco wurde am 24. Mai 1895 im jüdischen Viertel in Bukarest geboren und starb am 21. April 1984 in Ein Hod. Er war wie die meisten Dadaisten nicht nur Maler, sondern auch Schriftsteller. 1922 kehrte er von Zürich nach Bukarest zurück, zum «Tor zum Osten» ins «Klein-Paris», arbeitete als Architekt und Maler und schrieb unter anderem für die Zeitschrift «Contimporanul» (Der Zeitgenosse).

1941 floh er vor den Nazis nach Israel. 1948 war er einer der Gründer der Gruppe «Neue Horizonte». 1967 wurde Janco mit dem Israel-Preis ausgezeichnet. Nach ihm erhielten noch zehn weitere Künstlerinnen und Künstler aus Ein Hod diesen Preis, darunter die Malerin Zahara Shatz (1955, Tochter von Boris Shatz, Gründer der Bezalel Akademie in Jerusalem), die Tänzerin Gertrude Kraus (1968) und der Schriftsteller Shimon Halkin (1975). Als vorerst letzte Künstlerin aus Ein Hod wurde 2004 Gila Almagor für ihr Lebenswerk mit dem Israel-Preis geehrt. Zehn Monate nach Einweihung des «Janco Dada Museums» in Ein Hod starb Marcel Janco in dem Künstlerdorf.

Seine Bilder der 1920er-Jahre zeigen eine Nähe zum Konstruktivismus. Sein Selbstporträt von 1911, das im «Janco Dada Museum» hängt, dokumentiert Selbstzweifel, aber auch den Willen zur Selbstbehauptung. Das «Cabaret Voltaire» malte er 1916. In den 30er Jahren beschränkte er sich auf Stillleben mit Obst, beispielsweise «Still Life with dry fruit», bildnerisch nicht unkritisch. 1945 ließ er seiner Abscheu über die Nazi-Gräuel in «Genocide» endlich freien Lauf. Ingesamt umfasst sein Werk wohl mehr als 600 Ölbilder, von weiteren Werken, dazu einige Architekturen, ganz zu schweigen.

Doch nicht nur Marcel Janco beherrscht das Museum, das wäre wohl auch nicht in seinem Sinn gewesen. Wechselnde Ausstellungen machen das «Janco Dada Museum» in Ein Hod zum Treffpunkt der israelischen Künstlerszene, zu einem interaktiven Haus, in dem Raum genug ist für Installationen, für Performances und Veranstaltungen aller Art, sei es, dass mit Klosett-Becken experimentiert wird, sei es, dass Kindheitserinnerungen nostalgisch mit Puppen und anderem Spielzeug zu einer Installation in Art des Fluxus, einer Nachfolgerin des Dada, kreiert werden. «Wir veranstalten auch Workshops für Kinder, denn nur im frühen Alter kann die Kreativität gut und dauerhaft geweckt werden», sagt Dani Ben Arye. Seit 1992 hat auch ein «Museums-Shop» Einzug gehalten.

Foto: H. L.-L.

Das Künstlerdorf mit seinen rund 70 Ateliers und Galerien, Bars, Cafes und Restaurants, Museen und kleinen Familienhotels inmitten blühender Wiesen und würzig duftender Pinienhaine ist ein Ort der Gegensätze. Ganz still in ihrem Atelier sitzt Valentina Bruslovskaya. Umso beredter sind die bunten, runden, prallen, vollbusigen Figuren der Bildhauerin, die an die «Nana»-Figuren einer Niki de Saint Phalle erinnern und die nur eben auf israelisch ihr geheimnisvolles Gute-Hexe-Handwerk verbreiten. Wie die meisten Künstlerinnen und Künstler in Ein Hod gibt auch Valentina Bruskovskaya Kurse für Künstler und solche, die es werden wollen.

In Ein Hod sind wahrlich alle «Arts» vertreten. Bob Nechin beispielsweise ist Glaskünstler und nutzt die Tiffany-Technik für Glasbilder, die an den Konstruktivismus und Kubismus erinnern. Tal Shahar macht wunderschöne Gebrauchskeramik, die auch für sich allein ein Kunstwerk ist. Rachie und Arie Ofir sind bekannt für apartes Design, desgleichen Dror Karta als Schmuckkünstlerin und Julian Tiglat als Goldschmied. Auch Fotografen haben in Ein Hod ihre Ateliers, beispielsweise Raanan Tal, Ron Kedmi und Lilach Peled-Charny. Interdisziplinär arbeitet Iris Samra. Die meisten Künstlerinnen und Künstler sind Maler und halten mit Vorliebe die pittoreske Landschaft um Ein Hod in ihrer Sichtweise fest.

Immer wieder veranstaltet das Künstlerdorf Feste, so zu Pessach den «Tanz um das Goldene Kalb», in dem die Künstler ein meist aus Pappmaché gefertigtes Kalb bauen und in einer Zeremonie verbrennen.

Workshops bieten besonders die Töpfereien und Keramik-Werkstätten an, aber auch die Maler öffnen ihre Ateliers. Besonders die Sommer-Kunst-Akademien in Ein Hod sind von Malern, Bildhauern, Autoren und anderen Künstlern begehrt. Ein Besuch aber ist Israels wohl wichtigstes Künstlerdorf zwischen Tel Aviv und Haifa auch sonst immer wert. Bei einer eingeplanten Übernachtung in einem der Bed-and-Breakfast-Häuser oder Zimmerim verspricht der Aufenthalt in dem idyllischen Dorf mit der wunderbaren Luft und Ruhe zum Erlebnis zu werden.

Heike Linde-Lembke

 

Kontakte und Adressen:

  • Bürgermeister und Museumsdirektor
    Dan Ben Arye
    Tel.: 04-9841126 oder per oder unter im
    E-Mail: art@ein-hod.israel.net
    Internet: http://ein-hod.israel.net
  • Dani Schiefsteins «Art Bar»
    Tel.: 052-8362498 , 04-9840071
    E-Mail: daba@netvision.net.il
  • «Abu Yaacov» Middle Eastern food
Tel.: 04-9843377
  • «Dona Rosa» Argentinian Kitchen
Tel.: 04 9543-777
  • Valentina Bruslovskaya
    Tel.: 04-9840236
  • Arma Becher: Zimmer «B&B»
    und Theater. Tel.: 04-9841560.

 

 

«Jüdische Zeitung», Juni 2007