Foto: Buchcover

«Yiddishkeit»

von Lev Raphael

Über das Schweigen der Überlebenden ist bereits so viel Richtiges und Treffendes geschrieben worden, dass es in der deutschen Sprache fast schon einen sprichwörtlichen Charakter angenommen hat. Für einen ebenso profilierten wie gewitzten Schriftsteller wie Lev Raphael, Autor von Krimis, Sachbüchern und klassischen Kurzgeschichten sowie Ikone des jüdischen «Gay-Pride», muss es deswegen von vornherein eine ganz urtümliche künstlerische Überlebensfrage gewesen sein, sich dem Thema des Nachwirkens des Holocaust auf die späteren Generationen auf vollkommen andere Art und Weise anzunähern, zumal der Weg vom Sprichwort zum Klischee mitunter ein sehr kurzer sein kann und jedes Scheitern eine ärgerliche Banalisierung des Schreckens bedeutet. Diese prinzipielle schriftstellerische Herausforderung hat Raphael mit Bravour gemeistert: Viele Vertreter der Generation der Überlebenden in den 25 in seinem umfangreichen Band «Yiddishkeit» versammelten Kurzgeschichten erzählen so munter und vital, ja mitunter geradezu rücksichtslos drauflos, dass es dem Leser ebenso wie den durchweg jungen oder heranwachsenden Nachgeborenen im Buch fast den Atem verschlägt. Die besondere Stärke seiner Erzählungen liegt jedoch in der wachen Unbekümmertheit, mit der seine jungen Protagonisten den Berichten der Alten lauschen, sowie der geradezu traumwandlerischen jugendlichen Sicherheit und Entschiedenheit, mit der sie deren Erfahrungen in Beziehung zu ihrem eigenen Leben, ihrem wohlbehüteten Aufwachsen in der Neuen Welt setzen. Nicht weniger kraftvoll ausgearbeitet ist das Thema der Homosexualität im traditionellen Judentum, Raphaels Lebensthema, das er, wie schon in seinen vorangegangenen Romanen, ausgesprochen sensibel und vollkommen unaufdringlich, manchmal in Kontrast zum Schweigen der Überlebenden, herausgearbeitet hat. «Yiddishkeit» ist eine wunderbare Gelegenheit für den deutschen Leser, eine der interessantesten jungen amerikanischen Stimmen der zweiten Generation kennen zu lernen.

Florian Hunger

«Yiddishkeit»
aus dem Amerikanischen von Michael Haupt
Parthas,390 Seiten
24 Euro

«Jüdische Zeitung», Juni 2007