«Keine Sorge, mir geht’s gut»

von Olivier Adam

Als deutschsprachiger Leser hat man nur sehr selten das Glück, das außerordentliche Debüt eines unbekannten jungen französischen Autors zu lesen, noch bevor dieser mit späteren, scheinbar bedeutenderen Veröffentlichungen zu Ruhm und Auszeichnungen gelangt ist. Bei Olivier Adam, für seine jüngeren Bücher «Am Ende des Winters» (2004) und «Leichtgewicht» (2005) von der französischen wie der deutschen Literaturkritik gleichermaßen hoch gelobt und im Heimatland mit dem renommierten «Prix Goncourt de la Nouvelle» bedacht, verhält es sich nicht anders. Die seit Ende März auch in deutschen Kinos angelaufene, in Frankreich mit zwei Césars ausgezeichnete Verfilmung seines Debütromans beschert uns nun ganz unverhofft die Möglichkeit, einen ganz erstaunlichen, in vielerlei Hinsicht überaus geglückten Text erstmals zu entdecken. «Keine Sorge, mir geht's gut» ist die berührende Geschichte einer jungen Frau in Paris, die das plötzliche Verschwinden ihres über alles geliebten Bruders vor zwei Jahren komplett aus der Bahn geworfen hat. Weit unter ihren Möglichkeiten bleibend, arbeitet Lili als Kassiererin in einem Supermarkt, ihre wenigen Beziehungen sind geprägt von unerfüllter Sehnsucht und vorprogrammierten Enttäuschungen. In ihrem Sommerurlaub macht sich Lili alleine auf den Weg in die Provinz, um den letzten Spuren ihres Bruders zu folgen und ihn vielleicht wiederzufinden. Dabei entdeckt sie ein Familiengeheimnis, das ebenso traurig wie schön ist. Olivier Adam erzählt in einem sehr persönlichen, unvergleichlich schwerelosen Ton von der Sprachlosigkeit und der verborgenen Dynamik in unseren familiären Beziehungen, von der stillen, unbeholfenen Liebe zueinander. Seine Sprache setzt der Autor sehr sparsam, aber immer überaus treffend ein und erreicht so ein erstaunlich hohes Maß an poetischer Dichte und Präzision. «Keine Sorge, mir geht's gut» ist ein Debüt, das wirklich zu begeistern vermag.

Florian Hunger

 

«Keine Sorge, mir geht's gut»
aus dem Französischen von Carina von Enzenberg
SchirmerGraf, 187 Seiten
16,80 Euro

 

 

«Jüdische Zeitung», Juni 2007