Foto: Buchcover

«Ich bin allein und bang»

von Irene Eber

 

1941, im Alter von 11 Jahren, musste Irene Eber bereits eine Erwachsenenentscheidung von unermesslicher Tragweite treffen: Gegen den ausdrücklichen Willen ihres Vaters verließ sie ihre Familie, die aus Nazideutschland ins südpolnische Städtchen Mielec an der Weichsel geflohen war, um völlig auf sich allein gestellt der drohenden Deportation zu entkommen, während fast alle anderen Familienmitglieder in den Todeslagern ermordet wurden. Die soeben auf Deutsch erschienenen Kriegsmemoiren der emeritierten Professorin für Ostasiatische Studien an der Hebräischen Universität in Jerusalem nehmen besonders deshalb einen besonderen Platz unter den großen Zeugnissen des Überlebens unter dem Naziterror ein, weil Irene Eber der bloßen Erzählebene eine zweite philosophisch, reflektierende Ebene hinzufügt, in deren Rahmen sie, geschult an den großen Denkern des fernen Orients, die Bedingungen, Möglichkeiten und Risiken des Erinnerns im allgemeinen sowie an der Shoa im besonderen erkundet. Äußerer Anlass ihrer Memoiren ist eine Reise an den Ort des Geschehens fünfzig Jahre später. Irene Ebers klare, aber dennoch poetische Sprache entfaltet eine große erzählerische Kraft. Die Struktur des Textes unterstreicht ihr Anliegen der Selbstvergewisserung im Sinne einer aktiven Erinnerungsarbeit insofern vorbildlich, als die fortlaufende Erzählung immer wieder von dokumentarischem Material wie Fotos oder Akten der Nazibehörden unterbrochen und hervorgehoben oder zum Teil auch zurechtgerückt wird. Darüber hinaus bietet das Buch ein packendes, überaus vielschichtiges Panorama einer kleinen Stadt am Abgrund und ihrem äußerst zerbrechlichen sozialen Gefüge. Am Ende ihres erschütternden Buches steht die Autorin noch immer rat- und fassungslos vor dem Erlebten-Erinnerten und bekennt skeptisch: «Ich fürchte, dass auch ich mit meinem Versuch, Leben in Worte zu fassen, zum Vergessen beigetragen habe.»

Florian Hunger

 

«Ich bin allein und bang»
aus dem Englischen von Reinhild Böhnke
C.H. Beck, 287 Seiten
19,90 Euro

«Jüdische Zeitung», Juni 2007