Foto: Buchcover

«Das meschuggene Jahr»

von Memo Anjel

 

«Das meschuggene Jahr» ist die ebenso kurzweilige wie poetische Geschichte einer armen sephardischen Familie im kolumbianischen Medellín in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, die Jahr für Jahr immer wieder vergeblich davon träumt, einmal in die goldene Stadt ihrer religiösen Sehnsucht zu reisen: nach Jerusalem. Dabei lernt der Leser vor allem, dass materieller und spiritueller Reichtum zweierlei Dinge sind, und dass ein mit wachen Sinnen gestaltetes Leben in einer chaotischen Großfamilie allemal erfüllender sein kann als eine jüdische Pilgerfahrt. José Guillermo «Memo» Anjel, Berliner DAAD-Stipendiat 2005 und im Hauptberuf Professor für soziale Kommunikation in seiner Heimatstadt Medellín, erzählt diese Geschichte mit großer Warmherzigkeit und gutmütigem, beschwingtem Witz aus der Sicht seines dreizehnjährigen Protagonisten, dessen hellwache Beobachtungsgabe und überschäumende Neugier uns als Leser die besonderen und teilweise skurrilen Eigenarten seiner vielen Verwandten ungeheuer präzise und lebensnah erschließen. In jenem Jahr, von dem Anjel im Buch berichtet, soll endlich alles anders werden als bisher, denn der Vater des jugendlichen Erzählers hat auf der Grundlage des Beschleunigungsgesetzes und unter Zuhilfenahme der Kabbala eine «Brotfabrikmaschine» erfunden, die der Familie materielle Unabhängigkeit bescheren und den lange gehegten Wunsch einer gemeinsamen Reise nach Jerusalem erfüllen soll. Vorher zieht jedoch noch der weltgewandte Onkel Chaim bei ihnen ein, dem die Ärzte noch höchstens zwei Wochen zu leben geben, der aber stattdessen von Tag zu Tag gesünder wird: «Er sah aus wie einer, der beim Kartenspiel gewonnen hat.» «Das meschuggene Jahr» bildet das Leben in einer fernen, nur selten thematisierten Diaspora, so kraft- und liebevoll ab, dass man sich als Leser wünscht, mit den sympathischen Protagonisten gemeinsam auf eine Reise nach Jerusalem sparen zu dürfen.

Florian Hunger

 

«Das meschuggene Jahr»
aus dem Spanischen von Erich Hackl und Peter Schultze-Kraft
Unionsverlag, 187 Seiten
8,90 Euro

«Jüdische Zeitung», Juni 2007