Foto: Buchcover

«Psalmen»

von SAID

Psalmen als individuelle künstlerische Ausdrucksform und Möglichkeit der lyrischen Zwiesprache mit Gott haben Dichter und Komponisten immer wieder fasziniert und zu eigenständigen Neuschöpfungen inspiriert. So bezogen sich in der literarischen Moderne des 20. Jahrhunderts nicht nur Bertolt Brecht und Paul Celan in teilweise sehr eigenwilliger Form auf diese Gattung. Der Dichter und Sänger Leonard Cohen veröffentlichte Anfang der 1980er Jahre mit seinem «Book of Mercy» einen ganzen Band mit ausgesprochen kunstvoll komponierten Psalmen, die viel über seine Weltsicht sowie sein Verhältnis zu Gott und zum Judentum verrieten. Dass sich nun mit dem deutschsprachigen Lyriker SAID, geboren 1947 in Teheran, zum ersten Mal ein muslimischer Autor an diesem Genre versucht hat, wie Kommentatoren bisher betont haben, ist weit weniger sensationell, als es auf den ersten Blick den Anschein haben mag. Denn obwohl der ehemalige Präsident des deutschen PEN-Zentrums schon allein aus biographischen Gründen zwangsläufig von der klassischen persischen Poesie beeinflusst ist, äußert sich dies in seiner Lyrik - und das trifft auf seine Psalmen in besonderem Maße zu - vor allem in seiner überaus weltoffenen, nach Universalität strebenden, toleranten Grundhaltung, nicht aber in etwaigen Bezügen auf islamische Religiosität oder geistliche Dichtung. SAIDs Psalmen sind aus einem vollkommen weltlichen Geist geschaffen, sein lyrisches Ich tritt in einen absolut gleichberechtigten Dialog mit Gott ein und vertritt jenem gegenüber sogar eine weitaus reifere, erwachsenere Position. Übergeordnetes Thema der Gedichte ist ein sehr konkretes kulturelles Unbehagen und das offensichtliche Streben des Autors nach einer universellen, überkonfessionellen und der Welt zugewandten Spiritualität als Trost für die Seele des unter den Anforderungen unserer Zivilisation zusammenbrechenden, modernen Menschen. Da die 99 Texte des Buches durch eine für den Leser leicht und unmittelbar zu erschließende Alltagssprache gekennzeichnet sind, ist SAID in Zweck und Form eine tragfähige Psalmdichtung im klassischen Sinne gelungen.

Florian Hunger


«Psalmen»
C.H. Beck, 112 Seiten
14,90 Euro

«Jüdische Zeitung», Juni 2007