Foto: Buchcover

«Alle sterben,auch die Löffelstöre»

von Kathrin Aehnlich

Die MDR-Hörfunkjournalistin Kathrin Aehnlich, geboren 1957 in Leipzig, scheint als Romanschriftstellerin eine ausgesprochen spät Berufene zu sein. Erst 1998 bekam sie ein Stipendium für hochbegabten schriftstellerischen Nachwuchs zugesprochen, obwohl sie bereits von 1985-1988 am berühmten Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig studiert und verschiedene Erzählungen und Hörspiele veröffentlicht hatte. Die Wartezeit auf ihren nun endlich vorliegenden ersten Roman mit dem widerborstigen Titel «Alle sterben, auch die Löffelstöre» hat sich jedoch mehr als gelohnt. Ihr herrlich vielschichtiges Buch über die lebenslange Freundschaft zweier Außenseiter ist wohl eine der größten literarischen Überraschungen dieses Frühjahrs. Kathrin Aehnlich bildet den Alltag in Deutschlands Osten vor und nach der Wende mit so wachem Blick für das Wunder im Detail, mit so viel spritzigem Humor und milde gestimmter Selbstreflexion ab, dass der Erkenntnisgewinn des Lesers ebenso groß ist wie sein Vergnügen: ständig glaubt er ganz alltägliche Dinge, die er aus seinem eigenen Leben kennt, zum ersten Mal auf diese Art zu lesen und somit, gewissermaßen selbst verwandelt, nachzuerleben. Dabei ist die Geschichte, die uns die Autorin erzählt, eigentlich alles andere als lustig: Skarlet, Mitte Vierzig und geschieden, Pressesprecherin des Zoos mit der weltweit größten Löffelstör-Zucht, muss die Grabrede auf ihren nach langem Leiden an Krebs gestorbenen Herzensfreund Paul halten, den sie seit gemeinsamen Kindertagen kennt und nie aus den Augen verloren hat - angesichts der lebenslangen zärtlichen Freundschaft eigentlich ein Wunder, dass die beiden nie ein Liebespaar geworden sind. So muss Skarlet innerhalb weniger Tage nicht nur gemeinsam mit Pauls Frau dessen Sarg selbst bemalen, sondern auch die richtigen Worte finden, um dem wichtigsten Menschen in ihrem Leben wirklich gerecht zu werden. «Alle sterben, auch die Löffelstöre» ist weniger ein Buch über das Sterben als über die vielfältigen Wunder des Lebens.

Florian Hunger

 

«Alle sterben, auch die Löffelstöre»
Arche-Verlag, 252 Seiten
19 Euro

«Jüdische Zeitung», Juni 2007