Boom – vor wie nach den Bomben

Die Börsenwerte klettern in Israel nach dem Krieg wieder kräftig nach oben

 

Bei einem Minus von vier Punkten dümpelte am 16. Juli 2006 die Börse in Tel Aviv, als sie nach der ersten Wochenendpause des neuen Libanonkrieges den Handel mit den Aktien der 25 wichtigsten börsennotierten Unternehmen des Landes neu eröffnete. Kaufunlust ist in Krisenzeiten bei unklaren Nachrichtenlagen nicht ungewöhnlich. Doch dann meldeten Medien, der Hisbollah-Führer und Erzfeind Scheich Hassan Nasrallah sei erschossen worden und in kürzester Zeit kletterte der TA-25-Index um mehr als sieben Punkte auf ein Plus von 3,5. Am Morgen danach sackten die Werte wieder ins Minus - denn Nasrallah hatte sich nachts quicklebendig mit einem Video im arabischen Fernsehen zu Wort gemeldet. An diesem Montag ließ die Gerüchteküche der Medien den Kurs von -0,5 weiter auf - 1,7 sinken, weil angeblich ein israelischer Kampfjet über Beirut abgeschossen worden war. Ein Dementi der Militärs sorgte noch am gleichen Tag für die erneute Trendwende auf ein milderes -0,85. Solche kurzen, oft kräftigen Kurssprünge nach oben, die meist eine Erleichterung oder Beruhigung signalisieren, nennen die Börsianer «Rally». Im Wechsel von Kriegsereignissen erleben Kurse nicht selten ein rasches Auf und Ab, wobei die Anleger weniger die Schaffenskraft der Unternehmen, als die Tagesform der Politiker und Militärs im Auge haben. Die Kraft der Wirtschaft zeigt sich erst in der längerfristigen Betrachtung.

Zu Zeiten der ersten Intifada hatten die dauernden Konflikte das israelische Wirtschaftswachstum erheblich gestört. 2003 meldete das CIA-World Factbook noch eine reale Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts (BPI) um 1,1 Prozent. Das BPI - also der Gegenwert aller produzierten Waren und erarbeiteten Dienstleistungen - wuchs seither real - das heißt: inflationsbereinigt - wieder zügig und stabil: 2004 um 1,3, und 2005 gar um 3,9 Prozent.

Im Mai 2006 setzt dann der US-amerikanische Investor Warren Buffett, der als zweitreichster Mensch der Welt gilt, mehr als vier Milliarden Dollar ein, um 80 Prozent der Aktien des israelischen Metallkonzerns Iscar zu kaufen. Eine Milliarde fließt als Steuern dem Staat zu, der seine Bürger unverzüglich mit einer erst für 2007 geplanten Senkung der Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt erfreut. Und gleichzeitig kann das Staatsdefizit fast völlig abgebaut werden.

33 Tage dauert der zweite Libanonkrieg vom 12. Juli bis 14. August 2006. Sein Ausgang wird in Israel inzwischen als Desaster bewertet, die Winograd-Kommission hat der Regierung wie der Militärführung grobe Fehler vorgehalten. Die Mehrzahl der Kriegsziele konnte nicht erreicht werden. Die direkten Kosten der militärischen Auseinandersetzung werden heute auf rund vier Milliarden Euro geschätzt, also etwas mehr als die Summe, die der potente Kapitelgeber im gleichen Frühsommer in Israel wirtschaftlich angelegt hatte.

Haben die Schrecken des Krieges das israelische Wirtschaftswachstum ins Stocken gebracht? Ein Rückblick auf ARD-Meldungen aus den ersten Kriegstagen belegt das Gegenteil: Kurz nach Kriegsbeginn bringen Abgesandte des US-Konzerns Hewlett & Packard weitere 4,5 Milliarden Dollar nach Israel. Beim größten Bargeld-Deal in der Geschichte des Staates wechselt die Software-Firma Mercury Interactive Corporation den Besitzer. Finanzminister Abraham Hirchson spricht von einem «Triumph». Wenige Tage später kauft SanDisk den Speicherhersteller MSystems für 1,55 Milliarden Dollar. Man kann selbstverständlich davon ausgehen, dass diese Transaktionen nicht von einem Tag auf den anderen geplant, also eine Folge des Krieges waren. Erstaunlich aber ist, dass das Bombardement die Investitionen mit weit über dem amerikanischen «nasdaq» bezahlten Kursen nicht einen Moment aufhält.

Unerfreulich für Warren Buffett mag sein, dass die Hisbollah eine Woche nach seiner Geldüberweisung aus den USA mit ihren Raketen auf die Produktionsstätten der Iscar in Nordisrael zielt. Doch Iscar wird nicht getroffen. Die Investition hat sich gerechnet. Aber das Staatsdefizit ist wieder gestiegen. Geld wird vor allem gebraucht, um die Schäden im Norden des Landes zu beseitigen. Die Mehrwertsteuer beträgt nach dem Krieg jetzt 17 Prozent.

Fast ein Jahr später lässt sich insgesamt feststellen, dass zumindest die Wirtschaft den Krieg keineswegs schlecht überstanden hat. Noch während der Kampfhandlungen hatten Experten vorhergesagt, das Wachstum des Bruttoinlandproduktes werde 2006 wieder deutlich unter vier Prozent fallen. Tatsächlich weist der reale Zuwachs Ende 2006 erneut deutlich mehr als fünf Prozent aus.

Verständlich werden solche Zahlen, wenn man in Rechnung stellt, dass Krieg und Zerstörung immer auch Wiederaufbau und Neubeginn nach sich ziehen. Die Konjunktur belebt sich neu - trotz tiefen Einbrüchen in den Tourismussektor -, weil Brücken und Häuser neu gebaut werden müssen oder die Entspannung der Lage dazu beiträgt, dass die Staatsbürger neue Autos und Kleider kaufen. Die steigende Nachfrage wird deutlich am Preisindex, der 2005 konstant bei null Prozent lag und im Kriegsjahr auf 1,3 Prozent gestiegen ist, während die Arbeitslosigkeit um 1,7 Punkte auf 9 Prozent gefallen ist.

Wer die Wirtschaftsleistung 2006 aufschlüsselt, stellt fest, dass das Bruttoinlandprodukt zu 65,7% aus dem Dienstleistungssektor, zu 31,7% aus der Industrie und zu 2,6% aus der Landwirtschaft erarbeitet wird. Jeder Staatsbürger, vom Kleinkind bis zur Greisin, schafft statistisch gesehen pro Jahr Produkte und Arbeitsleistungen im Wert von 25.000 Dollar. Auch deutsche Urlauber schaffen Nachfrage: Der Fremdenverkehr mit 2,4 Millionen Besuchern trägt mit touristischen Einnahmen in Höhe von 3,1 Milliarden Dollar zum BPI bei.

Der Aktienindex hat das Kriegsjahr 2006 ebenfalls ohne große Einbrüche überstanden. Aufgrund der bereits im Frühjahr boomenden Konjunktur war der TA-25, die Auswahl der 25 wichtigsten Werte aus dem „Tel Aviv Stock Exchange" (TASE) im Juni auf über 900 Punkte geklettert. Die Unsicherheit zu Kriegsbeginn sorgte dann für einen vorübergehenden Abfall auf rund 770 Zähler. Seither ging es mit geringfügigen Abweichungen beständig aufwärts. Am 1. April wurde in diesem Jahr die 1.000 erreicht, inzwischen zeigt die Börsenkurve mit mehr als 1.100 Punkte weiter nach oben.

Selbst in den bedrohlichsten Tagen hatte die Börse an der Ahad Ha'am in Tel Aviv gut für die Abwicklung ihres Aktienhandels vorgesorgt. Ronit Harel Ben Ze'ev, Senior Vece President bei TASE, erklärte besorgten Anlegern im israelischen Fernsehen, dass es 20 Kilometer vom Finanzplatz entfernt ein eingebunkertes Rechenzentrum gebe, in welchem jederzeit ein Backup der Depots und Deals aktiviert werden könne. Die 131 Mitarbeiter der Börse würden dort nicht nur alle Abteilungen der Zentrale noch einmal vorfinden, sondern auch ihre Familienangehörigen in die Schutzräume mitbringen können.

Klaus Commer

«Jüdische Zeitung», Juni 2007