Armut im Alter auch in Israel. Foto: AP

Am Rande des Existenzminimums

Lebensabend lieber in Deutschland? Eine Dokumentation zu Armut unter Holocaustüberlebenden schreckt die Israelis auf

 

Kolja ist 69 Jahre alt, groß gewachsen und für seinem Alter auch noch sehr rüstig. Er geht aufrecht und mit anhaltender Liebe seinem größtem Hobby nach, dem Boxen. Mehr als 250 Kämpfe hat der Haudegen auf dem Buckel und betreut noch heute eine kleine Jugendmannschaft. «Wenn ich nicht immer so schlapp wäre, würde ich heute noch im Ring stehen», wird Kolja nicht müde zu beteuern. Und als im April Israel den Schoa-Gedenktag würdig feierte und mit sich selbst hart ins Gericht ging, sah auch der Boxtrainer die bewegten Bilder einer traurigen Reportage: Am Abend des Feiertags wurde ein Dokumentarfilm ausgestrahlt, der auf die beschämende Situation mancher der noch heute lebenden Überlebenden des Völkermordes aufmerksam machte. Senioren wurden gezeigt, die es vorziehen ihren Lebensabend in Deutschland zu verbringen, da die dort ausgezahlten Renten höher und die medizinische Versorgung besser seien. Rentner kamen zu Wort, die sich in psychiatrische Anstalten hatten einliefern lassen, da sie dort drei regelmässige Mahlzeiten erhielten und sich zudem jemand um sie kümmere.

Orly Wilnai-Federbusch und Gay Meros, die Macher des Films, sind bekannte Journalisten, die sich bereits lange mit sozialen Problemen befassen. Nun wollten sie die über Jahre hinweg anhaltende staatliche Vernachlässigung der in die Tage gekommenen Bürger thematisieren und zeigen, wie schlecht das Volk Zions sich ihrer annimmt. Obwohl das Sujet nicht neu ist, hat der Film doch Bilder zu Tage gefördert, die manchem so nicht bewusst waren. Die Dokumenation spricht von rund 80.000 «Nizolej Schoah» - so werden die Hinterbliebenen auf Hebräisch genannt - die unter der Armutsgrenze leben.

Zahlen und Fakten sind erschreckend. Das Thema des Films muss jedoch in weiterem Kontext betrachtet werden: Altersarmut in Israel. Nicht ohne Grund wurde in den letzten Wahlen eine Partei aus dem Nirgendwo in die Knesset katapultiert, die sich lediglich das Ziel der besseren Versorgung im fortgeschrittenem Alter auf die Fahnen geschrieben hat. Auf Anhieb erhielt die GIL (Gimlaej Israel laKnesset - Israels Rentner für die Knesset), im Volksmund auch Rentner-Partei genannt, sechs Sitze in der Knesset - gewählt von meist jüngeren Bürgern und heute ein Teil der Regierungskoalition. Inwieweit deren politische Arbeit von Erfolg gekrönt ist, steht auf einem anderen Blatt, zeigt aber, dass die heutigen Arbeitnehmer und Angestellten sich Gedanken über ihre Rente machen.

Und dies zurecht. Erst im Mai 2007 schlossen Arbeitgeber-Verbände und die Allgemeine Gewerkschaft einen Vertrag über eine allumfassende Rentenversicherung ab. Diese soll erst nächstes Jahr in Kraft treten, schließt allerdings alle Gehaltsempfänger mit ein, was bis bisher nicht der Fall war. Yalon Gräber, ehemaliger Berater des Gesundheitsministeriums für Schoa-Überlebende, kennt sich in den Fallstricken der Wiedergutmachungs- und Rentengelder als Einmalzahlungen für Hinterbliebene aus. Seiner Meinung nach begann das Problem Mitte der 70er Jahre, als der israelische Staat die private Altersvorsorge zuließ. «Die damals 40- oder 50-jährigen Arbeitnehmer haben den Sinn einer solchen Versicherung nicht gesehen», meint Gräber «so dass sie sich weiter auf die israelische Nationalversicherung, auf "Bituach Leumi", verlassen haben.» Dies hatte zur Folge, dass der staatliche Versicherer vielen Arbeitnehmern im Rentenalter eine Pension von bis zu 1.600 Schekel zahlt. Eine Summe, die etwa 300 Euro entspricht. Unter bestimmten Umständen kann die Fürsorge diese auf 3.500 Schekel, also an die 660 Euro, aufstocken. Zu diesen Grundrenten kämen den Versehrten unterschiedliche weitere Zahlungen zu, so Gräber. Hier spielen Stichtage, Einwanderungsdaten und Aufenthaltszeiten eine Rolle, sowie Orte, an die Betroffene während des Holocausts deportiert wurden oder geflüchtet waren. All diese Faktoren führen zu unterschiedlichen Renten, die von unterschiedlichen Gremien, Behörden und Staaten ausgezahlt werden. Diese können sich auf 420 Euro belaufen oder auf lediglich 190 Euro, je nachdem ob der deutsche Staat auszahlt oder das israelische Wirtschaftsministerium. So manche Absurdität bringt dies an den Tag: «Deutsche Juden» - die «Jekkes» wie sie Gräber lächelnd tituliert - «die nach der Machtergreifung von 1933 und vor Kriegsausbruch 1939 ausgewandert sind und sich im damaligen Mandatsgebiet Palästina mit Amöbenruhr infiziert haben, haben Anspruch auf eine Rente, da ihre Gesundheit aufgrund der Auswanderung in Mitleidenschaft gezogen wurde.» Dagegen haben Juden, die zumeist aus Ungarn stammen, laut Gräber, Schwierigkeiten ihren Anspruch auf Entschädigung zu untermauern. «Magyarische Juden wurden oft erst ab April 1944 verschleppt und kamen im August desselben Jahres nach Auschwitz. Im April 1945 wurden diese nach Deutschland verfrachtet, wo sie einen Monat später, zu Kriegsende, befreit wurden.» Diese Überlebenden hätten keinen Anspruch auf eine Rente aus Deutschland - sie haben nicht «genügend» Zeit in den Lager verbracht.

Als die Claims Conference 1975 begann einem größeren Kreis von Überlebenden Gelder zu überweisen, entspannte sich die Situation ein wenig. Mitte der 90er Jahre wurden weitere Renten und Einmalzahlungen ausbezahlt. Aber das Grundproblem blieb: Kolja ist zwar im weitesten Sinne ein Überlebender der Schoa, da er 1938 geboren und seit 1939 die Kriegswirren als Kleinkind in Westrussland irgendwie durchgemacht hat. Doch eigentlich ist er nur ein weiterer Israeli, der im Alter ums Überleben kämpft. Um sich eine Wohnung leisten zu können, wohnt er mit seiner Lebensgefährtin und ihrer 90-jährigen Mutter in einer Wohnung. Fünf Mal die Woche geht er auf dem Gemüse- und Obstmarkt - um acht Stunden lang Kartons von 25 Kilo zu stemmen.

Oren Geller

«Jüdische Zeitung», Juni 2007