Der Genozidstreit

Kuriose Konstellationen - die Rolle der Juden in der Diskussion um die Massaker an den Armeniern

 

Es gibt Juden in Armenien und es gibt Juden in der Türkei. Sie sind jeweils armenische oder türkische Patrioten. Und deshalb trennt sie erbittert, was sie verbindet. Das zeigte sich unlängst (und vielleicht nur einmal mehr) wegen eines Juden in den fernen Vereinigten Staaten. Dort nämlich streitet Adam Schiff, ein jüdischer Kongressabgeordneter mit armenischen Wurzeln, für die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern als Genozid. Die Juden Armeniens bestärken ihn dabei, die türkischen Juden laufen dagegen Sturm.

Während des armenischen Unabhängigkeitskampf 1915-17 und des Ersten Weltkriegs fiel eine große Zahl von Armeniern im damaligen Osmanischen Reich sowie während des Türkischen Befreiungskrieges 1919-1921 Massakern und Todesmärschen zum Opfer. Die Zahlenangaben gehen weit auseinander - von 30.000 Todesopfern spricht die Türkei, die armenische Seite dagegen von bis zu 1,5 Millionen Ermordeten.

Seit 1965 haben einige Länder die Vernichtung der Armenier durch den türkischen Staat entsprechend der UN-Völkermordkonvention von 1948 als Genozid bewertet. Die EU fordert die Anerkennung des Völkermordes vom türkischen Staat als eine Voraussetzung zum Beitritt in die Union. In Frankreich wird die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern seit vergangenem Jahr mit Haft- oder beträchtlichen Geldstrafen belegt. Ein Bericht der UN-Menschenrechtskommission von 1985 bezeichnete die Massaker als Genozid. Wegen Äußerungen zu den Massakern ab 1915 musste der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk in seiner Heimat ein Verfahren durchstreiten, weil er damit das Türkentum beleidigt habe.

Der Amerikaner Adam Schiff möchte, dass auch die USA die Vernichtung als Genozid anerkennen. Schiff bezieht sich auf den polnischen Juden Raphael Lemkin. Der Jurist, der sich bereits als Student mit der armenischen Tragödie befasst hatte und sich bei späteren Holocaustforschungen auf diese bezog, erkämpfte die UNO-Konvention zur Bestrafung von Völkermord. Kongressmann Schiff brachte nun im April - wie schon einige Male zuvor - eine Resolution in das US-Repräsentantenhaus ein, immerhin mit an die 200 unterstützenden Stimmen von Kongressmitgliedern.

Dies wiederum hat in Istanbul Silvyo Ovadya, Präsident der türkisch-jüdischen Gemeinschaft, in einem Maße beunruhigt, dass er sich auf den Weg nach Washington begab. Juden, so könnte man besonders bei der derzeitig Diskussion um die Vernichtung der Zivilbevölkerung im sudanesischen Darfur meinen, solidarisierten sich mit von Vernichtung bedrohten Völkern. Auch leben in der Jerusalemer Altstadt Juden und armenische Christen friedlich Seite an Seite. Dennoch vermeidet Israel seit Jahren das Wörtchen «Genozid» im Falle Armeniens. Silvyo Ovadya möchte eine Anerkennung sogar auf jeden Fall verhindern. Zum einen ist er Patriot - die Türkei bezeichnet die Deportationen und Massaker seit Jahren als «kriegsbedingte Maßnahme. Die benachbarten Staaten leben in erbitterter Feindschaft bei geschlossenen und militärisch schwer bewachten Grenzen. Zum anderen fürchtet Ovadya um das Wohl der Juden in der Türkei, die dort seit mehreren Jahrhunderten als durchaus geschätzte Minderheit leben. Eine erfolgreiche Resolution im amerikanischen Kongress könnte das Verhältnis ungemütlich werden lassen. Eine konkrete Stellungnahme war vom türkischen Gemeindeoberen für die JZ jedoch nicht zu erfahren.

Ovadyas Lobbyarbeit zumindest war so erfolgreich, dass zahlreiche jüdische Organisationen in den USA sich mit Briefen an Kongressleute gegen die Resolution wenden. Auch auf außenpolitischer Ebene belastet die mögliche Resolution das Verhältnis zwischen den USA und der Türkei, immerhin der engste muslimische Verbündete der USA in Vorderasien. Der türkische Außenminister Abdullah Gul warnte vor Konsequenzen vor allem in der militärischen Zusammenarbeit. Nach Frankreichs Entscheidung zu Leugnung des armenischen Völkermordes hat die Türkei ihre Handelsbeziehungen prompt zurückgefahren.

Valeria von Machlevski

«Jüdische Zeitung», Juni 2007