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Flammen auf GlobusGoogle Earth und das U.S. Holocaust Memorial Museum wollen etwas tun gegen den Genozid in Darfur - doch wie nutzbar und nützlich ist ihr Projekt?
Noch während sich Europa bei Programmstart ins Bild schiebt, fällt die orange markierte Region auf der südlichen Globushälfte ins Auge, nordöstlich auf dem afrikanischen Kontinent. Der Zoom nach dem Klick bringt die Flammen auf der Satellitenansicht zum lodern. Der Flächenbrand grassiert in der sudanesischen Darfurregion, wo in einem blutigen Bürgerkrieg zwischen Regierung und Rebellen seit 2003 vertrieben und gemordet wird, lange Zeit weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit. Ethnische Säuberungen und Völkermord an der schwarzafrikanischen Bevölkerung werden der sudanesischen Regierung inzwischen vorgeworfen, insbesondere deren arabischstämmiger Miliz. Dschandschawid heißen diese im Norden grausam marodierenden Truppen. 400.000 Todesopfer und 3,5 Millionen Flüchtlingen forderte der Konflikt bisher, die UNO spricht von einer humanitären Katastrophe. Um diese auf die Bildschirme der Welt und in die Köpfe möglichst vieler Leute zu bringen, startete der Internetriese Google in Zusammenarbeit mit dem Washingtoner US Holocaust Memorial Museum ein Darfur-Projekt in seinem virtuelles Kartensystem Google Earth. Dafur ist jetzt rot, dazwischen Tupfer von Gelb und Orange. Zoomt man näher heran, zerfällt der Klecks Farbe zu Flammen, die sich immer weiter aufteilen bis Dafur davon übersäht ist. Das ist keine moderne Kunst, sondern die grausame Realität des fast vier-jährigen Krieges zwischen der regierungsgestüzten Dschandschawid-Miliz und den afrikanischen Rebellen. Die Flammen stehen für die etwa 1.600 durch den Konflikt beschädigten oder ganz zerstörten Dörfer. Beim Klick auf einzelne Flammen erscheint der Name des jeweiligen Dorfes, Zahlen zu zerstörten Häuser und ein Link für noch mehr Information. Ein Klick weiter erscheinen blaue Zelte und weitere Symbole. Die Zelte stehen für Flüchtlingslager. Rot und Orange überwiegen im Dafur-Farbenspektrum. Schnell wird klar, dass die wenigen Lager kaum ausreichen, um die Überlebenden aufzunehmen und zu versorgen. Unter weiteren Symbolen sind Fotos, Augenzeugenberichte und Videos abzurufen. Kein virtuelles Farbenspiel, sondern die persönliche Tragödien will das Google-Projekt deutlich machen. Einzelbilder und -berichte sind notwendig, der Blick aus dem All auf die gesamte Region ist noch nicht scharf und aktuell genug, um die Zerstörung zu zeigen. Die Datenmenge scheint riesig, aber auch verwirrend. Manchmal führen Informationen von Google Earth weg in andere mitwirkende Seiten, da das Angebot die Möglichkeiten des Programms übersteigt. Zum Beispiel ein Link, der zur Mithilfe animiert und Informationen darüber gibt, wie diese aussehen kann. Informationen zu den Dörfern und zu Hilfsmöglichkeiten gibt es allerdings ausschließlich auf Englisch, was wohl einige der 200 Millionen Google-Earth-Benutzer ausschließt. Dennoch: Google versucht viel für mehr Wissen bei mehr Menschen: Verbindungen zu Internetseiten wie Del.icio.us, Facebook und Digg machen es Nutzern möglich, andere auf das Darfur-Projekt hinzuweisen. Dieses nutzt vielfältige Quellen: Das Museum und Google selbst, die Vereinigten Nationen, verschiedene Nicht-Regierungsorganisationen, das US-Außenministerium und einzelne Fotografen, zu denen auch Berühmtheiten zählen, haben Fotos, Berichte, Zahlen eingespeist. Zumindest soll es keine Eintagsfliege bleiben: Google und das U.S. Holocaust Memorial Museum wollen weiter zusammenarbeiten. Sie wollen einen virtuellen Überblick zum Holocausts schaffen und zudem auf weitere Völkermorde hinweisen. Seit dem Start des Google Earth Programms 2005 wurde das Programm laut Hersteller bereits über 200 Millionen Mal heruntergeladen und biete so eine fast perfekte Plattform, auch prekäre Themen in das Bewusstsein vieler Benutzer zu rücken. In neueren Versionen ist das Darfur-Projekt automatisch enthalten, für ältere Versionen bietet es eine Erweiterung zum Download.
Kommentar Natürlich bleiben auch bei engagierten Projekten Fragen offen: Was zum Beispiel ist mit der Neutralität, auf die Google immer wieder gepocht hat? Das Darfur-Projekt ist vieles, nur nicht neutral - und nicht das einzige politische Projekt, das Google Earth unterstützt. Unter dem Ordner «Globales Denken» offenbart das Programm Projekte des World Wildlife Fund und anderer Umweltorganisationen. Dagegen ist nichts einzuwenden, einzig die Frage bleibt, wie Google die Projekte auswählt, welche Informationen werden damit «präselektiert» an Nutzer weitergegeben. Ist dabei Objektivität gegeben oder streift Google seine Neutralität ab und politisiert sich? Wichtiger ist die Frage nach dem Nutzen des Darfur-Projekts. Mehr Aufmerksamkeit - das scheint wenigstens in den ersten Monaten seit Projektbeginn im April gelungen, die anfängliche Pressekonferenz fand weltweit große Beachtung. Fraglich bleibt, ob diese Aufmerksamkeit anhalten und sich auf die Nutzer des Programms übertragen wird. Desaster nonstop flimmert täglich über Fernsehbildschirme - wird da die Katastrophe präsenter, wenn man ein paar Fotos und Flammenzeichen auf den Computer gesehen hat? Wird sie menschlicher, so wie Google und Museums Vertreter hoffen? Interessiert es die sudanesische Regierung überhaupt, dass Millionen von Google Benutzern auf die Überreste der Dörfer, die von den Milizen zerstört worden, zoomen können? Wirkung oder Kapitulation - ob das Dafur-Projekt am Ende lediglich ein hoch ambitionierter Versuch ohne Folgen bleibt, oder ob es tatsächlich zum Anfang einer Veränderung wird, ist noch nicht abzusehen. jl, nk |