Dortmunder Differenzen

Kalgen über eine «Schtetl-Renaissance»

Auch das Gemeindeleben in Dortmund selbst ist in Bewegung geraten. Seitdem der liberale Landesrabbiner von Westfalen, Henry G. Brandt, im Ruhestand ist, konstatieren Gemeindemitglieder eine Wende hin zur Orthodoxie: zu Pessach etwa wurde einem auswärtigen Beter der Toraaufruf verweigert, weil sein hebräischer Name auf einen Übertritt zum Judentum hinwies und der jetzige Rabbiner das damalige Bet Din offenbar nicht anerkennt. «Ich konnte mir natürlich nicht verkneifen, ihn nach dem Gottesdienst zu fragen, wie denn die Menschen, die in Dortmund bei Rabbiner Brandt ins Judentum eingetreten sind, damit umgehen, dass sie nach dem Rabbinerwechsel nicht mehr als vollwertige Juden und Jüdinnen angesehen werden. Seine weiterhin vollkommen freundliche Antwort: „Von denen ist keiner mehr da."» Auch anderswo in Nordrhein-Westfalen wird eine neue «Schtetl-Renaissance» beklagt: in Mönchengladbach, wo Frauen im Gottesdienst wieder hinter einem Vorhang sitzen, oder in Duisburg, wo der damalige Rabbiner Beterinnen mit den Worten «die Frauen sitzen jetzt wieder oben» begrüßt haben soll. Ist die Rede von der Einheitsgemeinde also flächendeckend nur eine nette Illusion? Eine Dortmunder Stimme dazu meint kurz und knapp: «Entweder ist die Gemeinde eine Einheitsgemeinde und stellt allen ihren Mitgliedern entsprechend ihren religiösen Bedürfnissen ihre Infrastruktur zur Verfügung oder sie ist keine Einheitsgemeinde und diejenigen, die in ihr keinen Platz haben, gründen eine eigene und verlangen die Neuverteilung der staatlichen Gelder.» Letzteres fordert auch Efim Avruzkij, ein aktives Gemeindemitglied der Dortmunder Kultusgemeinde, der gleich auf acht Seiten die dortigen Missstände auflistet. Auslöser seines Unmuts: ein Zeitungsartikel: «Dort wurde die Führung der jüdischen Gemeinde in Dortmund in hohen Tönen gepriesen. Ich habe gehofft, dass jemand ein Dementi schreibt, aber umsonst. Wenn nicht ich, wer dann?»

jz

«Jüdische Zeitung», Juni 2007