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«Land der Farben und des Lichts»«Abrahams Söhne» blicken auf über 2.500 Jahre Präsenz in Tunesien zurück
Tunesien, «Land der Farben und des Lichts», aber auch einer Synthese aus Karthago, Rom, Byzanz und Islam, zählte bis zum blutigen Anschlag im April 2002 auf die legendäre Synagoge «La Ghriba» auf Djerba, bei dem es 21 Tote sowie zahlreiche Verletzte gab, zu den beliebtesten Reiseländern Afrikas und der arabischen Welt. Hier begegnet der Fremde einem Land der Dritten Welt, dessen Markenzeichen nicht nur ein toleranter Islam, sondern auch eine bemerkenswerte Liberalität ist. Die sich selten manifestierenden Integristen oder Islamisten, die Gewalt und Hass gegen die «unislamischen Regierungen im arabischen Raum, den Satan USA und dessen Verbündeten Israel» predigen, haben wie schon in Marokko auch im Tunesien Ben Alis keine Chance. In einer Pressekonferenz auf Djerba, an der auch Tunesiens Tourismusminister Tijani Haddad teilnahm, gab der Präsident der Synagoge «La Ghriba», Perez Trabelsi, bekannt, dass zur diesjährigen Pilgerreise im April rund 5.000 Pilger anreisten, unter ihnen tunesische und libysche Juden, aber auch Besucher aus Frankreich, Italien, der Türkei, Großbritannien und Israel. Perez Trabelsi setzte große Hoffnungen auf die Eröffnung einer direkten Luftverbindung zwischen Israel und Tunesien: Mit bis zu 20.000 Besucher aus Israel wird dann gerechnet. Tunesien, ein Land von 10 Millionen Einwohnern, wird jährlich von 6,5 Millionen Touristen besucht, und Tijani Haddad betonte bei dieser Gelegenheit, dass «Djerba eine Insel der Toleranz ist, wo die drei Buchreligionen - Judentum, Christentum und Islam, schon immer friedlich zusammengelebt haben». Die ersten Juden siedelten, so die Legende, schon zu punischen Zeiten 814 v.u.Z. in Karthago und auf der Insel Djerba, mit 514 Quadratkilometern und rund 90.000 Einwohnern die größte Insel Nordafrikas, die im 10. Jahrhundert v.u.Z. ein Ankerplatz der Phönizier war. Homer spricht von ihr als die «Insel der Lotophagen» (Lotosesser), deren Früchte so köstlich schmeckten, dass Odysseus nur mit Gewalt seine Männer zur Weiterreise zwingen konnte. Für die Juden auf Djerba - heute rund 650 Personen - gibt es keinen Zweifel, dass sie Nachfahren der israelitischen Flüchtlinge sind, die nach der Zerstörung des Ersten Jerusalemer Tempels hier Fuß fassten. Sie brachten, so wird von Generation zu Generation weitergegeben, Reste von Tora-Rollen und Steine aus dem von Salomon errichteten Tempel mit. Auf ihnen soll die legendäre Synagoge «La Ghriba» errichtet worden sein. Die Djerba-Juden sprechen ein altes Hebräisch und bewahren eine der ältesten Tora-Rollen der Welt in der «La Ghriba», «die Fremde», auf. Die Juden auf Djerba, die in den beiden Judendörfern «Hara Sghrira» und «Hara Kebira» leben, beklagen den Weggang eines jeden Glaubensbruders, und man weiß um die Legende, die besagt: Wenn es keine Juden mehr auf Djerba gibt, dann ist der letzte Rabbi gehalten, die Synagoge «La Ghriba» zu schließen und den Schlüssel in den Himmel zu schleudern... Vorislamische Zeiten Aus der Zeit der nordafrikanischen Präsenz der Römer - ab 146 v.u.Z. - gibt es genügend Beweise jüdischen Lebens auch in Tunesien: In den Ruinen des römischen Karthago fand man jüdische Grabinschriften, die zwar lateinisch abgefasst, aber mit einer Menora geschmückt waren. Weitere jüdische Grabstätten fand man in Gamath und Marsa, selbst in der südtunesischen Oase Touzeur konnten Spuren jüdischen Lebens nachgewiesen werden. Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels in Jerusalem im Jahre 70 n.u.Z. durch die Römer unter Titus sollen Juden als Sklaven nach «Africa proconsularis», wie Tunesien damals hieß, gelangt sein. Mit der Dominanz des Christentums im Römischen Reich im 4. Jahrhundert n.u.Z. endete für die Juden das fruchtbare wirtschaftliche und kulturelle Leben im Maghreb - der Byzantiner Justinian I. verbot 535 das Judentum im von Ostrom eroberten Nordafrika. 533 war die knapp hundertjährige Vandalenherrschaft in Nordafrika zu Ende gegangen. Die Vandalen hatten, wie schon die Römer, den Juden bei der Ausübung ihrer Religion freie Hand und innere Autonomie gelassen Als Kaufleute und Besitzer von Transportschiffen hatten die Juden bis dahin das Römische Reich vor allem mit Getreide versorgt. Jetzt aber erhielten sie Berufsverbot und ihre Synagogen wurden in Basiliken umgewandelt. Während der byzantinischen Herrschaft kam es zu Judenverfolgungen. Die Juden sahen sich veranlasst, bei Berberstämmen, die dem Judentum gegenüber aufgeschlossen waren, Zuflucht zu suchen. Zahlreiche Berber traten zum Judentum über, und als die arabisch-islamische Durchdringungen Nordafrikas mit der Gründung der Stadt Kairuan im Jahre 670 u.Z. ihren Anfang nahm, sahen die Imazighen in einem Beitritt zum Judentum eine Möglichkeit, als «ahl el-kitab» («Völker der Schrift») in den Genuss des islamischen «Dhimmi»-Status von Schutzbefohlenen zu gelangen. Als «Götzendiener» hätten sie sich der Gefahr ausgesetzt, von den islamisierten Arabern niedergemetzelt zu werden. Unter dem Islam Von 632 bis 711 dauerte der Prozess der Islamisierung Nordafrikas durch die Araber. In diesem Zeitraum errichteten sie ein Riesenreich, in dem 90 Prozent des jüdischen Volkes lebten, ein Phänomen, das die jüdische Diaspora nur zu Zeiten des Perserkönigs Kyros II. (559 - 530 v.u.Z.) erlebt hatte, der den imperialen Titel eines Großkönigs trug: «König der Könige». 538 erlaubte er den Juden die Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft in ihre angestammte Heimat. Unter seinem Nachfolger Dareios wurde der Tempel in Jerusalem (515 v.u.Z.) wieder aufgebaut. Die Juden übernahmen von den Arabern die arabische Sprache sowie Sitten und Gebräuche. Sie erlebten einen bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung und gingen mit ihnen eine fruchtbare kulturelle Symbiose ein, ohne jedoch den «Glauben der Väter» in Frage zu stellen. Dafür, dass sie ihren mosaischen Kult in eigener Regie ausüben durften, beugten sie sich den «Ddhimmi»-Vor-schriften, das heißt sie praktizierten ihre Religion mit Diskretion, trugen besondere Kleider und zahlten die «Jizya»-Kopfsteuer. Das «Dhimmi»-Statut enthielt diskriminierende Vorschriften, wurde aber zu allen Zeiten unterschiedlich gehandhabt. Um das Jahr 1.000 war der Maghreb ein Zentrum des arabisch-islamischen Handels. Reiche jüdische Kaufleute spielten eine bedeutende Rolle im Handel: Begüterte Familien wie zum Beispiel die Taherti in Kairuan unterhielten in vielen mittelmeerischen Hafenstädten Niederlassungen. Maghrebinische Juden aus gehobenen Gesellschaftsschichten fühlten sich in der arabischen Kultur heimisch: sie lasen und schrieben Arabisch. Eine Reihe von ihnen machte sich in Kunst und Wissenschaft, aber auch als Diplomaten und Mediziner in «islamischen Diensten» einen Namen. In diesem Zusammenhang sei an den Arzt Ishaq el-Israeli erinnert, der am Hof der tunesischen Aghlabiden um 800 in Kairuan wirkte und als Autor einer Abhandlung über den Urin, «Kitab el-bul», berühmt wurde. Wenig bekannt ist, dass sich die Bindungen zwischen dem jüdischen Exilarchen von Bagdad und der maghrebinischen Diaspora von Generation zu Generation gelockert hatten, und die Zeriden-Emire von Mahdia, die im Auftrag der Kairoer Fatimiden «Ifrikiya» (das heutige Tunesien) verwalteten, ernannten gegen Ende des 10. Jahrhunderts einen «Naguid» oder «Prinzen der Juden», der allein für seine Glaubensbrüder zuständig war. Die Beziehungen zu ihren muslimischen Landsleuten gestalteten sich korrekt bis vertrauensvoll. Vom 9. bis zum 11. Jahrhundert bildete Kairuan ein Zentrum für jüdische Gelehrsamkeit, und unter den zahlreichen Gelehrten seien Rav Huchel und seine Nachfolger Hananel und Nissim Ben Ya'aqov erwähnt, die in den ersten Jahrzehnten des 11. Jahrhunderts lebten. Andere standen in dieser Zeit in Staatsdiensten als Sekretär («Katib»), Finanzexperten sowie Steuereintreiber. Eine der brilliantesten Karrieren erlebte Ya'qub Ibn Killis, der zum Islam übertrat und zum Minister in Kairo aufstieg, wo er den fatimidischen Königen Al-Muizz und Al-'Aziz diente, ohne jedoch das gute Verhältnis zu seinen ehemaligen Glaubensbrüdern zu vernachlässigen. So tolerant das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen auch war, es blieb irgendwo immer prekär. Der «Naguid» von Kairuan zum Beispiel, Abraham Ibn A'tta, wurde zur Ordnung gerufen, weil er sich wie ein Muslim gekleidet hatte. Trotzdem, diese Zeit des klassischen Islam war gekennzeichnet von einer unvergleichlichen Toleranz, die sich dadurch erklärt, dass Wirtschaft und Handel blühten. Außerdem zeigten die Fatimiden, schiitische Ismaeliten, aus ihrem religiös-philosophischen Selbst-verständnis heraus Wohlwollen für die jüdische Minderheit, und in Marokko, wo die Berberdynastie der Meriniden (1269-1470) regierte, fanden sich ebenfalls keine Anzeichen von Judenfeindlichkeit. Wie schon in Marokko, Algerien und Libyen gab es auch in Tunesien zwei Klassen von Juden, die sich teilweise mit den Imazighen gemischt hatten: Bauern und Stadtbewohner. Die Landjuden waren Bauern, Viehzüchter, Kleinhändler, Dromedar-Treiber, Hufschmiede und Handwerker. In den Städten betätigten sie sich als Schneider, Schuhmacher, Gold- und Silberschmiede - ihre ärmliche sozioökonomische Situation unterschied sich nicht von der, in der die Muslime lebten. In den Städten lebten die Juden in Ghettos, in Tunesien «Hara» und in Marokko «Mellah» genannt; sie taten dies jedoch nicht aus Segregationsgründen. Sie zogen es vor, im Einvernehmen mit der muslimischen Verwaltung, aus religiösen Gründen, etwa zur Vermeidung von Mischehen und wegen der Speisegebote, unter sich zu bleiben. Zeiten der Unruhe Lange Perioden der inneren Autonomie und Toleranz wurden unterbrochen von Zeiten der Unruhe wie nach dem Machtantritt der marokkanischen Berberdynastie der Almohaden (1145-1160). Um den Tod zu entgehen, mussten sie zum Islam übertreten, aber heimlich hielten viele an ihrem mosaischen Glauben fest. Nur in entlegenen Berg- und Steppenregionen konnten sie ihren Kult offen praktizieren. Unter der nachfolgenden Dynastie der Hafisiden (1228-1534), die wirtschaftlichen Aufschwung und eine Blüte der arabischen Kultur brachten, lebten die Juden erneut in relativer Ruhe, und ein Teil der Krypto-Juden kehrte wieder offiziell zum Judentum zurück. Ein Teil der durch die Katholischen Könige Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien 1492 aus Spanien und 1496 bis 1497 aus Portugal vertriebenen andalusischen Juden und Muslime fanden Aufnahme in Tunesien. Im 16. Jahrhundert folgten die Marranen, zwangsgetaufte Juden, doch die portugiesisch-spanische Reconquista folgte ihnen auch nach Nordafrika: die Spanier landeten 1510 in Tripolis (Libyen) und 1534 in Tunis, wo Karl V. viele Juden massakrieren ließ. Die muslimischen Autoritäten holten türkische Condottiere zur Hilfe, und 1540 wurde die Flotte der «Heiligen Allianz» zwischen Karl V., Venedig und dem Papst bei Prevera von den Osmanen unter Khaireddin Barbarossa vernichtet. 1574 wurde Tunesien ins Osmanische Reich eingegliedert. Die eingewanderten sephardischen Juden - hebräisch«Mego-raschim» - stießen auch in Tunesien auf alteingesessene Glaubensbrüder, die «Toschabim», die man «Tunsa» nannte. Im 17. Jahrhundert kamen aus dem italenischen Exil Livorno weitere Sephardim, vor allem Kaufleute, nach Tunis, die man «Grana» nannte, abgeleitet vom arabischen Namen Livornos: «Gorna». Diese Megoraschim bezeichneten sich selbst als «La nation livornese ebrea de Tunes». Sie gingen zu den Tunsa auf Distanz und errichteten eigene Synagogen und Friedhöfe. Trotzdem entwickelte sich Tunis zu einem Mittelpunkt jüdischer Gelehrsamkeit. Juden gelangten in Wirtschaft und Diplomatie in höchste Stellungen. 1699 wurde Judah Cohen Botschafter des Bey in Holland. Erst 1899 wurden die beiden jüdischen Gemeinschaften von den tunesischen Behörden gezwungen, einen gemeinsamen Oberrabbiner zu ernennen und eine Gemeinde zu bilden, doch unter der Oberfläche schwelten die Streitigkeiten zwischen beiden weiter. Parallel zu Marokko, Algerien und Libyen erlebte auch Tunesien im 18. und im 19. Jahrhundert eine Renaissance der jüdischen Intellektuellen, eine literarische und religiöse Blüte, die darauf wartet, vor dem Vergessen gerettet zu werden. Jüdisches Geistesleben wurde unter anderem verkörpert von Abraham Cohen, genannt Bab Rebbi (gest. 1715), dem Großrabbiner Isaac Lumbroso (gest. 1752), Nathan Borgel (gest. 1791), Autor des Werkes «Hoq Nathan», seinem Sohn Elie Borgel (gest. 1798), Verfasser des Buches «Magdenot Nathan» sowie Uziel el-Haïk (gest. 1820), aus dessen Feder das legendäre Werk «Mischkenot ha-ro'im» («Die Wohnung der Schäfer») stammt. Was waren die Gründe für diese literarische und religiöse Glanzzeit? Zunächst hing das damit zusammen, dass ab dem Ende des 17. Jahrhunderts Druckerzeugnisse aus Europa und vor allem aus Livorno für eine Wissensverbreitung sorgten. Gleichzeitig bewirkte ein Aufblühen der Wirtschaft im 17. und im 18. Jahrhundert ein segensreiches Mäzenatentum, so dass die jüdischen Gemeinden Schulen unterhalten konnten. Ein dritter Grund war, dass aus Marokko stammende jüdische Intellektuelle, die ursprünglich auf der Durchreise ins Heilige Land waren, in Tunesien hängen blieben, so Rabbiner Tsemah Safarti, der aus Fez kam - er hatte 1705 die Gesetzestexte «Hazaqa» gesammelt. Zwischen 1784 bis 1867 suchten die vier Reiter der Apokalypse Tunesien heim. Die Pest, die Cholera, der Thyphus und der Hunger ruinierten die Wirtschaft des Landes. Die Folgen waren Armut und eine immer größer werdende Staatsverschuldung bei europäischen Geldgebern - die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit des Landes stand auf dem Spiel, zumal Algerien bereits 1830 eine französische Kolonie geworden war. Die Situation verschlimmerte sich durch einen banalen Zwischenfall, der schließlich zur Abschaffung des diskiminierenden «Dhimmi»-Status führen sollte: 1857 verunglimpfte ein jüdischer Droschkenkutscher, Betton Sfez, während eines Streites mit einem Muslim den Propheten Mohamed. Er wurde von einem «Schari'a»-Gericht zum Tode verurteilt und exekutiert. Die europäischen Mächte ließen daraufhin an Tunesiens Küsten Kriegsschiffe auffahren und zwangen so Mohamed Bey (1855-1859), das «Dhimmi»-Statut abzuschaffen. Die Juden wurden der allgemeinen Rechtssprechung unterstellt, vor allem was das Steuerrecht und die Kleidervorschriften anbetraf. Dieser Gesetzes-Text («‘ahd el-aman») wurde 1861 in die tunesische Verfassung aufgenommen. Zwanzig Jahre später verlor das osmanische Tunesien seine staatliche Souveränität und wurde französisches Protektorat. Deutsche Besatzung Die Masse der tunesischen Juden lebte bis dahin in ärmlichen Verhältnissen in den Judenvierteln. 1878 errichtete die «Alliance Israélite Universelle» auch in Tunis eine erste Schule. Die erste Allianz-Schule war in der nordmarokkanischen Stadt Tetouan bereits 1860 eröffnet worden. Doch mit der Errichtung des französischen Protektorat begann sich die Lage der tunesischen Juden entscheidend zu verbessern. Sie setzten auf die französische Kultur, und 1910 konnten sie die französische Staatsbürgerschaft erwerben. Von November 1942 bis zum 7. Mai 1943 war Tunesien vom hitlerdeutschen Afrika-Korps besetzt. 4.000 Juden wurden gezwungen, für Rommel militärische Befestigungen anzulegen, andere wurden in deutsche Vernichtungslager deportiert. Die deutschen Besatzungsbehörden errichteten auch in Tunesien den berüchtigten «Judenrat», der den gesamten Besitz der jüdischen Gemeinden raubte. Die Große Synagoge in Tunis sowie die jüdischen Gotteshäuser in Sfax und Souss wurden geschlossen und als Ställe benutzt. Kaum bekannt ist, dass es immer wieder tunesische Muslime gab, die ihre jüdischen Landsleute vor dem Zugriff der Nationalsozialisten schützten. Anfang der 50er Jahre lebten noch 105.000 Juden in Tunesien. 1956, dem Jahr der tunesischen Unabhängigkeit, sank die Zahl auf 42.000, davon besaßen 20.000 einen französischen Pass. Die Übergangszeit verlief auch für die Juden in ruhigen Bahnen. Das Jahr 1958 brachte aber das Ende der jüdischen Gemeinden in Tunesien. Von den verbliebenen 42.000 Juden emigriert die Masse zusammen mit den Europäern, vor allem Italiener, nach Frankreich. Tunesiens Staatschef, Habib Bourguiba, musste dabei nicht zu Gewaltmaßnahmen greifen. Verwaltungsmassnahmen wie die «Tunifizierung» in Wirtschaft und Verwaltung sowie die Arab-isierung in den Schulen zwangen ebenso zum Exodus wie die arabisch-israelischen Waffengänge, vor allem der Sechstagekrieg von 1967. Dabei gehört Tunesien keineswegs zu den arabischen Hartlinern im arabisch-israelischen Konflikt. Habib Bourguiba schlug bereits 1965 der Liga der Arabischen Staaten vor, mit Israel über eine friedliche Beilegung des arabisch-israelischen Konflikts zu verhandeln. Ägyptens Staatspräsident Nasser führte daraufhin wütende Attacken gegen Tunesien, und als die Bundesrepublik Deutschland die diplomatischen Beziehungen zu Israel im selben Jahr aufnahm, weigerte sich Bourguiba ebenso wie auch König Hassan II. von Marokko, die diplomatischen Beziehungen zu Bonn abzubrechen. 1962 betrug die Zahl der tunesischen Juden nur noch 30.000. Sie lebten im ganzen Land verstreut, nach dem Zweiten Weltkrieg wohnten bereits rund 60 Prozent in Tunis und Umgebung. Heute wird ihre Zahl auf 2.000 geschätzt. Wie schon in Marokko, Algerien und Libyen lebten die Juden, trotz «Zeiten der Unruhe», temporär und lokal begrenzter Verfolgungen, friedlich mit ihren muslimischen Landsleuten zusammen. Die Masse der maghrebinischen Juden kannte wie die Muslime nur ärmlichen Verhältnissen; daran änderte sich nichts bis zur Unabhängigkeit Nordafrikas. Das Beispiel der jüdisch-tunesischen Kohabitation zwischen Juden und Muslimen zeigt, dass ein friedliches Zusammenleben zwischen den «Söhnen Abrahams» sehr wohl möglich ist. |