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Klarheit über die KomplizenschaftDresdner Bank hat ihre NS-Vergangenheit systematisch aufgearbeitet
Eine «frühzeitige» Aufarbeitung ihrer Rolle im Dritten Reich war es ganz sicher nicht, der sich die Dresdner Bank in den letzten Jahren angenommen hat. Nach Kriegsende 1945 nutze das führende Bankunternehmen erst einmal viele Energien, um sich gegen eine heikle Anklageschrift US-amerikanischer Ermittler zu verteidigen. Diese wies auf die Nähe der Dresdner Bank zum Hitlerregime, ihre Rolle bei der militärischen Aufrüstung sowie der Arisierung jüdischen Vermögens und der Ausplünderung besetzter osteuropäischer Länder hin. Immerhin entging das traditionsreiche, 1872 gegründete und danach über viele Jahre von dem deutsch-jüdischen Finanzökonom Eugen Gutman geleitete Bankhaus nach der deutschen Kriegsniederlage nur knapp einer Auflösung. Die Alliierten waren bestrebt, die deutschen Finanzmonopole wenigstens zu dezentralisieren. Seit den 1950er Jahren blieb Schweigen das Mittel der Wahl, mit dem die Dresdner Bank wohl die befürchteten Image-Schäden durch «NS-Makel» - mit nachfolgenden Geschäftsverlusten - zu vermeiden suchte. Doch Mitte der 1990er Jahre, geschuldet auch dem Druck der Öffentlichkeit, entschloss sich das Unternehmen zu einem bemerkenswerten Kurswechsel im Umgang mit der eigenen Historie: Die Bank beauftragte den renommierten Zeithistoriker Klaus-Dietmar Henke, vormals wissenschaftlicher Mitarbeiter der «Gauckbehörde» und Direktor des Hannah-Ahrendt-Institutes Dresden, sowie einen ganzen Stab von Forschern mit einer umfassenden Archiv- und Quellenrecherche, aus der nun die vierbändige, fast 2.400 Seiten umfassende Publikation «Die Dresdner Bank im Dritten Reich» hervorgegangenen ist.
Moralische Verantwortung übernommen Die von Henke herausgegebene Studie, die vor allem durch den Berliner Wirtschaftshistoriker Johannes Bähr, seinen Bielefelder Kollegen Harald Wixforth und den Bochumer Historiker Dieter Ziegler gestaltet wurde, enthält erschreckende Aufschlüsse darüber, wie nahe sich die Bank mit dem Herrschaftsapparat der Nazis verzahnt hatte, ist gleichzeitig aber auch der Nachweis für eine schonungslose Reflektion des eigenen Versagens und der eigenen Komplizenschaft während der Jahre 1933-1945. «Die Forschungsarbeit nennt die Dinge beim Namen», so das Vorstandsmitglied der Dresdner Bank, Wulf Meier, bei der Vorstellung der Studie. «Wir akzeptieren diese Wahrheiten, auch wenn sie wehtun. Die Bank übernimmt die moralische Verantwortung für ihr Handeln.»
7 Jahre Quellenforschung Sieben Jahre lang waren bis zu 10 Wissenschaftler in rund 50 Archiven zwischen New York und Moskau unterwegs, der ursprüngliche Forschungszeitraum wurde mit Zustimmung der Bank immer wieder verlängert, da unerschlossene, brisante Dokumente noch auszuwerten blieben. Für die Aufarbeitung der deutschen Quellen hatte die Dresdner Bank ein eigenes historisches Archiv in Frankfurt am Main eingerichtet. Henke, dem die Koordination des Projektes bis zum Ende oblag, äußerte sich dann auch sehr zufrieden: «Als Wissenschaftler konnten wir völlig unabhängig arbeiten und hatten uneingeschränkten Zugang zu den Akten.» Den Umstand, dass die Dresdner Bank rund fünfzig Jahre gebraucht hatte, um sich der Mittäterschaft im Dritten Reich tatsächlich zu stellen, kommentierte Henke: «Besser spät als nie. Und was den jetzigen Stand betrifft, so findet sich kaum ein Unternehmen, das sich in seiner NS-Historie so sezieren ließ wie die Dresdner Bank in den letzten Jahren.»
Viele Kredite für die SS Eine vergnügliche Arbeit dürfte es für die beteiligten Historiker, die in ein- und derselben Konstellation die sieben Jahre über zusammen blieben, aber keineswegs gewesen sein. Sie stießen auf Materialien, die eine weit größere Kooperation der Dresdner Bank mit NS-Verwaltungsstellen, Rüstungsunternehmen und insbesondere auch mit Himmlers SS belegen, als bislang vermutet. Schon vor Beginn des Forschungsprojektes war bekannt gewesen, dass die Dresdner Bank mit Hitlers Machtantritt zwei «150-prozentige» Nazis und SS-Ehrenoffiziere im Vorstand platziert hatte: Emil Meyer und Karl Rasche. Im Gesamtvorstand aber blieben, oberflächlich besehen, die Nationalsozialisten in der Minderheit. Diese Konstellation führte aber keineswegs dazu, dass sich die Dresdner Bank gegenüber dem NS-Regime zurückhaltend oder neutral verhalten hätte. Im Gegenteil: Aus der anfangs erzwungenen Regimenähe wurden bald eine, wie es Henke ausdrückte, «politische Sonderbeziehungen» mit hohen Gewinnaussichten. Die Dresdner Bank profitierte dabei weniger aus der Zwangsarisierung jüdischer Unternehmen während der 1930er Jahre, bei denen sie gleichwohl Vermittlerdienste nicht gerade zu ihrem Nachteil leistete, sondern insbesondere aus Kreditvergaben an neu entstehende Unternehmen wie die «Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten Hermann Göring», an Luftfahrtunternehmen, aber auch an SS-eigene Betriebe. Für eine Kreditgesamthöhe von 47 Millionen Reichsmark an die berüchtigte Himmler-Organisation zeigten sich deren Führungspersonal, die angegliederten Unternehmen, bewaffnete SS-Einheiten, aber auch mehrere SS-Häftlingsbetriebe als «recht dankbare Kunden» - sie ließen ihre Konten bevorzugt von der Dresdner Bank führen. Wie Wirtschaftshistoriker Johannes Bähr feststellte, besaß die Dresdner Bank aber auch eine privatwirtschaftliche Geschäftsverbindung, die «bis ins Zentrum des Holocaust reichte»: Sie war Großaktionär des Breslauer Unternehmens Huta Hoch- und Tiefbau AG, das Krematorien mit Tötungsanlagen im Vernichtungslager Auschwitz baute.
Nutznießer im Osten Harald Wixforth von der Ruhruniversität Bochum verweist darauf, dass die ausländischen Tochtergesellschaften der Dresdner Bank von Ende 1941 bis Mitte 1943 ein deutlich höheres Wachstum erreichten als die inländischen Filialen. Es ist eindeutig, dass es dazu nur kommen konnte, weil die Bank in den bis dato durch die Wehrmacht besetzten Gebieten rigoros und ohne Bedenken in heiklen Geschäftfeldern aktiv wurde, die mit dem bislang gültigen Kodex des «ehrenhaften Bankiers» schwer oder kaum noch zu vereinbaren waren. Je mehr die Bank vor allem in die wirtschaftlich schwachen Länder in Mittel- und Osteuropa expandierte - wie etwa in den «Warthegau», das «Generalgouvernement» in Polen oder die «Reichskommissariate» Ostland und Ukraine - umso mehr entfernte sich ihre Geschäftstätigkeit vom «normalen» Bankgeschäft. Zumindest was das unterjochte Polen betrifft, wurde der Dresdner-Bank-Konzern, so Henke, zum «führenden Finanz-Dienstleister der obersten Raub und Besatzungsbehörden.» Ein treibendes Motiv, sich dem deutschen Herrschaftsapparat in den eroberten (Ost-) Gebieten anzudienen, war offensichtlich auch die Aussicht, in einem «germanisierten» Großwirtschaftsraum die Spitzenstellung unter den hier operierenden Kreditinstituten einnehmen zu können. Einen verschärften Konkurrenzkampf hatte die Dresdner Bank natürlich auch im Deutschen Reich selbst mit anderen Giganten der Finanzbranche, etwa der Deutschen Bank, der Commerzbank und den Sparkassen, auszutragen. Wohl jedes dieser Unternehmen entschied sich dafür, zur Behauptung eigener wirtschaftlicher Positionen auch verbindliche ethische Standards - wie den Schutz des einzelnen Individuums - mehr oder weniger bedenkenlos hinter sich zu lassen. Dies rechtfertigt die Komplizenschaft mit der Nazidiktatur genauso wenig wie das Totschlagargument, «der einzelne konnte ja nichts dagegen tun.»
Es ging auch anders Dass es auch anders ging, bewies der damalige stellvertretende Personalchef der Dresdner Bank, Georg Butz. Er setzte in den 1930er Jahren finanzielle Abfindungen für infolge des «Arierparagraphen» entlassene jüdische Kollegen höher an, als eigentlich vorgesehen, unterlief damit die Vorgaben seines Vorgesetzten und formulierte auf Wunsch auch die Entlassungszeugnisse der «nichtarischen» Kollegen in positiverem Licht. Dieses mutige «Handeln mit Rückgrat» hat Butz' Position innerhalb der Bank dennoch nicht gefährdet. Es ist kein Fall bekannt, in dem das Eintreten eines nichtjüdischen leitenden Angestellten der Dresdner Bank zu Gunsten eines jüdischen Kollegen beruflichen Nachteil zur Folge gehabt hätte. Aus historisch-wissenschaftlicher Perspektive bleibt festzuhalten, dass die profunde, quellenorientierte Studie zur Rolle der Dresdner Bank im Dritten Reich Maßstäbe für künftige Forschungsarbeiten mit ähnlicher Zielsetzung gesetzt hat. Wenn man solche denn gewähren läßt - und hier gibt es offenbar noch sehr unterschiedliche Ansichten und Motivationslagen bei den damals und heute großen Geldinstituten. Unter den noch passiven Bankunternehmen ragt bisher der Sparkassenverband heraus, wobei nach dem bisherigen Stand der Forschung und nach Einschätzung von Klaus-Dietmar Henke von einer «besonders starke Verfilzung mit dem nationalsozialistischen System» auszugehen ist. Eine spannende Aufgabe für die deutschen Historiker. Vielleicht doch auch eine Chance für die deutschen Sparkassen.
Klaus-Dietmar Henke (Hrsg.)
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