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Nicht klein zu kriegen

hagalil ist wieder am Netz

 

Internetnutzer, die am 2. Februar das jüdische Internetportal hagalil.com aufrufen wollten, wurden nur mit einer kurzen Meldung begrüßt die besagte, dass in der Nacht und am frühen Morgen «fast alle Daten» vom hagalil-Server gelöscht worden seien. Das gleiche betraf alle anderen 57 Internetadressen, die von hagalil betrieben wurden, wie etwa judentum.net oder nahost-politik.de. Offenbar war es bislang nicht ermittelten Hackern gelungen, ein Skript auf dem Server von hagalil abzulegen, das selbstständig in den frühen Morgenstunden die Löschung der Daten erledigte, so dass wenig später keinerlei Daten mehr vorhanden waren.

Man reagierte schnell und hinterlegte stattdessen eine Meldung über den Vorfall, spielte aber bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei gesicherte Daten ein. David Gall, Begründer von hagalil und verantwortlich für die Internetpräsenz, äußerte gegenüber dem Internetmagazin «telepolis» den Verdacht, die Angreifer hätten den zerstörerischen Programmcode über einen Rechner in Katar auf den Weg gebracht.

Es ist ohne weiteres möglich, einen solchen Rechner auch von jeder anderen geographischen Position aus für derartige Operationen zu missbrauchen, um keine oder falsche Spuren zu hinterlassen. Hacker, die derlei Operationen durchführen, werden wohl kaum ihren «Absender» auf dem angegriffenen Rechner hinterlassen. Kurz nach dem Angriff wurde von hagalil dann auch das Landeskriminalamt eingeschaltet, das Amtshilfe in Katar beantragte um den Vorfall weiter verfolgen zu können.

Da sich aber tatsächlich niemand zu der Tat bekannt hat, konnten bislang nur Mutmaßungen über die Motive der Täter angestellt werden. Gall sieht einen Zusammenhang mit den islamfeindlichen Karikaturen aus der dänischen Zeitung «Jyllands-Posten», die auf den Seiten nur einen Tag zuvor veröffentlicht worden waren. Dort wurden sie allerdings mit antisemitischen Karikaturen aus arabischen Medien verglichen, die man ebenfalls zeigte. Fast zeitgleich verschwand auch die Internetpräsenz von «France Soir», einer französischen Zeitung, die ebenfalls die Karikaturen abgedruckt hatte. Der verantwortliche Techniker bei «France Soir» hielt einen Angriff durch Hacker allerdings für weniger wahrscheinlich, als die Möglichkeit, dass die italienischen Inhaber der Domain die Verbindung getrennt hätten, da sie auch finanzielle Interessen im Nahen Osten verfolgen würden.

Die Seiten von hagalil waren, nach eigenen Angaben, häufiger das Ziel von Hacker-Angriffen, vor allem aus dem rechten Spektrum. So verwunderte es, dass es zunächst hieß, für umfangreichere Datensicherungen fehlten die Mittel. Ganz unverhohlen feierten indes die Gegner der Webseite deren Löschung und das vermeintliche Ende des Onlinedienstes. Für rechte nationalkonservative Zirkel galt hagalil als das «zionistische Sprachrohr» und für einige wenige nationalreligiöse Juden als eine antizionistische Publikation, hatte man doch Texte von Uri Avnery veröffentlicht.

 

Enorme Zugriffszahlen

Andererseits war für das finanziell stark gebeutelte Internetportal die Löschung des Servers mit einer verstärkten medialen Aufmerksamkeit verbunden. Seitdem Fördermittel wegfielen, kämpften Gall und seine Mitstreiter von hagalil e.V. um finanzielle Mittel für den laufenden Betrieb, wie wir ausführlich berichteten. Kurz nach bekannt werden der Löschung und der Erwähnung in verschiedenen Online-Publikationen und Internetforen, schoss die Besucheranzahl in die Höhe: die wenigen verfügbaren Seiten der «Notausgabe» hatte enorme Zugriffszahlen. Was bei TV-Sendern die «Quote» ist, sind bei Internetseiten die Zugriffszahlen und die zeigten, das hagalil im Fokus der Aufmerksamkeit war. Trotzig veröffentlichte hagalil die Zugriffsstatistik auf den Seiten - gemeinsam mit einer dänischen Fahne und einem Spendenaufruf für den Betreiberverein.

Gall erklärte zwischendurch, dass es vielleicht die beste Idee sei, es dabei zu belassen, dass die Seite gelöscht worden ist und zeigte sich gegenüber der Zeitung «Neues Deutschland» wenig optimistisch. Es sei vielleicht besser oder gesünder nach Tel Aviv zu gehen, was gehe es ihn an, was in Deutschland gesagt und getan werde. Nichtsdestotrotz standen zwei Wochen nach der Löschung größere Teile des Online-Dienstes wieder zur Verfügung. Zum Anlass hatte man das «Tu Bi-Schewat»-Fest genommen und erhofft sich ein erneutes Aufblühen der Seite im deutschsprachigen Netz.

Startete hagalil 1995 noch als erste und einzige Seite ihrer Art, so konkurriert sie heute mit anderen Informations-Angeboten zum Judentum und zum Nahostkonflikt verschiedener Betreiber und engagierter Initiativen. Kommerzielle Interessenten müssen dabei einsehen, dass man mit deutschsprachigen jüdischen Inhalten keine Geldquelle angebohrt hat. Weltweite Marktführer auf dem Gebiet des jüdischen Internets sind nach wie vor die orthodoxen «Outreach»-Seiten aish.com und chabad.org.

Chajm Guski

«Jüdische Zeitung», März 2006