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«Stärker ohne Gewalt»«SOS Gewalt» bietet Deeskalationskurse für jüdische und arabische Schüler an
Am Anfang stand Fassungslosigkeit: «Aus heiterem Himmel schlugen drei Jugendliche einen anderen Jungen zusammen, den sie kaum kannten. Die Eltern waren schockiert. Sie hatten keine Ahnung davon, dass die Jungs schon zwei Jahre mit einer Gang ihre Altersgenossen terrorisierten. Die Statistiken zu jugendlicher Gewalt in Israel sind schlicht grauenhaft», erzählt Georg Rössler. Der gebürtige Düsseldorfer, der seit 17 Jahren mit seiner israelischen Frau und seinen drei Kindern in Jerusalem lebt, sieht hier Faktoren, die die zivile Gesellschaft in Israel und auch in den palästinensischen Gebieten ernsthaft bedrohen. Rössler versucht zu erklären: «Die israelische Gesellschaft ist umständehalber durch Gewalt entstanden. Die Methoden, die der junge Staat anwenden musste, um in die Eigenstaatlichkeit zu gelangen und sie später gegen äußere Feinde zu erhalten, haben Israel ihren Stempel aufgedrückt. Nun aber schlussfolgern manche der Kinder und Jugendlichen, dass Gewalt ein legitimes Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen ist - auf Kosten der zivilen Gesellschaft. Dieses Denken muss durchbrochen werden», erklärt der Pädagoge. «Die politischen Krisensituationen setzen die Menschen zudem einem enormen Stress aus, und erschwerend kommt hinzu, dass in unserem Schulwesen und in der Erziehung weitgehend auf Autorität und auf die Einhaltung von Regeln verzichtet wird.» Für die palästinensische Gesellschaft gelte ähnliches. Georg Rössler glaubt, dass beide Gruppen - Juden und Palästinenser - lernen müssen, sich aus traditionellen Verhaltensmustern zu lösen. «Eine Diktatur kann nur mit Gewalt gekippt werden. Einer Demokratie kann man dagegen nur gewaltfreie Methoden entgegensetzen, weil man sonst den Rechtsstaat gegen sich hat. Und solche Methoden wollen erst einmal gelernt sein.» Rössler handelte: Zusammen mit jüdischen und palästinensischen Mitstreitern gründete er «SOS Gewalt / Zentrum für Gewaltstudien in Israel».
Gewalt an Schulen steigt Gewalt an Schulen ist ein Thema, das weltweit in den Blickpunkt gerückt ist - nicht nur in Israel, sondern auch in Europa und Nordamerika. Für das «International Education Journal» erstellte Professor Dan Soen, Vorsitzender des Departments Verhaltenswissenschaften am «College of Judea & Samaria», im Jahr 2002 eine Studie über Gewalt an israelischen Schulen. Nach Soens Angaben erklärten 60 Prozent der befragten israelischen Schüler, dass die Gewalt an Schulen ein großes Problem sei. Etwa 15 Prozent der Schüler werden gemäß seiner Auswertung ständig verbal beschimpft, schikaniert, bedroht, belästigt oder geschlagen. Zwar gibt es in Israel Gewalt-Präventions-Programme, aber die Erfolge dieser Programme sieht der Israeli eher skeptisch. Seine Analyse eines Gewalt-Präventions-Programms, das in einer «Junior Highschool» im Raum Tel Aviv durchgeführt wurde, ergab, dass dieses «Programm als Fehlschlag zu bewerten» sei. Das Programm basierte auf zehn Meetings von jeweils zwei Stunden Dauer, in denen die Schülerinnen und Schüler Filme ansahen, diskutierten, Fälle analysierten und Gewalt-Experten zuhörten. Rösslers Fazit: «Das Interventionsprogramm konnte die Einstellung der Schüler gegenüber der Gewalt nicht verändern.» Das Problem liegt nach Ansicht von Professor Dan Soen nicht in der Verfügbarkeit von Gewaltpräventions-Programmen, sondern in ihrer Eignung und ihrer Effektivität. Das von Georg Rössler und seinen Mitstreitern initiierte SOS-Gewalt-Zentrum in Jerusalem bietet seinerseits - als Alternative zu den bisherigen, vergleichsweise eher theoretisch aufgebauten Programmen - einen stark praxisorientierten Zugang. Und es arbeitet mit vielen, der Realität nachgestellten Übungen. Ein Exempel: Ein Schüler soll sich an einem anderen, gewaltbereiten Jungen vorbei bewegen. Dem Schüler ist jedes - gewaltfreie - Mittel erlaubt, damit sein Gegenüber ihn passieren lässt. «Nach vielen vergeblichen und frustrierenden Versuchen lernt der Schüler, seine Phantasie einzusetzen, seine Flexibilität und seine Lernfähigkeit. Und nach dem ersten erfolgreichen Versuch hat er gelernt, dass er selbst eine - gewaltfreie - Macht darstellen kann», erklärt Georg Rössler. Nicht weniger bedeutsam sei das Erlernen und Einüben von Techniken, um dem heute auch an Schulen weit verbreiteten «Mobbing» erfolgreich begegnen zu können.
Gemeinsam gegen Mobbing In den SOS-Programmen werden potentielle Mobber und ihre Opfer gemeinsam vorgeführt, sowohl in jeweils der eigenen wie auch in der Rolle der anderen Seite. Und dann platzt der Knoten. Georg Rössler: «Wer einmal die Mechanismen durchschaut hat, kann sich erfolgreich gegen entsprechende Versuche wehren. Und richtig spannend wird es, wenn die Übung „Abzocken" dran ist. Wie lange dauert es, bis die Schüler gemerkt haben, dass die beiden „Gäste" bei ihrer simulierten Klassenfete keine netten Menschen sind, sondern üble Abzocker, die systematisch Jugendliche entführen? Und wann lernen sie, dass diese „Gäste" nur gemeinsam gestoppt werden können? Hier wird gelernt, dass soziale Verantwortung für die Gruppe nicht nur ein guter Charakterzug ist, sondern eine elementare Überlebensstrategie für jeden einzelnen bedeutet.» Ein weiters Beispiel aus der Praxis von SOS-Gewalt: Bei der «Kameljagd» zeigt sich, dass eine Gruppe weniger starker Jugendlicher das Opfer vor dem «Metzger» schützen kann, ohne dass auch nur eine Hand gegen ihn erhoben wird - die Übertragung auf den Schulhof ist unmittelbar. Und wenn bei einer «Klopperei» zwei Jugendliche mit Schlägern aufeinander eindreschen, welche Rolle spielen dann die Zuschauer? Feuern sie an? «Hier lernen die Jugendlichen, dass sie mit ihrem Zuschauen und Zulassen aktiv an der Schlägerei beteiligt sind - aber auch, dass sie diese durch ihre Ablehnung auch unterbrechen können», erklärt Rössler. Durch diese spezifischen Ansätze stärken die SOS-Programme die angeblich Schwachen systematisch, eingeschüchterte Gruppen werden aufgebaut, und dem Gewalttätigen wird der Boden entzogen. In der israelischen Erziehung stellt diese scheinbare Selbstverständlichkeit nach den Erfahrungen der SOS-Gewalt-Aktiven eine mittlere Revolution dar. «Im allgemeinen wird der Täter nämlich immer selbst als Opfer verstanden, das zuerst rehabilitiert werden muss - und die unterdrückte Gruppe bleibt ungeschützt», erläutert Georg Rössler. Die Mitarbeiter des neuen Zentrums, die sich aus allen gesellschaftlichen Schichten in Israel rekrutieren, haben langfristige Ziele. Dazu gehört die Etablierung gewaltfreiem Handelns als die erfolgreichere Strategie für die Durchsetzung von Interessen innerhalb einer Demokratie. Hinzu kommen die Entwicklung von Dialogfähigkeit, der Aufbau lokaler Arbeitsgruppen, Konfliktforschung, die Ausbildung von Deeskalationstrainern und die Kooperation mit Schulen, Erziehungseinrichtungen, Kulturträgern und Beratungsstellen.
Palästinensisches Pendant Mittlerweile findet die Arbeit von «SOS-Gewalt» nicht mehr nur mit jüdischen Kindern und Jugendlichen statt. Nach dem Prinzip «Nein zur Normalisierung, ja zur Kooperation» haben sich auch die Palästinenser Yachia Hijazi und Jawad Siam, vermittelt durch die lokale Arbeit des deutschen Zivilen Friedensdienstes (Forum ZFD Bonn) in Jerusalem, mit «SOS Gewalt» für die Gründung eines Vereins unter dem gleichen Namen und mit den gleichen Programmen in den palästinensischen Gebieten entschieden. Beide Zentren setzen auf ein Modell, das in Deutschland entwickelt wurde. Vorbild ist die Initiative «SOS Rassismus NRW» im Jugendamt der Evangelischen Kirche von Westfalen und darin eingebunden die Arbeit des «Deeskalationsteams Gewalt und Rassismus in der Evangelischen Akademie Villigst». Georg Rössler ist selbst ausgebildeter Deeskalationstrainer und Mitglied des Bochumer Deeskalationsteams. In beiden Zentren in Israel wird ein ganzheitlicher gesellschaftlicher Ansatz verfolgt. «Die Kinder in den Schulen sind nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Nur mit Kindern zu arbeiten, macht daher keinen Sinn. Die zunehmende Frustration bildet die Motivation für Gewalt innerhalb der gesamten Gesellschaft», erklärt Yachia Hijazi. «Viele Palästinenser sind stolz darauf, Gesetze zu brechen, die von den Israelis gemacht worden sind. Du kannst Menschen nicht von Gewaltlosigkeit überzeugen, die jeden Tag sehen, dass Gewalt stark macht. Wenn du das tust, wirst du gefragt: Wer bezahlt dich?» Und Georg Rössler fügt an: «Es macht überhaupt keinen Sinn, den Kindern und Jugendlichen moralisierend zu erklären, dass Gewalt schlecht ist und dass unbedingter Pazifismus gut ist. Wir vermitteln, dass Stärke durchaus erstrebenswert - aber eben nicht gleichbedeutend mit der Anwendung von Gewalt ist. Wir zeigen: Es gibt mehr als eine Methode, sich durchzusetzen.» Das Pilotprojekt auf der palästinensischen Seite sei vielversprechend gelaufen, bilanziert Yachia Hijazi. «Aber natürlich können kulturelle Verhaltensweisen nicht über Nacht geändert werden. Zivile Werte haben einen niedrigen Stellenwert in unserer Gesellschaft. Wir Palästinenser leben in einer autoritären Gesellschaftsform, und körperliche Strafen sind Teil der Erziehung. Auf dieser Grundlage fällt es schwer, den Sinn von gewaltfreien Konfliktlösungen einzusehen.»
Konferenzen und Kontakte Georg Rössler konnte in Deutschland bereits einige Kooperationspartner gewinnen, die sich ebenfalls mit Gewaltprävention beschäftigen. Dazu zählen unter anderen das «Zentrum für Freiwilligen-, Friedens- und Zivildienst» der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und der «Bund für soziale Verteidigung e.V.» in Minden. Ebenso besteht eine Kooperation mit dem Gewaltpräventionsprogramm des Schneider-Kinderkrankenhauses in Petach-Tikwa. Im September 2006 wird in Zusammenarbeit von «SOS-Gewalt/Israel» und «SOS-Gewalt/Palästina» und der deutschen «Gewaltakademie/Haus Villigst» eine Konferenz mit deutschen, israelischen und palästinensischen Experten aus dem Gewaltpräventionsbereich in Jerusalem stattfinden. «SOS Gewalt» sucht weitere Kooperationspartner und Sponsoren.
Kontaktadresse: SOS Gewalt/Zentrum für Gewaltstudien in Israel Telefon/Fax: 00972-2-6427387
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